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Wo Hass und
Verzweiflung geschürt werden
Gideon Levy, Haaretz, 18.1.04
Alle Kontrollpunkte der IDF (Israelische
Verteidigungsarmee) in den besetzten Gebieten sind unmoralisch und
illegal. Deswegen müssen sie bedingungslos entfernt werden. Es gibt keine
Stelle, wo man ihren Sicherheitswert diskutieren kann. Selbst wenn es
jemandem gelingen würde, zu beweisen, dass es eine Verbindung gibt,
zwischen eingesperrten Bewohnern in ihren Dörfern und dem Verhindern von
Terroranschlägen in Israel – was sehr zweifelhaft ist – so würde das weder
so oder so keinen Unterschied machen. Ein Rechtsstaat erlässt keine
unmoralischen und unrechtmäßigen Maßnahmen, egal welchen Wert sie haben.
Genau so irrelevant ist die Diskussion über den
physischen Zustand, der an den Kontrollpunkten besteht. Sie sind
schändlich. Auch wenn man sie verbessert, ändert das nichts an ihrer
Legalität. Die einzige Frage ist: warum bestehen mitten in den besetzten
Gebieten Checkpoints? Mit welchem Recht? Nur um die Siedler zu befriedigen
und die Palästinenser zu schikanieren? Auch die Frage, ob die Befehle, die
die Soldaten an den Checkpoints erhalten, legal sind, ist irrelevant. Hat
der Soldat, der letzte Woche einen verletzten Jungen am Checkpoint bei
Beit Iba hat passieren lassen, aber die Durchfahrt eines Mannes mit einen
Bandscheibenvorfall verhinderte, legal gehandelt? Die Antwort ist
unwichtig. Die nackte Tatsache, dass er dort postiert ist und ihm die
Autorität gegeben wird, routinemäßig die Leute ihrer Grundrechte, sich
frei in ihrem eigenen Lande und ihrem eigenen Dorf zu bewegen, zu
berauben, ist unmoralisch. Deshalb ist die IDF-Initiative, arabisch
sprechende Soldaten an den Checkpoints einzusetzen, lächerlich. Jemanden
auf Arabisch seiner Rechte zu berauben, ist kaum gerechter.
Ein Staat, der sich selbst als Demokratie und
Rechtsstaat definiert, sperrt nicht 3,5 Millionen Menschen in ihren
Dörfern und Städten ein, schneidet ihr Land in kleine Streifen und erklärt
die Straßen, nur für den Gebrauch von Juden. Die Illegalität der
Checkpoints genügt noch nicht, um sie aufzulösen. Die einzige Diskussion,
die man gelegentlich hört, beschäftigt sich damit, ob sie genügend
Sicherheit bringen und ob man das Benehmen der Soldaten verbessern
könnte.
Ein besonderes Komitee das vor kurzem vom
Regierungskoordinator für die Aktivitäten in den (besetzten) Gebieten,
gebildet wurde, prüfte die Tätigkeit an vier verschiednen IDF-Checkpoints.
Solch ein Komitee ist nicht nötig. Was nötig ist, ist das Auflösen der
Checkpoints. Eine andere Initiative durch das Meretz-Knessetmitglied (KM)
Roman Bronfman, die letzte Woche eine Gruppe von MKs zusammengerufen
hatte, um Checkpoints zu besuchen und das Geschehen dort zu überwachen,
ist lobenswert. Wie der Artikel in Haaretz vom früheren Bürgermeister (von
Tel Aviv und Generalmajor i.R). Shlomo Lahat beschrieb, was er an den
Checkpoints sah, so wird die neue parlamentarische Initiative in der Lage
sein, Interesse für das zu wecken, was dort geschieht. Die MKs werden mit
eigenen Augen sehen und werden der Öffentlichkeit über das Benehmen der
Soldaten berichten: über Frauen in Wehen, die man endlos warten lässt;
Frauen, die gezwungen werden, Soldaten zu sagen, dass sie bluten, dass
sich ihr Herz erweicht, und vom Jungen, der versucht, einen Soldaten zu
überzeugen, ihn passieren zu lassen, damit er seinen Großvater besuchen
kann. Diese willkommene Initiative sollte sich aber nicht mit
Verbesserungen der Bedingungen an den Checkpoints befassen, sie sollte
sich damit befassen, wie man sie alle mit einander auflöst.
Seit Beginn der Besatzung sind die Palästinenser
keinen härteren Verordnungen unterworfen worden, als denen, die sie ihrer
Bewegungsfreiheit berauben. Die Dutzenden von internen Checkpoints in der
Westbank und im Gazastreifen haben sich um Hunderte anderer Hindernisse
vermehrt, Betonblöcke, Erdwälle, geschlossene Eisentore, Zäune, Mauern,
plötzliche Straßensperren, Gräben und Gruben – ein ganzes Aufgebot von
Gefängnismethoden. Es gibt kein anderes Volk auf der Welt, das seit Jahren
so wie die Palästinenser durch uns eingesperrt worden ist. Doch der größte
Teil der Israelis hat keine Ahnung über das Ausmaß der Einkerkerung (incarceration!)
Die auf der Grünen Linie liegenden Checkpoints, die legal sind, weil sie
auf der Grenze liegen und die Tore zu unserem Land sind, führen zu
Verwechslung mit den internen Checkpoints, die die Mehrheit bilden, und
die keinen anderen Zweck haben, als das Leben der palästinensischen.
Bevölkerung miserabel zu machen. Diese beiden Arten von Checkpoints helfen
die Dimensionen der Bosheit zu verwischen. Weit außer Sichtweite wird an
Checkpoints tief innerhalb der Westbank und im Gazastreifen ein ganzes
Volk routinemäßig der Demütigung unterworfen. Dies hat nichts mit
Sicherheit zu tun -- oder vielleicht doch; denn die Checkpoints sind die
weiten Brutstätten für Terrorismus. Hier wird der Hass und die
Verzweiflung geschürt. „“Humanitäre Offiziere an den Checkpoints?“ Das ist
eine Phrase, die genau so ein unannehmbarer Widerspruch in sich ist wie
„aufgeklärte, (menschenwürdige) Besatzung“.
Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet,
tagein, tagaus zwischen Ramat Hascharon und Tel Aviv durch einen
Kontrollpunkt mit ausländischen Soldaten, die einen demütigen, zu gehen;
und in einer langen Reihe mit der Chance zu stehen, dass man beschämend
dorthin zurückgeschickt wird, von wo man gekommen ist. Bei solch einem
Schauspiel würde auch der humanitärste Soldat eine ausgesprochen
unmenschliche Rolle spielen.
Eines Tages werden wir die Fragen beantworten müssen,
die jetzt noch nicht auf der öffentlichen Tagesordnung stehen: wer gab uns
das Recht, das Schicksal eines anderen Volkes zu kontrollieren? Mit
welchem Recht haben wir jahrelang Millionen Menschen wie in einem
Gefängnis gefangen gehalten? Wenn das geschieht, was geschieht, wird die
Frage, ob der Soldat der in Wehen befindlichen Frau den Durchgang erlaubt
oder ob er arabisch spricht, zweitrangig.
(Aus dem Englischen:
Ellen Rohlfs) |