Start Palästina Portal
 

Unterdessen in der Westbank
Gideon Levy, 24.12. 07

 

Die Ruhe möge einen nicht täuschen: die bildet man sich nur ein. Während alle Augen zum Gazastreifen  gerichtet sind, hat man den Eindruck gewonnen, dass unter der Schirmherrschaft der Medien, die ein Auge zudrückt, in der Westbank alles ruhig sei . Dort sind die „guten Leute“ am Werk, diejenigen, mit denen wir nach Annapolis gingen, diejenigen, die das Geld von den Geberstaaten  bekommen. Das Leben dort läuft prima – so sieht es wenigsten auf den 1. Blick hin aus.

 

Doch das ist nicht der Fall. Das Leben der Palästinenser in der Westbank ist genau unerträglich, auch hier wird Blut vergossen; denn das Geschäft der IDF geht wie gewöhnlich weiter – mit einem erschreckend schnellen Finger am Auslöser . Der Geist von Annapolis und die hochfliegenden Worte des Ministerpräsidenten setzen sich hier nicht durch.

 

Ich habe in den letzten Monaten ein paar Trauerfamilien in der Westbank besucht. Sie trauern alle um Familienmitglieder, die ohne einen ersichtlichen Grund getötet worden sind. Jede Woche werden in der Westbank unschuldige Leute getötet – doch darüber spricht man nicht. Unter den Dutzenden  Palästinensern, die vor kurzem getötet wurden, waren nicht alle Qassamwerfer oder Führer einer Bande aus Gaza. Wenn es einen  neuen Aufstand  in der Westbank geben wird, dann wird er aus diesen Trauerhäusern kommen.

 

Die tägliche Routine in der Westbank ist  offensichtlich unmenschlich. Die Nacht, die ich im letzten Sommer im Jeniner Flüchtlingslager verbrachte, machte mir das klar: Die IDF kommt jede Nacht ins Lager und selbst dann, wenn sie nicht tötet, terrorisiert sie Tausende von Familien, die „ nur“ Opfer von Angst sind. Es gibt nur wenige Israelis, die sich  die tägliche Routine der Westbankbewohner während des Tages und  noch mehr während der Nacht überhaupt vorstellen können . Und dabei haben wir noch  gar nichts über die Armut, die Straßensperren und die Hauszerstörungen gesagt.

Die Geschichten der  letzten Tötungen in der Westbank stehen nicht auf unserer ( der israelischen Medien-) Agenda, weil die Palästinenser bis jetzt noch nicht mit Racheakten auf diese Morde reagiert haben. Aber es ist nicht sicher, ob diese Ruhe noch lange anhlten wird.

 

Adib Salim, halbseitig gelähmt, verkaufte Lupinenkerne. Als die IDF einen ihrer Überfälle in Nablus ausführten, wagte er seinen Kopf aus der Tür zu stecken. Die Soldaten töteten ihn. Der IDF-Sprecher behauptete, er habe den Soldaten gedroht, sie zu erschießen. Aber der gelähmte Lupinensamenverkäufer wäre absolut unfähig gewesen, dies zu tun.

 

Abdel Wazir, der 71jährige Cousin des legendären Abu Jihad, war ein Buchhalter im Ruhestand. Er verbrachte eine schreckliche Nacht in seinem Haus: vier Stunden lang schossen die Soldaten ganz in die Nähe seines Fensters, während er mit seiner Frau auf dem Sofa saß, vor Angst waren sie nicht in der Lage, sich zu bewegen. Als dann der Befehl kam, nach draußen zu gehen, verließ er das Haus und wurde sofort erschossen.

 

Jihad Shaar, 19, ging vom Dorf Tekoa zur Bushaltestelle, um dort auf den Bus nach Bethlehem zu warten. Er wollte sich an der Uni einschreiben. Soldaten töteten ihn aus unerklärlichen Gründen mit Knüppeln und Stiefeltritten. Der IDF-Sprecher sagte, die Soldaten hätten sich „angemessen“ verhalten.

Mohamed Salah war jetzt ein palästinensischer Polizist, nachdem er jahrelang als Dachdecker in Siedlungen gearbeitet hatte. Während seiner Dienstzeit hielt er einen verdächtigen palästinensischen LKW an, der versucht hatte, den palästinensischen Kontrollpunkt in Bethlehem zu umfahren. Salah öffnete die Tür, weil er den Verdacht hatte, der Wagen transportiere gestohlene Ware. Drinnen saßen aber israelische Undercoversoldaten, die ihn auf der Stelle erschossen. Der IDF-Sprecher behauptet, dass er versucht habe, auf die Soldaten zu schießen. Aber alle Augenzeugen wiesen diese Version sofort zurück.

 

Firas Kaskas machte mit seinem Bruder und seinem Schwager in der Nähe Ramallahs einen Ausflug. Als sie eine Herde Gazellen zum Wadi hinunterrennen sahen, blieben sie stehen und beobachteten sie. Da erschienen plötzlich Soldaten und schossen auf ihn – ohne Warnung . Der IDF-Sprecher behauptete, dass die Soldaten geglaubt hätten, dass er  mitten im Naturschutzgebiet einen Sprengkörper explodieren lassen wollte.

 

All diese Leute wurden von der IDF in den letzten Wochen ohne Grund getötet. Diesen sollte noch Mohammed Askar aus Saida hinzugezählt werden. Er war aus nächster Nähe während eines Aufstandes im Keziot-Gefängnisses erschossen worden. Kamela Kabha aus Barta, eine ältere kranke Frau, deren Sohn  versucht hatte, sie schnell ins Krankenhaus nach Jenin zu bringen, wurde  drei Stunden lang aufgehalten, bis sie in seinem Armen starb … und es gibt  noch andere solche Tötungsfälle:  so bekommt man wahres Bild  über Israels „Friedensbemühungen.“

 

(dt. Ellen Rohlfs)

 


Kenneth Lewan
Ist Israel Südafrika

Das Buch wird gegen einen 'Solidaritätsbeitrag  (5€ + 2€ Versandkosten) verkauft.

Weitere Infos hier >>>


Rezension -
Das Buch ist aktueller denn je. Von der BRD-Presse totgeschwiegen, zeigt es Israel so wie es ist >>>
 



Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina.

"Nur" Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord

Eine Dokumentation von Ellen-Ruth Rohlfs
3. erweiterte Auflage

Selbstverlag - Preis 12.- € - Zu beziehen über: ellen.rohlfs(at)freenet.de
 

 

Start | oben

Mail           Impressum           Haftungsausschluss                Honestly Concerned  + Netzwerk        The "best" of  H. M. Broder            Erhard  arendt art