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Leserbrief zu: Amos Oz:
"Israels große Aufgabe - Es gibt keinen Aufschub mehr: Wir müssen
das Flüchtlingsproblem lösen"
FAZ vom 11.05.2007, Seite 39
Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,
In zwei Punkten hat Amos Oz Recht, dass nämlich die Nakba, die
Flüchtlingskatastrophe, "die allergrößte Wunde im Fleisch der
palästinensischen Nation ist, und dass Israelis keinen Frieden haben
werden, "solange das Elend der Flüchtlinge andauert". Der
israelische "Unabhängigkeitskrieg" von 1948 kam für die
Palästinenser einer ethnischen Säuberung gleich: 750.000 (80
Prozent) verloren durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat, über 400
ihrer Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und das "Absentee
Property Law" von 1950 enteignete sie, um eine Rückkehr zu
erschweren. Nur so konnte ein mehrheitlich arabisches Land zu einem
mehrheitlich jüdischen Staat werden, und damit die Ziele des
politischen Zionismus von Theodor Herzl erfüllt werden.
Trotzdem räumt Amos Oz nur eine israelische Teilschuld ein. Unrecht
hat er auch mit der Behauptung, dass die Rückkehr der
palästinensischen Flüchtlinge in ihre einstige Heimat "auf das Ende
Israels" hinauslaufen würde. Denn eine Deportation der Araber war,
entsprechend dem Völkerrecht und der UNO, keineswegs vorgesehen. Im
Gegenteil: Israel wurde im Mai 1949 Mitglied der Vereinten Nationen
(Resolution 273) unter der Vorraussetzung, den UNO-Teilungsplan von
1947 (Resolution 181) und das Rückkehrrecht der palästinensischen
Flüchtlinge (Resolution 194) zu respektieren. Dies ist nicht
geschehen. Eine Rückkehr der Flüchtlinge widerspräche zwar den
demographischen Wünschen des politischen Zionismus, sie entspräche
aber den demokratischen Ansprüchen Israels. Als echte Demokratie
muss Israel die Rechtsansprüche beider Völker, Juden wie
Palästinenser, Anwesende und Flüchtlinge, gleichermaßen erfüllen,
und sowohl das jüdische "Law of Return" (1950), als auch das
palästinensische "Right of Return" (1948) umsetzen.
Die Vertreter eines anderen - kulturellen, humanistischen -
Zionismus, wie Martin Buber, Judah Magnes und Hannah Arendt, waren
von vorneherein für einen gemeinsamen jüdisch-arabischen Staat, da
eine Trennung eine Vertreibung provozieren würde. Für Judah Magnes,
amerikanischer Reform Rabbiner und erster Präsident der Hebrew
University, wiedersprach sogar die Vertreibung der Palästinenser dem
zionistischen Bestreben, jüdisches Leben und Kultur in einem Geist
brüderlicher Solidarität zu rekonstruieren. Eine Haltung, die Amos
Oz heute sicher als extremistisch oder verräterisch erscheint.
Amos Oz`Lösungsvorschlag scheint mehr ideologisch motiviert, als
praxisorientiert: wie sollten Millionen palästinensische
Flüchtlinge, die nicht nach Israel zurück dürfen, Platz und Arbeit
finden "im künftigen palästinensischen Staat", der, nach
Fertigstellung des israelischen Grenzwalls, doch nur aus vier, fünf
eingezäunten Bantustans, auf 12 Prozent Rest-Palästina, bestehen
wird? Wesentlich logischer sind die Argumente des palästinensischen
Autors Salman Abu-Sitta für eine Rückkehr der Flüchtlinge nach
Israel: 78 Prozent aller israelischen Juden leben in nur 14 Prozent
des Landes (hauptsächlich um Tel Aviv, Haifa und Jerusalem), der
riesige Rest ist von ländlicher Bevölkerung besiedelt (etwa
200.000), die in Kibbuzim und privaten Farmen die israelische
Landwirtschaft betreibt. Diese 200.000 Israeli nutzen und
kontrollieren größtenteils das Land der Flüchtlinge, die oft nur
wenige Kilometer entfernt in engen Flüchtlingslagern leben. Die
850.000 registrierten Flüchtlinge in Gaza leben zusammengedrängt bei
einer Dichte von 4.200 Personen pro Quadratkilometer, jenseits des
Stacheldrahts sehen sie ihr Land in Israel, beinahe leer, mit einer
Dichte von fünf Personen pro Quadratkilometer.
In Deutschland wird das Rückkehrrecht von Flüchtlingen häufig durch
Abschiebung zur Rückkehrpflicht. Wie würde Israel reagieren, wenn
Libanon, Syrien und Jordanien seine palästinensischen Flüchtlinge
ebenso rigide zurück nach Israel abschieben würde?
Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Matthes
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