|
Ein
Krieg zwischen Religionen? Um Himmels willen, nein!
Uri Avnery, 18.2.06
EINER UNSERER früheren Generalstabschefs, der
verstorbene Rafael („Raful“) Eitan, der nicht gerade
eine Leuchte war, fragte einmal einen ausländischen
Gast: „Sind Sie Jude oder Christ?“
„Ich
bin Atheist!“ antwortete dieser.
„Ok,
ok,“ reagierte Raful ungeduldig, „ein jüdischer Atheist
oder ein christlicher Atheist?“
Nun,
ich bin ein 100 %er Atheist. Und ich mache mir immer
mehr Sorgen, dass der israelisch-palästinensische Kampf,
der unser ganzes Leben beherrscht, einen immer
religiöseren Charakter annimmt.
DER
HISTORISCHE Konflikt begann als Zusammenstoß zwischen
nationalen Bewegungen, die religiöse Motive nur als
Dekoration verwendeten.
Die
zionistische Bewegung war von Anfang an nicht religiös,
eher anti-religiös. Fast alle Gründungsväter selbst
waren erklärte Atheisten. In seinem Buch „Der
Judenstaat“, der Gründungscharta des Zionismus, sagte
Theodor Herzl: „Wir werden sie ( unsere Geistlichen) in
ihren Tempeln festzuhalten wissen“. Chaim Weitzman war
ein agnostischer Wissenschaftler. Vladimir Jabotinsky
bat darum, seinen eigenen Leichnam zu verbrennen – im
Judentum eine Sünde. David Ben Gurion weigerte sich
sogar, bei Beerdigungen seinen Kopf mit einer Kipa zu
bedecken.
All
die großen Rabbiner seiner Zeit, Chassidim und ihre
Opponenten, die Missnagdim, verurteilten Herzl und
verfluchten ihn tüchtig. Sie wiesen die Grundthesen des
Zionismus zurück, die Juden seien eine „Nation“ im
europäischen Sinne, und sahen die Juden stattdessen als
ein heiliges Volk an, das nur durch die Erfüllung der
göttlichen Gebote zusammengehalten werde.
Außerdem war die zionistische Idee in den Augen der
Rabbiner eine Hauptsünde. Der Allmächtige verordnete den
Juden als Strafe für ihre Sünden das Exil. Deshalb
könne nur der Allmächtige selbst die Strafe widerrufen
und den Messias senden, der die Juden zurück ins
Heilige Land bringe. Bis dahin sei es streng verboten,
„in Massen zurückzukehren“.
Indem man Massenimmigration ins Land organisiert,
rebellieren dieZionist gegen Gott und - was noch
schlimmer ist – sie verzögern das Kommen des Messias.
Einige Chassidim, wie die Satmar-Sekte in Amerika und
eine kleine Gruppe, aber mit hohen Grundsätzen in
Israel, die Netura Karta („Wächter der Stadt“) in
Jerusalem halten noch an diesem Glauben fest.
Die
Zionisten haben sich zwar die Symbole des Judentums
angeeignet (den Davidstern, den siebenarmigen Leuchter
aus dem Tempel, den Gebetsschal, der zur Flagge wurde,
sogar den Namen „Zion“), aber das war nur eine
zweckmäßige Manipulation. Die kleine religiöse Fraktion,
die sich dem Zionismus anschloss ( die „religiösen
Zionisten“) waren eine Randgruppe.
Vor
dem Holocaust lernten wir in den zionistischen Schulen
Palästinas, mit erbarmungsloser Verachtung all das zu
behandeln, was aus dem „jüdischen Exil“ kam: die
jüdische Religion, das jüdische Stetl, die jüdischen
Sozialstrukturen ( „die umgekehrte Pyramide“). Erst der
Holocaust änderte die Haltung gegenüber der jüdischen
Vergangenheit in der Diaspora, die im Hebräischen
gewöhnlich als Galuth (Exil) bezeichnet wurde.
Ben
Gurion machte den religiösen Gruppen, einschließlich den
anti-zionistisch eingestellten Orthodoxen, einige
Konzessionen. Er befreite ein paar hundert
Yeshiva-Studenten vom Militärdienst und errichtete ein
getrenntes „staats-religiöses“ Schulsystem. Sein Ziel
war, bequeme Koalitionspartner zu gewinnen. Diese
Vorgehensweise gründete sich jedoch auf der Annahme (
die uns damals allen gemeinsam war), dass sich die
jüdische Religion unter der brennenden Sonne Israels
bald verdunsten und nach ein oder zwei Generationen im
Ganzen verschwunden sein werde.
All
das änderte sich nach dem Sechs-Tagekrieg . Die jüdische
Religion erlebte ein erstaunliches Comeback.
