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Keine Angeln für Palästinenser
Amira Hass, Haaretz,13.12.06
Die Welt applaudierte dem
Friedensnobelpreisträger dieses
Jahres Muhammad Yunus dafür,
dass er die Volksweisheit in die
Tat umgesetzt hat: Einem armen
Mann gebe man nicht einen Fisch,
sondern eine Angel, damit er
sich selbst die Fische fangen
kann. Das heißt, wenn man die
Armut bekämpfen will, ist es
nicht nötig die Armen zu
füttern, sondern ihnen zu
helfen, sich selbst zu ernähren.
Gleichzeitig wird die Welt aber
aufgerufen, die Palästinenser
weiterhin mit Fischen zu
versorgen, weil sie genau weiß,
dass Israel jede Schiffsladung
mit Angeln blockieren würde.
Mehr als 1,3 Millionen
Palästinenser der 3,7
Millionen-Bevölkerung
(einschließlich der Bewohner
Ost-Jerusalems) wurden 2005 als
arm bezeichnet. Mehr als die
Hälfte von ihnen (820 000) ist
in „tiefe Armut“ gesunken. Die
palästinensische Nationale
Kommission für Armut hat zwei
Armutsrichtlinien festgelegt und
zwar auf der Grundlage
durchschnittlicher
Konsumausgaben: die offizielle
Richtlinie bezieht sich auf neun
Kategorien von Waren und
Versorgung, wenn die täglichen
Ausgaben für sie bei weniger als
$2.40 pro Kopf liegen. Die
„tiefe Armutslinie“ bezieht sich
auf nur drei Kategorien –
Nahrung, Kleidung und Wohnen
(ohne medizinische Versorgung,
Bildung, Transportkosten).Für
sie betragen die täglichen
Kosten $2.- am Tag.
In der ersten Hälfte des Jahres
2006 lag die Anzahl der
Palästinenser, die sich im
Zustand von „tiefer Armut“
befanden bei über 1 Million (1
069200) – nach einem
detaillierten Bericht der UNWRA,
der im November veröffentlicht
wurde: „Anhaltende Krisis in den
besetzten palästinensischen
Gebieten: die augenblicklichen
sozio-ökonomischen Auswirkungen
auf Flüchtlinge und
Nicht-Flüchtlinge.“ Die Zahl
nahm gegen Ende des Jahres 2006
auf Grund einer teilweisen
Zahlung von Gehältern für den
öffentlichen Sektor um die
Hälfte ab. Es wird berichtet,
dass ein Drittel der
palästinensischen Öffentlichkeit
während der 2. Jahreshälfte von
2006 Hilfe erhalten hat: 15,3 %
der Westbankbewohner und 56,9%
der Bewohner des Gazastreifens.
Es wird auch berichtet, dass 78%
Hilfe in Form von Lebensmitteln
erhalten hat. Das wäre eine
Summe zwischen 200 und 489 NIS
pro Familie.
Auf dem Hintergrund dieser
schockierenden und sich
häufenden Berichte haben die
UN-Agenturen zusammen mit 14
Nichtregierungsorganisationen
mit einer Kampagne begonnen,
um 453,6 Millionen humanitäre
Nothilfe für die Palästinenser
zu erhalten. Dies bringt die
palästinensischen Gebiete auf
Platz 3 unter den 13
Brennpunkten für Nothilfe – alle
andern liegen in Afrika - also
nach dem Sudan und dem Kongo und
vor Somalia und Zimbabwe. Auch
wenn die Summen nicht in ihrer
Gänze gedeckt sein werden, die
Höhe zeigt auf, dass die Krise
in den kommenden Jahren weiter
gehen wird. Es macht deutlich,
dass der internationale Boykott
der Hamas-Regierung nicht
wirklich funktioniert, weil die
„afrikanische“ Armut, die hier
geschaffen wurde, bedrohlicher
wird, was Gesundheit, Politik,
Sicherheit und die Moral
betreffen.
Und vor allem, das hohe Maß an
Hilfe zeigt gleichzeitig auch
den hohen Grad an Nachsicht
gegenüber Israel oder das
Nicht-Vorhandensein politischer
Fähigkeit, Israel dahin zu
bringen, ein oder zwei Dinge zu
tun: entweder seine
Verpflichtungen als
Besatzungsmacht nach
internationalen Konventionen
anzuerkennen und sich damit
auch um die Bevölkerung unter
Besatzung zu kümmern oder sofort
von der Politik seiner
vorsätzlichen wirtschaftlichen
Strangulierung Abstand zu
nehmen. Seit Jahren hat Israel
die Waffe wirtschaftlicher
Strangulierung als Mittel für
politischen Druck angewandt.
(Kollektivstrafe!! ER) Diese
Politik hat schließlich die
Palästinenser dahin gebracht,
sich dem Iran zu nähern.
Israel setzt den Diebstahl von
Hunderttausenden von Schekel an
Zoll- und Steuergeldern fort,
die ihm nicht gehören, die es
nicht dem palästinensischen
Finanzamt weitergibt. Dies ist
die unmittelbare Ursache für
die wachsende Krise. Die
permanente historische Ursache
für die Krise sind auch die
Beschränkungen der
Bewegungsfreiheit, die Israel
der Bevölkerung auferlegt – im
Gegensatz zu wiederholten
Versprechungen (besonders
gegenüber der Weltbank und dem
amerikanischen Außenministerium
), diese zu lockern: Die
Absperrung der Übergänge des
Gazastreifens und die Hunderte
von Straßensperren in der
Westbank sind die Faktoren, die
jede wirtschaftliche Tätigkeit
zu einem Glückspiel machen bis
zum Bankrott und schließlich zur
Aufgabe.
Für die westlichen Länder ist es
einfacher, Hunderttausende von
Dollar zu zahlen, um die
Lebensmittel für die
Palästinenser zu
subventionieren, die Israel
ihnen nicht erlaubt, selbst zu
produzieren und zu bezahlen,
als Israel dahin zu bringen,
endlich mit der Haltung und
Einstellung aufzuhören, über
dem Völkerrecht zu stehen.
(dt. Ellen Rohlfs)
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