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 From: "Angelika Schneider" <anka.sch(at)gmx.net To: <Brief-aus-Israel(at)yahoogroups.de Subject: [Brief-aus-Israel] Aktuelles aus den besetzten Gebieten  

 

Brief aus Israel 01.6.2007
 

Liebe FreundInnen,

nachdem die ganze Woche kaum Nachrichten bei mir eingetroffen sind ist heute eine ganze Latte da.  Und die muss ich durcharbeiten, weil ich morgen früh nach Rostock fahre und dann zum Kirchentag nach Köln.  Also entschuldigt, wenn diese Mail etwas lang wird.

Vor 3 Tagen wurde ein junger Palästinenser aus der Nähe erschossen als er an einem Restauranttisch in Ramallah saß.  Sam Bahour, der amerikanisch-palästinensischer Geschäftsmann der schon öfter hier zu Wort gekommen ist, befand sich bei einer Besprechung im Gebäude nebenan und berichtet ausführlich.  Sieben Personen wurden bei der Schießerei verletzt.  Das Opfer, Omar Abu Daher, war ein Mitglied der Präsidentenwache von Mahmoud Abbas, deren Aufgabe es ist, Gewalt zu verhindern.  Er wurde zunächst ins Bein getroffen, fiel auf den Boden und ihm wurde dort in den Hinterkopf geschossen.  Bahour beendet seine detaillierte Beschreibung des gesamten Geschehens mit den Worten: "Die traurige Tatsache ist, dass es so nicht weitergehen muss.  Die Welt könnte Israel dazu bringen, sich an das internationale humanitäre Recht, die Resolutionen der UNO und dem gesunden Menschenverstand zu halten um diesen Unsinn, diese Verschwendung, diesen unnötigen menschlichen Verlust zu beenden."  Die Welt - das sind auch wir.


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Links- oder Friedengerichtete Gruppen in USA tun sich zusammen in der Hoffnung, ein Lobby- Gegengewicht aufstellen zu können gegen die mächtige jüdische Lobby American Israel Public Affairs Committee (die angeblich - jedenfalls vor den letzten Wahlen - 95% der Kongressmitglieder "in der Tasche" hatte).  Sie wollen $10 mio aufbringen um die neue Initiative zu starten.


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Aus der akademischen Welt:

Ein Student aus der Arabisch-Amerikanischen Universität in Jenin hat sich beworben um ein "Paths to Peace" Stipendium für in Jahr an die New York University.  Unter 50 Studierenden wurde er eingeladen zu einem Interview nach Jerusalem.  Da nur ein/e andere/r BewerberIn aus der Westbank eingeladen war, meinte er gute Chancen zu haben und bereitete sich intensiv auf das Interview vor.  Er bat den Koordinator des Stipendiums, ein Prof. Zweig, ihm ein Brief zu schreiben, mit dem er ein Passierschein nach Jerusalem beantragen könnte.  Der israelische Beamte, der ihn zu einem Interview bat, sagte ihm unverfroren, er müsse als Gegenleistung "kooperieren" - Informationen über Leute aus seiner Umgebung im Dorf oder in der Uni liefern, was er verweigerte. Bis Dorothy davon erfuhr und versuchte zu intervenieren, indem sie Prof. Zweig fragte, warum man die Interviews nicht in Ramallah abhalten konnte, waren die Gewinner bereits gewählt worden - drei Israelis, einer aus Gaza und zwei aus Ostjerusalem.  Prof. Zweig sagte, wenn er keinen Passierschein nach Jerusalem erhalten hätte, hätte er auch vermutlich auch nicht ausreisen können, wenn er das Stipendium erhalten hätte.  Und er könne nichts für die Politik.

Vier Präsidententen von israelischen Universitäten haben ihre Regierung aufgerufen, StudentInnen aus Gaza ein Studium in der Westbank zu erlauben, da viele Fakultäten - z.B. Medizin - in Gaza nicht vertreten sind.  Der Aufruf kam scheinbar genau zu der Zeit als britische Akademiker der Universitzy and College Union darüber abstimmen, ob ein umfassender akademischer Boykott auf israelische Universitäten verhängt werden soll.  Zufall?  Oder hat sogar die Gefahr eines - sehr eingeschränkten - Boykotts schon eine Wirkung?


