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Der größte Siedler
Gideon Levy, 7.1.07
Unter den vielen
Nachrufen, die von verschiedenen Gruppen nach dem Tod Teddy Kolleks
veröffentlicht wurden, fehlte auffallend der Nachruf einer Gruppe: des Rates
der jüdischen Siedlungen von Samaria und Judäa(Yesha). Es ist schon recht
schwierig, diese Undankbarkeit der Siedler gegenüber der Person zu
verstehen, die annähernd 200 000 Juden in die besetzten Gebiete gebracht hat
– mehr als jede andere Person. Das Siedlungsunternehmen schuldet gerade
Teddy Kollek großen historischen Dank. Weder Rabbi Mosche Levinger noch
Hanan Porat oder Aharon Domb oder Zeev Zambish Hever sind für das Ansiedeln
so vieler Israelis jenseits der grünen Linie so verantwortlich wie Teddy
Kollek, der aufgeklärte Wiener Liberale.
Dass in den Lobreden für
den früheren Jerusalemer Bürgermeister dieses Detail ausgelassen wurde und
dass Yesha den Hauptsiedler nicht „in die Arme schloss“, war kein Zufall.
Die israelische Gesellschaft hat verschiedene, seltsame Regeln angenommen,
um das Siedlungsunternehmen zu beschönigen. Die Besiedlung der besetzten
Gebiete in Jerusalem wurde nie als „hitnahalut“ angesehen (ein Terminus für
jüdische Besiedlung in den besetzten Gebieten). Und die riesigen Stadtteile
der Hauptstadt, die während Teddys Amtszeit gebaut wurden und sich weit auf
palästinensisches Gebiet erstrecken, wurden niemals als ein kontroverses
Problem angesehen.
Dass fast niemand in der
Welt dieses Unternehmen und die dadurch neu geschaffenen Grenzen anerkennt,
ändert nichts an der Tatsache: in unsern Augen, aber nur in unsern Augen,
ist nicht jede Siedlung dieselbe, und jede Siedlung hat ihren eigenen
moralischen Kodex. Aber das ist ein Spiel, das wir mit uns selbst spielen.
Jedes Haus, das jenseits der grünen Linie gebaut wurde – ob in Yitzhar oder
Itamar auf der Westbank, oder in Nov auf dem Golan oder auf dem French Hill
in Jerusalem wurde auf besetztem Land gebaut, und alles Bauen auf besetztem
Land ist eine Verletzung des Völkerrechts. Besetzung ist Besetzung. Nicht
alles ist legal, auch wenn es im israelischen Gesetz verankert ist wie im
Falle der Golanhöhen und in Jerusalem.
Die Israelis erfinden
für sich selbst Patente, aber diese raffinierte semantische Wortwäsche
besteht den juristischen und ethischen Test nicht. Der Stadtteil Ramot ist
eine Siedlung. Zwischen dem Stadtteil Pisgat Zeev und der Siedlung Givat
Zeev gibt es keinen Unterschied. Diese künstliche Unterscheidung endet nicht
mit der Region um Jerusalem. In der Westbank unterscheidet man auch zwischen
Siedlungen und „illegalen Außenposten“, noch einer virtuosen aber
unbegründeten Übung in Semantik in Bezug auf ein Unternehmen, das ganz und
gar illegal ist. Es gibt auch keine Siedlungen im besetzten Jordantal
(hitnahaluyot), sondern Yishuvim, einem generellen Wort für Siedlungen, die
nichts mit den Grenzen von 1967 zu tun haben. Die Bewohner der
Jordantal-Siedlungen haben nie ein schlechtes Gewissen gehabt. Warum auch?
So war es damals von der Laborregierung entschieden worden, als die
Moschavim und Kibbuzim – nicht etwa „Siedlungen“ - im Jordantal errichtet
wurden.
Machte dies aus der
Perspektive des Völkerrechts einen Unterschied? Sicherlich nicht. Wurden die
Moshavim im Jordantal nicht auf Land erbaut, deren Bewohner enterbt wurden.
Haben sie nicht die dort lebenden Bewohner verdrängt/ zerdrückt?
