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„Der Tourist im
Heiligen Land ist eine heilige Kuh“
Der Einbruch des Pilgergeschäfts trifft nicht zuletzt die Christen
vor Ort – Ein Beitrag über das Reisen ins Heilige Land in heilloser
Zeit
DT vom 21.08.2004
von Johannes Zang
Touristen sind eine Spezies, die Elias eigentlich für ausgestorben
hält. Der Andenkenhändler aus Bethlehem hat seit Wochen nichts mehr
verkauft. So lange schon, dass ihm die Preise nicht mehr geläufig
sind. Der Pilger aus Bayern interessiert sich für die
Olivenholzkrippe in Schuhschachtelformat. Elias staubt die Krippe ab
und sucht nach dem Preis. Wie viele Christen denkt auch er über das
Auswandern nach – was schon dreitausend Christen im Raum Bethlehem
seit Ausbruch der Intifada getan haben. Seit Generationen leben die
Christen vom Tourismus – als Hotel- und Restaurantbesitzer,
Olivenholz- und Perlmuttschnitzer, Andenkenhändler, Busunternehmer
und Reisekaufleute.
Während im Milleniumsjahr 2000 die Millionengrenze mit 1055000
Besuchern knapp überschritten wurde, erreichte man in Palästina im
darauf folgenden Jahr nicht einmal mehr die 100000er-Marke. Im Jahr
2002 stürzte die Zahl noch einmal rapide ab, auf unter zehntausend.
Auf israelischer Seite sah es besser aus, liegen Nazareth oder
Tabgha am See Genesareth doch im ruhigen Galiläa. Eine
Vergleichszahl aus Europa: Venedig begrüßt jährlich zehn Millionen
Besucher.
Jürgen Neubarth, Leiter der Abteilung Nahost/Afrika im Bayerischen
Pilgerbüro in München hatte bei Intifada-Beginn eine Touristengruppe
im Heiligen Land. „Die hat davon nichts mitgekriegt“, versichert er.
Der „Schnitt“ war der Lynchmord in Ramallah, „ungefähr einen Monat
später“, was zu Stornierungen und einem Buchungsstopp geführt hat.
„Das war der Todesstoß.“ Am nächsten Tag hätten 150 Pilger ins
Heilige Land fliegen sollen – nur achtzig reisten, dabei auch ins
palästinensische Bethlehem. Der „Todesstoß“ für den Tourismus im
Oktober 2000 hat auch fünf Mitarbeiter des Pilgerbüros in die
Arbeitslosigkeit gestoßen.
Das Bayerische Pilgerbüro wird nächstes Jahr achtzig Jahre alt.
Seitdem veranstaltet es Pilger-, Studien- und Wanderreisen,
Urlaubsaufenthalte in Klöstern und Kreuzfahrten. Vor 1967 starteten
die Heilig-Land-Reisen des Münchner Veranstalters in der jordanischen
Hauptstadt Amman. Nach dem Besuch der heiligen Stätten auf
jordanischer Seite – Jordan-Taufstelle und Mosesberg Nebo – brachte
ein jordanischer Reiseführer die Pilgergruppe bis zum Grenzübergang
zwischen Israel und Jordanien. Dort, am berühmten Mandelbaumtor
übernahm ein israelischer Kollege die Gruppe.
Schon immer war das Pilgerbüro darauf bedacht, Israelis und
Palästinenser gleichermaßen am Tourismus verdienen zu lassen. So
arbeiten die Münchner bei jeder Reise mit einer israelischen und
einer palästinensischen Agentur zusammen. So verbringen die Gruppen
– was nicht selbstverständlich ist – vier bis fünf Nächte auf
palästinensischem Boden, das heißt in Bethlehem. Auch wegen des
Begegnungscharakters – eine wichtige Säule der Firmenphilosophie –
mit den Christen des Heiligen Landes. Denn sie und ihr Land seien
das „fünfte Evangelium“, lehrte schon der Kirchenvater Hieronymus.
