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Und was ist mit all den
anderen Toten?
Amira
Hass 21.6. 10
Warum wurde
Stabsfeldwebel S. von allen IDF-Soldaten und
Offizieren ausgewählt, um vor Gericht zu stehen,
weil er am 1. Tag der Bodenoffensive am 4. Januar
2009 zwei Frauen getötet hat ? Die IDF tötete am
selben Tag 34 bewaffnete Männer. Wurde S.
ausgewählt, weil er der einzige war, der Zivilisten
tötete.
Sollte sein Anwalt
behaupten, dass er zum Sündenbock gemacht wird. Er
kann sich auf folgende Statistik beziehen: die IDF
tötete auch 80 andere Zivilisten an diesem Tag – aus
nächster Nähe, mit Artillerie, aus der Luft und vom
Meer her. Unter ihnen waren sechs Frauen und 29
Kinder unter 16 Jahren . Man gehe nur zu B’tselems
Website und lese die Liste: ein 7Jähriger Junge,
zwei Mädchen ( 1Jahr) ein drei-jähriger Junge und
ein 13jähriges Mädchen.
B’tselem ist sorgfältig
und unterscheidet zwischen Palästinensern, die an
den Feindseligkeiten teil nahmen und die nicht daran
teilnahmen. Ihre Liste der Todesfälle: Farah Amar
Fuad al-Hilu, (1.Jahr) aus Gazastadt, getötet am
4.1.09 durch scharfe Munition; nahm nicht an
Feindseligkeiten teil; zusätzliche Information: sie
wurde getötet, als sie mit ihrer Familie aus dem
Haus floh, nachdem der Großvater (62) von Soldaten,
die ins Haus drangen, getötet wurde.“ Der Großvater
nahm auch nicht an Feindseligkeiten teil.
Oder vielleicht wurde
er ausgewählt, weil Riyeh Abu Hajaj, 64, und Majda
Abu Hajaj, 37, eine Mutter und Tochter, die einzigen
Getöteten waren, die am 4. Januar eine weiße Fahne
trugen. Nein, Matar,17, und Mohammed, 16, wurden
auch getötet. Sie wurden von einer IDF-Stellung in
einem nahen Haus beschossen, als sie eine Karre
schoben, auf der Verletzte und Tote der Familie
Halima lagen, die von einer weißen Phosphorbombe
getroffen wurden, die das Haus im nördlichen Beit
Lahiya durchdrang. Fünf Mitglieder der Familie
wurden auf der Stelle getötet, einschließlich eines
einjährigen Mädchens. Eine junge Frau starb Wochen
später an ihren Verletzungen.
Die Nachricht, dass
Stabsfeldwebel S. vor Gericht stehen würde,
verursachte einen Tag lang Aufsehen. Der
militärische Generalanwalt wurde gelobt. Auch B’tselem
– und das zurecht – da sie der Armee Zeugenaussagen
über das Töten von Abu Hajaj gegeben hat. Örtliche
Ermittler Bewohner des Gazastreifen hatten sie
gesammelt. Palästinensische Organisationen sammelten
ähnliches Material, während Amnesty International
und Human Rights Watch detaillierte Berichte über
zu Tode getroffene Zivilisten veröffentlichte. Alles
ist auf ihren Websites zu lesen. Aber wir in Israel
glauben den Einheimischen ja nicht – also
konzentrieren wir uns nur auf B’tselem.
B’tselem gab der Armee
auch Dutzende von Berichten über das Töten anderer
Zivilisten, die nicht an Feindseligkeiten
teilnahmen. Warum wurde also Stabsfeldwebel S.
ausgewählt und nicht irgend ein anderer? Hat einer
aus seiner Einheit den Kode der Solidarität unter
Soldaten verletzt, um eines höheren Kode willen?
Dies ist wahrscheinlich bei den Bodentruppen
geschehen: Alle Zeugen, die bei „Breaking the
Silence“ sprachen – d.h. jene die erschüttert waren
durch das, was geschehen war – kamen aus den
Bodentruppen; sie waren es, die die Zerstörungen und
die Menschen mit eigenen Augen sahen.
