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Lexikon der
irreführendsten Ausdrücke im
israelisch-palästinensischen Konflikt
Die israelischen Medien sind voll falscher Termini
und Statements, die die öffentliche Wahrnehmung der
Realität verdrehen.
Amira Hass, 9.6.10
„Humanitäre Krise“
„Es gibt keine humanitäre Krise im Gazastreifen“,
sagen offizielle israelische Sprecher wie der
Verteidigungsminister Ehud Barak und der
Generaldirektor des Außenministeriums Yossi Gal
wiederholt. Und sie haben Recht, weil eine „Krise“
eine plötzliche Veränderung ist, eine Abweichung von
der Norm, während das, was im Gaza vor sich geht,
Routine geworden ist.
Sie haben auch Recht,
was den „humanitären“ Aspekt betrifft, wenn sie
meinen, dass Hunderttausende nicht vor Hunger und
Durst sterben. Es gibt also keine humanitäre Krise,
wenn man bedenkt, was eine Person an täglichen
Kalorien benötigt. Und für jemanden, der in
Jerusalem oder Tel Aviv lebt, ist es leicht, die
Tatsache einer etwaigen Nicht-Krise zu ignorieren,
dass z.B. auch 90% des Wassers, das im
Gazastreifen von einer einzigen Wasserquelle – dem
Küstenaquifer - produziert wird, kein Trinkwasser
ist. Menschen, die kein gereinigtes Wasser bekommen,
riskieren ihre Gesundheit: zu hoher Blutdruck,
Nieren- und Darmerkrankungen. Nur dank des
ausgedehnten Familienhilfssystems, der
Hilfsorganisationen, UNRWA, internationalen
Hilfsprogrammen und der „Tunnel-Wirtschaft sind die
Menschen noch nicht verhungert.
Aber wie ist es mit der
notwendigen Bewegungsfreiheit einer Person, dem
Recht einer Person zu arbeiten, zu produzieren, den
Lebensunterhalt zu verdienen und zu studieren,
vorübergehend zu medizinischer Behandlung wegzugehen
und zu reisen? Die Sprecher und PR-Fachleute, die
beweisen, dass die Dinge alle ok sind, reduzieren
die menschlichen Bedürfnisse auf ein Diagramm, das
nur Wasser, Nahung und Unterkunft berücksichtigt.
Diese Diagramme sagen mehr aus über ihre Moderatoren
als über menschliche Wesen.
„Israel transferiert
humanitäre Hilfe in den Gazastreife.“ Dies ist
ein Routine-Statement, das viele denken lässt,
Israel zahlt für die Lebensmittel und die
Medikamente, die in den Gazastreifen gelassen
werden. Das ist ein Irrtum, der sich wahrscheinlich
auf eine Vorstellung der folgenden Situation
gründet: Im Gefängnis ist der Gefängniswärter
verantwortlich dafür, dass alle Insassen mit Essen
versorgt werden. Aber nicht in dem 360qkm großen
Gazagefängnis, in dem 1,5 Millionen Menschen leben.
Was von uns gesagt werden sollte, ist folgendes:
„Israel erlaubt, dass Grundnahrungsmittel in den
Gazastreifen gelangen“. Einige sind bestellt,
bezahlt und werden von internationalen
Organisationen verteilt. Das meiste wird von
Kaufleuten des Gazastreifens gekauft, die sie auf
dem Markt, in Läden oder Apotheken verkaufen.
„Schließungen/ eine
Schließung wird verhängt/ eine Schließung wird
aufgehoben.“ Vor der Auflösung der isr.
Siedlungen im Gazastreifen (2005) schloss diese
irritierende Definition auch den Gazastreifen mit
ein. Jetzt bezieht sie sich nur auf die Westbank.
Am Vorabend aller israelischen Feiertage verkünden
die Radionachrichten, dass „eine Schließung über
Judäa und Samaria verhängt wird“ . Und danach wird
sie aufgehoben. Das ist auch die Ursache für die
seltsame Pluralform „closures“. Eine Schließung
kommt und geht und zwischendrin scheint alles ok.
