Israel sollte Obama danken,
denn er handelte wie ein Freund
Gideon
Levy
Wenn Israel ein
wirkliches Friedenslager hätte, wenn die schweigende
Mehrheit ihr ekelhaftes Schweigen gebrochen hätte,
wenn mehr Israelis sich mit der Situation als
Kollektiv befassen würden und nicht nur als
Individuen, die sich nach den nächsten Ferien oder
dem nächsten Auto sehnen, wenn mehr Israelis sich
weigerten, blind die Täuschungen der israelischen
Diplomatie und Propaganda zu akzeptieren, dann wäre
der Rabin-Platz gestern mit Demonstranten voll
gewesen. Unter den Bannern und Flaggen würde in
dieser Stunde des Risikos und der schicksalshaften
Entscheidungen ein Poster herausgeragt haben:
„Danke, Freund.“ Danke Barack Obama, Du Freund
Israels.
Die Flutwelle von
Beleidigungen und Verleumdungen, die einheitliche
Darstellung Obamas als jemand, der versuchte, Israel
zu unterwerfen und zu demütigen, dem sollte … gesagt
werden, dass Obama als wahrhafter Freund genau das
Richtige gesagt und getan hat. Ja, es ist
unangenehm, aber nach 43 Jahren gibt es keinen
anderen Weg. Nach einer bedauerlichen Verzögerung
von einem Jahr und trotz ständiger Zweifel und
Fragezeichen, scheint es jetzt eine Chance zu geben
, dass der 44. Präsident der USA sich durchsetzen
wird, wo seine Vorgänger versagt haben. Es gibt eine
Chance, dass Barack Obama Israel aus der Krise
zieht, die es selbst geschaffen hat und dahin wirkt,
eine bessere Zukunft schafft, eine Zukunft, in der
es Anspruch erheben wird auf das, was ihm gehört –
aber nur was wirklich ihm gehört.
Der erste Schritt ist
ermutigend und lässt hoffen. Unter Obamas
bescheidenen Forderungen – ein Baustop in Jerusalem
und ein erweiterter Baustop in den Siedlungen, zwei
Grundbedingungen für „Verhandlungen ohne
Vorbedingungen“ und für jeden, der wirklich eine
Zwei-Staatenlösung wünscht. Das ist eine Forderung,
die die Israelis selbst schon seit langem hätten
stellen müssen. Obama bittet Benyamin Netanyahu und
durch ihn jeden Israeli, endlich die Wahrheit zu
sagen. Er fragt Netanyahu und den Rest von uns: Um
Himmels Willen, was wollt Ihr denn tatsächlich.
Genug der in die Irre führenden Antworten. Der
Augenblick der Wahrheit ist jetzt. Schluss mit den
Tricks – ein Stadtteil, hier und eine Siedlung dort.
Sag uns mal: Welches Ziel habt ihr? Wollt ihr weiter
Hilfe aus den USA? Wollt Ihr Teil des Nahen Ostens
sein? Wollt Ihr Frieden erlangen?
Wenn es so ist, dann
beginnt, bitte, euch danach zu verhalten,
einschließlich dem Baustopp in den Siedlungen,
überall und die ganze Zeit und beginnt sie
stattdessen zu evakuieren. Jede Aktion Israels würde
an die drei Neins von Khartum erinnern: Nein zur
Beendigung der
Besatzung, nein zu
Frieden, nein zur Freundschaft mit Amerika.
Obamas Forderungen sind
minimal. Nicht nur die Fortsetzung des Baustops,
sondern sich auch mit den Kernproblemen
beschäftigen: innerhalb von zwei Jahren eine Lösung
finden und die Forderung, dass Israel zu anderen
und zu sich selbst die Wahrheit spricht. All dies
sollte für Israel selbstverständlich sein, wenn
Israel wirklich an einer Lösung interessiert wäre.
Die früheren Präsidenten drückten bei Israel immer
ein Auge zu und zwangen es nicht, zu antworten.
Obama, der seinem großen Versprechen treu blieb,
das er bei seiner Wahl gab, ist nicht länger
bereit, sich mit Täuschungen abspeisen zu lassen.
Wir werden jetzt sehen, ob er dem Druck standhält
und den Druck auf Israel durchhält.
Die Israelis sollten
Obama dankbar sein, dass er ihnen einen Spiegel
vorhält und sagt, so sieht euere ständige Täuschung
aus. Die Israelis sollten gegenüber Obama genau so
dankbar sein, dass er der erste Präsident ist, der
Israel für seine Verantwortung, den Status quo
erhalten zu haben, zahlen lässt . Dies ist eine
amerikanische Innovation, die von einer sich
verändernden Stimmung in der Weltpolitik unterstützt
wird.
Pass auf: die Welt
beginnt zu fordern, dass Israel Verantwortung für
seine Aktionen in Dubai und Sheik Jarrah, für die
Operation Cast Lead und für Ramat Shlomo übernimmt.
Von Amerika und Europa ist die Zeit der
Verantwortung des Payback gekommen.
Nach 43 Jahren
grauenhafter Besatzung sind auch dies nur minimale
Forderungen. Obama hat Israel nicht gedemütigt.
Israel hat sich selbst eine Generation lang
gedemütigt, als es dachte, es könne alles tun, was
es will- über Frieden reden und Siedlungen bauen,
eine Besatzung festlegen und als Demokratie
angesehen werden, von amerikanischer Unterstützung
leben und seine Forderungen zurückweisen. Da alle
Forderungen Obamas eigentlich von Israel selbst
kommen sollten, handelt Obama nur wie ein Freund
handeln sollte. Und dafür verdient er jene zwei
Wörter aus unserm tiefsten Herzen: danke, Freund.
(dt. Ellen Rohlfs)
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