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Trauern
gehört zu Israel
Uri Avnery, 31.1.04
Es
gab zwei Zeremonien am selben Tag – doch was für ein Unterschied zwischen
ihnen!
Auf einer israelischen Luftwaffenbasis fand im Zusammenhang mit der
Heimkehr von drei gefallenen Soldaten eine Feier statt. Sie waren an der
libanesischen Grenze getötet worden und ihre Leichen wurden drei Jahre
lang von der Hisbollah („Partei Gottes“) festgehalten. Mit ihnen kam auch
ein ziemlich zweifelhafter israelischer Geschäftsmann, der in Beirut
verhaftet wurde, zurück. Als Gegenleistung entließ die Sharon-Regierung
429 Gefangene, Palästinenser, Libanesen und andere und gab die Leichen von
60 libanesischen Militanten zurück, die vorübergehend in Israel beerdigt
worden waren.
Die von Israel entlassenen libanesischen Gefangenen kamen am Flughafen
Beirut genau zum selben Zeitpunkt an wie die Leichen der drei Soldaten auf
der israelischen Luftbasis. Das Fernsehen schuf eine virtuelle Realität:
der Zuschauer konnte bei beiden Zeremonien gleichzeitig dabei sein. Mit
einer einfachen Bewegung des Fingers konnte der Zuschauer im Bruchteil von
Sekunden von Israel in den Libanon und zurück gelangen.
In
Israel wurde gesagt, der Deal sei nicht angemessen. Er werde zu weiterem
Kidnappen von Israelis ermuntern, um immer mehr Gefangene frei zu pressen.
Dies lasse das Prestige des Hisbollahführers Hassan Nasrallah himmelhoch
anwachsen. Sharon nützte dies aus, um die Aufmerksamkeit von der
Korruptionsaffäre, in die er und seine Söhne verwickelt sind, abzulenken.
Das stimmt alles - aber es fehlt ein wichtiger Gesichtspunkt.
Es
geht nicht nur um drei Leichen. Es geht weit über die verschiedenen
Umstände hinaus. Der große Unterschied zwischen beiden Zeremonien macht
das deutlich.
In
Beirut gab es überschwängliche Freude. Alle Honoratioren des libanesischen
Staates wie auch die Führer der Hisbollah – die offiziell von den USA als
Terrororganisation definiert wird - waren anwesend. Während eine
libanesische Kapelle Marschmusik spielte, umarmte und küsste jeder jeden.
Das Al Jazeera-Fernsehen übertrug diese Szene live zu Hundert Millionen
von Zuschauern in der ganzen arabischen Welt.
Die israelische Feier war völlig anders: ein Bild des Trauerns und der
Tränen. Den lebenden Gefangenen, der mit den Toten zurückkehrte, ließ man
verschwinden. Die drei einfachen Kisten (1) - mit der Nationalflagge
bedeckt - standen vorne. Ihnen gegenüber saß eine Reihe von
Persönlichkeiten mit von Trauer gezeichneten Gesichtern, die so dem Ritual
Würde verliehen.
Hinter ihnen saßen Hunderte von Politikern, Generäle und die Angehörigen
der trauernden Familien. Der Präsident von Israel, der Ministerpräsident,
der Verteidigungsminister und der Chef des Generalstabs hielten Reden, die
sich bemerkenswert ähnelten, als ob ein und dieselbe Person alle vier
geschrieben hätte. Sie sprachen von der „jüdischen Moral“ und der
„jüdischen Seele“. Sie deklamierten das alte Sprichwort: „Derjenige der
einen Juden rettet, wird wie jemand angesehen, als habe er die ganze Welt
gerettet“ - damit war der zurückgekehrte Geschäftsmann gemeint - („Ein
Jude“ nicht ein Mensch – trotz der Tatsache, dass einer der gefallenen
Soldaten kein Jude, sondern ein israelischer Araber war). Die gefallenen
Soldaten verteidigten unser Leben. Der grausame Feind droht, uns alle zu
vernichten.
Am
selben Morgen wurden bei einem Selbstmordanschlag mitten in Jerusalem zehn
Israelis getötet und etwa fünfzig verletzt – nicht weit von der
offiziellen Residenz des Ministerpräsidenten. Während des ganzen Tages
brachte das israelische Fernsehen die Bilder davon, zusammen mit dem
Gefangenenaustausch. Beides verschmolz zu einer einzigen Geschichte: die
Toten in Jerusalem und die Toten, die aus dem Libanon zurückkamen, das
Stöhnen der Verwundeten und die Tränen der trauernden Familien bei der
Ankunft ihrer einst so geliebten und nun toten Söhne.
Am
nächsten Morgen verkündete die Hauptschlagzeile in Yedioth Aharonot, der
bei weitem größten Tageszeitung in Israel, in großen Buchstaben: „Der Tag
der Tränen“. Ihr Konkurrent, Ma’ariv, in gleich großer Schlagzeile:
„Traurig und schmerzvoll“.
Die Botschaft war selbstverständlich: das jüdische Volk leidet. Aber das
jüdische Volk lebt. Sie versuchen, uns zu töten, aber wir machen weiter.