Was die Golanhöhen
betreffen, so kommen wir auf eine andere Ebene des Wortspiels. Da gibt es
überhaupt keine hitnahaluyot. Warum? Weil wir es so entschieden haben. Dort
gibt es Städte, Kibbutzim und Moshavim genau wie im Jezreel-Tal. Aber kein
Wortspiel oder Knessetgesetz kann die eindeutige Tatsache ändern, dass die
Golanhöhen besetztes syrisches Land und all sein Bewohner Siedler sind und
dass das Völkerrecht sie als Kriminelle betrachtet.
Dieses Phänomen erreicht
mit Jerusalem seinen Höhepunkt. Es feiert in diesem Jahr sein 40 jähriges
Jubiläum der „Vereinigung“. Dieser Akt der Vereinigung war ein Akt der
Besatzung; dass eine charmante und charismatische Persönlichkeit wie Kollek
damals Bürgermeister war, ändert nichts an der Tatsache. Kollek zerstörte
einen Stadtteil in der Altstadt und baute neue Stadtteile auf
palästinensischem Land „nur für Juden“ – das ist Apartheid in schlimmster
Form. An all das sollte auch gedacht werden, wenn man an Kolleks Verdienste
erinnerte.
Der Jerusalemer
Bürgermeister Kollek hinterließ eine geteilte und verwundete Stadt, trotz
und wegen seiner enormen Entwicklung, voller Sprengstoff, der sich vor
unsern Augen entlädt. Tatsächlich war die Stadt nie vereinigt. Wie jede
Stadt von Kolonialherren, gab es für die einheimische Bevölkerung einen
dunklen Hinterhof. Bis zum heutigen Tag gehen Israelis nicht in
palästinensische Stadtteile und umgekehrt. Die Stadt bleibt geteilt – trotz
all der hochtrabenden Worte über die Vereinigung der Stadt für alle
Ewigkeit. Was die Gleichheit betrifft, so kann man darüber natürlich nichts
sagen. Es genügt, zum Shufat-Flüchtlingslager oder nach Sheikh Jarrah zu
fahren, um den enormen Unterschied zu bemerken, wie die östlichen und die
westlichen Teile der Stadt versorgt werden. Gesellschaftliche
Vernachlässigung, Abfallhaufen, keine Spielplätze oder Gemeindezentren,
keine Fußgängerwege, keine Straßenbeleuchtung: Gaza in Jerusalem. Alles auf
Grund einer scheußlichen ethnischen Diskriminierung. Dies fing nicht erst
mit Ehud Olmert oder mit Uri Lupolianski an. Das begann mit dem gerissenen
Kollek. Eine Stadt, deren palästinensischer Teil mit der Stärke von Waffen
regiert wird, mit wechselnden Kontrollpunkten und hunderter gewalttätiger
Grenzpolizisten, die routinemäßig die Straßen patrouillieren, und deren
Bewohner Verbote hinnehmen müssen, die ihre fundamentalen Freiheiten
verletzen, ist keine „vereinigte Stadt“. Teddy Kollek ist dafür
verantwortlich.
Die Geschichte der
Besatzung, die schon doppelt solange dauert wie die Zeit, als der Staat noch
ohne sie existierte, ist voller „Männer des Friedens“ von der „Linken“, die
für diese Ungerechtigkeit verantwortlich sind. Was würde das
Siedlungsunternehmen ohne Yigal Allon und Moshe Dayan, ohne Golda Meir und
Yisrael Galili sein - und natürlich ohne Shimon Peres? Kollek muss ihnen nun
etwas verspätet hinzugefügt werden. Er brachte die weite Welt nach
Jerusalem, aber nur in seinen jüdischen Teil.
Er liebte seine Stadt
sehr, baute und entwickelte sie in eindrucksvoller Weise, aber auf dem
unterdrückten Rücken der einen Hälfte seiner Bewohner.
Moshe Amirav schrieb am
Donnerstag in seinem Artikel („Teilung, wo Vereinigung misslang“), dass
Kollek ihm in seinen letzten Jahren sagte:“ Es war uns nicht gelungen, die
Stadt zu vereinigen. Sag Ehud Barak, dass ich eine Teilung unterstützen
würde.“
Besser spät als nie –
aber warum haben wir darüber in den hochtrabenden Lobreden und Nachrufen
nichts vernommen?
(dt.
Ellen Rohlfs) |