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 From: "Angelika Schneider" <anka.sch(at)gmx.net To: <Brief-aus-Israel(at)yahoogroups.de Subject: [Brief-aus-Israel] Aktuelles aus den besetzten Gebieten  

 

Brief aus Israel 27.8.2007
 

Liebe Leute,

in Ergänzung zum Artikel von Amira Hass, den Ellen Rohlfs übersetzt hat, übersetze ich ein Aufschrei der Verzweiflung aus Rafah vom 21. August, von Yassmin Moor:

*Zusehen, wie Gaza zusammenbricht*

Heute ging ich mit der Frau meines Cousins und ihren Kindern zum Sozialamt um ihren Monatlichen Lohn von der Regierung abzuholen.  Mein Cousin wurde vorigen September von einem israelischen Scharfschützen getötet als er vor seinem Haus stand.  Über Nacht waren seine Kinder und seine Frau berechtigt, 375 NIS / Monat von der palästinensischen REgierung zu erhalten, da ihr Vater nun ein Märtyrer ist.

Dies ist das dritte Mal, dass wir in diesem Monat zum Amt gehen, weil es jedes Mal geschlossen ist.  Das Tor ist geöffnet und vorne stehen Wachen aber das Amt arbeitet nicht und es gab keine Angestellten, die uns helfen konnten.  "Warum geschlossen?" fragte ich einen der Wachen. "Streik," antwortete er.  "Also was sollen wir nun tun?" fragte ich.  "Hoffen, dass wir bezahlt werden, so dass wir wieder arbeiten können," antwortete er.  Ich blickte ihn verärgert an, wusste aber, dass ich eigentlich weder ihn noch die Angestellten des Büros anklagen konnte.  Er war wie jeder andere Angestellte in Gaza.  Ich denke, den öffentlichen Angestellten reichts; sie haben schließlich seit Januar 2006 kein Gehalt bekommen und trotzdem gearbeitet.  ich habe Leute getroffen, die Geld von Nachbarn geliehen haben um das Taxi zur Arbeit zu bezahlen, für die sie nicht einmal Lohn erhalten.

Jeder Versuch, über Gaza zu schreiben, um der Welt eine Ahnung zu vermitteln von dem was die Leute hier mitmachen, überwältigt mich.  Ich weiß nie wo ich anfangen soll, um Lesern eine Ahnung vom Leben in Gaza und die sich beschleunigenden humanitären und wirtschaftlichen Krisen zu vermitteln.  Fang ich an mit den Auswirkungen der Grenzschließungen, die nach der UN Organisation für palästinensische Flüchtling, UNRWA der Grund dafür sind dass Gaza am Rande eines wirtschaftlichen Kollapses steht, und wenn es in den kommenden Wochen keine Änderung gibt die gesamte Bevölkerung von Hilfe abhängig sein wird?  Wir können alle mit Sicherheit die Auswirkungen der Schließung spüren, da das einzige was wir kaufen können aus etwas Gemüse besteht und wir gezwungen sind, von den Essenspaketen der UNRWA mit Mehl, Reis und Speiseöl abhängig zu sein.  Wir können nicht mal unsere eigene Nahrung züchten wenn wir das wollen weil die Bauern keine Vorräte mehr haben, auch keinen Dünger.  Israel lässt zwar Obst und Gemüse nach Gaza rein wenn es will.  Wir sind dazu gezwungen, aus der Hand unseres Besatzers zu kaufen und zu essen und ihre Wirtschaft zu unterstützen während unsere zusammenbricht.
Divestment ist in Gaza keine Option.

Oder vielleicht sollte ich von den 1 000 PalästinenserInnen schreiben, die immer noch an der Grenze in Rafah gestrandet und von ihren Familien getrennt sind und bald ohne Geld sitzen und warten bis die Grenze geöffnet wird.  Vielleicht sollte ich die unhygienische Lage beschreiben, die zur Folge hat dass die Kranken kränker werden und die Gesunden krank.  Die Nachrichten erwähnen nicht, dass den Leuten die Haut sich wegen des dauernden Aufenthalts in der Sonne abpellt, dass ihnen trinkbares Wasser und Wasser zum Baden fehlt.

Wie soll ich die Auswirkungen des Streiks der öffentlichen Angestellten beschreiben, darunter die der Müllabfuhr, nämlich dass der Müll seit zwei Wochen nicht mehr eingesammelt wird und Fliegen, Kakerlaken und Ratten in den Straßen und unseren Wohnungen rumlaufen?  Wir müssen alles im Kühlschrank halten, auch Zucker, wegen der Ratten.  Nicht einmal Rattengift gibt es mehr in Gaza.  Wie kann ich beschreiben, wie den Apotheken bestimmte Medikamente ausgegangen sind, was man ja gar nicht richtig würdigen kann bis man zusehen muss, wie der Onkel im Bett liegt und nach Atem ringt weil ihm seine Herzmedizin fehlt, oder das 6-monatige Baby des Nachbarn ins Krankenhaus muss wegen eines normalerweise behandelbaren Durchfalls?