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Vom 5. - 10. Juni werden in Israel und Palästina eine Fülle von Ereignissen stattfinden zur Erinnerung an den Beginn der Besatzung vor 40 Jahren.  Außer einer zentralen Demo in Tel Aviv am 9.6.  wird es ein breites Spektrum geben von Ausstellungen, Demonstrationen, Theater Kunstperformances, akademische Tagungen usw.  Ein Autokonvoi wird durch Jerusalem fahren und sich am Ende mit Knessetmitgliedern, Mitgliedern des pal. Parlaments und Künstlern treffen.  Jeden Abend wird eseine Diskussion über die 40jährige Besatzung im Rundfunk geben. Auch ein Fahrrad- und Rollschuhkonvoi sowie ein Fußballspiel werden nicht fehlen.  Möge es irgendetwas bewirken!


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"Sagt nicht, wir hätten es nicht gewusst"

Das Dorf Artas südlich von Bethlehem hat 4000 BewohnerInnen, denen 4000 dunum Land gehören.  Etwa 1000 dunum werden auf der anderen Seite der Trennungsbarriere sein, die zur Zeit gebaut wird östlich der Siedlung Efrat, etwa 12 km von der grünen Linie entfernt.  Ein Graben wird auch gebaut für eine Abwasserleitung aus Efrat.  Die Abwasser werden auf die andere Seite des Zauns geleitet, auf das Land der Familie Abu Sway aus Artas.  570 Dunum ihres Landes und die Wasserquellen des Dorfes können verunreinigt werden.

[Menschenverachtung übelster Art, nach meiner Meinung.]


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Mangel an Gründlichkeit kann man der Besatzung nicht vorwerfen.  Auch die Handyfrequenzen, die Palästinensern durch die International Telecommunications Union zustehen, werden nicht mit den Palästinensern koordiniert, so dass sie  auch in diesem Bereich sehr eingeschränkt sind.  Gerade wenn man überlegt, wie unmöglich die direkte persönliche Kommunikation durch die Besatzung gemacht wurde - jeder 3. Palästinenser hat ein Handy, Videokonferenzen sind sehr häufig - kann man ermessen was das bedeutet.


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Nachdem eine Frau in den Wehen 3 Stunden von einem Checkpoint zum anderen gefahren wurde schlug ihr Taxifahrer vor, dass sie zu Fuß zum Checkpoint gehe, sonst würde sie es zum Krankenhaus in Ramallah (!) nicht schaffen.  Sie stieg aus und schon nach wenigen Schritten erschien ihr 5. Kind, eine Tochter, auf der Welt.  Ein Arzt aus Jerusalem kam von der anderen Seite des Checkpoints, schnitt die Nabelschnur durch und rief einen Krankenwagen, da die Frau blutete. Erst nach 45 Minuten kam ein Krankenwagen und brachte sie ins Krankenhaus, wo sie sofort zwei Einheiten Blut erhielt.  Bis heute ist sie von der Erfahrung gezeichnet.  "Lange Zeit hab ich mich isoliert aus Angst vor den Fragen meiner Familie und meiner Nachbarn.  Ich hasse meinen Leib und den aller Frauen.  Ich fühle mich belagert und komme seelisch nicht darüber weg."

Dabei hatte sie Glück.  UNFPA, der Bevölkerungsfonds der UN, schätzt das ein Fünftel aller Frauen in Gaza und der Westbank keine Vorsorge erhalten und dass die Checkpoints zu Dutzenden von Geburten am Straßenrand geführt haben.  Das pal. Gesundheitsministerium berichtet, dass es seit 2000 mindestens 68 Geburten an Checkpoints gegeben hat, darunter 35 Fehlgeburten und 5 Todesfällen unter den Frauen.  10% schwangerer Frauen brauchten 2-4 Stunden um ein medizinisches Zentrum oder ein Krankenhaus zu erreichen.  6% brauchten mehr als 4 Stunden für Fahrten, die früher 15-30 Minuten dauerten.  Es gibt inzwischen 528 Checkpoints in der Westbank und Gaza.


