Liebe LeserInnen,(...) In mehreren
Einzelberichten macht Dorothy aufmerksam auf die Bemühungen Israels,
neue Einwanderer anzulocken. In Kalifornien prangt ein großes Plakat
mit 5 lachenden jungen Frauen auf einer schönen Wohnstraße
(vermutlich in einer Siedlung) an der Wand eines kleinen
Lebensmittelladen dessen Besitzer, ironischerweise, aus dem Nahen
Osten stammt.
--------------
Die Frauen von Machsomwatch berichten von den üblichen
Übergriffen gegen Palästinenser an verschiedenen Checkpoints.
Nachdem eine lange Schlange stundenlang im Regen verharren musste,
verwandeln sich diese 'gefährlichen' Menschen, die aus
'Sicherheitsgründen' unbedingt untersucht und geprüft werden müssen,
plötzlich in völlig ungefährliche Menschen, die mit einemmal einfach
durchgeschleust werden, bevor der Checkpoint geschlossen wird. An
einer anderen Stelle oder einem anderen Tag wird ein Mann, dem es
gelungen ist, einen Passierschein für Israel zu erhalten und dort zu
arbeiten, aus dem Taxi gezerrt, in dem er nach Hause fährt. Ihm
werden - in strömendem Regen - seine Jacke mit 1700 NIS Monatslohn
in der Tasche und sämtliche Papiere abgenommen. Nach längerer Zeit
erhält er die Jacke - ohne Geld - zurück. Sein Passierschein wird
vor seinen Augen zerrissen und weggeworfen. Dann darf er nach Hause.
Bei der Anfrage nach einem neuen Passierschein wird ihm gesagt, er
sei auf einer 'wanted'-Liste, hätte daher keine Aussicht.
----------------
Vor wenigen Tagen rückten Traktoren der Regierung an, um die
Feldfrüchte von Bedouinen im östlichen Negev kurz vor der Ernte
unterzupflügen in einer weiteren Bemühung, sie von ihrem
traditionellen Land zu vertreiben. 50 Hektar Land von Halil
al-Zarqan wurden am Mittwoch im kleinen Dorf Al-Mazraa umgepflügt.
Die Bedouinen bauen Weizen an und beten um Regen - oft wächst der
Weizen nur hoch genug, um als Weide zu dienen, dieses Jahr hätte der
Regen vielleicht für eine Ernte gereicht.
Die nächste Wasserstelle ist mehrere Kilometer von Halils
Blechhütte entfernt. Weitere 30% des Weidelandes wurde gesperrt,
angeblich brauche die Armee das Gebiet zum Training. So können die
Bedouinen zusehen wie ihre Schafe - ihre einzige Einkommensquelle -
verhungern.
----------------
Amos Gvirtz schickt regelmäßig kurze Berichte aus über
Einzelschicksale unter der Rubrik "Sag nicht, wir hätten es nicht
gewusst": Mahmud 'Ali wurde östlich von Ramallah vor 70 Jahren
geboren. Er heiratete 1957. In den Sechzigerjahren zog er nach USA
und wurde dort eingebürgert. Seine Frau und seine Kinder holte er
nach, in den Siebzigerjahren kehrten sie in ihr Dorf zurück. Mahmud
besuchte sie jedes Jahr 1-2 Monate. Seit seinem Ruhestand versucht
er, seine Besuche auszudehnen. Die Behörden zwangen ihn, alle 3
Monate auszureisen und ein neues Visum zu beantragen. Seine Frau ist
Krank und auf seine Hilfe angewiesen. Vor einem Jahr wurde ihm
gesagt, er müsse ein Jahr auf ein neues Visum warten. Am 20.1.07
wurde ihm diese abermals verweigert.
Am 12. Februar ist eine Siedler Frau mit 8 Kindern durch einen
Zaun, den sie aufbrachen, auf das Land der Abu haykalfamilie in Tel
Rumeida eingebrochen. Ein Soldat kam herbei, tat aber nichts. Die
Polizei, die nach 40 Minuten erschien, überredete die Leute nach
langer Diskussion zu gehen. Sie ging dann in dine Straße im
palästinensisch kontrollierten Bereich Hebrons, wo andere junge
Siedler einen palästinensischen Laden mit Steinen bewarfen. Die
Siedler behaupteten, palästinensische Kinder hätten Steine auf sie
geworfen. Die Kinder wurden sofort festgenommen.
