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Diejenigen, die nun laut schreiend und keifend sich getroffen
fühlen, sollten darüber nachdenken, wie es zu schaffen ist, diese in
der Tat schockierenden Urteile obsolet werden zu lassen. Noch ist es
dafür nicht zu spät
Günter Schenk
Sehr geehrte Frau Karas,
mit Interesse las ich die
von Ihnen weiterverbreitete Mitteilung des Thomas-Immanuel
Steinberg (www.steinbergRecherche.com).
Natürlich hat SteinbergRecherche Recht, legt seine Finger auf
die Wunden eines Staates, der einst gegründet wurde um
verfolgten Juden der Welt einen sicheren Hafen zu geben.
Das aber ist lange
Geschichte und Sie sollten doch wissen, dass schon die Gründung
dieses "sicheren" Hafens auf Terror gebaut war. Zahlreiche
Empfänger Ihrer Mail wissen dies vielleicht nicht. Die Berichte
über jüdische Terroraktionen sind Legion und in der Bibliothek
jedes Institutes für neuere Geschichte nachzulesen. (z.B. bei
Simcha Flapan, Die Entstehung Israels)
Der Terror richtete sich
aber im Falle Israels nicht, wie das bedauerlicherweise, ja oft
wohl notwendigerweise, in fast allen kolonisierten Staaten zur
Zeit der Entkolonisierung üblich war, allein gegen die damalige
britische Mandatsmacht für Palästina. Anders, als man ihnen
versprochen hatte, fanden die einwandernden Menschen nämlich
kein menschenleeres Land vor. Nein, der wirkliche Terror von
für den Nahen Osten historischer Dimension fand seinen ersten
Höhepunkt in der Ermordung der Einwohner ganzer
palästinensischer Ortschaften und der daraus folgenden
Massenflucht. Deir Yassin steht hier stellvertretend für
zahlreiche andere... Wie so oft, führte aber die Gründung,
erbaut auf Terror, nicht zur gewünschten Sicherheit sondern ist
der Grund für den Scherbenhaufen, den dieser Staat im ganzen
Nahen und Mittleren Osten seitdem geschaffen hat.
Damals schon schaute die
durch den grausamen europäischen Judenmord gelähmte Welt untätig
zu. Später dann, nach mehreren Angriffskriegen (siehe
Forschungsergebnisse der angesehenen "Neuen Historiker" in
Israel) gegen seine Nachbarn, nach ungezählten Nichtbeachtungen
von UNO-Resolutionen wurde der auf Gewalt gegründete letzte
Kolonialstaat des 20. Jahrhunderts hoffähig, ungeachtet seines
notorischen Zuwiederhandelns gegen immer mehr Resolutionen der
UNO. Es war ja allzu verständlich: das schlechte Gewissen war in
vielen Ländern allgegenwärtig.
Kriege gegen die schwachen
Nachbarn wurden vom Zaun gebrochen, die ohne erhebliche
materielle Hilfe des Westens, dabei nicht unwesentlich durch die
deutsche Rüstungswirtschaft, die jedes Mal mit einer
Erweiterung des vorher geflissentlich nie abgesteckten
Staatsgebietes dieses auf fremdem Boden, nach Vertreibungen und
fortgesetztem Landraub endeten.
All dies weiß natürlich
jeder Kenner der neueren Geschichte (ich hoffe, Sie
entschuldigen mir die Nichterwähnung uralter historischer oder
ahistorischer Mythen). Allein, es gehört sich offensichtlich
einfach nicht, dies zu benennen. Genauso wenig, wie es sich zu
gehören scheint, auf die fortwährende schleichende Vernichtung
aller gewachsenen Kultur und gesellschaftlichen Lebens im
besetzten Palästina hinzuweisen.
Wer in Deutschland weiß
schon, wie die Welt für deutsche Juden von der Zeit der
Naziherrschaft bis zum Beginn des 2. Weltkrieges aussah? Wer
will wissen, wie das Leben für Juden in Deutschland aussah, in
den dunklen Jahren bevor deutscher Rassewahn auch vor der
letzten Schranke, dem Massenmord, irgendwo im Fernen Polen,
dort, wo niemand so recht hinschauen konnte oder wollte, oder
hinter Stacheldrahtzäunen von Lagern, in die man lieber nicht
hineinschaute, nicht mehr zurückschreckte? Verbot des Zuganges
zu Gymnasien, zu Hochschulen und Universitäten, zumindest
Behinderung, wo immer das möglich war, das war Realität für
deutsche Juden bis zum Kriegsbeginn. Auch war erzwungene
Auswanderung aus der geliebten und angestammten Heimat in
Deutschland an der Tagesordnung.