AUF
DER palästinensischen Seite geschah etwas Ähnliches,
aber mit einem völlig anderen Hintergrund.
Die
arabische Nationalbewegung war auch unter dem Einfluss
der europäischen Nationalidee entstanden. Ihre geistigen
Väter riefen zur Befreiung der arabischen Nation von den
Fesseln der ottomanischen Herrschaft auf und später vom
Joch des europäischen Kolonialismus. Viele von ihnen
waren arabische Christen.
Als
sich nach der Balfour-Erklärung und dem britischen
Palästinamandat eine eigene palästinensische
Nationalbewegung gebildet hatte, hatte diese keinen
religiösen Charakter.
Um
sie zu bekämpfen, bestimmten die Briten eine religiöse
Persönlichkeit zur Führung der palästinensischen
Gemeinschaft in Palästina: Haj Amin Al-Husseini, den
Großmufti von Jerusalem, der sich schnell die Führung
des palästinensischen Kampfes gegen die zionistische
Einwanderung anmaßte. Er bemühte sich, der
palästinensisch-arabischen Rebellion einen religiösen
Charakter zu geben. Indem er die Zionisten anklagte auf
dem Tempelberg mit seinen islamischen Heiligtümern böse
Absichten zu hegen, versuchte er, die Muslime zu
überzeugen, die Palästinenser zu unterstützen.
Der
Mufti scheiterte vollkommen, und sein Fehlschlag
spielte bei der Katastrophe seines Volkes eine Rolle.
Die Palästinenser haben ihn aus ihrer Geschichte
ausgelöscht. In den 50ern verehrten sie Gamal Abd-al
Nasser, den Bannerträger des säkularen pan-arabischen
Nationalismus’. Später, als Yasser Arafat die moderne
palästinensische Nationalbewegung gründete, unterschied
dieser nicht zwischen Muslimen und Christen. Bis zu
seinem Ende bestand er auf der Befreiung der „Moscheen
und Kirchen“ in Jerusalem.
In
einem Stadium ihrer Entwicklung rief die PLO zur
Schaffung eines „demokratischen, säkularen Staates auf,
in dem Muslime, Juden und Christen zusammen leben
werden“.( Arafat liebte das Wort „säkular“ nicht,
sondern zog „la-malia“ vor, was „nicht-konfessionell“
bedeutet.
George Habash, der Führer der „arabischen Nationalisten“
und später der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“
ist Christ.
Die
Situation änderte sich mit dem Ausbruch der 1. Intifada
Ende 1987. Erst dann begannen die islamischen Bewegungen
Hamas und der islamische Jihad, den nationalen Kampf zu
übernehmen.
DER
ERSTAUNLICHE Sieg der israelischen Armee im 6-Tagekrieg,
der wie ein Wunder aussah// empfunden wurde, löste eine
tiefe politische und kulturelle Veränderung in Israel
aus. Als das Shofarhorn an der Klagemauer ertönte,
übernahm die religiöse Jugend, die bis dahin nur am
Rande dahinvegetierte, die Mitte der historischen Bühne
ein.
Plötzlich entdeckte man, dass das religiöse
Bildungssystem, das von Ben Gurion als politische
Bestechung - und im Gegensatz zu seiner eigenen
Überzeugung - eingeführt wurde, im Stillen ein
fanatisch religiöses Produkt geschaffen hat. Die
religiöse Jugendbewegung, die all die Jahre unter
Demütigung und Minderwertigkeitsgefühlen litt,
begeisterte sich, begann die Siedlungsbewegung und
führte die wichtigste nationale Leistung an: die
Annexion der besetzten Gebiete.
Die
jüdische Religion selbst machte eine Mutation durch.
Diese Mutante legte ihre universalen Werte beiseite und
wurde zu einem engstirnigen, militanten,
fremdenfeindlichen Stammesglauben, dem es um Eroberung
und ethnische Säuberung geht. Die religiösen Zionisten
der neuen Sorte sind davon überzeugt, dass sie den
Willen Gottes erfüllen und das Kommen des Messias
vorbereiten. Die „national-religiösen“
Kabinettsminister, die immer zum moderaten Flügel der
Regierung gehörten, machten einer neuen extremistischen
Führung Platz, mit Tendenzen von religiösem Faschismus.
Israel ist kein religiöser Staat geworden. Es hat noch
immer eine große säkulare Mehrheit. Nach dem
maßgeblichen Statistikbüro der Regierung definieren sich
nur 8% von Israels Juden als „orthodox“ (Haredim), 9%
als „religiös“ ( religiöse Zionisten), 45 als „säkular,
nicht religiös“ und 27 % als „säkular - traditionell“.
