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Die Boykotteure
boykottieren
Gideon Levy
Die meisten Leute hier sind erschrocken über die
Vorstellung, dass irgend jemand außerhalb Israels
daran denkt, ihr Land zu boykottieren, Produkte oder
Universitäten. Boykotts werden schließlich in
Israel als illegitim angesehen. Jeder, der zu solch
einem Schritt aufruft, wird als Antisemit und
Israelhasser angesehen, der Israels Recht zu
existieren, untergräbt. In Israel selbst werden
jene, die zum Boykott aufrufen, als Verräter und
Häretiker gebrandmarkt. Die Vorstellung, dass ein
Boykott – und sei er noch so begrenzt – dafür da
ist, Israel davon zu überzeugen, um seinetwillen
seinen Weg zu ändern, wird hier nicht toleriert.
Selbst ein offensichtlich logischer Schritt – wie
der Boykottaufruf von Produkten aus jüdischen
Siedlungen von der palästinensischen Behörde – wird
von scheinheiligen israelischen Augen als provokativ
angesehen. Während dem internationalen Boykott der
Apartheid Südafrika der Sturz des Regimes
zugeschrieben wird, wird er hier als irrelevant und
eines Vergleiches nicht wert angesehen.
Man könnte sich mit diesen intoleranten Reaktionen
identifizieren, gäbe es nicht die Tatsache, dass
Israel selbst einer der produktivsten Boykotteure
der Welt wäre. Nicht nur, dass es boykottiert, es
predigt auch andern, ja zwingt andere, ihm zu
folgen. Israel hat einen kulturellen, akademischen,
politischen, wirtschaftlichen und militärischen
Boykott über die besetzten Gebieten verhängt.
Gleichzeitig hat fast niemand hier etwas dagegen
gesagt und die Legitimität dieser Boykotts
hinterfragt. Doch der Gedanke den Boykotteur zu
boykottieren ? Das ist jetzt unvorstellbar.
Der brutalste, offenste Boykott ist natürlich die
Belagerung des Gazastreifens und der Boykott der
Hamas. Auf Geheiß Israels unterzeichneten fast alle
westlichen Länder mit unerklärlicher
Bereitwilligkeit den Boykott. Es ist nicht nur eine
Belagerung, die Gaza seit drei Jahren in einem
Zustand des Mangels lässt. Es ist auch nicht nur ein
vollkommener ( und törichter) Boykott der Hamas –
abgesehen von den Diskussionen über den entführten
Soldaten Gilat Shalit. Es ist eine Reihe von
kulturellen, humanitären und wirtschaftlichen
Boykotts. Israel bedroht fast jeden Diplomat, der
Gaza zu betreten wünscht, der aus erster Hand den
unerträglichen Anblick sehen möchte.
Zusätzlich versperrt Israel jedem den Zutritt, der
humanitäre Hilfe leisten will. Wir sollten zur
Kenntnis nehmen, dass der Boykott nicht nur gegen
die Hamas ist, sondern gegen den ganzen
Gazastreifen und alle die dort leben. Der
Schiffskonvoi, der bald von Europa aufbrechen wird,
um die Belagerung zu brechen versucht, wird Tausende
Tonnen von Baumaterial, Fertighäuser und Medizin
bringen. Israel hat angekündigt, dass es diese
Schiffe zu stoppen plant. Ein Boykott ist ein
Boykott.
Ärzten, Professoren, Künstlern, Intellektuellen,
Wirtschaftlern und Ingenieuren – keinem von ihnen
wird es erlaubt, den Gazastreifen zu betreten. Dies
ist ein kompletter Boykott, der das Schild trägt
„Made in Israel“. Diejenigen, die über unmoralische
und unwirksame Boykotts reden, tun es, ohne mit der
Wimper zu zucken, auch wenn man auf Gaza zu reden
kommt.
Es ist auch Israel, das die Welt drängt, den Iran zu
boykottieren. Aber es ist nicht nur Gaza und der
Iran, die hier zur Debatte stehen, währen der
Zutritt nach Israel und in die Westbank von der
wilden Aufregung eines Boykotts betroffen sind.
Jeder, der verdächtigt wird, die Palästinenser zu
unterstützen oder Besorgnis um ihr Schicksal
ausdrückt, wird boykottiert und ausgewiesen. Dies
schließt einen Clown ein, der eine Konferenz
organisieren wollte; einen Friedensaktivisten, der
zu einem Symposium kommen wollte; und
Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle, die
Verdacht erregen, dass sie die palästinensische
Sache unterstützen.
(Heute 16.5. wurde z.B. Noam Chomski nicht über die
Allenbybrücke gelassen, da er in der Universität
Birzeit einen Vortrag halten wollte).
Dies ist ein kultureller und akademischer Boykott in
jeder Hinsicht, die Art von Boykott, die wir
zurückweisen, wenn er gegen uns angewandt wird.
Doch die Anti-Boykott-Liste des Landes boykottierter
Länder endet nicht da. Sogar eine
jüdisch-amerikanische Organisation wie J-Street
(Jüdische Straße), die sich selbst als pro-Israel
definiert, hat den langen Arm des israelischen
Boykotts zu spüren bekommen. Es ist erlaubt die
J-Street zu
boykottieren, weil sie für Frieden eintritt - aber
wir können keinen Boykott von Waren aus den
Siedlungen tolerieren , die auf widerrechtlich
angeeignetem Land produziert wurden. Einem Professor
den Zutritt nach Gaza zu verwehren, um dort in einer
Universität aufzutreten, wird nicht als Boykott
angesehen, aber der Abbruch von Kontakten zu einem
israelischen Institut, das besondere Programme für
Armeeoffiziere und den Shin-Bet-Sicherheitsdienst
entwickelt – Leute, die oft in aller Welt als
Komplizen von Kriegsverbrechen angesehen werden -
wird als verboten
angesehen.
Ja, ein Israeli, der in Israel lebt, wird in Israel
eine schwere Zeit haben, wenn er andern über die
Tugenden eines Boykotts predigt, wenn diese Person
nicht ihr eigenes Land oder ihre Universität
boykottiert. Aber es ist sein Recht zu glauben, dass
ein Boykott seine Regierung zwingen könnte, die
Besatzung zu beenden. So lange, wie die Israelis
keinen Preis zahlen, wird es keine Veränderung
geben.
Die ist eine legitime, moralische Position. Sie ist
nicht weniger legitim oder moralisch als jene, die
behaupten, dass ein Boykott ein unmoralisches,
unwirksames Mittel ist, während man dieselbe Option
gegenüber anderen praktiziert. Du bist also gegen
einen Boykott gegen Israel? Dann wollen wir erst
einmal all die Boykotte beenden, die wir anderen
auferlegt haben.
(dt. Ellen Rohlfs)
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