Wir sind ein moralisches Volk. Keiner ist so moralisch wie wir. Wir
erlösen unsere Brüder und Schwestern aus der Gefangenschaft – egal zu
welchem Preis ( 429 lebende Gefangene für drei Tote und einen Abenteurer).
Nach einem alten Sprichwort: „Das Volk von Israel ist für jeden einzelnen
verantwortlich“. So verhält sich ein seit langem leidendes Volk, das Volk
der Opfer.
Der Jerusalemer Anschlag erinnert uns wieder daran, dass der grausame
Feind uns vernichten will – und, so ist es immer gewesen. Er tötet uns,
weil wir Juden sind. (Die Armee verkündet, dass es absolut keine
Verbindung gibt zwischen dem Anschlag und der Tatsache, dass am Tag zuvor
die Armee in Gaza acht Palästinenser (2) getötet hätte, einschließlich
eines 11 jährigen Jungen und drei weiterer Zivilisten). Palästinenser
töten Juden, und da gibt es keinen Unterschied zwischen ihnen und den
Kreuzfahrern, die die Juden auf ihrem Weg ins Heilige Land schlachteten,
der spanischen Inquisition, den russischen Pogromen und dem Holocaust.
Wir sind die Opfer, wir sind die Opfer gewesen und werden immer die Opfer
sein.
Zyniker werden sagen, das ist nichts als Propaganda, dafür bestimmt,
Sharons Ziele zu fördern. Nicht die Palästinenser sind die Opfer, sondern
wir. Wenn wir Palästinenser töten, die monströse Mauer errichten, Häuser
demolieren, Olivenhaine zerstören – dann tun wir das nur zu unserem
Schutz; denn ein Volk von Opfern muss sich selbst gegen jene verteidigen,
die aufstehen, um es zu morden.
Dies ist tatsächlich Propaganda, hinter der aber ein reales,
psychologisches Bedürfnis versteckt ist. Die Rituale der Hinterbliebenen,
die Rituale der Trauer und das Gefühl, Opfer zu sein, worum sich so viel
im israelischem Leben dreht, sind tief in der nationalen Psyche
verwurzelt. Die Zeremonie auf der Luftwaffenbasis drückt dies sehr
lebendig aus. Sie vereinigt das „Volk in Israel“ und verbindet es wieder
mit der jüdischen Existenz aller Jahrhunderte.
Der Zionismus wollte all dem ein Ende setzen. Er wollte uns aus einem
passiven Volk in ein aktives Volk verwandeln, aus einem hilflosen,
leidenden Volk in ein Volk, das sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt.
Auf den ersten Blick scheint uns dies, gelungen zu sein. Wir haben einen
starken Staat aufgebaut, wir haben eine ungeheure Militärmacht, aber die
Wirklichkeit hat unser Bewusstsein nicht verändert. Es ist noch immer das
Bewusstsein des hilflosen, leidenden Volkes geblieben, das auf die Kosaken
wartet, die es jeden Augenblick überfallen wollen.
Psychologen können dies sicher erklären. Die Juden haben sich daran
gewöhnt, Opfer zu sein.
Diese Erkenntnis wird den Kindern in Israel mit unzähligen Methoden
eingeschärft, von den nationalen Feiertagen bis zu den Besuchen in
Auschwitz.
Eine bekannte Realität, selbst eine schlimme, verleiht einem ein Gefühl
der Orientierung. Man weiß, wo man ist, wer der Feind ist, wie man sich
verteidigen muss. Jede Versetzung von einer Realität in eine andere wirft
dieses Gefühl der Sicherheit um, es schafft ein Gefühl der Unsicherheit
und Ungewissheit. Man fühlt sich wie eine Person, die versehentlich ein
fremdes Land betritt, ohne Landkarten und Wegweiser. Eine erschreckende
Erfahrung.
Diejenigen in unserem Land, die über einen „jüdischen Staat“ reden – im
Gegensatz zu einem „israelischen Staat“ - meinen genau dies auch. Der
Kommandeur einer Panzerdivision enthüllt, dass er der Sohn von
Holocaustüberlebenden ist, macht aber mit der Unterdrückung (des
palästinensischen Volkes) weiter. Bei der Feier für die gefallenen
Soldaten sprechen Würdenträger von der „jüdischen Seele“ – und alle
fühlen, dass sie Mitglieder einer großen Familie sind, im Leiden und
Trauern vereinigt und so mit der früheren Generation verbunden.
Nonkonformisten mögen behaupten, dass wir schon vor langer Zeit zu einem
Volk von Besatzern geworden sind und dass die Bezeichnung „Volk der Opfer“
auf unsere Nachbarn übergegangen ist. Solche Rede empört die nationale
Psyche, sie regt sich auf und wird wütend. Sie verletzt das Gefühl der
Zusammengehörigkeit.
Es
gibt nur ein Volk der Opfer. Wenn jemand anders diese Dornenkrone für sich
beansprucht, dann müssen wir ihm eins überschlagen.
1
Das orthodoxe Judentum verbietet Särge.
2.
der Attentäter hinterließ einen Zettel mit der Bemerkung, dass er die
Opfer in Gaza rächen wolle
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
Alle deutschen Texte von
Avnery Uri
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