|
„Aus dem Meer von Gaza trinken“
Uri Avnery, 5.6.04
Vielleicht hatte Abraham Lincoln
recht, als er sagte, man könne nicht alle Leute die ganze Zeit zum
Narren halten, aber viele Leute können sicher sehr lange Zeit
betrogen werden. Man schaue nur auf Ariel Sharon .
Von Anfang an war der „Abzugsplan“
ein Täuschungsmanöver. Aber die Welt lässt sich leicht täuschen.
Die Staatsmänner der Welt nehmen ihn ernst, in Israel verursacht er
Stürme, die Medien haben ihren Spaß daran. All dies wegen eines
Planes, der weder Hand noch Fuß hat.
Was ist also der Zweck dieses Lärms?
Zyniker mögen sagen: der Lärm als solcher! Er setzt Sharon in den
Mittelpunkt, wo er wie der Herr aller Ereignisse aussieht. Nun hat
die Aufregung einen Höhepunkt erreicht.
Der Hauptzweck des Manövers ist,
George Bush zu befriedigen. Der Präsident forderte einen Plan, der
zeigt, dass er etwas für den Frieden tut. Je mehr er in den
irakischen Sumpf gerät, um so mehr muss er beweisen, dass er etwas
in unserem Land tut, besonders nachdem sein letztes Baby – die
„Road Map“ – noch in der Wiege gestorben ist.
Bush verlangte, dass Sharon mit
einem Plan aufwarte. Kein Problem. Hokuspokus, hier ist ein Plan mit
einem vielversprechenden Namen: „Abzugsplan“ . Reden, Konferenzen,
ein Besuch im Weißen Haus, Austausch von Dokumenten, Staatsbesuche,
Botschafter, Mubarak, König Abdallah, Streitgespräche, Kompromisse
und endlich sogar eine ausgewachsene Kabinettskrise. All das für
einen Ballon mit heißer Luft.
Der Plan behauptet, drei Ziele zu
haben: Die Siedler aus Gaza herauszuholen, den Streifen einer
palästinensischen Behörde zu übergeben und die „Terrorinfrastruktur“
dort zu zerstören.
In dieser Woche bestimmte Sharon
selbst das erste Ziel in eindeutiger Weise: „ Ende 2005 soll kein
einziger Jude mehr im Gazastreifen sein.!“
Ein resolutes und kühnes Statement,
wie es sich für einen großen Führer gehört.
(Tatsächlich hat dieses Statement
einen leise antisemitischen Klang. Wenn die palästinensische
Regierung friedliche Juden einlädt, dort zu leben, warum sollten sie
es nicht? Wäre es deshalb nicht passender zu sagen: „Kein Siedler
wird im Gazastreifen bleiben!“ Aber lassen wir das!)
Die wichtigsten Worte dieses
Statements waren „Ende 2005“. Sie erinnern an den klassischen
jüdischen Witz über den polnischen Edelmann, der seinen Juden mit
dem Tode bedroht, wenn er seinem geliebten Pferd nicht das Lesen und
Schreiben beibringt. Der Jude bittet um drei Jahre Zeit, um diese
schwere Aufgabe zu erfüllen. Als seine Frau davon hört, jammert sie
: „Aber du weißt doch, dass man einem Pferd nicht Lesen und
Schreiben beibringen kann.“ Der Jude beruhigt sie: „Drei Jahre sind
eine lange Zeit. Bis dahin ist entweder das Pferd oder der Edelmann
gestorben.“
In unserm Land sind achtzehn Monate
eine halbe Ewigkeit. Nach einer Woche hat sich die Lage verändert.
Vor Ende 2005 mögen sich noch viele Dinge ereignen. Bush kann seine
Wahl verlieren, eine Katastrophe kann über den Irak kommen, in
unserm Land mögen die blutigen Ereignissen solche Ausmaße annehmen,
dass die Erinnerung an den „Plan“ längst gelöscht ist.
Die Ereignisse dieser Woche machen
klar, dass die Zeit die zentrale Rolle bei diesem „Plan“ spielt.
Tzipi Livni, die Ministerin für Immigration und Absorption
arbeitete hart daran, um einen Kompromiss zwischen Sharon und seinen
Opponenten herzustellen. Sie erfand das Ei des Columbus neu: die
Regierung wird offiziell den Plan annehmen, aber nicht die Erfüllung
des Planes. Neun Monate lang werden nur „Vorbereitungen“ gemacht.
Nicht eine einzige Siedlung wird aufgegeben. Danach wird die
Regierung entscheiden, ob überhaupt eine Siedlung aufgegeben werden
soll und wenn ja, welche. Die Gegner verlangten dann, dass die
Regierung weiter Geld auch in die Siedlungen pumpt, die
wahrscheinlich evakuiert werden sollen.
Die Tatsache, dass jeder diesen
Vorschlag ernst nimmt, spricht für sich selbst. Ein Plan, dessen
Erfüllung für nächstes Jahr gedacht ist, kann auch auf das nächste
Jahrhundert aufgeschoben werden.
Doch lasst uns den Plan auf seine
Werte hin prüfen, als ob Sharon tatsächlich beabsichtigte, ihn in
die Tat umzusetzen. Er evakuiert Siedlungen und zerstört sie, die
Armee verlässt den Gazastreifen, eine Art palästinensische
Verwaltung übernimmt ihn.
