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Nicht ohne meine Tochter
Gideon Levy, 11.5.06
Wir trafen uns das erste Mal im
Winter 1998 in Bethlehem. Damals
war Etaf Alyam aus der
Administrativhaft entlassen
worden, nachdem sie eine
10jährige Gefängnisstrafe ( für
eine in einem Auto angebrachte
Sprengladung ) abgesessen hatte.
Sie war die lokale Heldin: ihr
40-tägiger Hungerstreik im
Gefängnis aus Protest gegen ihre
Verhaftung ohne Gerichtsurteil
entzündete damals in der ganzen
Westbank Proteste. Verschleiert
und mit persönlicher
Ausstrahlung erzählt sie, die
zur palästinensischen „Johanna
von Orleans“ ernannt wurde, ihre
Geschichte.
Sie war in ihrer Jugend Kommunistin
und eine Islamische
Jihadaktivistin, als sie älter
wurde. Ihr Bruder war 1976 von
Soldaten zu Tode geschlagen
worden. Ihr Onkel war 1948
erschossen worden und starb in
den Armen ihres Vaters im Dorf
Hulda, aus dem die Familie
vertrieben wurde.. In ihrem
schnellen und verdrehten
Hebräisch erzählte sie mir mit
schwacher Stimme durch den
Schleier von ihrem Mann - dem
israelischen Gefangenen Hafez
Kundus aus Jaffa, der verurteilt
worden war, einen Araber aus
Jaffa ermordet zu haben, weil er
Land an Juden verkauft hatte,
das dem Waqf (Muslimischer
Besitz) gehörte.
Alyan und Kundus trafen sich nur
zweimal in ihrem Leben: einmal
bei ihrer Hochzeit, die hinter
Gerichtsschranken stattfand und
ein zweites Mal, als er vom
Gefängnis in Beer Sheva gebracht
wurde, um sie von ihrem
Hungerstreik abzubringen. ...
Danach trafen wir uns bei mehreren
anderen Gelegenheiten. Einmal
im gut geführten Kindergarten,
den sie im Hof ihres Hauses in
Bethlehem aufgebaut hatte.
Einmal bei einer von ihr
organisierten Ausstellung von
Arbeiten von Gefangenen. Sie
sagt oft „Mit Gottes Hilfe“ und
„Gott sei Dank!“ und sie
versprach mir lachend, den
Schleier wegzunehmen, wenn ich
sie nach Tel Aviv mitnehmen
würde.
Jahre vergingen. In dieser Woche saß
ich im Büro ihres 2. Mannes,
Walid Hodali, der nach 12 Jahren
aus einem israelischen Gefängnis
entlassen wurde. Ein anderer
Gefangene hatte mit Briefen ins
Gefängnis die Verbindung
hergestellt. Vor zwei ein halb
Jahren heirateten sie und vor
anderthalb Jahren, als Alyan 41
war, wurde ihre Tochter geboren.
Nun ist Alyan wieder im
Gefängnis, noch einmal
Verwaltungshaft (ohne
Gerichtsurteil,) die schon zum
2. Mal verlängert wurde. Dieses
Mal nach noch einem Hungerstreik
von 16 Tagen wurde ihr das Baby
gebracht.
Hodali hat drei Kinder aus einer
früheren Verbindung, die er
nicht sehen darf, und nun eine
Frau und Tochter im Gefängnis,
die er auch nicht sehen darf.
Nur das Photo mit der 20 Monate
alten Ayesha auf dem Computer
bleibt ihm.
Hodali sagt, dass sie am Abend ihrer
Hochzeit sich einander
versprochen haben, in keiner
Organisation mehr zu arbeiten,
weder bei Jihad noch bei den
Islamischen, um nicht noch
einmal ihre Freiheit in Gefahr
zu bringen. Er arbeitet morgens
in den Wasserwerken in Ramallah
und nachmittags in den Büros der
Beit al-Maqdes, einer
Literaturvereinigung, die mit
der Bir Zeit Universität
verbunden ist. Hoch oben in
einem modernen Bürogebäude
mitten in Ramallah
veröffentlicht diese Vereinigung
Dutzende von reizvoll
gestalteten Büchern für Kinder
und Erwachsene. Jetzt arbeitet
man an einer Übersetzung von
„Die Herren des Landes: die
Siedler und der Staat Israel“
von Idith Zertal und Akiva
Eldar.
Hodali, selbst ein Autor, hat schon 7
Bücher veröffentlicht,
hauptsächlich über sein
Gefängnisleben. Sein
augenblickliches Projekt ist ein
Buch mit Kurzgeschichten, das er
im Namen seiner Tochter Ayesha
schreibt. Eine, wie man sich
fühlt, wenn die Mutter verhaftet
wird; die zweite, wie es ist,
wenn man seine Mutter nur durch
ein dickes Glas im Gefängnis
sieht; die dritte über Mama,
deren Haft zum dritten Mal
verlängert wird. Alles durch die
Augen der kleinen Beobachterin.
