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Nicht nur das Recht auf Religionsausübung ist
heilig
Amira
Hass, Haaretz, 25.10.06
An den Freitagen des
Ramadan-Monats bewiesen die
Palästinenser noch einmal, in
welchem Ausmaß sie kollektiv
bereit sind, sich selbst in
Gefahr zu bringen, um eines
gemeinsamen Zieles willen, das
sie als besonders hoch
einschätzen: der Gottesdienst in
der Al-Aqsa-Moschee in
Jerusalem. Sie liefen
stundenlang, um Straßensperren
zu umgehen, sie überwanden die
Mauer/ den Zaun auf verschiedene
Weise, nahmen Tränengasangriffe
und mit Gummi ummantelte
Stahlkugeln in Kauf.
Viele von ihnen kamen nicht an
ihr Ziel, um an der heiligen
Stätte des Islam zu beten. Aber
ihre gemeinsame Aktion erinnert
die Welt und einige Israelis
daran, dass Israel das Recht der
muslimischen Palästinenser,
Gottesdienst zu halten,
einschränkt, indem es ihre
Bewegungsfreiheit eingrenzt.
Der kollektive Wagemut an den
letzten Freitagen macht den
speziellen Mangel im
palästinensischen Kampf von
heute um Freiheit deutlich: ein
kollektiver Widerstand gegen die
israelische Politik der
Beschränkung der
Bewegungsfreiheit.
Die hauptsächliche israelische
Kontrollmethode und
gleichzeitig die wirksamste in
den Augen des Besatzers ist die
Begrenzung der palästinensischen
Freiheitsbewegung auf ein
Minimum: innerhalb der besetzten
Gebieten, zwischen den
Distrikten, zwischen Stadt und
Dorf, zwischen dem Dorf und
seinem Land, zwischen dem
Gazastreifen und der Westbank,
zwischen dem Ausland und der
Rückkehr in die Heimat.
Es handelt sich nicht nur um ein
System: dies ist eine Politik,
die nicht weniger zerstörerisch
wirkt wie Bomben und
Bombardements. Diese Politik
ging der augenblicklichen
Intifada voraus und entwickelte
sich während der
Oslo-Prozess-Ära. Jeder
einzelne Palästinenser wird von
dieser Politik betroffen und
viele Palästinenser wagen es,
ihre individuellen Wege zu
gehen, um dieser Politik zu
widerstehen und sie
herauszufordern.
Aber als Kollektiv forderten die
Palästinenser noch nicht, das
Recht auf Bewegungsfreiheit als
besonderes Ziel zu erklären,
für das es sich lohnt,
gemeinsame Anstrengungen zu
organisieren.
Die Führung von Fatah und die
palästinensische Behörde
erfreuten sich - was die
Bewegungsfreiheit betrifft -
besonderer Ausnahmen, die
„normal Sterblichen“ nicht
zustehen. Die meisten
politischen Organisationen geben
sich noch immer der hohlen
Rhetorik des „bewaffneten
Kampfes“ hin . Sie wagen es
nicht – oder sind nicht mehr in
der Lage - das Phänomen der
bewaffneten Männer zu stoppen,
das der Kultur des Volkskampfes
einen tödlichen Schlag versetzt
hat. Die Hamasführung bezieht
sich mehr auf den Koran, wenn
sie aufhetzende Versprechen für
die entfernte Zukunft macht, in
der Israel nicht mehr existieren
wird, und für die
Leidensfähigkeit der
Palästinenser …– statt neue Wege
zu suchen, um gegen die
Taktiken der Besatzung
anzukämpfen.
Während der letzten beiden Wochen
gab es einen neuen Beweis für
die Wichtigkeit eines
kollektiven Kampfes: das
US-Außenministerium hat sich
über ethnische Diskriminierung
beklagt, die Israel an seinen
Grenzübergängen praktiziere,
wenn es den Zutritt
amerikanischer Bürger mit
palästinensischer oder
arabischer Herkunft in die
besetzten Gebiete untersagt.
