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Gefangenenentlassung: Einer im Leichentuch – der andere auf Krücken
Gideon Levy, 30.11.07

 

Nach dem Abendzählappell gingen die Gefangenen schlafen. Um 2 Uhr nachts wachen sie in Panik auf, als etwa 100 bewaffnete Gefängniswärter von der Masada-Einheit und vom israelischen Gefängnisdienst in ihre Zelte einfielen. Schnell verwandelte sich die Szene in ein Schlachtfeld. Die Wärter schossen mit verschiedenen Waffen auf die Häftlinge; die Gefangnen wehrten sich und warfen mit Gemüse und andern Gegenständen.

 

Nach Zeugenaussagen mehrerer Gefangenen gegenüber dem Allgemeinen Komitee gegen Folter in Israel waren die Gefängniswärter äußerst brutal. Sie schossen auf die Insassen, schlugen sie mit Knüppeln, selbst als sie gefesselt auf dem boden lagen. Mehr als 400 Gefangene wurden in den kleinen Besucherraum gequetscht. Die Folge davon: ein Gefangener wurde  durch unbekannte Munition getötet – obwohl die Zeugen aussagten, er sei aus nächster Nähe in den Kopf geschossen worden – und eine große Anzahl von Gefangenen verletzt  worden.

 

Der Todesfall war Mohammed Ashkar, der zur Zeit seines Todes 29 war. Vor ein paar Monaten besuchten wir sein Haus in Saida, kurz nachdem sein älterer Bruder Loai aus demselben Gefängnis, Ketziot,  entlassen worden war. Loai ist halbseitig gelähmt infolge von Folterungen, denen er durch den Shin Bet-Sicherheitsdienst ausgesetzt war. In seinem Wohnzimmer sehen wir eine feine Zeichnung eines Gefangenen, der seinen Kopf zwischen seine Beine  klemmt – sein Bruder Mohammed hatte dies gezeichnet. Nun ist Mohammed tot.

In seinem Elternhaus, das gegenüber dem Friedhof liegt wird um den toten Mohammed und den verkrüppelten Loai getrauert. Das ist für die Familie Ashkar die „Gefangenenentlassung“: der eine im Leichentuch, der andere mit Krücken.

 

Was geschah in der Nacht zum 22. Oktober im Ketziot-Gefängnis? Loai hat sich von Gefangnen berichten lassen, die inzwischen entlassen worden waren und ihn zu Hause besuchten.

 

„Plötzlich  hörten wir um 2 Uhr in der Nacht Leute schreien und schießen. Wir gingen hinaus auf den Hof, um zu sehen, was los ist,“ sagte Omar Salah, „Jeder , der auf den Hof ging, wurde vom Zaun herüber beschossen. Dann öffneten die Wärter das Tor, gingen durch und schossen auf jeden, der ihnen in den Weg kam.“

Sie schossen mit Blendgranaten auf den Gefängnisflügel, sagte ein anderer Gefangener.“ Als sie uns sahen, sagten sie uns, wir sollten da hinein gehen. Wir weigerten uns , sie überfielen uns .. als sie uns beschossen, fingen wir an Gegenstände auf sie zu werfen. Sie schossen weiter und drängten uns in eine Ecke. Dann krochen wir auf dem boden entlang. Wir durften die Soldaten nicht ansehen, unsere Köpfe waren fast auf dem Boden.

„Dann wählten sie mehrfach  eine Gruppe von  10 Leuten aus und begannen sie mit dicken Knüppeln zu schlagen. Dann brachten sie uns zurück in den Gefängnisflügel. Als sie zu mir kamen, sagte ich, ich sei verletzt …sie nahmen mich beiseite und begannen mit  Knüppeln zu schlagen. Sie brachten mich in den Besucherflügel, wo die 400 Gefangnen  waren – wir saßen zwei stunden dort, bluteten … auf dem Weg zur Ambulanz schlugen sie noch mal – ja sogar in der Ambulanz.“

 

Nach Aussage der Gefangenen fingen die Zelte wohl als Folge des Beschusses durch die Wärter Feuer. Im kleinen überfüllten Besuchsraum wurde die Luft stickig, also zerbrachen die Insassen ein Fenster, damit sie wieder atmen konnten. „Als die Soldaten kamen, schossen sie einfach in den vollbesetzten Raum“, sagte Omar Salah.