„Ich möchte fragen: was ist das
für ein Haus ohne Mutter?“
So schreibt Hodali. Es sind keine
politischen Geschichten.
....
Walid verbrachte die Jahre von 1990 –
2002 in einem israelischen
Gefängnis. Er ist 46 Jahre alt,
wurde im Flüchtlingslager
Jalazoun außerhalb von Ramallah
geboren. Er studierte Mathematik
in Ramallah. Im Gefängnis
studierte er noch arabische
Literatur. Auch dort schrieb er
Bücher.
Sein 14 jähriger Sohn starb an einer
Krankheit, während er im
Gefängnis war. Er durfte nicht
zur Beerdigung. Die drei andern
Kinder leben mit der Mutter in
Jordanien und sie dürfen die
besetzten Gebiete nicht
betreten. Und er darf sie nicht
besuchen – es sei denn, er
verspricht, nicht wieder zurück
zu kommen. Nun bleiben nur noch
das Telefon und das Internet. Er
hat seine Kinder seit 6 Jahren
nicht mehr gesehen – seit ihrem
einzigen Besuch im Gefängnis in
Ashkalon. Zunächst war er mit
der Fatah verbunden und später
mit der Islamischen Bewegung.
Heute gehört er keiner
Organisation an. Am Morgen
befasst er sich mit Wasser – am
Nachmittag mit Literatur. „Man
kann für sein Volk auch ohne
Risiko arbeiten,“ sagt er
Alyans Ruf verbreitete sich in der
Westbank und erreichte auch ihn.
Ein freundlicher und scheuer
Mann, der etwas verlegen
lächelt, als er über die
Umstände der 1.Verabredung mit
ihr als einer Unbekannten
gefragt wurde. Ganz unbekannt
waren sie sich nicht: Etaf hatte
ihn im Fernsehen gesehen und er
hatte sie auch im Fernsehen
gesehen - mit Schleier. Ein
gemeinsamer Freund und
Gefangener brachte sie zu
einander. Er dachte, das wäre
ein gutes Gespann. Er
vermittelte die Briefe – und der
Rest ist schon fast Geschichte.
Walid telefonierte ein paar Mal mit
Etaf. Sie hatten drei oder vier
Gespräche und verliebten sich.
Danach wurde sie noch einmal
für ein Jahr verhaftet – die
Liebe musste warten. Als sie
entlassen wurde, gratulierte er
ihr. Dann nahm er allen Mut
zusammen und fuhr zu ihrem Haus
und bat um ihre Hand. Alyan
hatte sich zwei Jahre zuvor von
Hafez Kundus getrennt und Walid
behauptet, sie seien doch nur
verlobt und nicht verheiratet
gewesen.
Die Familie war mit damit
einverstanden. Zwei Tage später
heirateten sie und lebten dann
zusammen in seiner Wohnung in
Ramallah. Alyan eröffnete im
Stadtzentrum ein Internet Cafe
nur für Frauen. Sie ist noch
immer verschleiert, obwohl ihr
Mann dagegen ist. Seiner Meinung
nach würde es genügen es, wenn
eine muslimische Frau ihr Haar
und ihren Nacken bedeckt, aber
Walid respektiert die
Entscheidung seiner Frau. Sie
sagt: „ Ich mochte den Schleier
seit meinem 18. Lebensjahr, aber
ich konnte ihn nicht tragen.
Weil es in Bethlehem seltsam
gewesen wäre, religiöse Kleidung
zu tagen. Leute hätten gefragt,
warum ziehst du dich so an. Ich
wollte nicht um etwas vor der
Zeit kämpfen. Ich konnte zwar
keinen Schleier tragen, aber es
war in meinem Herzen. Und als
ich spürte, nun ist die Zeit da,
dann trug ich ihn. Das war im
Gefängnis, etwa 1989 oder 1990
und seitdem trag ich ihn.
Am 29. September 2005 etwa ein Jahr
nach ihrer Hochzeit wurde Ayesha
geboren. Ihr Vater sagt, dass
sich nun sein Leben geteilt habe
in das, was vor dem 29.September
war und was danach geschah,
genau wie in Amerika das Leben
geteilt wurde in das, was vor
dem 11.9. war und was danach.
Alyan nahm ihre kleine Tochter
jeden Tag mit zur Arbeit;
gelegentlich zieht sie den
Schleier ihrer Mutter für einen
Augenblick beiseite . Er war ein
Autor, sie eine Besitzerin eines
Cafes. Ayesha wurde geboren. Das
Leben war für einen Augenblick
freundlich – aber nur für einen
Augenblick.
