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 From: "Angelika Schneider" <anka.sch(at)gmx.net To: <Brief-aus-Israel(at)yahoogroups.de Subject: [Brief-aus-Israel] Aktuelles aus den besetzten Gebieten  

 

Brief aus Israel 29.8.06
 

Liebe FreundInnen,

aus der Fülle der Berichte, Stellungnahmen und Analysen, die sich während des Libanonkrieges habe ich einige wenige bewahrt weil der Inhalt Sachen beleuchtet von denen ich annehme, dass sie nicht hier in den Medien zu finden waren (obwohl ich natürlich selber nicht hier war).

Zum einen gibt es Berichte über den Widerstand während des Krieges in Israel. Die Anzahl von Reservisten, die sich geweigert haben Dienst zu tun, ist wohl nirgends erfasst worden, ich kann nur die Worte von Rela von New Profile wiedergeben: "Offizielle Berichte behaupten es gäbe überwältigende öffentlich Unterstützung für den Krieg ... aber New Profile und Yesh Bvul berichten dass hunderte, wenn nicht tausende Reservisten weigern sich, in den Krieg zu ziehen. Mehr als hundert haben sich an die Gruppen gewendet. Angeblich wird den meisten von ihren Kommandanten gesagt, sie sollen einfach wegbleiben, Strafmaßnahmen würde man auf ruhigere Zeiten verschieben. Verweigerer berichten, dass viele ins Ausland gehen, aus medizinischen Gründen befreit werden oder einfach wegbleiben. Ein Ex-Soldat von 31(bestes Reservisten-Alter) berichtet, dass von seinen 20 Wochenend-Fußballfreunden nur einer einberufen wurde und alle anderen nicht im Krieg seien." Auch wird berichtet, dass einige Piloten entweder absichtlich Ziele verfehlten, um keine Zivilisten zu treffen, oder sich weigerten, Bombenangriffe zu fliegen.

Yitzhak Laor schreibt von dem erschreckenden Maß, in dem die israelische Politik, die Wirtschaft und die Einstellung der Gesellschaft vom Militär bestimmt wird. "Keine andere Institution in Israel kann an die Möglichkeiten, Bilder und nachrichten auszustreuen oder eine nationale politische Klasse und eine akadamische Elite zu bilden oder Erinnerungen, Geschichte, Werte, Reichtum, Sehnsüchte zu produzieren."

Die Mainstream Linke habe nie ernsthaft versucht, sich gegen das Militär zu stellen. "Bezeichnungen des Krieges wie 'unser zweiter Unabhängigkeitskrieg', 'Krieg um unser Existenzrecht' hätten keine Chance wenn linke zionistische Intellektuelle sie nicht unterschrieben hätten....

Das militärische Denken ist unser einziges Denken geworden. Der Wunsch nach Überlegenheit ist zu der Notwendigkeit geworden, in jedem Aspekt der Beziehung zu unseren Nachbarn die Oberhand zu haben. Die Araber müssen sozial und wirtschaftlich verkrüppelt und militärisch zerschmettert werden, und natürlich müssen sie uns dann in dem erniedrigten Zustand erscheinen, in den wir sie versetzt haben...

Israel hat längst aufgehört, beunruhigt zu werden durch Bilder von weinenden Frauen in weißen Kopftüchern, die die Reste ihres Zuhause in dem von unseren Soldaten hinterlassenen Schutt zu suchen. Wir denken an sie wie an Hühner oder Katzen. Wir wenden uns ab und dem wirklichen Problem zu: dem Feind...