 

Einer der Gefangnen beschrieb die Munition: „Aus einer Entfernung von 1 Meter schoss mir einer der Wärter, mit dem ich sprach, ins Bein. Seine Waffe sah wie ein Jagdgewehr aus. Ich sah das erste Mal solch eine Gewehrkugel: sie hat die Größe eines Eies und innen drin waren etwa 200 kleine stählerne Kügelchen … Ich wurde im Zelt gelassen, obwohl ich blutete  ….

 

Salah erklärte die Umstände von Mohammed Ashkars Tod: „Der Märtyrer rannte zu seinem Zelt. Die Soldaten betraten das Zelt . Mohammed stand innen am Eingang von Zelt Nr. 3. , der Soldat war nur einen Meter entfernt – dann schoss er und Mohammed fiel um  …“

Salit: „ Mohammed stand am Eingang und beobachtete, was vor sich ging. Ein maskierter Mann von den Sicherheitskräften kam. Er zielte mit seiner Pistole auf seinen Kopf. Moh. kollabierte. Die anderen Gefangenen schrien, dass man ihn ins Hospital bringen müsse. Man holte ihn erst dann, als die Zelte brannten.“

 ……

Am 21. Oktober kam vom Internationalen Roten Kreuz ein Telefonanruf: Mohammed  sei  im Gefängnis schwer verwundet worden und läge nun im Soroka Krankenhaus in Beer Sheva. Die Familie ging zum Rot-Kreuz-Büro in Tulkarem und versuchte einen Besuch bei ihm  zu organisieren. Mohammeds Vater und Bruder wurde der Besuch nicht erlaubt. Mohammed Mutter,  seine Frau Hijer und der  frühere Vorsteher des Gemeinderats fuhren mit einem Rot-Kreuz-Fahrzeug  nach Beer Sheva und kamen am Krankenhaus an, nachdem sie am Taibe-Checkpoint 2 Stunden aufgehalten worden waren.

 

Die Tür zu Mohammeds Krankenzimmer war  verschlossen; zwei Polizisten  hielten davor Wache. Jedem Verwandten wurden 5 Minuten für den Besuch zugestanden . Mohammeds Mutter ging zuerst hinein. Sie erzählte dann,  ihr Sohn sei bewusstlos  und  sei an lebenserhaltenden Apparaten angeschlossen. Sein Kopf und eine Hand waren verbunden und beide Hände und beide Füße waren in Handschellen. Hijer sagte, sie habe angefangen zu zittern und habe geschrieen: „Warum ist er in Handschellen? Glauben die denn wirklich, er würde aufstehen und sie angreifen?“

 ….

Eine Sprecherin des Krankenhauses sagte zu Haaretz: Der Verletzte kam in kritischem Zustand ins Krankenhaus. Nach Verordnungen des Sicherheitspersonals war er in Handschellen. Das medizinische Personal, das dem üblichen Prozedere folgte, bat darum die Handschellen zu entfernen. Bedauerlicherweise starb der Patient, bevor die Antwort vom Sicherheitspersonal eintraf. (Der Tod hatte nichts mit den Handschellen zu tun).

….

 

(Nicht übersetzt ist das Hickhack  um eine Autopsie, die die Familie verhindern wollte. Die Autopsie wurde trotzdem durchgeführt : Der Bericht schrieb u.a. von einer Verletzung, die von innen gekommen sei – „ an injury that came from within“   - und widersprach so den Zeugenaussagen, die das Schießen am Zelteingang mit erlebten….)

 

(Dt. und gekürzt: Ellen Rohlfs)

 


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