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Der
hilfsbereite Pfadfinder
Uri
Avnery, 21.7.04
„In einer dramatischen
Fernsehsendung ruft der russische Präsident Vladimir Putin die eine
Million russischer Emigranten in Israel auf, in Anbetracht der
wachsenden Gefahr für ihre Sicherheit sofort in ihre Heimat
zurückzukehren.“
Das geschah natürlich nicht.
Aber man kann sich leicht vorstellen, wie die Reaktion in Israel gewesen
wäre, wenn Putin tatsächlich solch einen Aufruf erlassen hätte . Oder
wenn der Präsident Frankreichs, Jacques Chirac, alle französisch
Sprechenden in Israel, die Hunderttausende von Immigranten aus
Frankreich und Nordafrika, aufgefordert hätte, nach Frankreich
umzuziehen, wo ihr Leben nicht von Selbstmordattentätern bedroht sei.
Die israelischen Medien wären
außer sich gewesen. Die Knesset hätte in einer Krisensitzung den
schmachvollen antisemitischen Ausbruch des Präsidenten von Russland
und / oder von Frankreich öffentlich angeprangert . Die Politiker hätten
sich gegenseitig mit Verurteilungen der unzulässigen Einmischung in
die internen Angelegenheiten Israels übertroffen. Das Amt des
Außenministeriums hätte die Rückkehr des israelischen Botschafters in
Moskau und/ oder Paris für „Konsultationen“ angeordnet.
Was aber tatsächlich geschah,
war genau das Gegenteil. Es war der israelische Ministerpräsident, der
die französischen Juden aufrief, ihre Heimat „so bald wie möglich“ zu
verlassen und hinsichtlich der - angeblichen – antisemitischen Welle in
Frankreich nach Israel zu kommen.
Die französische Regierung und
die Medien reagierten genau, wie ihr israelisches Gegenstück reagiert
hätte.
Jeder hundertste Franzose ist
jüdisch.
„Ein beklagenswertes
Missverständnis“, intonierte der offizielle französische
Regierungssprecher – was in nicht diplomatischer Sprache heißt: „Halt
den Mund, du Schuft!“
Weltweit versuchten
tiefschürfende Kommentatoren die verborgenen Motive Sharons zu
ergründen. War es eine verschleierte Warnung an Frankreich, bei der
UN-Vollversammlung nicht zugunsten des Urteils des Internationalen
Gerichtshofs zu stimmen ( Frankreich stimmte trotzdem für sie und zwang
ganz Europa, ihm zu folgen)? Tat er es Präsident Bush zuliebe, der
Chirac hasst?
Die Wahrheit ist viel einfacher.
Es ist unmöglich, Sharons Absicht zu erraten; denn er hat keine. Es war
eine irrelevante Rede vor einer irrelevanten Zuhörerschaft. Sharon
wollte etwas sagen, das ihm fünf Sekunden beim Fernsehen einbringt – und
die bekam er.
Jeder war befriedigt: die
TV-Stationen, der Ministerpräsident, seine Zuhörerschaft und die
allgemeine Öffentlichkeit. Jeder d.h. mit Ausnahme der Franzosen.
In Israel war es ein unwichtiges
Routinestatement. Die israelischen Führer rufen bei jeder sich bietenden
Gelegenheit jüdische Gemeinden auf, alles fallen zu lassen, und nach
Israel zu kommen. Wenn es nur irgendwo Anzeichen von Antisemitismus
gibt, ist dies eine automatische Reaktion.
Falls es ein Missverständnis
gibt, dann ist es gegenseitig. Man könnte es auch mit der augenblicklich
gängigen Phrase als einen „Zusammenprall der Zivilisationen“ bezeichnen:
der französisch-europäischen und der israelisch-zionistischen.
Nach französischer Sichtweise
sind französische Juden Franzosen. Die Republik gründet sich nicht auf
Religion oder Ethnien. Nach französischer Sichtweise ist jeder Bürger
ein Partner in der Republik und der französischen Kultur – ob Christ
oder Jude, Elsässer oder Bretone, Nordafrikaner oder Korse. Das ist die
Grundlage der Republik.
Und nun kommt ein
Ministerpräsident eines ausländischen Landes daher und hat die
Unverfrorenheit – um nicht Chutzpa (Frechheit) zu sagen – genau diese
Grundmauern der Republik zu attackieren und unter seine Bürger
Uneinigkeit zu säen. Das ist der schwerste Angriff auf Frankreich, sieht
man von einen direkten militärischen Angriff ab.
Nach israelischem Verständnis
sieht es ganz anders aus. Gemäß der offiziellen Doktrin ist Israel „der
Staat des jüdischen Volkes“. Das „jüdische Volk“ besteht aus allen
Juden weltweit, egal ob sie in Brooklyn, Barcelona oder Bratislava
leben.
Jedes Schulkind lernt, dass alle
Juden der Welt früher oder später nach Israel kommen werden. Es gibt
keine andere Wahl, da die Goyim ( Nicht-Juden) die Juden hassen, und
deshalb werden die Antisemiten in allen Ländern zu gegebener Zeit an
die Macht kommen. Israel existiert deshalb, um ihnen einen sicheren
Hafen anzubieten, wenn sie gezwungen werden zu fliehen, sobald das
Unvermeidliche eintritt.
Dies erklärt die ambivalente
Reaktion des israelischen Establishments auf jeden antisemitischen
Vorfall irgendwo. Die natürliche Reaktion ist natürlich Zorn und
Verurteilung. Aber es gibt auch noch eine andere Reaktion, eine
verborgene, die an eine Art Zufriedenheit grenzt: Haben wir es nicht
gesagt? Jetzt geschieht es. Wir hatten schon immer recht.
Beide Reaktionen führen zu dem
Ruf: Kommt, Brüder, bevor es zu spät ist! Dies erinnert an den Scherz
mit dem hilfsbereiten Pfadfinder, der eine alte Dame über die Straße
begleitet, ob sie will oder nicht.
Chirac ist also wütend, und
Sharon ist eigensinnig und wiederholt seinen Ruf – und in der Mitte
steht der arme französische Jude, der allein gelassen werden möchte.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
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