Das Palästina Portal

Deutschsprachige Stimmen 
Texte von Johannes Zang

 

  Das Palästina Portal      

  

 
 

Start
 

Update: 17-02-12

„Der Tourist im Heiligen Land ist eine heilige Kuh“
Der Einbruch des Pilgergeschäfts trifft nicht zuletzt die Christen vor Ort – Ein Beitrag über das Reisen ins Heilige Land in heilloser Zeit
DT vom 21.08.2004

von Johannes Zang

Touristen sind eine Spezies, die Elias eigentlich für ausgestorben hält. Der Andenkenhändler aus Bethlehem hat seit Wochen nichts mehr verkauft. So lange schon, dass ihm die Preise nicht mehr geläufig sind. Der Pilger aus Bayern interessiert sich für die Olivenholzkrippe in Schuhschachtelformat. Elias staubt die Krippe ab und sucht nach dem Preis. Wie viele Christen denkt auch er über das Auswandern nach – was schon dreitausend Christen im Raum Bethlehem seit Ausbruch der Intifada getan haben. Seit Generationen leben die Christen vom Tourismus – als Hotel- und Restaurantbesitzer, Olivenholz- und Perlmuttschnitzer, Andenkenhändler, Busunternehmer und Reisekaufleute.

Während im Milleniumsjahr 2000 die Millionengrenze mit 1055000 Besuchern knapp überschritten wurde, erreichte man in Palästina im darauf folgenden Jahr nicht einmal mehr die 100000er-Marke. Im Jahr 2002 stürzte die Zahl noch einmal rapide ab, auf unter zehntausend. Auf israelischer Seite sah es besser aus, liegen Nazareth oder Tabgha am See Genesareth doch im ruhigen Galiläa. Eine Vergleichszahl aus Europa: Venedig begrüßt jährlich zehn Millionen Besucher.

Jürgen Neubarth, Leiter der Abteilung Nahost/Afrika im Bayerischen Pilgerbüro in München hatte bei Intifada-Beginn eine Touristengruppe im Heiligen Land. „Die hat davon nichts mitgekriegt“, versichert er. Der „Schnitt“ war der Lynchmord in Ramallah, „ungefähr einen Monat später“, was zu Stornierungen und einem Buchungsstopp geführt hat. „Das war der Todesstoß.“ Am nächsten Tag hätten 150 Pilger ins Heilige Land fliegen sollen – nur achtzig reisten, dabei auch ins palästinensische Bethlehem. Der „Todesstoß“ für den Tourismus im Oktober 2000 hat auch fünf Mitarbeiter des Pilgerbüros in die Arbeitslosigkeit gestoßen.

Das Bayerische Pilgerbüro wird nächstes Jahr achtzig Jahre alt. Seitdem veranstaltet es Pilger-, Studien- und Wanderreisen, Urlaubsaufenthalte in Klöstern und Kreuzfahrten. Vor 1967 starteten die Heilig-Land-Reisen des Münchner Veranstalters in der jordanischen Hauptstadt Amman. Nach dem Besuch der heiligen Stätten auf jordanischer Seite – Jordan-Taufstelle und Mosesberg Nebo – brachte ein jordanischer Reiseführer die Pilgergruppe bis zum Grenzübergang zwischen Israel und Jordanien. Dort, am berühmten Mandelbaumtor übernahm ein israelischer Kollege die Gruppe.

Schon immer war das Pilgerbüro darauf bedacht, Israelis und Palästinenser gleichermaßen am Tourismus verdienen zu lassen. So arbeiten die Münchner bei jeder Reise mit einer israelischen und einer palästinensischen Agentur zusammen. So verbringen die Gruppen – was nicht selbstverständlich ist – vier bis fünf Nächte auf palästinensischem Boden, das heißt in Bethlehem. Auch wegen des Begegnungscharakters – eine wichtige Säule der Firmenphilosophie – mit den Christen des Heiligen Landes. Denn sie und ihr Land seien das „fünfte Evangelium“, lehrte schon der Kirchenvater Hieronymus. Ein Evangelium zum Anfassen und zum Durchwandern. Weit mehr als die Steine der Kirchen, Moscheen und Synagogen. In der Regel verlassen Pilgergruppen das heilige Land und haben keinen einheimischen Christen zu Gesicht bekommen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Begegnungen von Pilgern mit den Einwohnern beschränken sich oft auf den jüdischen Reiseführer und den Busfahrer, der meist ein muslimischer Palästinenser ist.