Nach einer europäischen
diplomatischen Quelle bereiten
die Länder der EU eine ähnliche
Klage gegen Israel vor. Eine
amerikanische Klage dieser Art
– wenn auch nur gegen einen
einzigen Aspekt der
unterdrückerischen Politik
gegenüber palästinensischer
Bewegungsfreiheit – ist eine
seltene Sache.
Es wäre nicht so weit gekommen,
wäre der Kampf nicht seit ein
paar Monaten so hartnäckig von
einer palästinensischen und
nicht-palästinensischen Gruppe,
zum Teil mit verschiedenen
ausländischen
Staatsbürgerschaften,
durchgeführt worden, weil man
sie aus ihren Häusern vertreiben
will – unter dem Vorwand von
Problemen mit
„Einreiseformalitäten nach
Israel und dem Gewähren von
Touristenvisas“. Die Gruppe,
„Mein Recht der Einreise“ hat
sich aus einer Initiative von
jemandem gebildet, der von der
israelischen Politik besonders
betroffen ist: Adel Samara,
dessen Frau Enaya aus einem Dorf
nahe Ramallah stammt, verlor ihr
Wohnrecht in ihrer Heimat, weil
sie zufällig im Juni 1967 in den
USA war.
Während einem ihrer Besuche als
Touristin in der Heimat vor etwa
30 Jahren heiratete sie und
gründete in ihrem Dorf eine
Familie. Ihre Anfragen an Israel
wegen „Familien-zusammenführung“
- um sie zu einer Bewohnerin der
besetzten Gebiete zu machen –
wurden zurückgewiesen. Man
erlaubte ihr aber, ihr
Einreisevisum alle drei Monate
zu erneuern, wenn sie für ein
paar Tage ins Ausland ginge. So
lief dies 30 Jahre lang bis zum
Mai dieses Jahres, als ein
Angestellter des israelischen
Innenministeriums ihr die
Einreise an der Allenby-Brücke
verweigerte. Adel Samara
veröffentlichte danach eine
Notiz in einer Zeitung, in der
sie Leute aufrief, die sich in
ähnlicher Situation wie sie
befinden. Sie trafen sich und
wurden eine Gruppe, die Mittel
und Wege für Aktionen innerhalb
der palästinensischen
Öffentlichkeit, gegenüber der
palästinensischen Führung, (die
keinerlei Initiative ergreift,
nichts wagt und sich nicht darum
kümmert) und in der
internationalen Gemeinschaft
entwickelt,(für die es schwierig
ist, die Details der israelisch
kontrollierten Verfahren zu
verstehen).
Die amerikanische Klage hat noch
nicht dazu geführt, dass Enaya
Samara zu ihrer Wohnung und
ihrer Familie zurückkommen
konnte. Sie hat auch
israelische Grenzbeamten nicht
davon abgehalten, auch anderen
während der letzten zwei Wochen
die Einreise zu verweigern.
Unter ihnen sind eine
Amerikanerin palästinensischer
Herkunft, die ihren Mann und
sieben Kinder in Ramallah hat,
zwei französische und ein
britischer Bürger, die auch
Familie in der Westbank haben.
Weder diese Aktionen noch die
veröffentliche Information hat
die Gleichgültigkeit der
Israelis erschüttert oder das
Schweigen von Israelis in
Schlüsselpositionen gebrochen,
die Geschäftsbeziehungen mit
einander haben oder die an den
Verhandlungen mit einigen der
Deportierten über die
Oslo-Abkommen beteiligt waren.
Es sieht auch nicht so aus, als
würde Jordan eine eigene
Protestnote aufgeben, obwohl
seine Bürger besonders von
dieser israelischen Politik der
Diskriminierung betroffen sind.
Für die Mitglieder der Gruppe
„Mein Recht auf Einreise“ ist
dies aber ein weiterer Grund,
hartnäckig einen allgemeinen
und nicht nur individuellen oder
einmaligen Kampf fortzuführen.
Die Unantastbarkeit des Rechtes
auf Bewegungsfreiheit sollte
genau so anerkannt werden, wie
das Recht auf freie
Religionsausübung.
(dt. Ellen Rohlfs) |