Ein Evangelium zum Anfassen und zum Durchwandern. Weit mehr als die
Steine der Kirchen, Moscheen und Synagogen. In der Regel verlassen
Pilgergruppen das heilige Land und haben keinen einheimischen
Christen zu Gesicht bekommen, geschweige denn mit ihm gesprochen.
Begegnungen von Pilgern mit den Einwohnern beschränken sich oft auf
den jüdischen Reiseführer und den Busfahrer, der meist ein
muslimischer Palästinenser ist.
Pfarrer Raheb, in Deutschland vor Jahren durch sein Buch „Ich bin
Christ und Palästinenser“ bekannt geworden, weiß, dass ein Pilger
sich im Schnitt nur eineinhalb Stunden auf palästinensischem Boden
aufhält. Für den Besuch der Geburtskirche in Bethlehem, mit An- und
Abfahrt lassen sich Reiseunternehmen selten mehr als neunzig Minuten
Zeit. Nicht ohne Grund heißt Mitri Rahebs zweiter Arbeitsplatz
„Internationales Begegnungszentrum“. Dort bietet er seit sechs
Jahren Gesprächsabende mit palästinensischen Christen an, feiert
gemeinsame Gottesdienste und organisiert
Musik- und Tanzabende. An seinem Zentrum ausgebildete
palästinensische Reiseführer zeigen Pilgern auch die kleinen Gassen
rund um den Alten Markt, lassen sie die Hirtenfelder in Beit Sahour
erleben und konfrontieren sie mit der palästinensischen
Flüchtlingsproblematik in einem der drei Lager der Geburtsstadt
Jesu. Pfarrer Rahebs deutscher Mitarbeiter, der Theologe und Judaist
Andreas Kuntz aus Kaiserslautern hat im Rahmen des Programms
„authentischer Tourismus“ diesen alternativen Bethlehem-Tag
entwickelt. Auf der Tourismusbörse in Berlin wurde das
Tourismuskonzept des Internationalen Begegnungszentrums mit dem
„Todo!96“ ausgezeichnet.
Jürgen Neubarth vom Pilgerbüro bedauert, dass es nur drei
palästinensische Reiseführer gibt, die in deutscher Sprache durchs
ganze Land führen können. Die anderen sind wegen der politischen
Lage in ihrer Bewegungsfreiheit auf die palästinensischen Gebiete
beschränkt. Zwei, die seit Jahren in diesem Beruf arbeiten und zur
Zeit fast arbeitslos sind, ist das deutsch-palästinensische Ehepaar
Karl-Heinz und Louisa Fleckenstein. „Nur wenige getrauen sich, sich
über die Barriere der negativen Berichterstattung hinwegzusetzen“,
klagen die beiden. Auch Neubarth ist nicht glücklich mit den Medien
und deren „mangelnder Differenzierung.“ Ramallah oder Gaza seien
noch nie Pilgerziele gewesen – „auch vor der Intifada fuhren wir
diese Orte nicht an“. Und ins Wadi „Quilt“ zwischen Jerusalem und
Jericho sei man immer nur dann zum Wandern gegangen, wenn die
israelische Armee Streife gefahren sei. Mit oder ohne Intifada.
Immerhin einen Erfolg schreibt er der Initiative seines Büros zu –
dem wiederholten Wunsche zu differenzieren sei man beim Auswärtigen
Amt nachgekommen. Es hatte nämlich zeitweise vor einem Besuch der
Jerusalemer Altstadt gewarnt. Auf Initiative der Münchner
Reiseprofis sei diese Warnung dann gemildert – und nur für
Einzelreisende ausgesprochen worden. Laut Neubarth hat das Amt in
Berlin „nie eine generelle Reisewarnung für das Heilige Land“
ausgegeben.
Einer, der dem Ehepaar Fleckenstein alle zwölf Monate Arbeit
beschafft, ist der Wiener Studentenpfarrer Konstantin Spiegelfeld,
der immer um die Jahreswende mit einer Studentengruppe ins Heilige
Land fliegt. Er möchte gerade jetzt ein Zeichen der Verbundenheit
mit den Christen im Land der Bibel setzen. Nur zu gut kennt das
Ehepaar Fleckenstein die Bedenken und den Druck von Verwandten und
Freunden, hat sich einer für die Reise angemeldet. „Das Umfeld macht
die Reise madig“, bestätigt Neubarth vom Bayerischen Pilgerbüro.