Pfarrer Raheb, in Deutschland vor Jahren durch sein Buch „Ich bin Christ und Palästinenser“ bekannt geworden, weiß, dass ein Pilger sich im Schnitt nur eineinhalb Stunden auf palästinensischem Boden aufhält. Für den Besuch der Geburtskirche in Bethlehem, mit An- und Abfahrt lassen sich Reiseunternehmen selten mehr als neunzig Minuten Zeit. Nicht ohne Grund heißt Mitri Rahebs zweiter Arbeitsplatz „Internationales Begegnungszentrum“. Dort bietet er seit sechs Jahren Gesprächsabende mit palästinensischen Christen an, feiert gemeinsame Gottesdienste und organisiert Musik- und Tanzabende. An seinem Zentrum ausgebildete palästinensische Reiseführer zeigen Pilgern auch die kleinen Gassen rund um den Alten Markt, lassen sie die Hirtenfelder in Beit Sahour erleben und konfrontieren sie mit der palästinensischen Flüchtlingsproblematik in einem der drei Lager der Geburtsstadt Jesu. Pfarrer Rahebs deutscher Mitarbeiter, der Theologe und Judaist Andreas Kuntz aus Kaiserslautern hat im Rahmen des Programms „authentischer Tourismus“ diesen alternativen Bethlehem-Tag entwickelt. Auf der Tourismusbörse in Berlin wurde das Tourismuskonzept des Internationalen Begegnungszentrums mit dem „Todo!96“ ausgezeichnet.

Jürgen Neubarth vom Pilgerbüro bedauert, dass es nur drei palästinensische Reiseführer gibt, die in deutscher Sprache durchs ganze Land führen können. Die anderen sind wegen der politischen Lage in ihrer Bewegungsfreiheit auf die palästinensischen Gebiete beschränkt. Zwei, die seit Jahren in diesem Beruf arbeiten und zur Zeit fast arbeitslos sind, ist das deutsch-palästinensische Ehepaar Karl-Heinz und Louisa Fleckenstein. „Nur wenige getrauen sich, sich über die Barriere der negativen Berichterstattung hinwegzusetzen“, klagen die beiden. Auch Neubarth ist nicht glücklich mit den Medien und deren „mangelnder Differenzierung.“ Ramallah oder Gaza seien noch nie Pilgerziele gewesen – „auch vor der Intifada fuhren wir diese Orte nicht an“. Und ins Wadi „Quilt“ zwischen Jerusalem und Jericho sei man immer nur dann zum Wandern gegangen, wenn die israelische Armee Streife gefahren sei. Mit oder ohne Intifada.

Immerhin einen Erfolg schreibt er der Initiative seines Büros zu – dem wiederholten Wunsche zu differenzieren sei man beim Auswärtigen Amt nachgekommen. Es hatte nämlich zeitweise vor einem Besuch der Jerusalemer Altstadt gewarnt. Auf Initiative der Münchner Reiseprofis sei diese Warnung dann gemildert – und nur für Einzelreisende ausgesprochen worden. Laut Neubarth hat das Amt in Berlin „nie eine generelle Reisewarnung für das Heilige Land“ ausgegeben.

Einer, der dem Ehepaar Fleckenstein alle zwölf Monate Arbeit beschafft, ist der Wiener Studentenpfarrer Konstantin Spiegelfeld, der immer um die Jahreswende mit einer Studentengruppe ins Heilige Land fliegt. Er möchte gerade jetzt ein Zeichen der Verbundenheit mit den Christen im Land der Bibel setzen. Nur zu gut kennt das Ehepaar Fleckenstein die Bedenken und den Druck von Verwandten und Freunden, hat sich einer für die Reise angemeldet. „Das Umfeld macht die Reise madig“, bestätigt Neubarth vom Bayerischen Pilgerbüro. Angehörige von Reisewilligen rufen immer wieder an und erkundigen sich nach den Sicherheitskriterien. Besonders nach Anschlägen – dann stehen anderntags zwischen acht und zehn Uhr morgens die Telefone in München nicht mehr still. „Die Menschen wollen eine Garantie, dass ihnen oder ihren Angehörigen nichts Schlimmes passiert.“ Der Deutsche wolle zu hundertprozentig versichert sein. „Er will orientalisches Flair auf deutschem Sicherheitsniveau.“ Dabei sei noch nie einem Pilger etwas zugestoßen – ist doch der Tourist im Heiligen Land gewissermaßen eine heilige Kuh.

