Ein Abend in
Jounieh
Uri Avnery, 25.11.06
WÄHREND des 1.
Libanonkrieges besuchte ich Jounieh, eine Stadt etwa
20km nördlich von Beirut. In jener Zeit war sie der
Hafen für die Streitkräfte der Christen. Es war ein
aufregender Abend.
Obwohl im nahen
Beirut der Krieg wütete, war Jounieh voll
ausgelassenem Leben. Die christliche Elite
verbrachte den Tag am sonnendurchfluteten Strand,
die Frauen in Bikinis, die Männer Whisky schlürfend.
Wir drei (zwei junge Frauen vom Herausgeberteam
meiner Zeitung „Haolam Hazeh“, eine Korrespondentin
und eine Photographin und ich) waren die einzigen
Israelis in der Stadt und wurden deshalb gefeiert.
Jeder lud uns auf seine Yacht ein und ein älteres
Paar bestand darauf, mit ihm in sein Haus zu
kommen, um dort als seine Gäste an einer
Familienfeier teilzunehmen.
Es war
tatsächlich etwas Besonderes. Die Dutzenden von
Familienmitglieder gehörten zur Spitze der Elite:
reiche Kaufleute, ein wohl bekannter Maler, mehrere
Universitätsprofessoren. Die Drinks flossen wie
Wasser, die Gespräche in mehreren Sprachen.
Um Mitternacht
war jeder leicht angetrunken. Die Männer
verwickelten mich in ein „politisches“ Gespräch. Sie
wussten, dass ich Israeli bin, hatten aber von
meiner Einstellung keine Ahnung.
„Warum geht Ihr
nicht nach West-Beirut?“ fragte mich ein stattlicher
Mann. West-Beirut wurde von Arafats PLO-Kräften
gehalten, die Hunderttausende von sunnitischen
Einwohnern verteidigten.
„Warum und
wofür?“ fragte ich zurück.
„Was meinen
Sie? Um sie zu töten! Um alle zu töten!“
„Jeden? Frauen
und Kinder, auch?“
„Natürlich!
Alle!“
Einen Moment
lang dachte ich, er scherzt. Aber die Gesichter der
Männer rund um ihn sagten mir, dass es todernst
gemeint war und jeder damit einverstanden.
In diesem
Augenblick begriff ich, dass dieses wunderschöne
Land mit reicher Geschichte und gesegnet mit allen
Annehmlichkeiten krank ist. Sehr, sehr krank.
Am nächsten Tag
ging ich tatsächlich nach West-Beirut, aber aus
einem ganz anderen Grund. Ich überquerte die
Fronten, um Arafat zu treffen.
(Nebenbei
bemerkt: am Ende der Party in Jounieh gaben mir
meine Gastgeber noch ein Abschiedsgeschenk mit: ein
großes Paket mit Haschisch. Als wir am nächsten
Morgen auf dem Rückweg nach Israel waren, und Arafat
unser Treffen bereits publik gemacht hatte, hörte
ich im Radio, dass vier Minister mich wegen
Landesverrats vor Gericht bringen wollten. Ich
dachte an das Haschischpaket und warf es in hohem
Bogen aus dem Wagenfenster.)
ICH ERINNERE
mich jedes Mal an das Gespräch in Jounieh, wenn im
Libanon etwas geschieht – wie z.B. in dieser Woche.
Viel Unsinn
wird über dieses Land gesagt und geschrieben, als ob
es ein Land wie andere wäre. George W. Bush redet
über die „libanesische Demokratie“, als ob es so
etwas gäbe; andere sprechen über die
„parlamentarische Mehrheit“ und
„Minderheitenfraktionen“, über die Notwendigkeit
einer „nationalen Einheit“, damit die „nationale
Unabhängigkeit“ gewährleistet wäre, als ob sie über
die Niederlande oder Finnland sprächen. All dies hat
nichts mit der libanesischen Wirklichkeit zu tun.
Geographisch
ist der Libanon ein zerrissenes Land. Und darin
liegt ein Teil des Geheimnisses seiner Schönheit:
schneebedeckte Bergketten, grüne Täler, malerische
Dörfer. Der Libanon ist aber auch sozial zerrissen.
Und beides ist mit einander verquickt: im Laufe der
Geschichte suchten verfolgte Minoritäten der ganzen
Region Zuflucht in den Bergen, wo sie sich
verteidigen konnten.
