ZNet > Naher Osten > Friedenspläne „Nun, seid Ihr
befreit worden?" fragten wir einen Tul Karemer Bewohner, 52. „Man sagt
es," antwortete er. Und so beschreibt er die Situation: „Die Kids (
bewaffnete Fatahjugend) laufen durch die Straßen, schießen in die Luft und
glauben ihren eigenen Erklärungen, dass sie nun frei sind. Wenn die
israelische Armee die Stadt wieder betreten will, wird sie es tun. Was ist
denn nun anders geworden, wenn die Soldaten nachts kommen und wieder
gehen? Keinen. Man sagt, die Anavta –Straßensperre wird weggeräumt – aber
nach unserer Erfahrung wird an ihrer Stelle eine bewegliche Sperre
aufgebaut. Und die Straßensperre bei der Shufa-Kreuzung (Tul Karems
südöstlicher Ausgang) wurde gar nicht weggeräumt. Die palästinensische
Polizei war immer in der Stadt. Macht es etwas aus, ob sie ihre Waffen im
Auto liegen lässt oder über die Schulter hängt? Das Kriterium der Freiheit
liegt nicht an der Präsenz der Polizisten oder ihrer Waffen. Wann werden
die Israelis verstehen, dass man über die Befreiung einer Stadt nicht
reden kann, wenn die ganze Westbank besetzt ist? Ich fühle mich nur frei,
wenn ich mich in meinem ganzen Land frei bewegen kann – nun ist ein großer
Teil auch noch durch die Mauer abgetrennt; ich fühle mich nur frei, wenn
es keine einzige israelische Straßensperre – egal, ob beweglich oder fest
- auf meinem Weg gibt, und wenn die Siedlungen aufgelöst werden.
In der israelischen Presse wurden Bilder
veröffentlicht, die zeigen, wie palästinensische Polizei trainiert, um den
wichtigen Wechsel der Kontrollaufsicht in Tul Karem zu zeigen. Dies ist
ein Erbe aus der Oslo-Ära, als – dank eines von der Fatah produzierten
Spektakels – die Israelis palästinensische Uniformen als das beste Zeichen
für das tatsächliche „Ende der Besatzung" ansahen. Die israelischen Medien
reflektierten die Erwartungen der IDF und der Geheimdienste, dass die
palästinensischen Sicherheitskräfte auf ihre eigene Weise gegen Leute
vorgehen würden, die israelische Soldaten, Siedler und Bürger angreifen
wollen. Sie erwarten es auch heute von ihnen. In anderen Worten: die
Israelis erwarten noch einmal, dass die Besetzten die Besatzer schützen.
Im Austausch dagegen haben sie extrem vage und partielle Versprechen
abgegeben.
Aber nehmen wir mal an, dass dies eine logische
Erwartung ist, wenn man das Gleichgewicht der Kräfte betrachtet. Wenn die
palästinensische Polizei mit ihrer Aufgabe Erfolg hat, ohne ein brutales
Instrument der Besatzung zu werden, das nur Widerstand hervorrufen würde,
dann müsste sie beweisen, dass sie auch fähig ist, die palästinensischen
Bürger zu schützen – vor Kriminellen genau so wie vor den
Besatzungskräften. Auch ohne funktionierende palästinensische Behörde
haben die Tul Karemer keine Angst vor Räubern und Einbrechern. Der
Bewohner, mit dem wir sprachen, erklärte, dass Raub und Einbruch unter der
„Schirmherrschaft" der langen IDF-Überfälle überhand nahm und zwar mit
kollaborierenden Clans in der Stadt, die das Raubgut bargen. Er glaubt, es
seien Familientraditionen, die Solidarität und gegenseitige Verantwortung
fördern. Diese Traditionen ersetzen nicht nur die Gefängnisse, die die IDF
zerstörte, sondern auch die Rechtsstaatlichkeit. Vor dem September 2000
konnten Leute mit Macht, Geld und Einfluss andere schädigen – wenn sie
Gerüchte verbreiteten oder Land wegnahmen – und kamen ungeschoren davon.
Die Palästinensische Behörde muss – ob mit oder ohne Besatzung - das
Rechtssystem reformieren.
Der Mord an einer 15 Jährigen aus Tul Karem beschäftigt
die Leute viel mehr als der Wechsel der Kontrollaufsicht. Das Mädchens war
vom Vater vergewaltigt worden. Sie ging zum Krankenhaus, um abtreiben zu
lassen. Die Ärzte wussten, wer der Täter war und schickten sie nach Hause.
Als sie zurückkam, hat einer der Brüder sie umgebracht. Vor ein paar Tagen
ermordete ein Vater seine Tochter, nachdem sie vergewaltigt wurde. Mord
wird auf Grund von verletzter „Familienehre" nach dem von Jordanien
übernommenen Strafrecht nur mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. Die
Palästinensische Behörde muss gegen diese soziale Tradition vorgehen und
das Strafrecht ändern. Das Ministerium für Frauenangelegenheiten,
Frauenorganisationen, SozialarbeiterInnen und die Polizei diskutieren alle
über Wege, wie man diese „Ehrenmorde" stoppen könne, die durch das Gesetz
und die Tradition geschützt sind. Die Medien, für die dies Thema bis vor
kurzem tabu war, berichteten Einzelheiten . Es gibt Anzeichen der
Bereitschaft, gegen diese Sitte vorzugehen und sie nicht mehr mit
Entschuldigungen, wie „wir leben unter Besatzung" unter den Teppich zu
kehren.
Und wie ist es mit der Sicherheit gegenüber den
Besatzungsmächten? Es ist längst bewiesen worden, das die palästinensische
Polizei den Bürgern keinen Schutz vor Angriffen der israelischen Soldaten
anbieten kann. Im Dorf von Bal’ein z.B. rissen am Montag die Erbauer der
Mauer 60 Olivenbäume der Bewohner aus. Israelische LKWs luden die Bäume
auf und verschwanden mit ihnen, bevor die Bewohner sie retten konnten.
Hier ist die palästinensische Polizei hilflos. Sie kann auch die Bewohner
von Boudrous nicht schützen, die besonders in den letzten Tagen unter
ständigen Angriffen der IDF litten. Die Soldaten holten die Männer mitten
in der Nacht aus ihren Betten und photographierten sie. Zugegeben Boudrous
liegt ziemlich weit von Tul Karem, aber der Bewohner, mit dem wir
sprachen, fürchtet, dass die Hilflosigkeit der palästinensischen Behörde
in solchen Situationen sie schwächt, wenn es darum geht, für die innere
Sicherheit zu sorgen, die nicht von der Präsenz des Besatzers abhängt.