„Das Maß an Zerstörung
war unfassbar“, sagte einer der Soldaten. „ Man geht
durch Stadtteile dort und kann sie nicht wieder
erkennen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Man
sieht Felder, Gewächshäuser, Obstgärten – alles in
Ruinen. Alles ist völlig zerstört. Man sieht ein
rosa Zimmer mit einem Poster von Barbie und eine
Granate, die darunter durch 1,5m Mauer ging.
Aber die
Aufschlüsselung der Todesfälle zeigt, dass jene, die
durch direktes Schießen getötet wurden – der Soldat
sieht mit eigenen Augen den, auf den er schießt –
eine winzige Minderheit sind. Auf Anfrage von
Haaretz analysierte das Al Mezan-Zentrum für
Menschenrechte in Gaza die Aufschlüsselung der
Todesfälle nach der Art der Waffe. Es fand heraus,
dass 80 durch Gewehrschüsse getötet wurden, 13 durch
Maschinengewehre und 134 durch Artillerie. Unklar
ist, ob die 11, die durch Flechettes-Granaten (
Granaten mit Metallpfeilen) umkamen, in der letzten
Zahl mit eingeschlossen sind.
Zweifellos haben diese
Schätzungen einen Fehlerspielraum. Ca. 1400
Palästinenser wurden bei der Operation Cast Lead
getötet; mindestens 1000 – die meisten Zivilisten -
wurden durch aus Flugzeugen abgeworfene Bomben
getötet …Für diese für den Abschuss
verantwortlichen Soldaten sahen sie aus wie
Gestalten, die auf einem PC-Schirm herumspazieren.
B’tselem und Haaretz
als auch die Organisationen der Einheimischen, die
man nicht berücksichtigen muss, dokumentierten alle
die Vorfälle , bei denen aus der Luft getötet wurde.
Die IDF gab zwei Irrtümer zu (das Töten von 22
Mitgliedern der a-Diya-Familie in Zeitun mit einer
einzigen Bombe und das Töten von sieben Personen,
die Sauerstoffbehälter aus einer Werkstatt
beförderten, die auf einem PC-Schirm wie
Grad-Raketen aussahen.)
Ein Charakteristikum
des letzten IDF-Angriffes auf den Gazastreifen ist
die große Anzahl von Familien, die viele Mitglieder
mit einem Schlag verloren, die meisten in ihren
Häusern während der israelischen Bombenangriffe: Ba’alousha,
Bannar, Sultan, Abu Halima, Azzam, Jebara, el-Astel,
Haddad, Quran, Nasser, Al-Alul, Dib, Samouni,“
schrieb Haaretz im Februar 2009. Sind da keine
Feldwebel in diese Fälle verwickelt, die untersucht
werden müssten? Oder müsste bei diesen Fällen eine
höherrangige Peson als nur ein Stabsfeldwebel das
Objekt einer Untersuchung sein?
Die Bekanntgabe, dass
Stabsfeldwebel S. vor Gericht stehen muss, hat
Aufsehen erregt. Der militärische Generalanwalt
wurde gelobt. Aber S.’s Anwalt wird zurecht fragen:
Nach all den Zeugenaussagen und Berichten ist dies
wirklich der einzige, den man gefunden hat?
Und wie ist es mit der
Haltung der Kommandeure, wie sie von denen
beschrieben wurden, die von Breaking the Silence
interviewt wurden: „Wenn der Kompaniekommandeur und
der Bataillonskommandeur dir sagen: ‚Na los, schieß
schon!’ werden sich die Soldaten nicht zurückhalten.
Sie warten ja auf diesen Tag – um beim Schießen Spaß
und das Gefühl der Macht in den Händen zu haben. Was
ist mit der Rede des Kommandeurs „ in der Nacht vor
der Bodenoffensive“: „ sagte er, dass es nicht
leicht werden wird. Er definierte das Ziel der
Operation: 2000 tote Terroristen.“
Und wenn dies das Ziel
der Operation war, dann sollte man vielleicht den
obersten Kommandeur vor Gericht stellen – den
Verteidigungsminister Ehud Barak – über den
Unterschied zwischen dem Ziel und dem Ergebnis?
( dt. Ellen Rohlfs)
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