Und Gott helfe denen, die keine Flüchtlinge sind, Gazaner die auch vor 1948 dort lebten.  Den Flüchtlingen stehen zumindest Nahrung und medizinische Hilfe der UNRWA zu - Nicht-Flüchtlingen nicht.  Stattdessen müssen sie sich auf die Regierung verlassen, und da die staatlichen Krankenhäuser geschlossen sind deswegen viele überhaupt keinen Zugang zu medizinischer Hilfe haben.  So sitzen Frauen mit ihren Kindern am Tor der staatlichen Kliniken und hoffen dass die Ärzte heute beschließen werden zu kommen aus der Liebe ihrer Herzen, da auch sie seit dem vorigen Jahr nicht bezahlt wurden.

Oder aber, wie soll ich erklären dass die Regierung von Präsident Mahmoud Abbas sich weigert, alle Dokumente aus Gaza anzuerkennen, inklusive Pässe, Führerscheine und Diplome?   Vor wenigen Tagen haben 1000 StudentInnen ihren Abschluss von den zwei Universitäten in Gaza gemacht, ihre Diplome werden aber international nicht anerkannt und nicht einmal im eigenen Land, dem Rest des besetzten Palästinas.  Abbas stellt sich auf die Seite Israels und der USA und verkauft Gaza und das palästinensische Volk für seinen eigenen politischen Profit.  Er hat persönlich angeordnet, dass der Rafah Grenzübergang geschlossen bleiben soll, trotz des Aufschreis von 4000 PalästinenserInnen, und damit Gaza
vom restlichen Palästina abgeschnitten bleibt.  Er ignoriert die Menschen die er behauptet zu repräsentieren.

Den Menschen hier ist das Geld ausgegangen.  Auch wenn sie Grundnahrungsmittel haben, haben sie kein Geld für Kleider oder Schulsachen für ihre Kinder oder Schulgeld oder Miete.  Sie haben keine Arbeit und kein Geld und so gehen sie hin und her zum Strand weil es nichts zu tun gibt in Gaza.

Den Gazanern wird jedes Menschenrecht vorenthalten - das Recht frei zu leben, nicht unter Besatzung, ohne Furcht; das Recht auf Bildung; das Recht zu arbeiten und ihre Familien zu ernähren; selbst das Recht über sich und ihr Leben zu bestimmen.  Währenddessen werden Beit Hanoun und Beit Lahiya weggebaggert und wir werden durch die Panzer die an unsern Grenzen sitzen und den F-16 die unseren Himmel durchfliegen terrorisiert.  Wie kann ich die Flieger beschreiben die zu jeglicher Nachtzeit tieffleigen um unsere Kinder zu erschrecken, die dann die ganze Nacht schreien?

Alles ist den Menschen von Gaza weggenommen worden, bis dahen, dass ein junger Mann, der als Taxifahrer arbeiten will weil es keine andere Arbeit gibt, nicht einmal eine Lizenz erhalten kann, weil sie nicht mehr in Gaza ausgestellt werden können.  US Außenministerin Condoleeza Rice traf sich mit den selbsternannten palästinensischen Führern, hat aber den abgesetzten Premier Israeli Haniyeh oder Hamas nicht in die Verandlungen einbezogen.  Gazaner waren nicht repräsentiert oder einbezogen in die Verhandlungen.  Wir hatten keine Stimme.  Unsere Bedürfnisse werden nicht gehört, nicht mal in Betracht gezogen.  Wir konnten uns nicht mal auf unseren Präsidenten verlassen, uns das Recht der Repräsentanz zu gewähren.  So frage ich Abbas, Rice, Fayyad, Bush, Blair und den Rest der Welt:

Was ist mit den 1,4 millionen PalästinenserInnen in Gaza?


/Yassmin Moor ist eine Palästinensisch-AmerikanerIn, die aus Rafah schreibt.  Sie arbeitet zur Zeit daran, ein Gartenprojekt zu organisieren, durch eine Organisation die sie mit gegründet hat ,  Save Gaza.  Sie ist zu erreichen unter yasminemoor@gmail.com

Die Organisation und Hilfsmöglichkeiten sind zu finden unter
http;//savegaza.org
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/Gruß,
Anka

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