Ein Analyse der Wahl von Seiten der Palästinenser
scheint mir des Übersetzens wert in seiner Gesamtheit:
Der Wahlsieg der Hamas: eine Stimme für
Klarheit
von Ali Abunimah
The Electronic Intifada
26. Januar 2006 - Quelle
Der Sieg des Hamas lässt alle fragen, "was nun?"
Die Antwort, ob das Ergebnis als gut oder schlecht zu werten ist,
hängt sehr davon ab, wer die Frage stellt.
Obwohl ein Sieg der Hamas eine deutliche
Vorgeschichte hat, wird seine Größe weitgehend als 'Schock'
bezeichnet. Mehrere Faktoren erklären den dramatischen Aufschwung
von Hamas, darunter Desillusion und Ekel gegen die Korruption, den
Zynismus und den mangel an Strategie der Fatah, die jahrzehntelang
die palästinensische Bewegung dominiert hat und sich inzwischen
arroganterweise als natürliche und unanfechtbare Führung zu sehen.
Das Wahlergebnis ist allerdings nicht so
überraschend, sondern ist durch aktuelle Ereignisse vorherzusehen
gewesen. Man nehme z.B. die Stadt Qalqilya im Norden der Westbank.
Von israelischen Siedlungen eingezwängt und nun völlig umgeben durch
eine BEtonmauer, sind die 50 000 EinwohnerInnen der Stadt Gefangene
eines von Israel kontrolliertem Getto. Jahrelang wurde Qalqilya
durch Fatah kontrolliert, aber nach Vervollständigung der Mauer sind
in den lokalen Wahlen im vergangen Jahr alle Sitzte an Hamas
gegangnen. Dieser Qalqilyaeffekt hat sich nun über die besetzten
Gebiete verbreitet, indem Hamas praktisch alle geographisch
verteilte Sitze gewonnen hat.
Der Erfolg von Hamas ist sowohl ein Ausdruck der
Entschlossenheit der PalästinenserInnen, sich den Bemühungen
Israels, ihre Aufgabe zu Erzwingen wie es eine Ablehnung der Fatah
ist. Er reduziert den Konflikt auf seine fundamentalsten Elemente:
es gibt eine Besetzung und es gibt Widerstand.
Für die PalästinenserInnen unter der Besetzung
ist es noch nicht klar, was der Sieg der Hamas bedeuten wird. Es
wird jetzt allgemein von einer palästinensischen "Regierung"
gesprochen, die durch das Wahlergebnis zustande kommt, als ob
Palästina bereits ein souveräner, unabhängiger Staat sei. Wenn aber
die erste Pflicht einer Regierung ist, das Leben, die Freiheit und
das Eigentum der Menschen zu schützen, dann hat die
Palästinenserautorität es nie verdient, eine Regierung genannt zu
werden. Seit seiner Bildung hat es PalästinenserInnen nicht von
täglichen, tödlichen Angriffe durch die israelische ARmee im Herzen
ihrer Städte und Flüchtlingslager zu schützen, oder zu verhindern,
dass ein einziger Dunam für Siedlungen aufgegriffen wurde, noch
einen einzelnen Setzling von den millionen Bäumen, die durch Israel
in den letzten 10 Jahren ausgerissen wurden, zu retten. Die PA
sollte eher den palästinensischen Widerstand erdrücken und die
besetzten Gebiete für die weitere israelische Kolonisierung zu
sichern.
Hamas wird mit Sicherheit nicht erlauben, dass
das so weitergeht, aber ob es in der Lage sein wird, die Autorität
in einen Arm des Kampfes gegen Israel zu verwandeln, ist keineswegs
sicher. Die Hamas, die einen einseitigen Waffenstillstand mit Israel
ein Jahr lang eingehalten hat, hat signalisiert, dass es
weitermachen will, wenn Israel "sich erkenntlich zeigt". Die
Bewegung glaubt offensichtlich, dass es so ein Angebot aus einer
Position der Stärke machen kann, und dass es zu seinem taktischen
Vorteil gereicht, die Frage, wann und wie sie den voll bewaffneten
Widerstand wiederaufnehmen könnte, in Unsicherheit zu belassen.
Elemente der PA Sicherheitsdienste jetzt von
Fatahmitglieder kontrolliert könnten unwillig sein, sich unter die
Kontrolle einer von Hamas geführten Autorität zu begeben, was zum
Kollaps des Rests der PA-Struktur führen könnte, oder sogar zu
seiner Auflösung in persönliche Milizen. Israel, un die US, die sich
weigert, das Wahlergebnis zu akzeptieren, könnten solch einen
internen Konflikt in ihrem Interesse sehen. Israel wird den
Hamassieg wohl nutzen als weiteren Vorwand, die Unterdrückung enger
zu ziehen und seine einseitige Auflage von Mauern und Siedlungen in
der Westbank beschleunigen, um die maximale Menge Land mit der
minimalen Anzahl PalästinenserInnen zu annektieren. Solche
Entwicklungen erhöhen das Risiko einer dramatischen Eskalation der
Gewalt zwischen Israel und Palästina.