Aber die „Schließung“
ist in Kraft, seit sie im Januar 1991 erklärt wurde.
Seitdem hat man allen Palästinensern der Westbank
und im Gazastreifen das Recht der Bewegungsfreiheit
genommen. Seitdem sind sie einem raffinierten
Regime von Passierscheinen unterworfen, das immer
raffinierter wird. Israel entscheidet, welche
Kategorien von Leuten einen Passierschein für das
und das bekommen; es entscheidet über die Anzahl
der Leute in jeder Kategorie. Es ist immer eine
kleine Minderheit, die sich mehr oder weniger frei
in den besetzten Gebieten bewegen kann und dies
jeweils unter eingeschränkten Bedingungen.
Unterdessen kommen und gehen jüdische Siedler im
selben Gebiet ohne Passierscheine, ohne
Einschränkungen.
„2002, als die
Westbank wieder besetzt wurde“. Dies hört man
ziemlich oft von palästinensischen Sprechern. Dies
ist ein äußerst sinnloses Statement, selbst wenn es
ersetzt wird durch „als die israelischen
Militärkräfte die Städte der Westbank wieder
besetzten.“ Als die palästinensische Behörde (PA)
1994 geschaffen wurde, war die israelische Besatzung
und ihre weit reichende Behörde nicht aufgehoben.
Als die IDF-Truppen die Westbankstädte Ende 1995
verließen, machte die Präsenz der bewaffneten
palästinensischen Polizisten die Städte nicht
unbesetzt . Als die PA die Verantwortung für den
größten Teil der palästinensischen Bevölkerung und
deren Gesundheit, die Abwässerbeseitigung und die
Bildungsprobleme übernahm, erhielt sie nicht die
Autorität und Ressourcen eines Staates. Noch immer
liegt dies bei Israel. Und die Souveränität ist beim
isr. Militär geblieben – 1996, 2002 und heute.
„Ein gewaltfreier
Kampf“. Die IDF weist palästinensische und
internationale Behauptungen zurück, dass der Kampf
gegen die Mauer/ den Trennungszaun ein „gewaltfreier
Kampf“ sei. Die IDF hat Recht. Dies sollte sofort
aus dem Lexikon gestrichen werden. „Gewaltfrei ist
nicht der passende Ausdruck für die Demonstrationen
in Na’alin, Bilin, Nabi Salah, Walaja, Maasra, Irak
Burin und andere …Aber dies ist es nicht dank der
von israelischen Offiziellen angegebenen Gründe.
„Gewalttätig“ klingt natürlich negativ und deutet
die ungerechtfertigte Anwendung von Gewalt an, die
gegen die bestehende Ordnung und die Werte der
Zivilisation gerichtet ist.
Wenn wir den Kampf
gegen die Fremdherrschaft als „gewaltlos“ oder
„gewalttätig“ definieren, ist es, als ob wir die
Besetzten fragen würden, ob ihr Widerstand koscher
sei oder nicht. Und gegenüber wem? Genau gegenüber
diesem Herrscher, der den Boykott von
Siedlungsprodukten als nicht koscher/ nicht in
Ordnung findet. Die Adjektive „gewaltlos“ und
„gewalttätig“ lassen vermuten, dass die Besatzung
ein natürlicher Zustand ist, deren Gewalt erlaubt
ist, eine zivilisierte Norm, um ihre Untertanen zu
zähmen. „Ein gewaltloser Kampf“ lenkt deshalb von
der Tatsache ab, dass sich aufgezwungene Herrschaft
auf die Anwendung von Gewalt gründet. Jeder Soldat
an einer Straßensperre, jede Kamera am
Trennungszaun, jedes militärische Verbot, ein
Supermarkt in einer Siedlung und eine israelische
Windelfabrik auf palästinensischem Land – sie sind
alle ein Teil der Nonstop-Gewalt (des Besatzers).
(dt. Ellen Rohlfs)
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