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Zwar nicht direkt zum Nahostkonflikt aber eine traurige Untermalung der Wirklichkeit ist Cindy Sheehans Rückzug aus der Friedenspolitik.  Die Frau die monatelang neben der Zufahrt zur Texas-Ranch von Präsident Bush kampiert hat - sie hat mit der Kompensation die sie beim Tod ihres Sohnes Casey in Irak erhielt, ein anliegendes Grundstück gekauft und dort Camp Casey aufgebaut - ist nun am Ende.  Hass und Drohbriefe, Festnahme (weil sie auf der Besuchergalerie im Kongress ein Tshirt trug mit der Aufschrift "2174 (oder so ähnlich) Tote - wieviele noch?"), das Opfer ihres ganzen Geldes und ihrer 29jährigen Ehe haben sie nicht kleinkriegen können, aber nachdem die demokratische Partei doch nachgegeben hat und dem Präsidenten das Geld für die Weiterführung des Irakkriegs ohne Bedingungen bewilligt hat  (Nancy Pelosi, Hillary Clinton und Barak Obama stimmten zwar dagegen), ist ihr die Kraft ausgegangen.  Sie schreibt einen bewegenden Abschiedbrief, ein trauriges Zeugnis aus dem heutigen Amerika (das auch für mich mal "the land that I love" gewesen ist, um das Lied zu zitieren das auch Cindy als Kind gelernt haben wird).

"Als ich anfing, die Demokratische Partei an den gleichen Standards zu messen wie die Republikaner, fing die Unterstützung für meine Sache an zu schwinden und die "Linke" fing an mich mit den gleichen Schmähungen zu versehen wie die Rechte.  Keiner hat mich beachtet als ich sagte dass die Frage des Friedens und das grundlose Sterben von Menschen nicht eine Frage von "rechts oder links" ist sondern von "Recht oder Unrecht" sei.

Der niederschmetterndste Schluss, den ich nun heute Morgen gefasst habe, ist dass Casey tatsächlich für nichts gestorben ist.  Sein kostbares Blut ist weit von zuhause aus seinem Körper geflossen, er wurde getötet durch sein eigenes Land, das von einer Kriegsmaschine geführt wird die sogar unser Denken kontrolliert.  Ich habe seitdem nach dem Sinn seines Opfers gesucht.  Casey starb für ein Land dem es wichtiger ist, wer das nächste amerikanische Idol wird, als wieviele Menschen in den nächsten Monaten getötet werden, während Demokraten und Republikaner Politik mit Menschleben spielen.  Es ist furchtbar Schmerzhaft zu wissen, dass ich an dieses System jahrelang geglaubt habe und Casey den Preis für diese Loyalität bezahlt hat.  Ich hab meinen Jungen im Stich gelassen, dass tut am meisten weh.

Ich gehe nach Hause und werde  meinen lebenden Kinder Mutter sein und versuchen, etwas von dem was ich verloren habe wieder zu erlangen ...und versuchen, einige der Beziehungen wieder zu kitten, die auseinandergefallen sind, seitdem ich diesen zielstrebigen Kreuzzug begann, um ein Paradigma zu ändern das jetzt, fürchte ich, in unbeweglichem, unbiegsamen und steif und fest lügnerischen Marmor gehauen ist...

Ich werde nicht aufhören zu versuchen Leuten zu helfen, denen durch das Imperium der "good old US of A" Schaden zugefügt wird, ich höre aber auf innerhalb oder außerhalb dieses Systems zu arbeiten.  Das System widersteht allen Hilfsbemühungen mit Macht und frisst die auf, die zu helfen versuchen.

Aufwiedersehen, Amerika ...du bist nicht das Land das ich liebe und mir ist endlich klar geworden, dass, wieviel Opfer ich auch bringe, ich  dich nicht zu dem Land machen kann, wenn du nicht willst.

Jetzt ist es an euch."
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Soweit für heute, ich grüße euch,
Anka
 

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