Doch
wegen ihrer Rolle im Siedlungsunternehmen haben die
Religiösen einen großen Einfluss auf den politischen
Prozess. Sie haben praktisch jede Bewegung in Richtung
Frieden mit den Palästinensern verhindert. Sie haben
auch die religiöse Reaktion auf der andern Seite
provoziert.
DER
PALÄSTINSISCHE Widerstand gegen die Besatzung, die
einen Höhepunkt während der 1. Intifada 1987 erreichte,
gab den religiösen Kräften einen großen Auftrieb. Bis
dahin waren sie imStillen gewachsen ( nicht ohne
Ermutigung durch die Besatzungskräfte, die in ihnen ein
Gegengewicht zur säkularen PLO sahen).
Die
1. Intifada führte zum Oslo-Abkommen und brachte Yasser
Arafat nach Palästina zurück. Aber die neue
palästinensische Behörde verfehlte ihr Ziel, der
Besatzung ein Ende zu machen und einen säkularen
palästinensischen Staat zu errichten. Als die Siedlungen
sich weiter über die Westbank und den Gazastreifen
ausdehnten, neigte die palästinensische Öffentlichkeit
immer mehr zu bewaffnetem Widerstand. Und in diesem
Kampf mit den für sie sehr begrenzt erreichbaren
Mitteln zeichneten sich die religiösen Gruppen aus. Für
eine religiöse Person ist es leichter, ihr Leben bei
einem Selbstmordangriff zu opfern als für den säkularen
Cousin.
Die
Wut der palästinensischen Öffentlichkeit über die
Korruption, die Teile der säkularen Fatahführung
infizierte (aber nicht den asketisch lebenden Yasser
Arafat, dessen Ruf sauber blieb) hat die Popularität der
religiösen, die als ehrlich gelten, nur gefördert.
SEIT
JAHREN werde ich wie von einem Alptraum verfolgt, der
israelisch-palästinensische Konflikt könnte sich aus
einer nationalen, zu einer religiösen Konfrontation
entwickeln.
Ein
nationaler Konflikt - so schrecklich er ist – ist
lösbar. Während der letzten beiden Jahrhunderte wurden
viele nationale Kriege geführt, und fast alle endeten
mit einem territorialen Kompromiss. Solche Konflikte
sind von Grund her logisch und können auf rationalem
Wege beendet werden.
Bei
religiösen Konflikten ist es anders. Wenn beide Seiten
an göttliche Gebote gebunden sind, dann wird es um
vieles schwieriger, einen Kompromiss zu erreichen.
Religiöse Juden glauben, dass Gott ihnen das ganze
heilige Land verheißen habe. Darum ist es eine nicht
vergebbare Sünde, einem Fremden d.h. Nichtjuden etwas
davon abzugeben. In den Augen muslimischer Gläubigen
ist das ganze Land aber Waqf (unter religiöser Obhut).
Und deshalb ist es absolut verboten, einen Teil davon an
Ungläubige zu geben . (Als der Kalif Omar vor ca. 1400
Jahren Palästina eroberte, erklärte er es zum Waqf. Der
Grund war ganz praktisch. Er wollte verhindern, dass
seine Generäle dieses Land unter sich teilten, wie sie
es wollten.)
Nebenbei gesagt: die evangelikalen christlichen
Fundamentalisten, die Washington zur Zeit beherrschen,
sehen das Heilige Land auch als religiösen Besitz, zu
dem die Juden zurückkehren müssen, um die Wiederkunft
Christi zu ermöglichen.
Ist
ein Kompromiss unter solchen Mächten möglich?
Sicherlich ja, aber es ist viel, viel schwerer. Einem
frommen Muslim ist es erlaubt, einen Waffenstillstand
über 100 Jahre und mehr auszurufen, ohne dass seine
Seele zur Hölle verurteilt wird.
Ariel Sharon, der mit der Evakuierung der Siedler
begann, sprach über „langfristige Abmachungen“. In der
Politik tendieren vorläufige Maßnahmen, dauerhaft zu
werden.
Hier
ist jedoch viel Weisheit nötig, Raffinesse,
Spitzfindigkeit und Geduld, um unter diesen
schwierigen Umständen eine Lösung zu erreichen.
An
dem Tag, an dem Arafat starb, waren mir viele Israelis
böse, weil ich (in einem Interview in Haaretz) sagte,
dass wir uns noch einmal nach diesem säkularen Führer
sehnen werden, der gleichzeitig bereit und fähig war,
mit uns Frieden zu schließen. Ich sagte, dass seine
Eliminierung das letzte Hindernis für einen Aufschwung
des islamischen Fundamentalismus’ in Palästina und der
ganzen arabischen Welt wegräumen werde.
Man
muss kein Prophet gewesen sein, um dies vorauszusehen.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser
autorisiert) |