Die Folge davon
ist eine große Anzahl größerer und kleinerer
„Communities“, die jederzeit bereit sind, zu den
Waffen zu greifen. Bestenfalls ist der Libanon eine
lockere Föderation von gegenseitig sich
verdächtigenden Gemeinschaften, schlimmstenfalls ein
Schlachtfeld sich befehdender Gruppen, die sich
einander wie die Pest hassen. Die Annalen des
Libanon sind voller Bürgerkriege und schrecklicher
Massaker. Viele Male hat diese oder jene
Gemeinschaft ausländische Feinde ins Land gerufen,
um ihr gegen ihre Feinde beizustehen.
Zwischen den
Gemeinschaften gibt es keine dauerhaften
Verbindungen. An einem Tag verbünden sich die
Gemeinschaften A und B gegen C. am nächsten Tag
kämpfen B und C gegen A. Außerdem gibt es noch
untergeordnete Gemeinschaften, die sich mehr als
einmal mit feindlichen Gemeinschaften gegen ihre
eigene verbündeten.
Alles zusammen
also ein faszinierendes Mosaik, aber auch ein sehr
gefährliches – um so mehr, als jede Gemeinschaft
ihre private Armee hat, die mit den besten Waffen
ausgerüstet ist. Die offizielle libanesische Armee,
die sich aus Männern aller Gemeinschaften
zusammensetzt, ist unfähig, irgendeinen bedeutenden
Auftrag zu erfüllen.
Was macht eine
libanesische „Community“ aus? Auf den ersten Blick
meint man, es hänge nur mit der Religion zusammen.
Aber es ist nicht nur die Religion. Die Gemeinschaft
wird auch ethnisch bestimmt und hat einige nationale
Attribute. Ein Jude mag das leicht verstehen, da
Juden ebenfalls eine solche Gemeinschaft sind, auch
wenn sie über die ganze Welt zerstreut sind. Aber
für einen normalen Europäer und Amerikaner ist
diese Struktur schwer zu verstehen. Es ist
einfacher, an eine „libanesische Nation“ zu denken –
eine Nation, die nur in der Vorstellung existiert
oder als Vision der Zukunft.
Die Loyalität
gegenüber der eigenen Gemeinschaft kommt vor jeder
anderen Loyalität – und gewiss vor einer Loyalität
gegenüber dem Staat Libanon. Wenn die Rechte einer
Gemeinschaft bedroht sind, stehen ihre Mitglieder
wie ein Mann auf, um die zu zernichten, die sie
bedrohen.
DIE WICHTIGSTEN
Gemeinschaften sind die Christen, die muslimischen
Sunniten, die muslimischen Schiiten und die Drusen
(die eigentlich, so weit es die Religion betrifft,
eine Art extreme Schiiten sind).
Die Christen
sind in verschiedene Gemeinschaften unterteilt. Die
bedeutendste Gruppierung sind die Maroniten (die
sich nach einem Heiligen nennen, der vor 1600 Jahren
gelebt hat). Die Sunniten wurden von den
(sunnitischen) ottomanischen Herrschern in den
Libanon gebracht, um ihr Regime zu stärken. Sie
siedelten sich vor allem in den großen Hafenstädten
an. Die Drusen suchten Zuflucht in den Bergen. Die
Schiiten, deren Bedeutung erst in den letzten
Jahrzehnten wuchs, waren Jahrhunderte lang eine
arme, unterdrückte Gemeinschaft, ein Fußabstreifer
für alle anderen.
Wie in fast
allen arabischen Gesellschaften spielt die Hamula
(Großfamilie) in allen Gemeinschaften eine vitale
Rolle. Loyalität gegenüber der Hamula hat den
Vorrang vor jeder anderen Loyalität. Ein altes
arabisches Sprichwort drückt es folgendermaßen aus:
„Mit meinem Cousin gegen Fremde, mit meinem Bruder
gegen meinen Cousin.“ Fast alle libanesischen Führer
sind Häupter großer Familien.
UM EINE Idee
vom libanesischen Familiengeflecht zu bekommen,
hier einige Beispiele: im Bürgerkrieg, der 1975
ausbrach, rief Pierre Gemayel, der Chef einer
maronitischen Familie, die Syrer auf, in den Libanon
einzufallen, um ihm gegen die sunnitischen Nachbarn
zu helfen, die gerade dabei waren, sein Gebiet
anzugreifen. Sein Enkel mit demselben Namen, der in
dieser Woche ermordet wurde, war Mitglied einer
Koalition, deren Ziel es ist, den syrischen
Einfluss im Libanon auszuschalten. Die Sunniten,
die damals gegen die Syrer und Christen kämpften,
sind nun die Verbündeten der Christen gegen die
Syrer.