Waren all dies keine
Verbrechen gegen die Menschlichkeit? frage ich Sie. Und nun,
welche Parallelen gibt es zwischen diesen barbarischen Methoden
und jenen, unter denen das palästinensische Volk nun schon im
40. Jahr (sic!) der Besatzung leidet? Das alles sahen auch die
Bischöfe aus Deutschland. Und sie sahen es nicht nur, nein sie
benannten es auch, genauso, wie es ist. Ohne den allzuoft in der
Vergangenheit geübten "Schönsprech". Mit klaren, jedermann
verständlichen Worten.
Der Beweis? Die vor Wut
schäumende Reaktion der verantwortlichen Täter und jener, die
die Täter und ihre schändlichen Untaten decken oder die mit
relativierendem Ja/Aber
mehr zur Vernebelung als
zur Klärung beitragen. Lassen Sie es mich deutlich ausdrücken:
nicht Juden sind die neuen Täter, es ist der Staat Israel, der
das Leben der Palästinenser nun schon im 40. Jahr dem langsamen
Erstickungstod zutreibt. Wenn aber Juden in unserem Land und
anderswo meinen, diese "langsame Vernichtung eines Volkes" (*)
als Rechtens vertreten zu müssen, "entschuldigt" von einem
absurden Sicherheitsargument, so machen sie sich ebenso
mitschuldig wie all jene unter uns, Juden und
Nichtjuden, Christen und Nichtchristen, die tatenlos zuschauen
beim fortlaufenden Vernichtungswerk Palästinas. Ist es nicht
gerade dies, das Vermächtnis aus der Geschichte, gerade für uns
Deutsche, dass nie wieder Menschen wegen ihrer Herkunft,
Zugehörigkeit, Religion oder Rasse bedrängt und gefährdet werden
dürfen?
Wer da aufschreit ist kein
Antisemit, er ist ganz gewiss auch kein Judenhasser, sondern er
folgt jenen universalen Werten, die gerade das humanistische
Judentum unserer
Welt geschenkt hat, Werte
so schamlos von Israel mit Füßen getreten, Werte, die sich nicht
ernähren aus Nationalismus, Militarismus, Abgrenzung, Ablehnung
alles Fremden, sondern auf Humanitas gegründet sind. Wie ich
Ihnen, liebe Frau Karas, oben schrieb, kann man offensichtlich
all dies in unserem Land denken, aber, sagen, es beim Namen
nennen, das gehört sich scheinbar einfach nicht, folgt man der
erhitzten öffentlichen Diskussion um die Berichte der
katholischen Bischöfe, am Ende ihrer Reise nach Israel, dem
1948 in Palästina errichteten Staat um dessen Existenz es
natürlich nicht geht, es sei denn, man meine einen kolonialen,
sicher kaum in unsere Zeit gehörenden Apartheidstaat, der die
im Lande heimische und mit der angestammten Heimat in Liebe
verbunde Bevölkerung aus Gründen von Zugehörigkeit
ausschließt.
Erlauben Sie mir bitte,
liebe Frau Karas, eine Vermutung: könnte es sein, dass es die
gleiche Feigheit ist, damals und heute, die nicht hinschauen
wollte und will, die die Greueltaten nicht beim Namen nennen
wollte und will, die lieber mit "Schönsprech" die Verbrechen
verharmlosten und nun erneut verharmlosen? Das, was dann aber
später geschah, als die Schranken der Moralesetze der
zivilisierten Menschheit außer Kraft gesetzt und mit Füßen
getreten wurde, im Weltkrieg, das wissen wir und es gilt
natürlich nicht, dies und jenes miteinander gleichzusetzen.
Schließlich gilt der Vergleich der Vorsorge, Gleichsetzung ist
eine unerlaubte Instrumentalisierung und führt nicht weiter. Die
Verbrechen sind ungleich, wiewohl es gerade jetzt wieder gilt,
den Anfängen zu wehren. Wer weiß schon, wohin es den Staat
Israel noch treibt, wenn einmal die Welt woanders hinschaut? Wie
schrieb dazu Frau Hecht-Galinski, gestern wiedergegeben in einer
Depesche einer großen Presseagentur "die Verbrechen der
Vergangenheit sind nicht mehr rückgängig zu machen, aber die
jetzigen in Palästina". Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
Dann aber wird niemand
mehr sagen können "wir haben es nicht gewusst". Die Bischöfe aus
Deutschland haben berichtet, wo anderen Berichten kein oder kaum
Gehör geschenkt wurde. Darum ist es auch so wichtig, dass die
katholischen Bischöfe nicht, wie allzuoft in der Vergangenheit,
eine verbrämende Sprache der "politischen Korrektheit" gewählt
haben, sondern ihren Gefühlen und ihrem Denken mit aller
Betroffenheit, jedoch mit Verantwortung für die Menschen in
Israel und Palästina Ausdruck verliehen haben. Diejenigen, die
nun laut schreiend und keifend sich getroffen fühlen, sollten
darüber nachdenken, wie es zu schaffen ist, diese in der Tat
schockierenden Urteile obsolet werden zu lassen. Noch ist es
dafür nicht zu spät. Noch ist es Zeit, die seit fast 40 Jahren
andauernde Besatzung über ein gequältes Volk zu beenden. Dann
wird auch das, was die einen Widerstand, die anderen Terror
nennen, ein Ende finden, zum Wohle aller Menschen, nenne man das
dann Palästina oder Israel, das Land wird aufblühen als
gemeinsame demokratische Errungenschaft nach
langen, zerstörerischen Bruderkämpfen.