"Amoz Oz hat am 20. July, als die Zerstörung des Libanons bereits voll im Gange war, geschrieben, 'dieses Mal greift Israel nicht den Libanon an. Es verteidigt sich selbst von der täglichen Drangsalierung und Bombardierung Dutzender unserer Städte und Dörfer, indem es versucht, Hisbollah zu zerstören, wo auch immer es sich versteckt.'... Zu der Zeit waren bereits 300 Libanese getötet und 600 verletzt. Oz schrieb weiter: 'Die israelische Friedensbewegung sollte die Bemühung Israels, sich zu verteidigen, stützen, ganz einfach, solange diese Operation hauptsächlich auf die Hisbollah zielt und das Leben libanesischer Zivilisten soweit wie möglich schont (das ist nicht immer einfach, da Hisbollah Raketenwerfer oft libanesisch Zivilisten als menschliche Sandsäcke benutzen).'

Die Wahrheit dahinter ist, dass Israel immer machen darf, was es will, auch wenn das bedeutet, seine Vorherschaft den arabischen Körpern einzubrennen. Diese Vorherrschaft ist jenseits der Diskussion und einfach bis zum Wahn. Wir haben das Recht, zu entführen. Ihr nicht.

Wir haben das Recht, festzunehmen. Ihr nicht. Wir können euch ruinieren. Ihr könnt uns nicht ruinieren, auch wenn ihr Vergeltung übt, weil wir mit der stärksten Nation der Welt verbunden sind. Wir sind Todesengel....

Wir dachten, die Namen Sabra und Shatila würden als Denkmal ausreichen und für alle Verbrechen, die Israel im Libanon begangen hat stehen....

Diesmal müssen wir uns mehr um Erinnerung bemühen. Wir müssen die Verbrechen von Olmert, vom Justizminister Haim Ramon und vom Armeebefehlshaber Dan Halutz erinnern. Ihre Namen sollten nach Den Hag eingereicht werden, damit sie zur Verantwortung gezogen werden."

Und ein letztes: der Protest der radikalen Linken gegen den Krieg sah dieses Mal ganz anders aus als bisher, da es nicht von jüdischen Ashkenazi (europäischer Abstammung) Männern angeführt würde, sondern von zwei jungen Frauen - eine Araberin, Khulood Badawi, und eine Immigrantin aus Russland, Jana Knopova. Bisher wurden die Russen als Kern der konservativen Rechten betrachtet, und die Araber hielten sich von israelischen Demos fern. Nun lernen sie zusammen "Vinye Nyet!" und "Kharb la!" (Krieg, nein! auf Russisch und Arabisch) zu skandieren.

Beide Frauen fühlen sich von der Gesellschaft marginalisiert.

Allerdings sagt die Russin, Knopova mit bitterem Lächeln, "Die Polizei sieht Khulood als natürliche Feindin, während sie sich in genau der gleichen Situation weigern, mich als Feindin zu sehen... Khulood ist immer gefährlich, ich bin nie gefährlich. Khulood ist eine demographische Zeitbombe, ich bin eine demographische Hoffnung. Das ist der Ansatz, der unsere beiden Gebärmütter als im Dienste des Staates stehend betrachten, und dieses Vergnügen werden wir ihn nicht geben."

Die Frauen haben linke Demonstrationen organisiert und in drei Sprachen gehalten. "Um von den Anrufen zu urteilen, die Badawis drei Handys erreichen, würde man denken, Opposition gegen den krieg ist der neue Konsens; urteilt man von den Anrufen an Knopova auf Russisch während unseres Gesprächs, würde man denken, eine Million Russischsprechende in Israel hätten ihre Meinung geändert... Das stimmt natürlich nicht, aber es besteht kein Zweifel, dass etwas Anderes, Neues passiert. Nur ein Bereich ist den Frauen nicht gemein: ihre emotionalen Erinnerungen. Wenn Badawi vom Trennungszaun spricht, reicht ihr 'persönliches Gepäck' bis 1948 zurück. Knopova stimmt mit jedem Wort überein, hat aber andere Assoziationen aus dem kollektiven jüdischen Gedächtnis. "Ich will nicht, dass und Deutsche bewachen in dem Getto, das wir für uns mit Trennungsmauern und Sicherheitszonen geschaffen haben. In der tragischen Evolution des Zionismus, wird Israel zur Endlösung seiner selbst." (...)

Gruß,
Anka

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