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Liebe FreundInnen,
nachdem die ganze Woche kaum Nachrichten bei mir
eingetroffen sind ist heute eine ganze Latte da. Und die
muss ich durcharbeiten, weil ich morgen früh nach Rostock
fahre und dann zum Kirchentag nach Köln. Also entschuldigt,
wenn diese Mail etwas lang wird.
Vor 3 Tagen wurde ein junger Palästinenser aus der Nähe
erschossen als er an einem Restauranttisch in Ramallah saß.
Sam Bahour, der amerikanisch-palästinensischer Geschäftsmann
der schon öfter hier zu Wort gekommen ist, befand sich bei
einer Besprechung im Gebäude nebenan und berichtet
ausführlich. Sieben Personen wurden bei der Schießerei
verletzt. Das Opfer, Omar Abu Daher, war ein Mitglied der
Präsidentenwache von Mahmoud Abbas, deren Aufgabe es ist,
Gewalt zu verhindern. Er wurde zunächst ins Bein getroffen,
fiel auf den Boden und ihm wurde dort in den Hinterkopf
geschossen. Bahour beendet seine detaillierte Beschreibung
des gesamten Geschehens mit den Worten: "Die traurige
Tatsache ist, dass es so nicht weitergehen muss. Die Welt
könnte Israel dazu bringen, sich an das internationale
humanitäre Recht, die Resolutionen der UNO und dem gesunden
Menschenverstand zu halten um diesen Unsinn, diese
Verschwendung, diesen unnötigen menschlichen Verlust zu
beenden." Die Welt - das sind auch wir.
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Links- oder Friedengerichtete Gruppen in USA tun sich
zusammen in der Hoffnung, ein Lobby- Gegengewicht aufstellen
zu können gegen die mächtige jüdische Lobby American Israel
Public Affairs Committee (die angeblich - jedenfalls vor den
letzten Wahlen - 95% der Kongressmitglieder "in der Tasche"
hatte). Sie wollen $10 mio aufbringen um die neue
Initiative zu starten.
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Aus der akademischen Welt:
Ein Student aus der Arabisch-Amerikanischen Universität in
Jenin hat sich beworben um ein "Paths to Peace" Stipendium
für in Jahr an die New York University. Unter 50
Studierenden wurde er eingeladen zu einem Interview nach
Jerusalem. Da nur ein/e andere/r BewerberIn aus der
Westbank eingeladen war, meinte er gute Chancen zu haben und
bereitete sich intensiv auf das Interview vor. Er bat den
Koordinator des Stipendiums, ein Prof. Zweig, ihm ein Brief
zu schreiben, mit dem er ein Passierschein nach Jerusalem
beantragen könnte. Der israelische Beamte, der ihn zu einem
Interview bat, sagte ihm unverfroren, er müsse als
Gegenleistung "kooperieren" - Informationen über Leute aus
seiner Umgebung im Dorf oder in der Uni liefern, was er
verweigerte. Bis Dorothy davon erfuhr und versuchte zu
intervenieren, indem sie Prof. Zweig fragte, warum man die
Interviews nicht in Ramallah abhalten konnte, waren die
Gewinner bereits gewählt worden - drei Israelis, einer aus
Gaza und zwei aus Ostjerusalem. Prof. Zweig sagte, wenn er
keinen Passierschein nach Jerusalem erhalten hätte, hätte er
auch vermutlich auch nicht ausreisen können, wenn er das
Stipendium erhalten hätte. Und er könne nichts für die
Politik.
Vier Präsidententen von israelischen Universitäten haben
ihre Regierung aufgerufen, StudentInnen aus Gaza ein Studium
in der Westbank zu erlauben, da viele Fakultäten - z.B.
Medizin - in Gaza nicht vertreten sind. Der Aufruf kam
scheinbar genau zu der Zeit als britische Akademiker der
Universitzy and College Union darüber abstimmen, ob ein
umfassender akademischer Boykott auf israelische
Universitäten verhängt werden soll. Zufall? Oder hat sogar
die Gefahr eines - sehr eingeschränkten - Boykotts schon
eine Wirkung?