Was die Mehrheit der PalästinenserInnen angeht,
die als Flüchtlinge oder Exilanten in der Diaspora leben, sie sind
zunehmend ausgeschlossen und marginalisiert in ihren Bemühungen, den
Konflikt zu lösen. Während die US und seine Verbündeten, mithilfe
der UN, außergewöhnliche Bemühungen veranstaltet haben um "außerlande"
befindliche Irakis zu gestatten, an den Wahlen in diesem Land
teilzunehmen, haben dieselben Mächte kein Interesse daran gezeigt,
palästinensischen Flüchtlingen eine Stimme zu geben. Fatah, deren
Bereitschaft, ihre Rechte in einem Friedensabkommen mit Israel zu
verkaufen, viele palästinensische Flüchtlinge im Verdacht haben,
hatte offensichtlich keinen Impuls, solch eine Teilnahme zu
verlangen. Es bleibt abzuwarten, ob Hamas, in Gaza geboren wo 90%
der Bevölkerung Flüchtlinge sind, in der Lage sein wird, solch eine
Agenda zu artikulieren, die die Sorgen der Diaspora anspricht.
Für die "internationale Gemeinschaft " -
hauptsächlich das 'Quartet' von der US, der EU, Russland und UN
Generalsekretär Annan, ist das Wahlergebnis höchst peinlich. Sie,
die Clique der gutfinanzierten NGOs und 'think tanks' die soviel
ihres intellektuellen Quatschs hervorbringen haben ihren Ansatz auf
der Idee einer palästinensischen "reform" gegründet, eher als auf
ein Ende der Besetzung, als der Weg, den Konflikt zu beenden.
Während sie sich nominell einer Zweistaatenlösung verschreiben,
haben diese Mächte die Fatahgeführte PA in ein endloses Spiel
getrieben, bei dem die Palästinenser durch Reifen springen müssen um
ihren Würdigkeit für fundamentale Rechte zu beweisen, während
zugleich kein Druck auf Israel ausgeübt wurde, die Landkonfiszierung
und die Expansion der Siedlungen zu beenden. Diese
Friedensprozess-Industrie hat es vorgezogen, den taktischen Rückzug
von 8000 Siedlern aus Gaza im Sommer zu feiern, während sie die viel
größere Anzahl Siedler ignorierte, die Israel weiterhin über die
ganze Westbank verstreut pflanzte und eine Zweistaatenlösung
unereichbar machten.
Das Hauptziel dieses Spiels ist nicht, einen
gerechten und dauerhaften Frieden herbeizuführen, sondern nur die
Spieler gegen die Beschuldigung zu impfen, dass sie nichts taten, um
einen Konflikt zu lösen, der ein nachhaltiger Brennpunkt regionaler
und weltweiter Sorge bleibt. Eine wirkliche Friedensbemühung würde
bedeuten, Israel zu konfrontieren und zur Rechenschaft zu ziehen,
ein Schritt zu dem keines der Quartetmitglieder den politischen
Willen besitzt.
Es gibt keinen Zweifel, dass Fatah in diesem
Spiel voll mitgemacht hat, in dem es sowohl ein Gefangener wie auch
ein unverzichtbarer Partner.
Warum hätten die US sonst verzweifelt versucht,
Fatah aufrecht zu halten, indem sie in den letzten Monaten Millionen
von Dollar ausgaben um Stimmen zu kaufen, und warum sonst hätte die
EU damit gedroht, die Hilfe abzudrehen wenn die PalästinenserInnen
für Hamas stimmen? Die meisten konnten klar erkennen, dass, nach
Jahren der Verhandlung und Billionen Dollar ausländischer Hilfe sie
ärmer und weniger frei sind als je, während mehr ihres Landes
geraubt wird. Es ist kein Wunder, dass diese Art Bestechung und
Erpressung keine Macht über sie hatte und wahrscheinlich die
Entgegengesetzte Wirkung, eine Stärkung der Unterstützung für Hamas.
Der Sieg der Hamas zieht den Boden weg unter dem
Versuch, die Schuld am Konflikt von der israelischen Kolonisation
auf die internen palästinensischen Pathologien abzulenken. Die
Friedensprozessindustrie wird aber nicht leicht aufgeben und wird
jetzt Hamas dazu drängen "verantwortlich" zu handeln und seine
Position zu "moderieren" - was im Effekt bedeutet, alle Formen des
Widerstandes aufzugeben und die brave Komplizenrolle zu übernehmen,
die Fatah bisher gespielt hat.
Die insistierte Forderung dass Hamas "Israel
anerkennen" soll ist wie eine Rückstellung der Uhr auf 25 Jahre, als
diese gleiche Forderung den Vorwand hergab, die PLO zu ignorieren
und aus dem Friedensprozess auszuschließen. Aber, wie Hamas
beobachtet hat, die ganze Beugung der PLO vor diesen Forderungen hat
nicht zu einer Lockerung des Zugriffs Israels geführt, noch dazu,
die Unterstützung der US für Israel zu vermindern. Es ist
unwahrscheinlich, dass Hamas das tut, was die US verlangt, und
selbst wenn sie es tät, würde es wohl nur zu neuen
Widerstandsgruppen führen, die auf die sich verschlechternden
Bedingungen, die von der Besetzung hervorgerufen werden, zu
antworten.
Gruß, Anka