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 From: "Angelika Schneider" <anka.sch(at)gmx.net To: <Brief-aus-Israel(at)yahoogroups.de Subject: [Brief-aus-Israel] Aktuelles aus den besetzten Gebieten  

 

Brief aus Israel 10.4.06
 

Liebe Leute,

nach längerer Abwesenheit hat sich nun doch wieder eine lange Liste auf meinem Monitor angesammelt. Ich versuche, in mehreren Mails (es kommen jeden Tag natürlich neue hinzu) mich durchzuarbeiten.

Bereits im März erhielt ich einen Artikel über Übergriffe, diesmal nicht in den besetzten Gebieten, sondern gegen arabische Israelis, die zum Teil in eigenen Dörfern und Städten, zum Teil mit jüdischen Israelis gemischt leben. Erschreckend sind Berichte über Gewalt gegen einzelne Araber. 2005 wurden von einem Juden, der sich neu seiner Religion zugewendet hat, 4 Araber kaltblutig erschossen. Nicht-tödliche Angriffe geschehen allerdings häufig, vor allem am Strand und in öffentlichen Bereichen. Bei einem Angriff Mitte März wurde ein Araber (so werden Palästinenser generell in Israel bezeichnet), der auch noch in der israelischen Armee dient, so schwer verletzt, dass er mehrere Operationen am Kopf durchstehen müsste und ein Auge beschädigt wurde.

Ein Freund, der ihm zu Hilfe kam, wurde ebenfalls schwer verletzt. Erst als eine Anwohnerin in der Nähe die Angreifer anschrie und die Polizei alarmierte, machten sich die Angreifer aus dem Staub.

Auch durch Landkonfiszierungen - für den Straßenbau, oder auch Naturschutzgebieten - und Häuserzerstörungen wird die Palästinensische Bevölkerung traktiert. Die Stadt Qaransawe soll von einer Straße umringt werden, so dass kein Zugang für Fahrzeuge in die Stadt bleibt.

Dies wird als Teil eines Trends gesehen, die beiden Volksgruppen innerhalb Israels zu trennen.

Palästinensische Familien klagen, dass ihren Kindern die Aufnahme in örtlichen Kindergärten verweigert wird, obwohl das Gesetz ihnen den Zugang zu Bildungseinrichtungen sichert. Kinder wurden deshalb in benachbarten, palätinensischen Dörfern angemeldet, aber auch das wird inzwischen verweigert.

Der (verhinderte) Versuch, vor einer Kirche durch Feuerwerkskörper, Lärmbomben und explosive Gasbehälter die Aufmerksamkeit der Regierung auf ihre Lage zu erreichen wurde als Versuch, die Kirche abzubrennen, gewertet - entgegen Aussagen von Beamten und Presseberichte. Er führte zu einer Reihe von Festnahmen.

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Im Umland von Bethlehem wehren sich die EinwohnerInnen von 6 Dörfern dagegen, dass weiteres Land konfisziert wird, nachdem diese Dörfer bereits jetzt in einem Getto liegen, zwischen der Trennungsmauer und einer zweiten, die in und um Bethlehem liegt.

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In vielen Dörfern haben am 'Land Day', dem 30. März, Baumpflanzaktionen und Demonstrationen durchgeführt. Auch im Jordantal wehrt sich die Bevölkerung immer heftiger gegen die schleichende Annektion des gesamten Tals an Israel.

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Im Hebrongebiet haben etwa 20 Siedler einen Menschrechtsarbeiter geschlagen, getreten und mit Steinen beworfen. Ein in der Nähe stehender Soldat ignorierte seine Bitten um Hilfe, da er die Situation als 'nicht lebensbedrohlich' betrachtete.

Ende März drangen Grenzpolizisten in eine Wohnung ein und schlugen 2 Palästinenser und eine 75jährige australischen Freiwillige. Sie ging dennoch mit, als 2 Palästinenser nach jeder Menge Schläge, Tritte, Bespucken usw. festgenommen wurde. Vermutlich wegen ihrer Intervention wurden alle drei um Mitternacht freigelassen.

Mit Hilfe der Menschenrechtsorganisation B'tselem haben der angegriffene Amerikaner und mehrere Palästinenser eine Beschwerde gegen die Polizei eingereicht. Die Association for Civil Rights in Israel hat die Staatsanwaltschaft gebeten, zu intervenieren, wie Haaretz berichtet.

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Ein Bericht einer Freiwilligen über einen gewaltsamen Angriff gegen einen Palästinenser, der ruhig an einem Checkpoint wartete, und dann mit blutendem Kopf von Soldaten abgeführt wurde, und der ständigen Siedlergewalt, auch gegen palästinensische Kinder, schließt mit den Worten, "Es ist unglaublich traurig, zu sehen wie kleine israelische Kinder, manche erst 4 oder 5, Steine auf kleine palästinensische Kinder werfen, während Erwachsene ihrer Gemeinden hinter ihnen stehen."

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Am 25. März wurde am Qalandia Checkpoint zwischen Ramallah und Jerusalem eine Bekanntmachung angebracht, dass nur noch Personen, die die Erlaubnis haben, nach Israel zu betreten, Zugang zum Westbankdorf Ar-Ram erhalten. Damit ist das Dorf effektiv von der restlichen Westbank abgeschnitten und - ohne seine palästinensische BewohnerInnen - an Israel annektiert. "Die Bevölkerung steht unter Schock und die Verwirrung ist allgemein... Die neuen Maßnahmen machen alle existierenden Passierscheine ungültig ... die neue Straße von Ramallah nach Jerusalem ist nur für BewohnerInnen Jerusalems geöffnet, und nur für den Fahrer - Passagiere müssen durch den Checkpoint zu Fuß gehen.

