Liebe FreundInnen,aus der Fülle der Berichte,
Stellungnahmen und Analysen, die sich während des Libanonkrieges
habe ich einige wenige bewahrt weil der Inhalt Sachen beleuchtet von
denen ich annehme, dass sie nicht hier in den Medien zu finden waren
(obwohl ich natürlich selber nicht hier war).
Zum einen gibt es Berichte über den Widerstand während des
Krieges in Israel. Die Anzahl von Reservisten, die sich geweigert
haben Dienst zu tun, ist wohl nirgends erfasst worden, ich kann nur
die Worte von Rela von New Profile wiedergeben: "Offizielle Berichte
behaupten es gäbe überwältigende öffentlich Unterstützung für den
Krieg ... aber New Profile und Yesh Bvul berichten dass hunderte,
wenn nicht tausende Reservisten weigern sich, in den Krieg zu
ziehen. Mehr als hundert haben sich an die Gruppen gewendet.
Angeblich wird den meisten von ihren Kommandanten gesagt, sie sollen
einfach wegbleiben, Strafmaßnahmen würde man auf ruhigere Zeiten
verschieben. Verweigerer berichten, dass viele ins Ausland gehen,
aus medizinischen Gründen befreit werden oder einfach wegbleiben.
Ein Ex-Soldat von 31(bestes Reservisten-Alter) berichtet, dass von
seinen 20 Wochenend-Fußballfreunden nur einer einberufen wurde und
alle anderen nicht im Krieg seien." Auch wird berichtet, dass einige
Piloten entweder absichtlich Ziele verfehlten, um keine Zivilisten
zu treffen, oder sich weigerten, Bombenangriffe zu fliegen.
Yitzhak Laor schreibt von dem erschreckenden Maß, in dem die
israelische Politik, die Wirtschaft und die Einstellung der
Gesellschaft vom Militär bestimmt wird. "Keine andere Institution in
Israel kann an die Möglichkeiten, Bilder und nachrichten
auszustreuen oder eine nationale politische Klasse und eine
akadamische Elite zu bilden oder Erinnerungen, Geschichte, Werte,
Reichtum, Sehnsüchte zu produzieren."
Die Mainstream Linke habe nie ernsthaft versucht, sich gegen das
Militär zu stellen. "Bezeichnungen des Krieges wie 'unser zweiter
Unabhängigkeitskrieg', 'Krieg um unser Existenzrecht' hätten keine
Chance wenn linke zionistische Intellektuelle sie nicht
unterschrieben hätten....
Das militärische Denken ist unser einziges Denken geworden. Der
Wunsch nach Überlegenheit ist zu der Notwendigkeit geworden, in
jedem Aspekt der Beziehung zu unseren Nachbarn die Oberhand zu
haben. Die Araber müssen sozial und wirtschaftlich verkrüppelt und
militärisch zerschmettert werden, und natürlich müssen sie uns dann
in dem erniedrigten Zustand erscheinen, in den wir sie versetzt
haben...
Israel hat längst aufgehört, beunruhigt zu werden durch Bilder
von weinenden Frauen in weißen Kopftüchern, die die Reste ihres
Zuhause in dem von unseren Soldaten hinterlassenen Schutt zu suchen.
Wir denken an sie wie an Hühner oder Katzen. Wir wenden uns ab und
dem wirklichen Problem zu: dem Feind...
"Amoz Oz hat am 20. July, als die Zerstörung des Libanons bereits
voll im Gange war, geschrieben, 'dieses Mal greift Israel nicht den
Libanon an. Es verteidigt sich selbst von der täglichen
Drangsalierung und Bombardierung Dutzender unserer Städte und
Dörfer, indem es versucht, Hisbollah zu zerstören, wo auch immer es
sich versteckt.'... Zu der Zeit waren bereits 300 Libanese getötet
und 600 verletzt. Oz schrieb weiter: 'Die israelische
Friedensbewegung sollte die Bemühung Israels, sich zu verteidigen,
stützen, ganz einfach, solange diese Operation hauptsächlich auf die
Hisbollah zielt und das Leben libanesischer Zivilisten soweit wie
möglich schont (das ist nicht immer einfach, da Hisbollah
Raketenwerfer oft libanesisch Zivilisten als menschliche Sandsäcke
benutzen).'