Eines der Kinder bei der Siedlerin fing an, einen
Menschenrechtsaktivisten anzugreifen, der das ganze filmte. Ein in
der Nähe stehender Polizist tat nichts. Ein palästinensisches Kind
versuchte in der Nähe vorbeizugehen. Ein Siedlerkind wies auf ihm
und beschuldigt ihn, Steine geworfen zu haben. Das Kind wurde sofort
festgenommen. Der Aktivist bezeugt, dass das Kind überhaupt nicht
mit Steinen geworfen hatte. Kein Siedler wurde festgenommen. Die
palästinensischen Kinder wurden nach 5 Stunden freigelassen.
Seit Anfang dieses Jahres hat die Stadt Jerusalem 9
palästinensische Häuser zerstört. Das Haus von Hamed El Amas in Sur
Baher, ein vierstöckiges Gebäude das für 8 Familien gedacht war, war
sogar von dem örtlichen Ausschuss bewilligt worden, wurde aber
dennoch zerstört.
----------------
Die US-Organisation Jewish Voice for Peace macht darauf
aufmerksam, dass zu dem israelischen Verteidigungshaushalt
regelmäßig mehrere Milliarden hinzukommen, die alle
Haushaltsreserven aufsaugen. Natürlich werden andere notwendige
Ausgaben - für Erziehung z.B. - vernachlässigt. Ein Knessetmitglied,
Avshalom Vilan, mahnt die Notwendigkeit eines offenen,
längerwährenden Dialogs über die Ziele des Staates Israel an.
Untersuchungen zeigen, dass ärmere Bevölkerungsteile den Staat
nicht mehr voll hinter ihm stehen und sich immer mehr vor dem
Wehrdienst drücken. Gegenwärtig werde Israel zu einer Armee mit
eigenem Staat, eine Entwicklung, die auch die künftige Fähigkeit,
sich gegen Feinde zu schützen, beeinträchtigen kann.
Die Organisation prangert auch die Tatsache an, dass die
Palästinenser fast vollständig für ihr Lebensunterhalt auf Israel
angewiesen sind.
Zollschranken verhindern, dass die billigere Waren aus Ägypten
oder Jordanien importiert werden. So werden Finanzhilfen aus dem
Ausland indirekt zu einer Unterstützung der israelischen Wirtschaft.
Auch Zahlungen für Strom und Wasser, die z.B. in den
Flüchtlingslagern von der UN getragen werden, gehen an Israel.
Zugleich wird ein Großteil der Kosten für die Besatzung, die durch
die Zerstörung der palästinensischen Wirtschaft entstehen, auf
dieser Weise statt von Israel von der internationalen Gemeinschaft
getragen.
---------------
Mehrere reiche SpenderInnen (bzw. auch 'potentielle' SpenderInnen)
an die Brandeis Universität in USA haben künftige Spenden verweigert
weil die Institution Jimmy Carter im Januar zu einer Veranstaltung
eingeladen hat. Streitpunkt ist Carters kontrovers aufgenommenes
Buch "Palestine: Peace not Apartheid". Die Universität wurde von dem
Richter des Obersten Gerichtes, Louis Brandeis gegründet, der auch
den Zionismus in Amerika eingeführt hat und ein verbissener
Verfechter der freien Rede war Schon seit längerer Zeit haben viele
Lehrkräfte an der Universität das Gefühl, sehr vorsichtig bei ihren
Äußerungen zum Nahen Osten sein zu müssen. Die Politik der
Universität ist natürlich, dass freie Rede und freier
Meinungsaustausch aufrecht erhalten werden müssen. Sie ist
allerdings auch von ihren Spendern abhängig. Mich erinnert das ganze
auf erschreckende Weise an meine eigenen Erfahrungen als Studentin,
als Ehemalige in der McCarthy-Ära versuchten, Druck auf mein College
auszuüben weil sie einige Lehrkräfte (völlig unbegründet, wie es
damals vielen geschah) kommunistischer Sympathien bezichtigten.
Carters Rede wurde von den Studenten freundlich, teils begeistert
aufgenommen. Ihm wurden aber auch schwierige und kritische Fragen
gestellt. Ein Holocaustforscher, der nicht in Brandeis tätig ist,
meinte, "die jüdische Gemeinschaft ist vielleicht mit einer größeren
Spaltung zwischen den Generationen konfrontiert als ihr bewusst
ist."
---------------
Ich grüße euch, bis zum nächsten Mal,
Anka