BewohnerInnen von Bir Naballah und sein Umland müssen erst nach ramallah und dann eine neue Straße nehmen, die die Länge der Fahrt vervielfacht.

Ein Mann klagte dass er, bei einem Tageslohn von 50-60 Schekel, nun 50 für die Fahrt brauche. Und nicht nur er. Hunderte von Kindern können nicht mehr in die Schule, Menschen sind nicht nur von ihrer Arbeit sondern auch von Familienmitgliedern, Krankenhäusern und so weiter getrennt. Eine Mutter schildert wie ihr 6jähriger Sohn alleine durch den Checkpoint zu einem Taxi laufen musste, der ihn in die Schule brachte. Selbst die Soldaten verstehen nicht, warum sie das durchsetzten und sich den ganzen Tag Geschichten von Leid, Dilemmas, moralischen Konflikten anhören müssen. Der Besitzer eines Cafes am Zaun sagt, er kann nun nicht mehr seinen Mülleimer auf der anderen Straßenseite erreichen!

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An der wöchentlichen Demo in Bil'in haben am 1. April 15 europäische Diplomaten - aus Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland, Österreich, Czechien, Polen, Dänemark und Schweden - teilgenommen. Die Demonstranten haben ein Kind in einer Metallwanne hochgehalten als Symbol der leeren Töpfe der Bil'inerinnen, die ihren Lebensunterhalt durch die Mauer verloren haben. Sie haben außerdem eine Brücke gebaut, die sie über den Zaun legen konnten. Der Versuch, die Brücke zu überqueren, hat die dabeistehenden Soldaten 'einen Schock versetzt' und hatte sofortige Schüsse und Festnahmen zur Folge. Die Diplomaten beobachteten von einem Hügel aus die weitere Demonstration und konnten bezeugen, dass die - unter der Anschuldigung, Soldaten angegriffen zu haben - festgenommenen Palästinenser völlig friedlich demonstriert haben.

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Der KDVler Aviv Sela wurde von einer Mahnwache zur Einberufungsbasis und vermutlicher Festnahme begleitet. Aus seiner Weigerungsserklärung:"Ich wurde dazu erzogen, den Staat Israel als gutes Land zu betrachten, mit Werten, ein Land das keine Menschen verletzt, ein land wo die Werte der Freiheit und der Gleichheit fundamental sind, wo es keinen Platz gibt für Rassismus. Ich wurde zu Stolz auf dieses Land und seine Fahne erzogen. Vor drei Jahren fing ich an, die besetzten Gebiete regelmäßig zu besuchen und ich sah, dass hinter der Grünen Linie alle Werte, auf die hin ich erzogen wurde, hinter der Grünen Linien nicht existieren....

Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, weder naiv noch böse, und habe keine Absicht, ein Teil der israelischen Armee zu sein und Kriegsverbrechen im Namen der Besetzungspolitik zu begehen..."

Er erhielt zunächst 21 Tage Haft.

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Die extremen Bewegungseinschränkungen machen es Studenten in der Westbank zunehmend schwierig, ihre Studien fortzusetzen und rechtzeitig zu den Examina zu erscheinen. "Du musst um 3 Uhr losgehen um die Universität um 6 zu erreichen, bevor die Soldaten ihre Stellungen an den "fliegenden Checkpoints" einnehmen, sonst kannst du den ganzen Tag damit verbringen, durch Felder und kleine Wege zu versuchen, sie zu umgehen."

Die Right to Education Campaign hat eine Fotoausstellung zusammengestellt, die das Studentenleben und die Verhinderung der Bildung durch die Besetzung dokumentiert.

Sie wird im Laufe des Jahres in Palästina und international gezeigt und als Buch veröffentlicht. Auch ein Dokumentarfilm "Lied eines Vogels im Käfig" bezeugt die Probleme der StudentInnen.

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Akaber, ein 8jähriges Mädchen war im Taxi ihres Onkels auf dem Weg zum Arzt, um Fäden aus einem Schnitt am Kinn ziehen zu lassen, als ein Soldat ihr durch das Autofenster, völlig unmotiviert in den Kopf schoss. Die Behauptung, man habe erst auf die Räder geschossen, wurde ohne weitere Untersuchung des Autos akzeptiert. Tatsächlich ist der Wagen und das Fenster voller Einschüsse, die Räder allerdings intakt.

Der Leiter von Akabers Schule wird bei der Beerdigung gefragt, wie viele Kinder in Al Yamoun in den letzten paar Jahre getötet wurden. Er fängt an, sie einzeln zu nennen, fragt aber plötzlich, "Warum soll ich sie zählen? Hat man aufgehört, unsere Kinder zu töten?"

Die Erschießung fand bei einer Aktion statt, bei der die Armee ein 5-stöckiges Haus , in dem sich angeblich Verdächtige aufgehalten hatten, teilweise zerstörten. Einer fragte einen Offizier "Dürfen Sie das tun?" Er erwiderte "Beklag dich bei der UN." Bei seiner Vernehmung sagte derselbe Mann, Mohammed, "Im Fernsehen wird behauptet, ihr seid eine Demokratie." Sein Befrager: "Demokratie ist nur fürs Fernsehen."

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Soweit der Rückstau - Aktuelles kommt morgen.

Gruß,

Anka

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