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Vom 5. - 10. Juni werden in Israel und Palästina eine Fülle
von Ereignissen stattfinden zur Erinnerung an den Beginn der
Besatzung vor 40 Jahren. Außer einer zentralen Demo in Tel
Aviv am 9.6. wird es ein breites Spektrum geben von
Ausstellungen, Demonstrationen, Theater Kunstperformances,
akademische Tagungen usw. Ein Autokonvoi wird durch
Jerusalem fahren und sich am Ende mit Knessetmitgliedern,
Mitgliedern des pal. Parlaments und Künstlern treffen.
Jeden Abend wird eseine Diskussion über die 40jährige
Besatzung im Rundfunk geben. Auch ein Fahrrad- und
Rollschuhkonvoi sowie ein Fußballspiel werden nicht fehlen.
Möge es irgendetwas bewirken!
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"Sagt nicht, wir hätten es nicht gewusst"
Das Dorf Artas südlich von Bethlehem hat 4000 BewohnerInnen,
denen 4000 dunum Land gehören. Etwa 1000 dunum werden auf
der anderen Seite der Trennungsbarriere sein, die zur Zeit
gebaut wird östlich der Siedlung Efrat, etwa 12 km von der
grünen Linie entfernt. Ein Graben wird auch gebaut für eine
Abwasserleitung aus Efrat. Die Abwasser werden auf die
andere Seite des Zauns geleitet, auf das Land der Familie
Abu Sway aus Artas. 570 Dunum ihres Landes und die
Wasserquellen des Dorfes können verunreinigt werden.
[Menschenverachtung übelster Art, nach meiner Meinung.]
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Mangel an Gründlichkeit kann man der Besatzung nicht
vorwerfen. Auch die Handyfrequenzen, die Palästinensern
durch die International Telecommunications Union zustehen,
werden nicht mit den Palästinensern koordiniert, so dass
sie auch in diesem Bereich sehr eingeschränkt sind. Gerade
wenn man überlegt, wie unmöglich die direkte persönliche
Kommunikation durch die Besatzung gemacht wurde - jeder 3.
Palästinenser hat ein Handy, Videokonferenzen sind sehr
häufig - kann man ermessen was das bedeutet.
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Nachdem eine Frau in den Wehen 3 Stunden von einem
Checkpoint zum anderen gefahren wurde schlug ihr Taxifahrer
vor, dass sie zu Fuß zum Checkpoint gehe, sonst würde sie es
zum Krankenhaus in Ramallah (!) nicht schaffen. Sie stieg
aus und schon nach wenigen Schritten erschien ihr 5. Kind,
eine Tochter, auf der Welt. Ein Arzt aus Jerusalem kam von
der anderen Seite des Checkpoints, schnitt die Nabelschnur
durch und rief einen Krankenwagen, da die Frau blutete. Erst
nach 45 Minuten kam ein Krankenwagen und brachte sie ins
Krankenhaus, wo sie sofort zwei Einheiten Blut erhielt. Bis
heute ist sie von der Erfahrung gezeichnet. "Lange Zeit hab
ich mich isoliert aus Angst vor den Fragen meiner Familie
und meiner Nachbarn. Ich hasse meinen Leib und den aller
Frauen. Ich fühle mich belagert und komme seelisch nicht
darüber weg."
Dabei hatte sie Glück. UNFPA, der Bevölkerungsfonds der UN,
schätzt das ein Fünftel aller Frauen in Gaza und der
Westbank keine Vorsorge erhalten und dass die Checkpoints zu
Dutzenden von Geburten am Straßenrand geführt haben. Das
pal. Gesundheitsministerium berichtet, dass es seit 2000
mindestens 68 Geburten an Checkpoints gegeben hat, darunter
35 Fehlgeburten und 5 Todesfällen unter den Frauen. 10%
schwangerer Frauen brauchten 2-4 Stunden um ein
medizinisches Zentrum oder ein Krankenhaus zu erreichen. 6%
brauchten mehr als 4 Stunden für Fahrten, die früher 15-30
Minuten dauerten. Es gibt inzwischen 528 Checkpoints in der
Westbank und Gaza.
