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ief-aus-Israel]


 

 From: "Angelika Schneider" <anka.sch(at)gmx.net To: <Brief-aus-Israel(at)yahoogroups.de Subject: [Brief-aus-Israel] Aktuelles aus den besetzten Gebieten  

 

Brief aus Israel 8.12.05
 

Liebe Leute,

.....Heute bittet Dorothy um unser Mitgefühl für die armen, armen Siedler aus Gaza, die sich heftig beklagen darüber, dass sie nun die vollen Kosten für ihr Wasser und Strom zahlen müssen, wie andere Israelis auch. Auch Kinderbetreuung, für die sie bisher 390 NIS pro Jahr bezahlt haben (knapp 100€), statt die 890 NIS pro Monat, die andere aufbringen müssen.

Offensichtlich geben die Politiker ständig gegenüber den Siedlern nach, dass erstreckt sich auf alle möglichen Kompensationen für die Übergangsbehausung, die sie ertragen müssen - z.B. verlangen die, die als Protest in Zelten wohnen, die Kosten der Hotelzimmer, die sie hätten bewohnen können, ausbezahlt zu bekommen. Insgesamt hat die Umsiedlung von 1700 Familien laut Haaretz den israelischen Staat bisher zwischen 5 und 6 Milliarden Shekel gekostet, ohne das ein Ende abzusehen ist. Und das in einem Land, in dem ein erschreckend großer Teil der Bevölkerung inzwischen unter der Armutsgrenze lebt.

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Avigail Abarbanel, eine Israelin, die vor 13 Jahren nach Australien  ausgewandert ist, beschreibt ihren Eindruck nach einem Besuch bei ihrem Bruder in Tel Aviv. Unter anderem bemerkt sie: Das offensichtlichste an der israelischen Gesellschaft ist die tiefe Unsicherheit, die alle empfinden. Die Nervosität ist nicht neu, hat aber eine neue Qualität... Heutzutage werden sogar in kleinen Restaurants und Geschäften Taschen am Eingang kontrolliert... Israelis sehnen sich nach Frieden, sie meinen aber damit, einfach in Ruhe gelassen zu werden. Es ist traurig zu sehen, wie verzweifelt sie sich an das klammern, was sie für "Normalität" halten... Sie fühlen Zorn und Verzweiflung wenn militante Palästinenser ihre Routine stören...

Wenn das Leben so schwierig ist, ist es wohl menschlich, die Schwierigkeiten weg zu wünschen. Aber das ist gerade das Problem. Wenn eine Person, eine Gruppe oder eine ganze Gesellschaft mit einem dunklen Geheimnis leben oder etwas wichtiges aus der Vergangenheit negieren, können sie keinen Frieden erfahren. Es ist einfach unmöglich, ein 'normales' oder friedliches Leben zu führen auf der Basis von Lügen und Geheimnissen. Die Negierung der ethnischen Säuberung der Palästinenser 1948, der Versuch, über die Konsequenzen der langen Jahre der brutalen Besetzung und der Wunsch, all dies möge einfach verschwinden, sind nichts als Phantasie.

In der Familientherapie ist es akzeptiert, dass, wenn gravierende Ungerechtigkeiten nicht angesprochen wird, es keinen Frieden geben kann... Ich habe israelische Intellektuelle im Fernsehen in einer Diskussion beobachtet. Sie versuchten, zu analysieren, warum es Israel so schlecht geht. Sie haben jeden möglichen Grund erwähnt außer dem offensichtlichsten - die Geschichte Israels. Es war unerträglich, aber auch vertraut. Ich habe noch nie ein Gesellschaft gesehen die so tief in der Negation verwurzelt ist wie Israel...

Wenn Israelis sich an "Friedensgeprächen" beteiligen, ist es wichtig ihre Grundposition zu verstehen. Sie haben kein Interesse an einer wirklichen Lösung, die den Kern des Problems erfasst. Sie sind wie jemand, der möchte, dass seine Symptome verschwinden, ohne die Ursachen zu behandeln...

Nur ein binationaler Staat und ein Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge wird auch nur annähernd die Ungerechtigkeiten, die seit 1948 begangen wurden, berichtigen.... Das könnte Israels Buße sein. Es wäre auch die Möglichkeit für Israel, sich von der Last der Schuld zu befreien, von der ich glaube, dass sie ihr Leben und das Leben der Palästinenser zu einem Alptraum machen.

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In dieser Einschätzung ist Abarbanel nicht völlig allein. Immerhin fand gestern in der Ben-Gurion Universität der Negev ein Vortrag statt durch eine amerikanische Professorin zum Thema "Ein Staat für Israel/Palästina? Einen neuen Pfad zum Frieden entwerfen".

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Amira Hass berichtet von einem 14jährigen Palästinenser, der von der Armee in die Beine geschossen wurde und anschließend im Krankenhaus an Arme und Beine gefesselt gehalten wurde, auf Befehl des jungen Soldaten, der ihn zu bewachen hatte. Die Armee behauptet, er hatte einen Molotovcocktail gegen Soldaten werfen wollen, er würde im Krankenhaus wie ein 'normaler Gefangener' behandelt. Dass irgendjemand noch unschuldig ist, bis seine Schuld bewiesen wird, ist offenbar der Armee unbekannt. Der Junge widerspricht der Armeeversion aufs heftigste, er habe seinem Vater dabei geholfen, Propangasflaschen auszuliefern.

Nach drei Tagen wurde der Junge, wie normalerweise verfahren wird, in eine militärische Krankenanstalt gebracht. Das militär-juristisches System hält alle Festgenommenen, auch Kinder, in Gewahrsam bis die juristischen Schritte zuende sind - auch Kinder, die Steine werfen.

Versucht ein Rechtsanwalt eine legales Verfahren durchzusetzen, kann der Gewahrsam viel länger als die schließlich verhängte Strafe dauern. Die Anwälte stehen daher unter starkem Druck, vor allem wenn ein Festgenommener verletzt ist, sich mit dem Gericht zu einigen, d.h. dass der Beschuldigte seine Schuld zugibt.

Aber diesmal hat das so nicht funktioniert. Der Vater des Jungen hat eine Aktivistin von Machsom Watch erreicht und sich darüber beschwert, wie der Junge wegtransportiert wurde ohne einen älteren Verwandten und ohne Hebräischkenntnisse. Die Aktivistin hat Physicians for Human Rights kontaktiert, die seit Jahren gegen das Vorgehen des Militärs protestieren. Langsam scheinen ihre Proteste und die Argumente der Krankenhausärzte zu wirken. Mitglieder von PHR haben den Patienten besucht - gegen die Militärpolizei - und einen Anwalt mitgebracht. Kurz danach wurde der Junge, der so gefährlich war, dass er trotz seiner Lage gefesselt werden musste, freigelassen.

 

Gruß,
Anka

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