In der Nacht zum 12. Dezember 2005
umgeben Soldaten ihr Haus.
Hodali glaubte, die Haustür
würde aus den Angeln reißen, so
sehr bearbeiteten die Soldaten
die Tür. Er war überzeugt, dass
sie kamen, um ihn zu holen. Er
sagte, jeder, der einmal viele
Jahre im Gefängnis war, hat
Alpträume, dass sich das
wiederholen könnte. Beide hatten
Angst davor. Dann betraten
Dutzende von männlichen und
weiblichen Soldaten das Haus.
Als Hodali die Soldatinnen sah,
war ihm klar, dass sie kamen, um
sie zu verhaften und nicht ihn.
„Wir machten immer ein wenig
Spaß: sollten sie ihn verhaften,
würden sie den Soldaten sagen,
dass er keine Verbindung zu
irgendwas oder wen hätte und sie
sollten doch sie mitnehmen. Aber
als es wirklich geschah, betete
ich darum, sie sollten mich
verhaften – nur nicht sie.“
Ayesha wachte aus ihrem schlaf auf.
Ihre Mutter gab ihr einen Kuss
und brach in Tränen aus. Alyan
bestand darauf, sie mitzunehmen,
das Gesetz würde es erlauben.
Aber die Soldaten lehnten es ab.
So wurde das Baby von der Mutter
gerissen. Am nächsten Tag kamen
die Nachbarn und boten sich an,
das Kind zu versorgen. Aber
Hodali bestand darauf, es allein
zu versorgen. Während der
nächsten Monate hing Ayesha an
ihrem Vater – ob er im
Wasserwerk war oder ob er sich
mit Literatur befasste. Im
Gefängnis begann Alyan einen
Hungerstreik. Sie verlangte,
dass man ihr die Tochter
brachte. Nach 16 Tagen gaben die
Gefängnisbehörden vom Neve
Tirza-Gefängnis nach und Alyans
Anwältin brachte Ayesha ins
Gefängnis. Hodali sagte, es wäre
ihm lieber gewesen, sie wäre bei
ihm geblieben, „aber ich konnte
ihr gegenüber nicht nein sagen.
Hätte ich nach 16 Tagen
Hungerstreik nein sagen können?“
Alyan ist nun mit Ayesha in meiste
Zeit in ihrer Gefängniszelle.
Eine gute Zeit. In der
Nachbarzelle ist eine andere
palästinensische Mutter mit
ihrem Baby. Letzte Woche wurde
noch ein Baby von einer
Gefangenen im Krankenhaus
geboren – die Mutter mit Fesseln
an Händen und Füßen. Hodali hat
versucht seiner Tochter CD zu
senden; aber die
Gefängnisbehörde hat es nicht
erlaubt. Nur der Anwältin ist es
erlaubt, Alyan zu besuchen. Sie
war zu sechs Monaten
Verwaltungshaft verurteilt
worden, die zunächst auf vier
Monate verkürzt wurde, dann
wieder auf sechs Monate
verlängert, dann noch mal auf
vier Monate verkürzt wurde.
Alles ohne eine
Gerichtsverhandlung, ohne
Anklage ohne irgend einen
Hinweis über die Art der Klage
gegen die junge Mutter.
„ aWarum hat man sie verhaftet?“
fragte ich Hodali, der sagte:
„Sie müssen irgendeinen geheimen
Bericht haben, der sich auf
Aussagen einen Kollaborateur
gründet, der Geld für
Informationen über Leute
bekommen hat. Ich bin sicher,
dass sie nichts vor mir
versteckt und dass sie in keine
verbotene Aktivität verwickelt
war. Aber es ist leicht Etaf
fälschlicherweise wegen ihrer
Vergangenheit anzuklagen.“
Ayesha lächelt auch vom Bücherschrank
in Hodalis Büro. Als sie vor ein
paar Wochen Alyan ins
Ofer-Gefängnis brachten – nur
3km von hier entfernt – um über
eine verlängerte Verwaltungshaft
zu diskutieren, ist er fast
verrückt geworden: „Nur drei km
von hier entfernt – und ich kann
weder meine Tochter noch meine
Frau sehen.“ Telefongespräche
kommen natürlich nicht in Frage.
„Ich kann nicht verstehen, wie meine
Tochter es jetzt im Gefängnis
aushält,“ sagt Hodali.
Wie sie ohne Garten träumen kann und
wie sie beim Schrei „Abzählen!
Abzählen!“ aufwacht und sich
dann in Einzelhaft befindet .
Ich weiß nicht, wie sie damit
fertig wird.“
Alyan und Ayesha sollen in drei
Monaten und einer Woche
entlassen werden, falls die
Verwaltungshaft nicht noch mal
verlängert wird. Walid Hodali
zählt die Tage.
(dt. Ellen Rohlfs)
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