Die
Gemayel-Familie war der Hauptverbündete von Ariel
Sharon, als er 1982 in den Libanon einfiel. Das
gemeinsame Ziel war es, die (hauptsächlich
sunnitischen) Palästinenser zu vertreiben. Zu diesem
Zweck führten Gemayels Leute nach dem Mord an Bashir
Gemayel das schreckliche Massaker in Sabra und
Shatila aus. Bashir war der Onkel des Mannes, der
in dieser Woche ermordet wurde. Das Massaker wurde
von Elie Hobeika vom Dach des Hauptquartiers des
israelischen Generals Amos Yaron geleitet. Danach
wurde Hobeika ein Minister unter syrischer
Schutzherrschaft. Eine andere Person, die für das
Massaker verantwortlich war, war Samir Geagea, der
einzige der vor einem libanesischen Gericht
angeklagt wurde. Er bekam mehrfach lebenslang, wurde
später aber begnadigt. In dieser Woche war er bei
der Beerdigung von Pierre Gemayel, dem Enkel, einer
der Hauptredner.
1982 hießen die
Schiiten die einfallende israelische Armee mit
Blumen, Reis und Süßigkeiten willkommen. Nur wenige
Monate später begannen sie, einen Guerillakrieg
gegen die Besatzung, der 18 Jahre dauerte. Während
dieser Zeit wurde die Hisbollah eine Militärmacht im
Libanon.
Einer der
führenden Maroniten im Kampf gegen die Syrer war
General Michel Aoun, der von den Maroniten zum
Präsidenten gewählt und später vertrieben wurde.
Nun ist er ein Verbündeter der Hisbollah und der
Hauptunterstützer Syriens.
All dies
erinnert an Italien während der Renaissance und an
Deutschland während des 30-jährigen Krieges. Aber im
Libanon ist dies die Gegenwart und die voraussehbare
Zukunft.
Bei solch einer
Realität von „Demokratie“ zu reden, ist natürlich
ein Witz. Durch eine Vereinbarung wurde die
Regierung des Landes unter den Gemeinschaften
geteilt. Der Präsident ist immer ein Maronite, der
Ministerpräsident ein Sunnite, der Sprecher des
Parlamentes ein Schiite. Dasselbe gilt für alle
Positionen und alle Ebenen im Land: das Mitglied
einer Gemeinschaft kann nicht mit einer Position
rechnen, das seinen Talenten entspricht, wenn dieses
einer anderen Gemeinschaft angehört. Fast alle
Bürger stimmen nach Familienzugehörigkeit. Ein
drusischer Wähler z.B. hat keine Chance Walid
Jumblat zu stürzen, dessen Familie seit wenigstens
500 Jahren die drusische Gemeinschaft beherrscht
(und dessen Vater von den Syrern ermordet wurde.) Er
verteilt die Jobs, die seiner Gemeinschaft
„zustehen“.
Das
libanesische Parlament ist ein Senat der
Gemeindehäupter, die die Beute unter sich aufteilen.
Die „demokratische Koalition“, die von den
Amerikanern nach dem Mord des sunnitischen
Ministerpräsidenten Rafik Hariri an die Macht
gebracht wurde, ist eine vorübergehende Allianz von
Maroniten, Sunniten und Drusen. Die „Opposition“,
die sich syrischen Schutzes erfreut, ist
zusammengesetzt aus der schiitischen und einer
maronitischen Fraktion. Das Rad kann von einem
Augenblick zum anderen gewendet werden, sobald sich
andere Allianzen bilden.
Die Hisbollah,
die für die Israelis wie ein verlängerter Arm des
Iran und Syriens erscheint, ist vor allem eine
schiitische Bewegung, die darum kämpft, für ihre
Gemeinschaft einen größeren Teil des libanesischen
Kuchens abzubekommen, wie es ihrer Größe
tastsächlich entsprechen würde. Hassan Nasrallah –
der auch der Nachkomme einer bedeutenden Familie ist
– hat sein Auge auf die Regierung in Beirut
geworfen, nicht auf die Moscheen in Jerusalem.
