Neuer IDF-Erlass soll
Massendeportation von der Westbank ermöglichen
Amira Hass
Ein neuer
Militärerlass, die Infiltration verhindert, wird
diese Woche in Kraft treten. Er
macht es möglich, dass Zehntausende von
Palästinensern der Westbank deportiert werden oder
dass sie angeklagt werden und
mit sieben Jahren Gefängnis bestraft werden.
Wenn der Erlass
ausgeführt wird, werden Zehntausende von
Palästinensern automatisch kriminelle Täter, die
streng bestraft werden.
Wenn man an die
Aktionen der Sicherheitsbehörden der letzten zehn
Jahre denkt, werden
als erstes wahrscheinlich
die Palästinenser von dem neuen
Erlass getroffen, deren ID-Karte als Wohnort
den Gazastreifen angibt – Leute, die im
Gazastreifen geboren wurden mit ihren auf der
Westbank geborenen Kindern – oder jene, die auf der
Westbank oder im Ausland geboren wurden und aus
verschiedenen Gründen ihren Wohnstatus verloren
haben.
Bis jetzt haben
israelische Zivilgerichte hin und wieder die
Vertreibung dieser drei Gruppen aus
der Westbank verhindert. Der neue Erlass
jedoch setzt sie unter die alleinige Jurisdiktion
der israelischen
Militärgerichte.
Der neue Erlass
definiert jeden , der die Westbank illegal betritt
als einen Eindringling/
Infiltrant. Aber auch „eine Person, die
sich in dem Gebiet aufhält und
keine legale Genehmigung
hat“. Der Erlass führt die
ursprüngliche Definition von
1969 für einen Infiltranten ins
Extrem, da der Terminus ursprünglich nur für jene
angewandt wurde, die sich illegal in Israel
aufgehalten haben, nachdem sie Länder passierten,
die als feindselig eingestuft wurden wie z.B.
Jordanien, Ägypten, Libanon und Syrien.
Die Sprache der Order
ist allgemein und doppeldeutig, indem sie
stipuliert, dass der Terminus Infiltrant auch auf
palästinensische Bewohner Jerusalems,
und auf Bürger von Ländern, mit denen Israel
freundliche Beziehungen hat (wie die USA),
angewendet werden kann und auch auf
israelische Bürger – ob arabisch oder jüdisch. All
dies hängt vom Urteil der IDF-Kommandeure vor Ort
ab.
Das Hamoked-„Zentrum
für die Verteidigung des Individuums“ war die erste
israelische Menschenrechtsgruppe, die
vor diesem Erlass, der vor 6 Monaten vom
damaligen Kommandeur der IDF-Kräfte in Judäa und
Samaria-Gebiet Gadi Shamni
unterzeichnet wurde, gewarnt hat.
Vor zwei Wochen sandte
die Hamoked-Direktorin Dalia Kerstein dem
GOC-Zentralkommandeur Avi Mizrahi ein Ersuchen, den
Erlass hinauszuschieben, da er für eine große Anzahl
von Menschen eine dramatische Veränderung in bezug
auf Menschenrechte bedeutet.
Nach den Bestimmungen
„ist eine Person vermutlich dann ein „Eindringling“,
wenn sie sich in einem Gebiet ohne Dokument oder
Aufenthaltserlaubnis und ohne
vernünftige Rechtfertigung aufhält.“ Solch
eine Dokumentation muss vom Kommandeur der
IDF-Kräfte in Judäa und Samaria oder seiner
Vertretung bestätigt werden.
Die Instruktionen
jedoch sind unklar, ob diese Genehmigungen denen
entsprechen, die im Augenblick gültig sind oder
betrifft diese neue Genehmigungen, die
Militärkommandeure in Zukunft ausgeben. Die
Bestimmungen sind auch unklar, was Bewohner mit
Westbank-Wohnrechtkarten betrifft; sie
berücksichtigen auch die
Existenz der palästinensischen Behörde und die
Abkommen nicht, die Israel mit ihr und der PLO
unterzeichnet hat.
Der Erlass verlangt,
dass wenn der Kommandeur entdeckt, dass ein
„Eindringling“ vor kurzem ein
bestimmtes Gebiet betreten hat,
dann kann er seine Deportation
innerhalb von 72 Stunden mit
einer schriftlichen Deportationsorder befehlen,
vorausgesetzt der Eindringling wird in das Land
oder Gebiet deportiert, aus dem er gekommen
ist.