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Zwar nicht direkt zum Nahostkonflikt aber eine traurige
Untermalung der Wirklichkeit ist Cindy Sheehans Rückzug aus
der Friedenspolitik. Die Frau die monatelang neben der
Zufahrt zur Texas-Ranch von Präsident Bush kampiert hat -
sie hat mit der Kompensation die sie beim Tod ihres Sohnes
Casey in Irak erhielt, ein anliegendes Grundstück gekauft
und dort Camp Casey aufgebaut - ist nun am Ende. Hass und
Drohbriefe, Festnahme (weil sie auf der Besuchergalerie im
Kongress ein Tshirt trug mit der Aufschrift "2174 (oder so
ähnlich) Tote - wieviele noch?"), das Opfer ihres ganzen
Geldes und ihrer 29jährigen Ehe haben sie nicht kleinkriegen
können, aber nachdem die demokratische Partei doch
nachgegeben hat und dem Präsidenten das Geld für die
Weiterführung des Irakkriegs ohne Bedingungen bewilligt hat
(Nancy Pelosi, Hillary Clinton und Barak Obama stimmten zwar
dagegen), ist ihr die Kraft ausgegangen. Sie schreibt einen
bewegenden Abschiedbrief, ein trauriges Zeugnis aus dem
heutigen Amerika (das auch für mich mal "the land that I
love" gewesen ist, um das Lied zu zitieren das auch Cindy
als Kind gelernt haben wird).
"Als ich anfing, die Demokratische Partei an den gleichen
Standards zu messen wie die Republikaner, fing die
Unterstützung für meine Sache an zu schwinden und die
"Linke" fing an mich mit den gleichen Schmähungen zu
versehen wie die Rechte. Keiner hat mich beachtet als ich
sagte dass die Frage des Friedens und das grundlose Sterben
von Menschen nicht eine Frage von "rechts oder links" ist
sondern von "Recht oder Unrecht" sei.
Der niederschmetterndste Schluss, den ich nun heute Morgen
gefasst habe, ist dass Casey tatsächlich für nichts
gestorben ist. Sein kostbares Blut ist weit von zuhause aus
seinem Körper geflossen, er wurde getötet durch sein eigenes
Land, das von einer Kriegsmaschine geführt wird die sogar
unser Denken kontrolliert. Ich habe seitdem nach dem Sinn
seines Opfers gesucht. Casey starb für ein Land dem es
wichtiger ist, wer das nächste amerikanische Idol wird, als
wieviele Menschen in den nächsten Monaten getötet werden,
während Demokraten und Republikaner Politik mit Menschleben
spielen. Es ist furchtbar Schmerzhaft zu wissen, dass ich
an dieses System jahrelang geglaubt habe und Casey den Preis
für diese Loyalität bezahlt hat. Ich hab meinen Jungen im
Stich gelassen, dass tut am meisten weh.
Ich gehe nach Hause und werde meinen lebenden Kinder Mutter
sein und versuchen, etwas von dem was ich verloren habe
wieder zu erlangen ...und versuchen, einige der Beziehungen
wieder zu kitten, die auseinandergefallen sind, seitdem ich
diesen zielstrebigen Kreuzzug begann, um ein Paradigma zu
ändern das jetzt, fürchte ich, in unbeweglichem, unbiegsamen
und steif und fest lügnerischen Marmor gehauen ist...
Ich werde nicht aufhören zu versuchen Leuten zu helfen,
denen durch das Imperium der "good old US of A" Schaden
zugefügt wird, ich höre aber auf innerhalb oder außerhalb
dieses Systems zu arbeiten. Das System widersteht allen
Hilfsbemühungen mit Macht und frisst die auf, die zu helfen
versuchen.
Aufwiedersehen, Amerika ...du bist nicht das Land das ich
liebe und mir ist endlich klar geworden, dass, wieviel Opfer
ich auch bringe, ich dich nicht zu dem Land machen kann,
wenn du nicht willst.
Jetzt ist es an euch."
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Soweit für heute, ich grüße euch,
Anka
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