WAS BEDEUTET
dies für die gegenwärtige Situation?
Seit
Jahrzehnten rührt Israel im libanesischen Topf. In
der Vergangenheit unterstützte es die
Gemayel-Familie, wurde aber bitter enttäuscht: Die
“Phalangisten“ der Familie (der Name stammt aus dem
faschistischen Spanien, das vom Großvater Pierre
bewundert wurde) entpuppten sich im Krieg von 1982
als eine Gangsterbande ohne militärischen Wert. Aber
der israelische Einfluss im Libanon setzt sich bis
auf den heutigen Tag fort. Das Ziel ist, die
Hisbollah zu vernichten, die Syrer zu vertreiben
und das nahe Damaskus zu bedrohen. Alle diese
Aufgaben sind hoffnungslos.
Etwas aus der
Geschichte: Als in den 30er-Jahren die Maroniten die
führende Macht im Libanon waren, drückte der
maronitische Patriarch seine Sympathie gegenüber
dem zionistischen Unternehmen offen aus. In jener
Zeit studierten viele junge Leute aus Tel Aviv und
Haifa an der Amerikanischen Universität von Beirut,
und reiche Juden aus Palästina verbrachten ihre
Ferien an libanesischen Erholungsorten. Einmal
überquerte ich vor der israelischen Staatsbildung
versehentlich die libanesische Grenze. Ein
libanesischer Gendarm zeigte mir höflich den Weg
zurück.
Während der
ersten Jahre Israels war die libanesische Grenze die
friedlichste. Damals gab es ein Sprichwort: „Der
Libanon wird der zweite arabische Staat sein, der
mit Israel Frieden machen wird. Er wagt es nur
nicht, der erste Staat zu sein.“ Erst als König
Hussein 1970 die PLO mit aktiver Hilfe Israels aus
Jordanien in den Libanon vertrieb, wurde diese
Grenze brenzlig. Jetzt ist sogar Fuad Siniora, der
von den Amerikanern ernannte Ministerpräsident,
gezwungen, zu erklären, dass „der Libanon der letzte
arabische Staat sein wird, der mit Israel Frieden
machen wird.“
Alle
Bemühungen, den Einfluss Syriens aus dem Libanon zu
beseitigen, sind zum Scheitern verurteilt. Um dies
zu verstehen, genügt es auf die Landkarte zu sehen.
Historisch (und geographisch) ist der Libanon ein
Teil Syriens („Sham“ auf arabisch). Die Syrer haben
sich niemals damit abgefunden, dass das französische
Kolonialregime den Libanon von ihrem Land entrissen
hat.
Schlussfolgerungen: Als erstes lasst uns nicht noch
einmal in das libanesische Chaos schlittern! Wie die
Erfahrung gelehrt hat, werden wir dort immer die
Verlierer sein. Zweitens: Um Frieden an unserer
Nordgrenze zu haben, müssen alle potentiellen Feinde
- und zwar zu allererst Syrien - an Verhandlungen
beteiligt werden
Das heißt,
wir müssen die Golanhöhen zurückgeben.
Die
Bush-Regierung verbietet aber unserer Regierung, mit
Syrien zu reden. Sie will selbst mit ihr reden, wenn
die Zeit dafür gekommen ist. Durchaus möglich, dass
sie ihr den Golan im Gegenzug für syrische Hilfe im
Irak „verkaufen“. Wenn dem so ist, sollten wir uns
dann nicht beeilen und ihnen selbst den Golan
„verkaufen“, (der ihnen eigentlich sowieso gehört),
und zwar zu einem besseren Preis für uns?
In letzter Zeit
wurden Stimmen laut – sogar von hochrangigen
Militärs - die auf solch eine Möglichkeit hinweisen.
Es sollte laut und deutlich gesagt werden: Wegen ein
paar tausend Siedlern und den Politikern, die es
nicht wagen, sich mit jenen anzulegen, stehen wir in
der Gefahr, in weitere überflüssige Kriege zu
geraten und die israelische Bevölkerung zu
gefährden.
Und die dritte
Schlussfolgerung: es gibt nur einen Weg, einen Krieg
im Libanon zu gewinnen – und das ist, ihn zu
vermeiden.
(Aus dem Englischen:
Ellen Rohlfs, Christoph Glanz vom Verfasser
autorisiert)