Welcher Anschlag?
von Amira Hass, Haaretz 25.0.07
Dicht an dicht stehen die
Polizisten der palästinensischen Präsidentengarde in den Straßen von
Ramallah wann immer die Leute des Präsidenten der palästinensischen
Autonomiebehörde Mahmoud Abbas (Abu Mazen) durch kommen oder wenn ein
hochrangiger Gast ihn besucht. Wenn man nach der dramatischen Art
urteilt in der die israelischen Medien vor zwei Tagen den "Mordanschlag"
gegen Premier Ehud Olmert abhandelten, könnte man schließen, die
Verschwörer seien im letzten Moment aus den Reihen der Präsidentengarde
entfernt worden, als sie gerade dabei waren, auf Olmerts Auto zu
schießen, der sich auf dem Weg befand, von den Kochkünsten der Gemahlin
Saeb Erakats zu kosten.
Die dramatischen israelischen
Berichte verwirrten die palästinensischen Sprecher. Ein jeder gab eine
andere Version, was nur den Eindruck verstärkte, dass es sich hier um
eine Verhaftung der üblichen Verdächtigen handele. Die Sprecher
ihrerseits hatten sofort den Verdacht, das israelische Drama sei
konzipiert, das Annapolis-Treffen zu verhindern. - Als wäre das Treffen
je dazu bestimmt gewesen, eine Erfolgsstory zu werden.
Man sollte eben nie offiziellen
Sprechern trauen, sicher nicht solchen von irgendwelchen
Sicherheits-Diensten, woher auch immer. Wir sollten also den von den
palästinensischen servierten Einzelheiten nicht unbesehen Glauben
schenken: Dass die drei (oder fünf) Männer einfach untereinander einen
"unreifen" Plan diskutierten, dass die geplante Waffe ein
Molotov-Coctail sein sollte, und dass sie nach zweimonatiger
Untersuchung durch den präventiven Sicherheitsdienst frei gelassen
wurden, weil sich nicht genügend Anhaltspunkte für eine Anklage ergaben.
In Ramallah kam man zu dem Schluss, dass die beiden Männer, die letzten
Freitag zum zweiten Mal festgenommen worden waren, im Grunde inhaftiert
wurden, um sie vor einer Verhaftung durch Israel zu schützen, nachdem
einer ihrer Freunde an einem Militär-Checkpoint festgenommen worden war.
Ebenso ist es legitim, wenn nicht empfehlenswert, zu fragen, ob es sich
hier nicht um ein bewusst vom Shin Beit Geheimdienst gesteuertes
Aufblasen der Sache handelt. "Der Shin Beit weiß sehr wohl, dass es sich
hier nicht um eine ernsthafte Konspiration handelt. Was hätte sonst die
israelische Armee daran gehindert, die Freigelassenen festzunehmen?"
fragte man sich in Ramallah.
Das israelische Bild von den PA
Sicherheitsdiensten ist eher von Phantasie genährt als von Realität.
Die Einzelheiten dieser Realität sind es, die die Palästinenser
bewegten, den dramatischen israelischen Berichten keinen Glauben zu
schenken: Schließlich können sich immer mal zwei Leute zu einer Zelle in
einer der vielen Gruppierungen der Al Aqsa – Brigaden erklären, und der
Shin Beit kann wahllos drei Fatah-Mitglieder zur "terroristischen Zelle"
deklarieren und so die imaginäre Gefahr, die sie repräsentieren,
gebührend ausschmücken. Junge Palästinenser, meist Fatah-Unterstützer,
schlossen sich den Sicherheitsdiensten an hauptsächlich wegen der dort
gebotenen Gehälter in einer Zeit chronischer Arbeitslosigkeit. Ihre
militärische Ausbildung und ihre Fertigkeiten sind entsprechend
mangelhaft. Die wahren Motive hinter der Wahl des Titels "Al Aqsa –
Märtyrer" haben mehr mit Arbeitsplätzen, mit Ehre und Kraft zu tun, als
mit der Möglichkeit, etwas gegen die Besatzung zu tun. Die Arroganz
blüht auf Kosten der Ernsthaftigkeit. Und keine der palästinensischen
Ebenen, von den oberen Rängen beider Regierungen bis zu den
"Basiszellen", zeichnet sich durch übertriebene Planungsfähigkeit aus,
eine der Grundbedingungen für die "Planung eines Mordanschlags" wie für
einen irgend gearteten Kampf gegen Fremdherrschaft.
Die palästinensischen Sprecher
waren nicht verwirrt, weil Israel "sie in flagranti ertappte", sondern
weil Israel laut und deutlich daran erinnerte, was es in Wirklichkeit
von der Palästinensischen Autonomiebehörde erwartet: Dass sie als
Gefängnis-Hilfswärter fungiert, eine Art Subunternehmer der israelischen
Besatzung. Seit Ihrer Entstehung schwankte die PA zwischen zwei
Extremen: Einerseits Israel und die USA zufrieden zu stellen,
andererseits das Volk zu überreden, sie führe es zum Ende der Besatzung.
Einmal wird verhaftet und vertuscht, dann wieder entlassen und
vertuscht. Abu Mazen verurteilt Israel mal, dann nennt er Israel wieder
"unsere Nachbarn". Auf Grund dieser imaginären nachbarschaftlichen
Beziehungen lud er Olmert zu einem Besuch in "seinen Staat" (in diesem
Fall nach Jericho) ein.
Ob es sich hier um einen Plan
handelt, der fehlschlug, (wäre er gelungen oder auch nur versucht
worden, hätte er auch nur die israelische Unterdrückung verschlimmert),
oder um eine Phantasie frustrierter junger Männer, – die "mörderische
Verschwörung" erinnert die Regierung in Ramallah daran: Sogar, wer
seinen Lebensunterhalt bei der PA verdient und von ihr wirtschaftlich
anhängt, vergisst nicht, dass Israel nicht der Nachbar im Westen ist,
sondern der Besatzer, der sich bei ihm zu Hause breit macht. Für sie
ist der israelische Premierminister nicht ein führender Politiker aus
einem Nachbarland auf Besuch, sondern der erhabene Repräsentant der
fremden Invasion.
(dt.Weichenhan-Mer G.)