Die Wahrheit dahinter ist, dass Israel immer machen darf, was es
will, auch wenn das bedeutet, seine Vorherschaft den arabischen
Körpern einzubrennen. Diese Vorherrschaft ist jenseits der
Diskussion und einfach bis zum Wahn. Wir haben das Recht, zu
entführen. Ihr nicht.
Wir haben das Recht, festzunehmen. Ihr nicht. Wir können euch
ruinieren. Ihr könnt uns nicht ruinieren, auch wenn ihr Vergeltung
übt, weil wir mit der stärksten Nation der Welt verbunden sind. Wir
sind Todesengel....
Wir dachten, die Namen Sabra und Shatila würden als Denkmal
ausreichen und für alle Verbrechen, die Israel im Libanon begangen
hat stehen....
Diesmal müssen wir uns mehr um Erinnerung bemühen. Wir müssen die
Verbrechen von Olmert, vom Justizminister Haim Ramon und vom
Armeebefehlshaber Dan Halutz erinnern. Ihre Namen sollten nach Den
Hag eingereicht werden, damit sie zur Verantwortung gezogen werden."
Und ein letztes: der Protest der radikalen Linken gegen den Krieg
sah dieses Mal ganz anders aus als bisher, da es nicht von jüdischen
Ashkenazi (europäischer Abstammung) Männern angeführt würde, sondern
von zwei jungen Frauen - eine Araberin, Khulood Badawi, und eine
Immigrantin aus Russland, Jana Knopova. Bisher wurden die Russen als
Kern der konservativen Rechten betrachtet, und die Araber hielten
sich von israelischen Demos fern. Nun lernen sie zusammen "Vinye
Nyet!" und "Kharb la!" (Krieg, nein! auf Russisch und Arabisch) zu
skandieren.
Beide Frauen fühlen sich von der Gesellschaft marginalisiert.
Allerdings sagt die Russin, Knopova mit bitterem Lächeln, "Die
Polizei sieht Khulood als natürliche Feindin, während sie sich in
genau der gleichen Situation weigern, mich als Feindin zu sehen...
Khulood ist immer gefährlich, ich bin nie gefährlich. Khulood ist
eine demographische Zeitbombe, ich bin eine demographische Hoffnung.
Das ist der Ansatz, der unsere beiden Gebärmütter als im Dienste des
Staates stehend betrachten, und dieses Vergnügen werden wir ihn
nicht geben."
Die Frauen haben linke Demonstrationen organisiert und in drei
Sprachen gehalten. "Um von den Anrufen zu urteilen, die Badawis drei
Handys erreichen, würde man denken, Opposition gegen den krieg ist
der neue Konsens; urteilt man von den Anrufen an Knopova auf
Russisch während unseres Gesprächs, würde man denken, eine Million
Russischsprechende in Israel hätten ihre Meinung geändert... Das
stimmt natürlich nicht, aber es besteht kein Zweifel, dass etwas
Anderes, Neues passiert. Nur ein Bereich ist den Frauen nicht
gemein: ihre emotionalen Erinnerungen. Wenn Badawi vom Trennungszaun
spricht, reicht ihr 'persönliches Gepäck' bis 1948 zurück. Knopova
stimmt mit jedem Wort überein, hat aber andere Assoziationen aus dem
kollektiven jüdischen Gedächtnis. "Ich will nicht, dass und Deutsche
bewachen in dem Getto, das wir für uns mit Trennungsmauern und
Sicherheitszonen geschaffen haben. In der tragischen Evolution des
Zionismus, wird Israel zur Endlösung seiner selbst." (...)
Gruß,
Anka