Vor der Intifada war das Heilige Land umsatzmäßig auf Platz Vier des Bayerischen Pilgerbüros. Hinter Lourdes, Rom und Fatima. Nun ist es auch im Katalog unter „Pilgerreisen“ auf die letzte Stelle gerutscht – hinter Rumänien, Griechenland und die Türkei. Immerhin ist es während der gesamten Intifada nicht aus dem Katalog geflogen. „Wir haben es immer angeboten und tun dies auch weiterhin“, versichert Jürgen Neubarth, „unsere Solidarität ist hundertprozentig“.

Einige Touren werden unverändert angeboten, andere haben eine neue Route. So endet die Tour „Exodus“ nun im jordanischen Nebo, wo Moses entschlafen sein soll. Außerdem sei ein achttägiger Klosteraufenthalt in Tabgha am See Genesareth mit Tagesausflügen neu ins Programm gekommen. Für Klosterreisen wurde das bayerische Unternehmen prompt auf der Touristikmesse CMT in Stuttgart von einem Fachpublikum mit dem diesjährigen „Sonntag Aktuell – Touristik-Preis“ prämiert. Aus dem Katalog genommen wurde nur die Reise „Heilig-Land einmal anders“, die ausschließlich in den palästinensischen Gebieten verlief.

In diesem Jahr hat Neubarth immerhin schon sechs Gruppen ins Heilige Land bringen können – ein Lichtstreif am Ende des Tunnels? Von den etwa 120 Gruppen im Jahr 1999 kann man derzeit nur träumen. Die haben damals circa fünf Millionen Mark in die Münchner Kassen gebracht. Eine Art Marshallplan für das Heilige Land hat deshalb die italienische Kirche lanciert, um dort den Tourismus vor dem völligen Zusammenbruch zu retten. Der 12. theologisch-pastorale Kongress des römischen Pilgerwerks ORP hat im Februar sämtliche Diözesen dazu aufgefordert. „In Italien gibt es 230 Diözesen – wenn jede eine Reisegruppe auf die Beine stellen würde, gäbe es im Heiligen Land das ganze Jahr über Pilger“, rechnete Monsignore Liberio Andreatta vor.

Pfarrer Spiegelfeld aus Wien setzt den Marshallplan Jahr für Jahr um. Für die letzte Gruppe – Studenten aus Wien – wurde die Pilgerreise zu einem unvergesslichen Erlebnis. Beim Besuch der Geburtskirche in Bethlehem trat ein Bethlehemer Ehepaar freudestrahlend auf die Studenten zu. Sie hielten ein gesegnetes Stück Brot in ihren Händen, brachen es in kleine Stücke und gaben sie den jungen Pilgern als Zeichen der Verbundenheit und Gastfreundschaft – in Bethlehem, was auf hebräisch „Haus des Brotes“ heißt. Den Reisekatalog 2005 will das Bayerische Pilgerbüro Journalisten und Reiseexperten im kommenden Herbst im Heiligen Land vorstellen, um den Menschen vor Ort Mut zu machen.

 

Start


Kenneth Lewan
Ist Israel Südafrika

Das Buch wird gegen einen 'Solidaritätsbeitrag  (5€ + 2€ Versandkosten) verkauft.

Weitere Infos hier >>>


Rezension -
Das Buch ist aktueller denn je. Von der BRD-Presse totgeschwiegen, zeigt es Israel so wie es ist >>>
 



Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina.

"Nur" Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord

Eine Dokumentation von Ellen-Ruth Rohlfs
3. erweiterte Auflage

Selbstverlag - Preis 12.- € - Zu beziehen über: ellen.rohlfs(at)freenet.de
 


Eine kostenlose CD
Die Geschichte Palästinas in Bilder

(PowerPoint) >>>

Die CD ist einschließlich der Portokosten gratis. Sie ist ein Teamwork der Gesellschaft Schweiz-Palästina, Gruppe Tessin. >>>

 



 

Start | oben

Mail           Impressum           Haftungsausschluss                Honestly Concerned  + Netzwerk        The "best" of  H. M. Broder            Erhard  arendt art