Angehörige von Reisewilligen rufen immer wieder an und erkundigen
sich nach den Sicherheitskriterien. Besonders nach Anschlägen – dann
stehen anderntags zwischen acht und zehn Uhr morgens die Telefone in
München nicht mehr still. „Die Menschen wollen eine Garantie, dass
ihnen oder ihren Angehörigen nichts Schlimmes passiert.“ Der
Deutsche wolle zu hundertprozentig versichert sein. „Er will
orientalisches Flair auf deutschem Sicherheitsniveau.“ Dabei sei
noch nie einem Pilger etwas zugestoßen – ist doch der Tourist im
Heiligen Land gewissermaßen eine heilige Kuh.
Vor der Intifada war das Heilige Land umsatzmäßig auf Platz Vier des
Bayerischen Pilgerbüros. Hinter Lourdes, Rom und Fatima. Nun ist es
auch im Katalog unter „Pilgerreisen“ auf die letzte Stelle gerutscht
– hinter Rumänien, Griechenland und die Türkei. Immerhin ist es
während der gesamten Intifada nicht aus dem Katalog geflogen. „Wir
haben es immer angeboten und tun dies auch weiterhin“, versichert
Jürgen Neubarth, „unsere Solidarität ist hundertprozentig“.
Einige Touren werden unverändert angeboten, andere haben eine neue
Route. So endet die Tour „Exodus“ nun im jordanischen
Nebo, wo Moses entschlafen sein soll. Außerdem sei ein achttägiger
Klosteraufenthalt in Tabgha am See Genesareth mit Tagesausflügen neu
ins Programm gekommen. Für Klosterreisen wurde das bayerische
Unternehmen prompt auf der Touristikmesse CMT in Stuttgart von einem
Fachpublikum mit dem diesjährigen „Sonntag Aktuell –
Touristik-Preis“ prämiert. Aus dem Katalog genommen wurde nur die
Reise „Heilig-Land einmal anders“, die ausschließlich in den
palästinensischen Gebieten verlief.
In
diesem Jahr hat Neubarth immerhin schon sechs Gruppen ins Heilige
Land bringen können – ein Lichtstreif am Ende des Tunnels? Von den
etwa 120 Gruppen im Jahr 1999 kann man derzeit nur träumen. Die
haben damals circa fünf Millionen Mark in die Münchner Kassen
gebracht. Eine Art Marshallplan für das Heilige Land hat deshalb die
italienische Kirche lanciert, um dort den Tourismus vor dem völligen
Zusammenbruch zu retten. Der 12. theologisch-pastorale Kongress des
römischen Pilgerwerks ORP hat im Februar sämtliche Diözesen dazu
aufgefordert. „In Italien gibt es 230 Diözesen – wenn jede eine
Reisegruppe auf die Beine stellen würde, gäbe es im Heiligen Land
das ganze Jahr über Pilger“, rechnete Monsignore Liberio Andreatta
vor.
Pfarrer Spiegelfeld aus Wien setzt den Marshallplan Jahr für Jahr
um. Für die letzte Gruppe – Studenten aus Wien – wurde die
Pilgerreise zu einem unvergesslichen Erlebnis. Beim Besuch der
Geburtskirche in Bethlehem trat ein Bethlehemer Ehepaar
freudestrahlend auf die Studenten zu. Sie hielten ein gesegnetes
Stück Brot in ihren Händen, brachen es in kleine Stücke und gaben
sie den jungen Pilgern als Zeichen der Verbundenheit und
Gastfreundschaft – in Bethlehem, was auf hebräisch „Haus des Brotes“
heißt. Den Reisekatalog 2005 will das Bayerische Pilgerbüro
Journalisten und Reiseexperten im kommenden Herbst im Heiligen Land
vorstellen, um den Menschen vor Ort Mut zu machen.
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