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Kilometer 41
von Amira Hass, Haaretz 15.10.07

 

Ein Zoo. So beschreiben manche Palästinenser die Bedingungen, unter denen fast 1,5 Millionen von ihnen auf einer Fläche von 360 000 qkm leben, von drei Seiten eingeschlossen von raffinierten Stacheldrahtzäunen, Betonmauern und Wachtürmen des Militärs, und von Westen her von Schiffen der israelischen Marine, die das Meer absperren. Von oben her, aus dem Himmel, fotografieren unbemannte Flugkörper und Ballons unentwegt alles, was in diesem zugesperrten Käfig vor sich geht; sieben Tore führen von dort in die Welt hinaus und von der Welt herein und alle sind fast hermetisch verschlossen.

 

In den letzten vier Monaten hat Israel 2000 Menschen gestattet,  aus dem Gazastreifen auszureisen, einige davon Kranke, die meisten Fatah-Funktionäre und Fatah-Treue, die aus dem Gazastreifen flohen, der Rest Inhaber von doppelter Staatsbürgerschaft oder Leute mit längerfristigen Visen für das Ausland. Zum Vergleich: Im Jahr 1999 überquerten allein den Übergang Rafah täglich etwa 1400 Menschen, zusätzlich zu den Tausenden, die den Übergang Erez überquerten; all das trotz der Politik der häufigen Schließungen.  Jetzt leben anderthalb Millionen Menschen im ständigen Bewusstsein, dass ihre Welt höchstens 41 Kilometer lang und 12 Kilometer breit ist.

 

Der Vergleich mit einem Zoo wurde geprägt von Dr.Mamdouh Al Aker, dem Arzt und Vorsitzenden der palästinensischen Unabhängigen Komission für Bürgerrechte . Einen bekannten Geschäftsmann aus Gaza, dessen Lebensmittelfabrik nur 5% seiner Kapazität ausschöpft,  erinnert die Situation an ein Krankenhaus: Die Leute arbeiten nicht, als lägen sie im Krankenhaus, essen aber. Sie arbeiten nicht, weil Israel seit vier Monaten die Ausfuhr aller Produkte aus dem Gazastreifen verbietet, ebenso die Einfuhr von Rohstoffen und Produktionsmitteln zur Verarbeitung in den Gazastreifen. Wenn die Preise weiter steigen und die Bargeldkrise sich wegen der abgebrochenen Beziehungen der Banken in Israel und Gaza verschärft, werden die internationalen Hilfsorganisationen bald die Menge der Lebensmittelspenden erhöhen, die schon heute 10 % der verbrauchten Lebensmittel ausmachen. Vielleicht kommt der Tag, an dem Lebensmittelpackete von Hubschraubern geworfen werden.

 

Die Regierungen von Israel, den USA und Europa sehen im Einsperren von anderthalb Millionen Menschen in einem hermetisch abgeschlossenen Gefängnis, in der endgültigen Zerstörung der wirtschaftlichen Infrastruktur des Gazastreifens  eine angemessene Antwort auf die Hamas, bis zu ihrem Fall. Es scheint, dass die "Regierung" in Ramallah zustimmt. Zwar deutete der Ministerpräsident der "Regierung" in Gaza, Ismail Haniye an, die Alleinherrschaft der Hamas in Gaza sei vorübergehend, dieses vorübergehend hängt jedoch vom Erfolg des Dialogs mit der Fatah ab, und Israel und die USA verbieten dem Vorsitzenden der Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, diesen Dialog zu führen. Außerdem hält Abbas ja schon an der Meinung  fest, Hamas sei eine feindliche Körperschaft.

 

Wie immer sind die Studenten, denen die Ausreise nicht erlaubt wird, eine Minderheit, deren Eingesperrtsein das Ausmaß der Zerstörung der palästinensischen Zukunft wiederspiegelt. Seit Jahren verbietet Israel Leuten aus Gaza das Studium in der Westbank. Ein weiter führendes Studium als in Gaza möglich kann also nur im Ausland  absolviert werden. Da gibt es zum Beispiel zehn ausgezeichnete Studenten, die Stipendien für Doktorate und Master-Studien in Deutschland erhielten. Oder Hunderte von anderen, die schon im Ausland studieren oder für dieses Jahr eingeschrieben waren und im Sommer im Gazastreifen hängen blieben. Der wichtige Beitrag all dieser Studenten an ihre Gesellschaft ist sicher. Wenn sie nicht heute, in diesem Moment, aus dem Gazastreifen ausreisen können, wird ein Teil von ihnen sein Stipendium verlieren, andere das erste Semester, wieder andere ein ganzes Studienjahr. Tausende junger Leute verzichteten wegen der Politik der verschlossenen Tore auf ein Studium im Ausland. Und wenn man keine Gelegenheit erhält, die Welt zu sehen, wird die Welt nach Hamas und die Horizonte, die sie bietet, um so überzeugender. 

 

Seit 1991 benützt Israel die teilweise oder hermetische Schließung des Gazastreifens und das Einsperren der Menschen in diesem Käfig für kürzere oder lange Zeit zu politischen Zwecken: Manchmal wird sie als Strafe dargestellt, dann wider als Verhinderungsaktion, immer aber eröffnet sie einen politischen Plan. Bis vor kurzem sah es aus, als könnten die Haftbedingungen nicht schlimmer sein. Die letzten vier Monate haben bewiesen, dass es noch schlimmer geht.                                                  (dt.Weichenhan-Mer)

 

V.i.S.d.P.: Weichenhan-Mer G., Eichenstr.24, 82223 Eichenau

 

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