Der Erlass erlaubt auch
Strafprozesse gegen verdächtige Eindringlinge; das
könnten Strafen bis zu sieben
Jahre Gefängnis bedeuten. Personen, die nachweisen
können, dass sie die Westbank
legal betreten haben - aber ohne
Aufenthaltserlaubnis dort
bleiben, werden auch verurteilt mit einer
Höchststrafe von drei Jahren. (Nach dem
augenblicklichen israelischen
Gesetz bekommen
illegale Bewohner ein Jahr Gefängnisstrafe.)
Die neue Bestimmung
erlaubt auch dem IDF-Kommandeur des Gebietes, vom
„Infiltranten“ die Kosten für seine eigene Haft und
die Vertreibung zu bezahlen, das wäre dann im
Ganzen 7500.-NIS.
Die Angst, dass
Palästinenser mit Gaza-Adressen die ersten sein
werden, die von dem Erlass betroffen sind, gründet
sich auf Maßnahmen, die Israel schon in den letzten
Jahren praktiziert hat, um ihr
„Recht zu leben, zu arbeiten, zu studieren oder
sogar die Westbank zu besuchen“ zu kürzen.
Diese Maßnahmen verletzen die Oslo-Abkommen.
Gemäß einer Entscheidung des Westbank-Kommandeurs,
die nicht durch militärische Rechtssprechung gedeckt
war, mussten seit 2007 Palästinenser
mit Gaza-Adressen, eine
Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Seit 2000 wurden
sie als illegale Besucher definiert,
als ob sie Bürger eines
anderen Staates wären. Viele von ihnen sind nach
Gaza deportiert worden, auch
die, die in der Westbank geboren wurden.
Im Augenblick benötigen
Palästinenser auch Sondergenehmigungen, um Orte nahe
des Trennungszaunes zu betreten, selbst dann, wenn
ihr Haus dort liegt. Und vom
Jordantal wurden Palästinenser seit langem
ausgeschlossen, wenn sie keine Sondergenehmigung
hatten. Bis 2009 benötigten die Bewohner von
Ost-Jerusalem eine Genehmigung, um die Zone A, die
unter voller PA-Kontrolle steht, zu betreten.
Eine andere Gruppe wird
besonders von den neuen Regeln betroffen sein:
Palästinenser, die zur Familienzusammenführung in
die Westbank zogen, was Israel seit mehreren Jahren
nicht gewährt hat.
2007 inmitten einer
Anzahl von Hamoked-Petitionen und als
Geste des guten Willens
gegenüber dem palästinensischen Präsident Mahmoud
Abbas erhielten Zehntausende die palästinensische
Karte für ein Wohnrecht. Die PA
verteilte zwar die Karten, aber Israel hat exklusive
Kontrolle darüber, wer diese Karten erhält.
Tausende Palästinenser jedoch bleiben
„illegale Besucher“ , einschließlich vieler,
die nicht Bürger eines anderen Landes sind.
Die neue Order ist der
letzte Schritt der israelischen Regierung der
letzten Jahre, um Aufenthaltgenehmigungen zu
beantragen, die die Bewegungsfreiheit und das
Wohnrecht einschränken, das erst kürzlich durch
palästinensische ID-Karten verliehen wurde. Die
neuen Regeln sind besonders radikal, da sie
Strafmaßnahmen und die Massenvertreibung von
Menschen aus ihren Wohnungen erlauben.
Der IDF-Sprecher
antwortete ( gegenüber Haaretz): „die Änderungen des
Erlasses, die vom GOC-Zentralkommandeur
unterzeichnet wurden, soll Infiltration verhindern.
Sie gehören zu einer Reihe von Manifesten,
Regelungen und Verabredungen in Judäa und Samaria.
Sie sind auf Hebräisch und Arabisch und werden in
den Büros der zivilen Verwaltung und
bei den Verteidigungsanwälten der
Militärgerichte ausgehängt. Die IDF ist bereit, den
Erlass zu erfüllen, der nicht gegenüber Israelis
angewendet wird, aber bei illegalen Besuchern in
Judäa und Samaria.“
(dt. Ellen Rohlfs)
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