Die Toten unter uns
von Gideon Levy
Die Tage des Gedenkens liegen hinter uns. Nachdem der Toten
des Holocaust gedacht wurde und auch derer, die in Israels
Kriegen umgekommen waren, ist es nun an der Zeit, an die zu
denken, die die nächsten Opfer sein werden. Sie leben unter
uns. Das Schicksal der nächsten Opferrunde ist fast
besiegelt. Dies wird der letzte Sommer für die Frau mit der
Einkaufstasche sein, die den Bus besteigt oder für den
Soldaten an der Bushaltestelle, für den Teenager in der
Fußgängerzone, für den Großvater, der seine Enkel besuchen
will oder für den Fremdarbeiter im Zentralbahnhof.
Die Todesursache: Blindheit, Arroganz und Dummheit – trotz
der Geheimdienstleute, die in den vergangenen Wochen
wiederholt den Terror auf unsern Straßen vorausgesagt haben
und diesen als ein unvermeidliches Naturereignis sehen. Der
Terrorismus hat viele Monate lang nachgelassen. Mit der
Ausnahme des Angriffes auf den Stage-Club in Tel Aviv, ist
die Angst vor Selbstmordattentätern zurückgegangen. Unser
Leben kehrte zur Normalität zurück. Dieser grundsätzliche
Wandel ist nicht vom Himmel gefallen. Und diejenigen die
denken, er sei den Aktionen unserer Sicherheitskräfte zu
verdanken, irrt sich. Es war eine palästinensische
Entscheidung, die Feindseligkeiten zu beenden und Mahmood
Abbas (Abu Mazen) eine Chance zu geben. Die Ruhe hätte
ausgenützt werden können, um eine wirkliche Veränderung in
unserer Haltung gegenüber den Palästinensern zu schaffen.
Sie werden jetzt von der moderatesten Führung geleitet, die
sie je hatten. Das wäre die Gelegenheit, mit ihnen einen
fairen Dialog zu beginnen. Aber Israel hat sich entschieden,
von jedem Ausdruck guten Willens Abstand zu nehmen: keine
dezente Geste, keine ernsthafte Bemühung einer Annäherung.
Wie in der Vergangenheit wird die Ruhe als ein Zeichen von
Schwäche und des Sich-Ergebens gesehen, das uns ermöglicht,
unsern Weg ungehindert weiterzugehen. So wird über noch eine
verpasste Gelegenheit, die nach Beachtung schreit, in der
Geschichte des Konfliktes berichtet.
Die Ruhe herrscht jedoch nur auf der einen Seite der Grünen
Linie. Auch wenn Israel sich nicht darum kümmert, in den
Besetzten Gebieten hat sich fast nichts verändert, außer
dass einige Checkpoints weggeräumt worden waren. Da gibt es
wenig persönliche Sicherheit: auf der Straße spielende
Kinder riskieren ihr Leben; die IDF führen Tag und Nacht in
Städten und Dörfern Überfälle durch, suchen „gewünschte“
Männer und manchmal töten sie sie.
Gewaltfreien, friedlichen Demonstrationen gegen die Mauer/
den Zaun wird mit Gewalt begegnet; Soldaten reagieren
tödlich, als ob es keinen Waffenstillstand gäbe. Auch wenn
die ( tägliche) Zahl getöteter Palästinenser weniger
geworden ist, lauert um sie herum überall Gefahr. Die
Bewegungsfreiheit ist noch immer sehr eingeschränkt und die
Demütigung geht von einem Platz zum anderen, auch für die
Kranken und Alten, und ist unerträglich.
Die wirtschaftliche Situation hat sich auch kaum verbessert
– 34 % Arbeitslosigkeit auf der Westbank und 40% im
Gazastreifen, während sie in vielen Städten und Dörfern bei
70% liegt. Die Tore zur Beschäftigung in Israel sind
gesperrt, und es wurden keine neuen Arbeitsplätze während
der augenblicklichen Situation geschaffen. Etwa die Hälfte
aller Palästinenser – 47% - leben unter der Armutsgrenze.
Auf der andern Seite erfüllt Israel nicht die grundlegenden
Abmachungen: Die IDF hat nur zwei Städte verlassen, und was
noch wichtiger ist, fast keiner der Gefangenen wurde frei
gelassen. Es scheint, dass nur wenigen Leuten in Israel die
Bedeutung des Gefangenenproblems bewusst ist. Es gibt kein
Problem, das die palästinensische Gesellschaft mehr
beunruhigt. Und es könnte kein anderer Schritt eine größere
Veränderung der Atmosphäre mit sich bringen als eine massive
Entlassung von Gefangenen. Dieser Schritt würde auch dazu
dienen, die augenblickliche Führung zu stärken – etwas das
klar im Interesse Israels ist ( sein müsste? Üb.) Aber
Israel hat sich oberflächlich von seinen Verpflichtungen
gelöst und etwa 500 unwichtige Gefangene entlassen, die
sowieso bald entlassen worden wären und hat damit in den
Augen des Volkes Abu Mazens Stand nur geschadet.
Siedlungen und der Trennungszaun werden mit Volldampf
weitergebaut, als ob es keine Abkommen über das Einfrieren
von Siedlungen gegeben hätte. Jeden Tag verlieren mehr
Bauern ihr Land. Die Besatzung geht unverändert weiter. Und
im Lichte dessen, was berechtigterweise als Ohnmacht der
palästinensischen Behörde wahr genommen wird, gewinnt Hamas
an Stärke. Die Regierung Israels ist der beste Verbündete
von Hamas. Die Aktionen der Regierung drücken ein altes und
mieses Muster aus, das sich auf die arrogante Haltung
gründet, es gebe nur einen Spieler auf der Bühne, dem alles
erlaubt sei. Nur uns ist es erlaubt, uns zu bewaffnen und
uns für die nächste Runde vorzubereiten, uns ist es erlaubt,
die Waffenruhe zu brechen und Gewalt anzuwenden. Der
Gedanke, die Palästinenser hätten vielleicht auch das Recht,
sich und ihre Ehre zu verteidigen, ist ( für Israelis)
unbegreiflich. Dieselbe Art zu denken, steckt auch hinter
der Hoffnung, die die Unterstützer des Abzugs hegen. Ihr
Glaube, es sei ein dramatischer Wandel auf dem Wege,
ignoriert die Tatsache, dass das Leben der Palästinenser im
Zusammenhang mit dem Abzugsplan sich kaum verändert hat. Die
Bewohner des Gazastreifens leben in einem riesigen Gefängnis
weiterhin in Armut und die Bewohner der Westbank sehen
unterdessen nur noch Krane und Bulldozer auf ihr Land
kommen. Wenn man all dies in Betracht zieht, ist es klar,
dass die vorherrschende Ruhe nur eine Illusion ist. Man kann
damit rechnen, dass am Ende des Sommers, wenn der Abzugsplan
ausgeführt worden ist und die Besatzung in all ihrer
Grausamkeit weitergeht, unsere Straßen wieder unter Angriffe
geraten werden. Eine neue Generation ist in den besetzten
Gebieten herangewachsen, die extremer ist als die
vorangegangene. Während ihre Eltern, da sie in Israel
arbeiteten, alle Seiten der israelischen Gesellschaft kennen
gelernt haben, kennt diese Generation nur noch die
bewaffneten und gewalttätigen Israelis.
Die Schrift an jeder Wand schreit und warnt alle Toten, die
noch unter uns wandeln. Aber seltsamerweise tut keiner
etwas, um die nächste Gewalt- und Mordspirale aufzuhalten.
