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Die Palästinenser sollten Reparationszahlungen von Deutschland fordern
Khalid AMAYREH
 

In den Anfangsmonaten der Al Aqsa-Intifada gegen die israelische Besatzung erklärte ein israelischer Offizier vor Dutzenden von gefesselten palästinensischen Gefangenen, denen man die Augen verbunden hatte, daß „wir Euch behandeln wie die Nazis uns behandelt haben. Vielleicht werdet ihr, wenn ihr unserem Zugriff entronnen seid, ein anderes Volk finden, daß ihr auf die Weise behandeln werdet, in der wir euch behandeln.“

Dies waren keine scherzhaften Bemerkungen. Tatsächlich zeigte der Offizier eindeutige Symptome einer kollektiven Psychose, von der die israelisch-jüdische Gesellschaft durchdrungen ist. Es ist diese geistige Krankheit, die die Israelis dazu bringt, die abscheulichsten Verbrechen zu begehen, ohne auch nur eine Spur von Schuld zu spüren.

Hatte nicht Dan Halutz, der frühere Chef der israelischen Luftwaffe damit angegeben, daß er nachts ruhig schlafe und keine Gewissensbisse habe, nachdem er den Befehl gegeben hatte, daß ein F-16 Kampfflugzeug eine Ein-Tonnen-Bombe auf ein Wohngebäude in der Innenstadt von Gaza warf, wobei sechzehn schlafende Menschen, darunter elf Kinder getötet wurden.

Es gibt tatsächlich eine direkte Verbindung zwischen dem Holocaust und Israels schändlichem Verhalten gegenüber den Palästinensern. Letztendlich sind die Palästinenser die Opfer der Opfer, wie es der  palästinensische Intellektuelle Edward Said formuliert hat.

In der Tat wäre es nicht abwegig zu argumentieren, daß die Palästinenser höchstwahrscheinlich nicht auf solch diabolische Weise und über einen solangen Zeitraum von Juden zu Opfern gemacht worden wären, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte.

In gewisser Weise, so kann man mit nur sehr geringer Übertreibung behaupten, daß Israel durch das Deutschland der Nazis geschaffen wurde. Es stimmt zwar, daß der Zionismus dem Holocaust voranging, aber der Holocaust gab den Zionisten das abschließende Argument für die Gründung eines jüdischen Staates.

Der Holocaust erwies sich bis heute als absolutes Totschlag-Argument gegen jeden ernsthaften Einwand gegen Israels kriminelles Verhalten gegenüber den Menschen im Nahen Osten. Dies erklärt, warum Israel, welches mehr oder weniger als Reinkarnation Nazi-Deutschlands angesehen werden kann, von der Weltgemeinschaft behandelt wird, als als gälten die Gesetze, nach denen sich der Rest der Welt richtet hat, für es nicht.

Darüber hinaus benutzen die Israelis den Holocaust weiterhin, um ihre brutalen Repressalien den Palästinensern gegenüber zu rechtfertigen. Sogar Aufrufe jüdischer Siedler, die „Araber in die Öfen zu  schicken“ (die jeder Besucher in Hebron an den Wänden der Enklave der jüdischen Siedler in der Stadt sehen kann) sind durch den Holocaust gerechtfertigt. Jeder Kritik an Israels kriminellem Verhalten und seiner Vorherrschaft, jedem legitimen Einwand gegen die willkürliche Unterdrückung der Palästinenser, jeder Kritik an den marodierenden Siedlern wird sofort mit dem Mantra vom Holocaust begegnet. Kurz gesagt muß jeder Palästinenser, ob Mann, Frau oder Kind aufgrund des Holocausts leiden.

Heute läßt man jeden israelischen Wehrpflichtigen, insbesondere diejenigen, die in der West Bank eingesetzt werden sollen, das Holocaustmuseum Yad va Chem in Jerusalem besuchen, ehe er oder sie in den palästinensischen Gebieten stationiert werden, um diese hilflosen Menschen, die nichts mit dem Holocaust zu tun hatten, zu  unterdrücken und zu quälen.

Man muß kein großer Psychologe sein um hier die Zusammenhänge zu sehen und die wirklich gespenstischen Implikationen darin zu erkennen, die Nazis, die Schinder der Juden mit den Palästinensern, den Opfern der Zionisten, in Beziehung zu setzen.