Sollten für Sie, sehr
geehrte Frau Karas, Fragen offen geblieben sein, so stehe ich
Ihnen selbstverständlich gern zu weiteren Erläuterungen bereit
- collectif judéo-arabe et
citoyen pour la paix, Strasbourg
- Coordination de l'Appel
de Strasbourg pour une paix juste au Proche Orient
* ich erwähne hier die
erst in diesen Tagen erschienene erschütternde Veröffentlichung
des Mitgliedes von Gush-Shalom und der Trägerin des
Bundesverdienstkreuzes am Bande, Frau Ellen Rohlfs
"Nie wieder!" ? - Was
geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina? "Nur"
Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender
Völkermord?
Am 07.03.2007 um
19:26 schrieb CLAUDIA KARAS:
Thomas Immanuel Steinberg
In the ghetto
Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke
hatte auf seiner Pilgerreise durchs Heilige Land in der
Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem die Bilder aus dem
Warschauer Ghetto gesehen. Das sind erschütternde
Bilder. Selbst einen Bischof, menschlicher Regungen
nicht grundsätzlich unfähig, dürften diese Bilder
erschüttern; sie werden auch den Eichstätter Bischof
erschüttert haben.
Am gleichen Tag fuhr der – vermutlich
erschütterte – Bischof durch meterhohe, meterdicke
Sperranlagen aus Mauern und Stacheldraht auf
völkerrechtswidrig besetztem Gebiet in das
Palästinenserreservat Ramallah. Alle, die je die
Ghettoisierung der Palästinenser auf deren eigenem Boden
besichtigt haben, sind erschüttert. Erlaubt sie doch
immer weitere rein jüdische Siedlungen auf
palästinensischem Gebiet mit Verkehrsverbindungen nur
für Juden; der Judenstaat kann sich ausweiten, und die
Palästinenser werden verjagt.
Vermutlich war auch der Bischof von dem Anblick
erschüttert.
Beides, Warschauer Ghetto-Bilder und
Palästinenser-Ghetto an einem Tag: Das fand Bischof
Hanke „schwer zu ertragen“. Jeder fände das schwer
erträglich. Mauer und Stacheldraht hier, Mauer und
Stacheldraht da; verbrecherische Besatzung und
Freiheitsberaubung hier, verbrecherische Besatzung und
Freiheitsberaubung da; Opfergruppe hier, Tätergruppe da
– wem ginge da nicht der Deckel hoch.
Bischof Hanke empfand genau das, oder er
simulierte glaubhaft dieses Gefühl, denn er schimpfte:
„Da geht einem ja der Deckel hoch.“ Der geht jedem hoch
angesichts der himmelschreienden Gemeinheit, die
jüdische Israelis mit Unterstützung der Zionisten in
aller Welt jeden Tag aufs Neue den Palästinensern
antun.
Selbst der Zentralrat der Juden in Deutschland
behauptet, er wisse, daß die Situation der Palästinenser
nicht leicht sei.
Wer aber deren Lage mit dem
Leiden der Juden in den Ghettos der Nazis
gleichsetzt, der hat aus der Geschichte nichts
gelernt. Diese Äußerung hat antisemitischen
Charakter.
So der Zentralrat. Doch Hanke hat nicht
gleichgesetzt. Keines der Pressezitate deutet darauf
hin. Nur der Zentralrat behauptet es. Die – vom
Zentralrat wahrheitswidrig behauptete – Gleichsetzung
habe judäophoben Charakter.
Der Zentralrat ist offenbar verstandlos, oder
er simuliert Unverstand: Er kann einfache Sätze nicht
lesen. Er ist womöglich auch gefühllos – er teilt keine
menschliche Regung.
Er lebt offenbar in einem Ghetto.
Eines seiner Mitglieder, der
Psychologie-Professor Rolf Verleger, hat auf ein
Türchen in der Mauer gewiesen. Der
Zentralrat könnte es öffnen. Draußen ist bald Frühling.
T:I:S, 7. März 2007
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