Offener Brief
Sehr geehrte Frau Minister Wieczorek-Zeul,
es ist leicht
vorstellbar, wie oft Sie sich in der Ministerrunde
mit Ihren Absichten, Problemen und Programmen einsam
fühlen. Darum schreibe ich Ihnen heute, um Sie zu
ermutigen, Ihr politisches Programm im Falle der
Palästinenser durchzusetzen, selbst wenn Sie als
EINE FRAU gegen eine Camarilla von Bremsern in der
großen Koalitionsrunde der Minister stehen. Bitte
setzen Sie sich entsprechend Ihrer Absichtserklärung
vom 8. März durch, am Ende werden Sie politisch
gestärkt aus dem politischen Kampf hervorgehen.
Palästina hat
gewählt, hat frei und demokratisch gewählt.
Palästina hat, wie das in allen Demokratien üblich
ist, mehrheitlich denen die Regierungsverantwortung
übertragen, die sich nach langen Jahren von
Erfolglosigkeit unter Führung von Fatah als
wirkliche politische Alternative anboten. Man kann
über Hamas denken, was man will, eines steht uns
hier in Europa jedoch nicht zu: Wählerschelte.
Wenn die Politik von
Fatah so lange erfolglos blieb, lag dies gewiss
nicht an der hier so voreilig denunzierten
Korruption. Die gab es gewiss auch, sie gibt es ja
bedauerlicherweise selbst bei uns, es gibt sie ganz
besonders auch in Israel (bedenken Sie den
vertuschten Korruptionsfall in der Familie Sharon,
bedenken Sie den gerade heute von Haaretz aufgedeckten Fall
des Kaufes eines Offiziersranges in der israelischen
Armee: http://www.haaretz.com/hasen/pages/ShArtVty.jhtml?sw=amir+oren&itemNo=704717 ).
Wenn die Palästinenser unter Fatah-Führung auf ihrem
Weg zum eigenen Staat erfolglos blieben, so lag dies
zu allererst am Gegenüber, an den Regierungen
Israels, die alles ihr Mögliche taten, um jeden
Friedensprozess, beginnend bei Oslo bis zur Road-Map,
zu hintertreiben: Über Frieden zu verhandeln und
neue Kolonien zu bauen. Über Friedenswillen zu reden
und die Apartheid-Mauer und -Zaun auf fremdem Gebiet
zu errichten. Unilateralen Abzug aus dem
Gaza-Streifen zu bewirken anstelle eines mit der
Gegenseite verhandelten und geordneten Abzugs aus
den illegalen Siedlungen in Gaza. Fortzufahren mit
Landraub, Wasserdiebstahl und Verweigerung der
Menschenwürde.
Dass da Hamas von
zahlreichen Palästinensern als Alternative angesehen
wird, ist dies nicht verständlich? Dass Hamas,
anders als die Fatah-Führung, eine Anerkennung
Israels nur als Endpunkt, nicht aber als Vorleistung
ansieht, entspricht dies nicht allgemein üblicher
Verhandlungstaktik in internationalen Fragen? Wie
auch immer, es steht keinem Europäer zu, mit dem
Finger auf angeblichen, ja nur von den Amerikanern
definierten Terrorismus zu zeigen, solange die
unmenschlichste aller Besatzungen, die tägliche
Entwürdigung, Verarmung, systematische
Bildungsverweigerung und Bedrängnis durch Israel
anhält.
Die Hilfe der EU ist
kein Almosen. Es ist eine Verpflichtung, die sich
daraus ergibt, dass Israel von der Weltgemeinschaft
1948 auf fremdem Boden als Staat anerkannt wurde,
dabei Verpflichtungen gegenüber der
palästinensischen Ursprungsbevölkerung einging, die
es übrigens zu keinem Zeitpunkt erfüllte. Darauf
hinzuweisen erscheint mir umso wichtiger, als damit
die bei uns oft als völlig überflüssige Frage der
Anerkennung Israels zusammenhängt. Für die
Palästinenser ist diese Frage allerdings noch immer
eine ungelöste, denn der "Gründungs-Wechsel" Israels
ihnen gegenüber harrt noch immer der Einlösung.
Deutschland hat auf
besonders bewunderungswürdige Weise zum Gedeihen
Israels beigetragen, ohne umgekehrt darauf zu
achten, dass die berechtigten Forderungen der
palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr, 1948
zugesichert, und die Rechte aller Palästinenser
berücksichtigt wurden. Insofern könnte man fragen,
ob die Notwendigkeit finanzieller Unterstützung der
Palästinenser in Ihrem Ministerium, sehr geehrte
Frau Minister, ausreichend gewürdigt wird oder nicht
vielmehr große Summen aus anderen Bundesetats, evt.
sogar des Verteidigungsetats - aus dem ja sogar
U-Boote, immerhin Angriffswaffen, für Israel
finanziert werden - angebracht wären.
Darum erneut meine
Bitte an Sie, sehr geehrte Frau Minister, bleiben
Sie standhaft und helfen Sie mit, damit Deutschland,
Europa, allen gegenüber den Palästinensern
eingegangenen Verpflichtungen gerecht wird.
Hochachtungsvoll
Günter Schenk
5, rue des cigognes
F-67930 Beinheim
-
Mitglied des Collectif Judéo-arabe et citoyen pour
la Paix, Strasbourg
-
Mitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft
-
Mitglied der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands (Parteieintritt 1966)
-
Aktionsbündnis für einen gerechten Frieden
für Palästina
-
FARRAH-France
-
Unterzeichner der Coordination de l'Appel de
Strasbourg pour une paix juste au Proche Orient