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Lehrer fürs Leben
Gideon Levy
In Tel Aviv gibt es ein
pädagogisches Gedicht. Durch den Vorhang von
Gleichgültigkeit und Dunkelheit fällt ein
Lichtstrahl. In einem Bildungssystem, das nur
Dienstgrade und sterile Umgebung liefert, ist die
Ermunterung zum ( selbständigen) Denken verboten. Es
ist ein Ort, an dem Lehrer taubstumm und Pädagogen
für die Gehirnwäsche der Propaganda, des Ausweichens
und der Ignoranz im Schulpensum blind sind. Aber
eine mutige Stimme ist gehört worden. Der
Schulleiter des Aleph –Gymnasiums, Ram Cohen rief
letzte Woche seine Elf-Klässler zusammen und gab
ihnen eine wirkliche Stunde Bürgerkunde, eine Stunde
über Werte. Anstelle des übrigen Blabla, billigen
Zionismus und noch billigere Demokratie, Klischees
innerhalb hohler und fadenscheiniger Klischees.
Cohen sprach zu seinen Schülern die Wahrheit..
Cohen sprach mit ihnen
über die Besatzung. Er sagte ihnen, Werte könne man
nicht so brutal zerdrücken, wie es Israel während 42
Jahren getan hat und dann behaupten, wir erziehen zu
Demokratie. Er fragte sie, ob sie bereit wären,
unter Besatzung zu leben . Er sagte ihnen, er würde
keinen Terror rechtfertigen, aber verstehen, was zu
Angriffen führt. Er rief die Erzieher dazu auf, den
Schülern zu sagen, die Besatzung sei ein Fluch und
rief die Soldaten dazu auf, in einer Armee zu
dienen, die für Sicherheit sorgt, und nicht in einer
Armee, die sich mit der Besatzung beschäftigt.
„Sprecht mit einander,
redet mit euren Eltern, geht hinaus und
demonstriert,“ sagte er ihnen und tut, was ein
Pädagoge tun sollte. Aber im Israel von 2010 haben
Cohens Bemerkungen unter Nationalisten und
Militaristen einen Sturm ausgelöst.
Knessetmitglieder haben seine Entlassung gefordert,
man zitierte ihn ins Bildungsministeriums und Tel
Aviver Rathaus, um einiges „klar zu stellen.
Interviews zu geben, war ihm nicht erlaubt, was
unmöglich ist.
Der Generaldirektor des
Bildungsministeriums Shimshon Shoshani war auch
geschockt. Für einen Schulleiter, der meint,
predigen zu können, ist kein Platz im Schulsystem, „
sagte der Pädagoge „Nr.1“, indem er Cohens
Staatsbürgerkunde mit der Hetze verglich, die dem
Tod des Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin
vorausging. „ Ich bin nicht gegen Lektionen mit dem
Klassenlehrer, wenn man über die Besatzung als ein
Konzept redet,“ wand sich der Generaldirektor.
„Sollen doch die Leute ihr Für oder Dagegen
aussprechen. Schauen wir auf das, was in der
Westbank als Besatzung geschieht?“
Das wahre Gesicht des
Bildungssystems als eines, das mit der Besatzung
kollaboriert, war plötzlich aufgedeckt. Der
Generaldirektor vergleicht mörderische Hetze mit
Bemerkungen über menschliche Werte. Er wagt noch zu
fragen, ob die Westbank unter Besatzung ist. Er
denkt noch, dass es ein „für“ oder ein „gegen“ die
Besatzung gibt. Ein Bildungssystem, das sich mit
Yeshiva-Schulleitern versöhnt, die Nationalismus und
Rassismus predigen, mit Rabbinern, die jeden Stein
in einem Land für heilig erklären, das nicht uns
gehört, Lehrer, die für die Fortsetzung der
Siedlungen sind, die dem internationalen Gesetz nach
illegal sind – diese seien alle in Ordnung und
werden nicht als „politisch“ angesehen.
Lehrerpropagandisten,
die ihren Schülern nicht die ganze Wahrheit über
unsere Geschichte sagen, die denken, Demokratie
bedeutet, am Wahltag zur Wahl zu gehen,
Staatsbürgerkunde bedeutet, für die Entlassung des
Soldaten Gilad Shalit zu demonstrieren, Zionismus
bedeutet, nach Auschwitz zu reisen und ‚Werte’
bedeutet, an einer Fernsehsendung für den
IDF-Wohlfahrtsfond teilzunehmen – die werden vom
schwerfälligen System akzeptiert. Ein Pädagoge, der
versucht , seinen Job mit wirklichem Inhalt zu
füllen, wird zu einem Klärungsgespräch zitiert.
Schuldirektor Cohen
sprach einmal davon, wie er dazu kam, seine
Einstellung zu verändern: Von seinem Haus in Modiin
sah er jeden Tag eine lange Reihe palästinensischer
Arbeiter nach einem harten Arbeitstag zu Fuß nach
Hause gehen, weil sie nicht die Apartheidstraße
benützen dürfen. Sollte er dies seinen Schülern
nicht sagen dürfen? Dies ist doch nicht nur sein
Recht, sondern seine Pflicht? Ist es für seine
Schüler nicht wichtig, zu sehen, was um sie herum
geschieht? Und nicht nur sich am Marsch der
Lebenden ( in Auschwitz) - in eine Nationalflagge
gewickelt - beteiligen, sondern auch wie und wo
unsere Nachbarn gehen?
Cohens Gymnasium hat
sich seit meiner Schulzeit dort verändert. Unter
seiner Leitung ist es eine Schule denkender Kinder
geworden. Im Gegensatz zu seinen Kollegen ist Cohen
auch gegen die Militarisierung der Schulen
aufgetreten und gegen ihre Klassifizierung nach der
Zahl der Kampfsoldaten, die sie für die IDF
produzieren. Hier hat er auch einen guten Job getan.
Cohen ist wirklich ein
Lehrer fürs Leben, „der beste Lehrer des Landes“
wie der billige gerade im Gange befindliche
Wettkampf genannt wird, in dem aber sein Name sicher
nicht genannt werden wird. Statt ihm einen Brief der
Anerkennung zu schicken, wird er verurteilt; statt
ihn allen Pädagogen zum Vorbild hinzustellen, wird
er vorgeladen, um Erklärungen abzugeben. Wenn wir
doch noch ein paar Dutzend mehr solcher Pädagogen
in unserer Zeit hätten, dann hätte es wahrscheinlich
keinen Goldstone-Bericht gegeben.
( dt. Ellen Rohlfs)
7.1.2010 |