Meine Mutter
liegt im Sterben – und ich darf die Grenze
nicht überschreiten
Mona El Farra,
Sonntag, den 15.Juli 2007
Meine Mutter erlebt ihre
letzten Augenblicke und ich kann die Grenze
nicht überschreiten.
Mein Mutter liegt im
Krankenhaus. Sie ist schwer krank. Sie wurde
vor drei Tagen im Krankenhaus aufgenommen
und ich kann sie nicht erreichen.
Ich habe gerade eine
45tägige Vortragsreise in den USA hinter
mir. Überall in den USA und bei jedem
Vortrag erzählte ich den Zuhörern von unserm
Leiden, vom Leben im großen Gefängnis, das
sich Gazastreifen nennt. Ich erzählte ihnen
über die Grenzschließungen und über die
Patienten, die sterben, weil sie an der
Grenze ( so lange) warten müssen. Die
Grenzen sind seit über 5 Wochen geschlossen.
28 Patienten sind dort gestorben, während
sie auf das Passieren des Grenzüberganges,
dem einzigen zwischen Gaza und Ägypten,
warten. Alle anderen Ausgänge sind komplett
von der israelischen Armee geschlossen. Die
Grenze wurde nur 70 mal während eines Jahres
geöffnet.
Und jetzt kommt meine
persönliche Geschichte dazu – zu der von 1,4
Millionen Menschen im Gazastreifen, die
unter Belagerung und Besatzung, Armut,
Mangel an allem, dem Morden, Schießen, der
Gewalt …. leiden. .
Ich kann die Grenze nicht
überschreiten, nicht die bei Rafa, obwohl
ich jetzt dringend in der Nähe meiner Mutter
sein sollte. Ich sollte jetzt dort sein, um
ihr in jeder Weise zu helfen und um ihr
„Adieu, Mutter!“ zu sagen.
Ich war immer für meine
Patienten da und viele andere Leute, um
ihnen zu helfen und ihnen das Leiden zu
erleichtern. Nun kann ich in der letzten
Stunde meiner Mutter nicht bei ihr sein –
meine Hände sind gebunden. Ich bin hilflos.
Ich kann nichts tun. Ich kann nur warten,
warten, warten. Meine Hals ist trocken,
meine Augen sind voller Tränen.
Dies ist ungerecht,
unmenschlich. Es ist Besatzung. Wie kann
diese gerecht und fair sein, wenn sie sich
hauptsächlich auf Ungerechtigkeit,
Aggression und Grausamkeit gründet?
Kann mir jemand helfen,
nach Hause zu kommen? Ich müsste jetzt
dringend zu Hause sein, um in den letzten
Augenblicken meiner Mutter in ihrer Nähe
zu sein.
Adieu, liebe Mutter, ich
hoffe, du kannst in Frieden ruhen – einem
Frieden, den wir in Gaza nicht haben.
Mit Liebe und
Solidarität!
Mona El-Farra
Sonntag, 15. Juli 2007
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