Wird dies Frieden bringen? Wird dies
die Attentate stoppen?
In der Praxis wird das nicht
geschehen.
Das von allen palästinensischen
Fraktionen festgehaltene Grundprinzip ist, dass die Westbank und der
Gazastreifen eine integrale territoriale Einheit bilden. Das wurde
ausdrücklich im Oslo-Abkommen und den folgenden Abkommen festgelegt.
Nach diesem Prinzip hat Yasser Arafat alle Vorschläge wie „Gaza
zuerst“ abgewiesen, bis sie wenigstens einen bedeutenden Teil der
Westbank (z.B. Jericho) einschlossen.
Sharon weiß das, und deshalb fügte
er seinem Plan noch einen Anhang bei: ein winziges Gebiet am
nördlichen Rand der Westbank will er auch evakuieren. Vier kleine
Siedlungen gibt es dort, und ihre Siedler wollen sie sehr gern
verlassen ( natürlich mit großzügigen Kompensationen). Kein
Palästinenser nimmt solch eine Evakuierung ernst.
Da besteht nicht die geringste
Chance, dass die Guerillakämpfer irgendeiner palästinensischen
Fraktion im „befreiten“ Gazastreifen ruhig zusehen werden, während
Sharon seine Pläne in der Westbank realisiert: die Annexion von 55%
der Westbank an Israel („Siedlungsblöcke“, „Wichtige
Sicherheitszonen“, „Gebiete von speziellem Interesse für Israel“,
wie die Militärplaner es nennen) und die Palästinenser in kleine
Enklaven pfercht. Diese Arbeit geht schon mit dem Bau der
monströsen Trennungsmauer schnell voran.
Der „befreite“ Gazastreifen wird
unweigerlich zu einer Basis des Befreiungskampfes der Westbank
werden. Die israelische Armee wird, wie gewöhnlich, mit all seiner
Macht reagieren: einfallen, töten, zerstören und ausreißen. Wenn
dies nichts hilft ( wie es bis jetzt nichts geholfen hat), wird
Sharon den Strom und das Wasser sperren und die
Nahrungsmittelzufuhr verhindern. Da der Streifen von der Welt
abgeschnitten wird, ist dies möglich. Aber so weit wird es nicht
kommen, weil die Welt beobachten wird, und die Amerikaner können
sich das nicht leisten.
Die militärischen Planer wissen dies
sehr genau. Sie haben neue Patentideen entwickelt: die Ägypter mit
einzubeziehen.
Ausgezeichnet – so scheint es
wenigstens. Das ägyptische Regime lebt von großzügigen
amerikanischen Almosen – Belohnungen für das Unterzeichnen des
Abkommens mit Israel. Der Kongress, der eifrig darum bemüht ist, die
Sharonregierung zufrieden zu stellen, drohte kürzlich die Zahlung
von 200 Millionen $ an Ägypten zu verzögern. Es ist deshalb für
Mubarak lebensnotwendig, den Amerikanern zu zeigen, dass er ein
Verbündeter Sharons ist.
Mubarak jedoch weiß, dass er auf
einem Seil balanciert. Ägyptens Verbindungen mit dem Gazastreifen
datieren mehr als 4000 Jahre zurück, und da gab es viele Höhen und
Tiefen. Die Ägypter regierten nach 1948 wieder über den Gazastreifen
und werden nicht gerne daran erinnert. Mehr als einmal versuchten
sie, das palästinensische Problem in den Griff zu bekommen und jedes
Mal endete es mit einer Demütigung. Präsident Gamal Abd-el-Nasser
schuf die PLO, um gegen Yasser Arafat zu arbeiten, doch innerhalb
weniger Jahre hat Arafat sie übernommen. Präsident Anwar Al-Sadat
versuchte, ein Schutzpatron der Palästinenser zu werden, um dann
nur von Menahem Begin beschämt zu werden.
Wenn die Ägypter nun den
Gazastreifen zu übernehmen versuchen und den palästinensischen Kampf
für die Freiheit der Westbank hintertreiben, werden sie als
Kollaborateure betrachtet werden und Attentaten ausgeliefert sein,
die sehr wohl nach Ägypten selbst hinüberschwappen können. Hamas hat
mächtige Verbündete dort, die nicht vor Gewalt zurückschrecken.
Mubarak wird sehr vorsichtig sein,
Verantwortung im Gazastreifen zu übernehmen , besonders wenn Arafat
nicht mit von der Partie ist. Er kennt sehr gut den Fluchausspruch,
der von Arafat gerne benützt wird: „Geh und trink aus dem Meer von
Gaza!“
Deshalb steht der ganze Plan Kopf –
er hat in der Realität keine Basis. Alles in allem ist er ein Rezept
für die Fortsetzung des Krieges in anderer Form.
Aber das ist kein Grund, um sich
Sorgen zu machen. Sharon meint es nicht ernst. Er ist sich sicher,
dass bevor die Zeit der Evakuierung einer einzigen Siedlung kommt,
entweder das Pferd stirbt oder der polnische Edelmann all dies
vergessen hat.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs,
vom Verfasser autorisiert) |