Für die meisten israelischen Soldaten ist die mentale Botschaft unmißverständlich.  Die Palästinenser sind die heutigen Nazis ... und indem sie sie unbarmherzig und brutal behandeln und töten, verhindern die Juden lediglich, daß ein neuer Holocaust geschieht. Manche Israelis geben sich dem Gefühl hin, daß sie den Holocaust in Wirklichkeit rächen, indem sie die Palästinenser mißhandeln, und dies gibt ihnen eine enorme psychologische Befriedigung.

Unbewußt bewundern viele israelische Juden die Nazis und ihre Brutalität sogar. Dies ist der Grund, warum diese Soldaten und Offiziere oft versuchen, die Brutalität der Nazis nachzuahmen und sie auf die Palästinenser zu projizieren. Für sie hat Recht, wer die Macht hat.


Carlos Latuff

 Moralische Blindheit

Dies bringt uns dazu, Nachkriegs-Deutschland und seine moralische Kapitulation angesichts der zionistischen Erpressung zu betrachten.  Seit beinahe sechzig Jahren versucht Deutschland, für den Holocaust zu büßen, indem es Israel ermöglicht, einen weiteren Holocaust gegen die Palästinenser zu verüben, auch wenn dies ein Holocaust ohne Gaskammern ist.

Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel verhielt sich Deutschland gegenüber Israel auf eine Weise, die die monumentale Unterdrückung der Palästinenser durch Israel gefühllos und vollständig ignorierte.

Die Deutschen insgesamt und die deutsche politische Elite insbesondere sahen passiv zu, wie Israel alle nur erdenklichen Verbrechen an den hilflosen Palästinensern verübte. Sie wandten sich ab aus Angst, das Mißfallen ihrer jetzt mächtigen früheren Opfer zu erregen, die mittlerweile so mächtige Staaten wie die Vereinigten Staaten kontrollieren.

Deutschland war immer ängstlich, ein Schwert auch Schwert zu nennen, vor allem, wenn das Schwert von jüdischen Händen geführt wurde, da es dadurch an seine eigene brutale Häßlichkeit in der jüngsten Vergangenheit erinnert wurde.

Deutschland ist ein wirtschaftlicher und politischer Riese, aber offensichtlich ein moralischer Zwerg. Es schwieg nicht nur angesichts der israelischen Verbrechen in all diesen Jahren, sondern gab Israel auch noch die erforderlichen technischen Mittel, palästinensische Kinder zu ermorden. Obendrein gab Deutschland - Berichten zufolge ohne Bezahlung - modernste, atomwaffenfähige Unterseeboote.

Ich weiß nicht, wann Deutschland aus seinem langen moralischen Schlaf erwacht und sich selbst aus dem unheilvollen Würgegriff  des Zionismus befreit.

Ist es nicht an der Zeit, daß Deutschland erkennt, daß der Holocaust an sich diabolisch war, aber nicht, weil die Opfer vor allem Juden waren? Wäre ein Holocaust gegen irgendeine andere ethnische oder religiöse Gruppe weniger teuflisch gewesen? Hätte sich Deutschland anders verhalten, hätte der Holocaust sich gegen  Nicht-Juden gerichtet? Sind Deutsche wegen der moralischen Dimensionen des Holocaust so sehr gelähmt, oder wegen der Macht, die die Juden nach dem Krieg erlangt haben?

Solche Fragen sind wesentlich und relevant, da sie möglicherweise dazu beitragen können, die Deutschen aus dem gespenstischen Dilemma zu befreien, aufgrund dessen sie sich moralisch verpflichtet sehen, ihren früheren Opfern zu helfen, ein anderes Volk zu zerfleischen, zu ermorden und zu mißhandeln, das nichts mit dem Holocaust zu tun hatte und dessen einziges Verbrechen seine Schwäche und Hilflosigkeit und seine Entschlossenheit ist, frei zu sein.

Es ist wahrscheinlich nutzlos, an das politische Establishment in Deutschland zu appellieren, dem es wie seiner gleichermaßen bösartigen Entsprechung in den Vereinigten Staaten nicht um Moral sondern um politische Zweckmäßigkeit geht.

Nichtsdestotrotz fühlt man sich von gewissen Anzeichen in der letzten Zeit ermutigt, die darauf deuten, daß Deutschland endlich seine moralische Blindheit und kriminelle Gleichgültigkeit gegenüber den Palästinensern, seinen allerletzten Opfern, überwindet.

Medienberichten zufolge hat eine Gruppe von deutschen Intellektuellen Berlin dazu aufgerufen, die im Holocaust begründete blinde Unterstützung Israels zu ändern, indem sie zutreffend einwandten,  daß die Gründung des jüdischen Staates die Palästinenser ebenfalls zu Opfern des Holocausts der Nazis gemacht hätte.

