"Bethlehem insgesamt ist ein großes Gefängnis"
Viktor Batarseh, Bürgermeister von Bethlehem, fordert
von Israel:
"Wir brauchen keine Mauern, sondern Brücken"
Die Tagespost - 24.12.2005
VON JOHANNES ZANG
Weihnachten 2005 - was bedeutet das für Sie als
Bürgermeister der Geburtsstadt Jesu?
Es ist eine Ehre, Bürgermeister dieser Stadt zu sein.
Sie ist eine kleine, Stadt, aber sie hat ein großes
Herz. Sie ist die Wiege der Christenheit. Daher bin ich
'-- sozusagen der Bürgermeister der ganzen christlichen
Welt. Die Weihnachtsbotschaft von Bethlehem ist: Wir
haben keine Angst, da die Anzeichen einer helleren
Zukunft schon da sind, auch wenn sie von allgemeinen
Gefühlen des, Pessimismus überIagert werden.
Wieviele Pilger erwarten Sie jetzt während der
Weihnachtstage?
Letztes Jahr waren es um die18 000. Dieses Jahr hoffen
wir auf 30000. Wir wünschen uns, dass die Pilger einige
Nächte in Bethlehem verbringen. Die Haupteinnahmequelle
der Stadt ist doch der Tourismus.
Wird er durch die Mauer und den Kontrollpunkt "Bethiehem
300" Schaden nehmen? Die israelische Regierung hat
uns 30000 Quadratmeter Land für die illegale Trennmauer
abgenommen. Sie schlängelt sich beim nördlichen, dem
historischen Eingang in die Stadt. Die Touristen müssen
aus den Bussen aussteigen und Sicherheitskontrollen über
sich ergehen lassen wie an einer Grenze. Wir erkennen
diesen Kontrollpunkt aber nicht als Grenze an. Das
Viertel dort an der Mauer ist schon ein Ghetto geworden
und Bethlehem insgesamt ein großes Gefängnis. Das könnte
zu einer Hürde für den Tourismus werden.
Was möchten Sie den Christen der Welt sagen?
Ich hoffe, sie treffen dieselbe Entscheidung wie die
Hirten damals und sagen: "Lasst uns jetzt nach Bethlehem
gehen und sehen, was dort geschehen ist."
Ihr Besuch im Heiligen Land, besonders in Bethlehem,
stellt eine große Herausforderung dar für die
israelische Politik der Isolierung und Demütigung des
palästinensischen Volkes.
Auch in Bethiehem leben Christen. Wie geht esihnen?
Wir haben hier sechzig Prozent Arbeitslosigkeit. Die
Zahl der Christen im Heiligen Land sinkt weitet,
dasselbe gilt auch für die Muslime. Allein in den
letzten fünfzehn Jahren haben 42 Prozent der
palästinensischen Christen Bethlehem verlassen. Beendet
die Besatzung, und die meisten von ihnen werden
zurückkommen.
Im kommenden Jahr wird im Heiligen Land gewählt. Was
erwarten Sie s ich davon?
Wir hoffen, dass uns die Wahlen in Israel und hier bei
uns in Palästina zwei neue Regierungen bringen, die sich
zusammensetzen und über den Frieden reden. Und wenn die
neue israelische Regierung echten Frieden will, dann
kann dies sehr leicht
erreicht werden. Erfülle die Resolutionen der Vereinten
Nationen, beende die Besatzung, gib uns unser Recht auf
Selbstbestimmung und unseren eigenen Staat. Am nächsten
Tag werden wir Frieden haben. So leicht ist das.
Was bedeutet das für 2006? Wird es ein Jahr der
Hoffnung sein?
Wir hoffen, dass es gut wird.
Was ist ihr Wunsch an Israel?
Wir, das palästinensische und das israelische Volk,
brauchen keine Mauern, sondern Brücken. Lasst uns
verhandeln, anstatt uns abzukapseln. Lasst uns zusammen
zum Friiedensfürsten beten: "Mögen sich Menschen der
Gewalt vom Elend der Leidenden berühren lassen, und möge
Dein Geist uns helfen, die Horizonte zu erweitern und
das Verstehen von uns allen zu vertiefen."