Die Intellektuellen, darunter 25 bekannte Persönlichkeiten  argumentierten, daß es der von Deutschland begangene Völkermord an den Juden war, der das während der letzten sechs Jahrzehnte andauernde Leid im Nahen Osten versursachte, das gegenwärtig endgültig unerträglich werde.

Darüber hinaus sagten diese Intellektuellen, daß „Israel sich ohne den Holocaust an den Juden weder berechtigt noch gezwungen sähe, die Menschenrechte der Palästinenser und der Bewohner des Libanon zu mißachten“.

Natürlich sind die hier gewählten Worte über die Maßen milde und zurückhaltend, da das was Israel in Palästina und dem Libanon unternommen hat, weit über eine bloße Mißachtung der  Menschenrechte von Palästinensern und Libanesen hinausgeht.

Israel begeht in Wirklichkeit Völkermord. So ist der Abwurf von zwei bis drei Millionen Streubomben über besiedelten Gebieten im Süd-Libanon eindeutig ein Akt des Völkermordes allerersten Ranges zwei bis drei Millionen Streubomben sind ausreichend, zwei bis drei Millionen Kinder zu töten. Dasselbe kann über die andauernde Blockade von Gaza gesagt werden, bei der unschuldige Palästinenser zu Hunderten getötet werden.

 Reparationszahlungen

Angesichts der nachweisbaren direkten Beziehung zwischen Holocaust und der gegenwärtigen Notlage der Palästinenser kann man sagen, daß die Palästinenser ein legitimes moralisches Recht haben, von Deutschland Reparationszahlungen aufgrund des Holocaust zu verlangen.

Die Palästinenser haben nahezu alles verloren. Und alles unter der palästinensischen Sonne hat eine Leidensgeschichte. Der Autor dieser Zeilen beispielsweise verlor an einem einzigen Tag drei Ognkel väterlicherseits durch zionistische Kugeln. Und bis zum heutigen Tag gab es kein Eingeständnis von Schuld, keine Entschädigung von Seiten Israels. Nichts!

Ich weiß, daß solche Worte in Deutschland wahrscheinlich hochgezogene Augenbrauen bewirken werden. Dennoch, wenn Deutsche den moralischen Mut haben, tief in ihren Seelen zu forschen, werden sie zweifellos feststellen, daß es mehr als gerechtfertigt ist, wenn die Palästinenser angemessene und gerechte Reparationszahlungen von Deutschland für das enorme Unglück fordern, das Nazi-Deutschland uns verursacht hat.

 A.d.Ü.: Ich bin mit Amayrehs Schlußfolgerung nicht einverstanden, denn ich halte eine ganze Menge von dem Prinzip direkter Verantwortung und wenig davon, Haftung auf Sippen, Familien, Kinder und Kindeskinder auszudehnen. Dies allein schon deswegen, weil eine solche Praxis nur dauerhaft weiteren Unfrieden bewirkte. Der konsequent durchgehaltene Grundsatz des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ erreicht letztendlich nur eine Welt von Blinden und Zahnlosen. Wer will so etwas?
Es wäre aber allerhöchste Zeit, daß die sogenannte internationale Gemeinschaft, zu der natürlich auch Deutschland gehört, das Unrecht anerkennt, das ihre Mitglieder an den Bewohnern Palästinas begangen haben, zuließen oder auch begehen ließen. Angefangen beim Teilungsbeschluß der Vereinten Nationen im Jahr 1948 über das scheinheilige Gerede vom Existenzrecht des diskriminierenden zionistischen (ein Spezialfall von Rassismus) Staates und der durch nichts zu rechtfertigenden Parteinahme für Israel während des Überfalls auf den Libanon, bis hin zur Duldung von „außergerichtlichen Hinrichtungen“von gewählten Volksvertretern und anderen Führungspersönlichkeiten sowie der gegenwärtigen staatsterroristischen Maßnahmen, die Israel gegenüber den Bewohnern der West Bank und Gazas ergreift, ist eine lange Liste von Ansprüchen auf Entschädigung und Wiedergutmachung zustande gekommen, auf die man sofort zurückgreifen könnte, wollten die Regierungen der Völker der „internationalen Gemeinschaft“ mit dem Anspruch ernst machen, eine Rechtsordnung unter den Völkern zu verwirklichen, die diesen Namen verdiente.

 

Quelle: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=4680&lg=en

Originalartikel veröffentlicht am 21. Februar 2008

Übersetzt von  Hergen Matussik
Hergen Matussik ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=4721&lg=de

 


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