Die Leitkultur- und
Patriotismusdebatte von heute und der Berliner
Antisemitismusstreit von 1880
© Dr. Sabine Schiffer
Immer wieder mal wird behauptet,
dass sich die Geschichte im Wesentlichen wiederhole. Das stimmt
so nicht, denn allenfalls wiederholen sich Teile von ihr. Da
diese mit anderen Ausprägungen in ihrer jeweils spezifischen
Situation aber oft so verschieden aussehen, erkennen wir
bestimmte Parallelen häufig nicht. Vor allem dann, wenn etwas
psychisch äußerst belastend und angstbeladen ist, reagieren wir
oft wenig rational und die Emotionalität bestimmt die Debatten –
wie sachlich diese dann auch vordergründig erscheinen mögen.
1879 sprach man nicht von einer
deutschen Leitkultur als Heinrich von Treitschke eine Diskussion
über die Juden lostrat. Auch sprach sich Professor Treitschke
explizit gegen Aktionen gegen Juden aus und hielt es für
unmöglich, dass man ihnen den Rechtsstatus wieder aberkannte,
den sie sich in Jahrzehnten der Emanzipation errungen hatten und
der nun anlässlich der Ängste in wirtschaftlich unsicheren
Umbruchzeiten doch wieder diskutiert wurde – die Juden hätten
sich nämlich nicht integriert, würde man heute sagen. Damals
sprach man von nicht erfolgter Assimilation.
Auch damals haben sich viele
Zeitgenossen Treitschkes gewundert über die formulierte
Zuspitzung seiner Beobachtung, dass er alle Juden als
Fremdkörper empfand – Deutschsein und Judesein schloss sich
seiner Meinung nach aus. Das Religiöse vor allem wurde als
Verrat und verdächtig eingestuft. In einer aufgeklärten Zeit
schien es keinen Platz mehr zu haben und das Jüdische galt als
unvereinbar mit der Moderne sowie als Gefahr für die Werte der
liberalen Gesellschaft – so nachzulesen in den Originaltexten
der Debatte etwa in der Ausgabe von Walter Boehlich. Der 50
Jahre später bei den Nazis Karriere machen sollende Satz „Die
Juden seien unser Unglück“ stammt aus dieser Zeit – von
Treitschke. Die Markierung der Juden als „anders“ ist bis heute
geblieben.
Natürlich gab es konservative Juden,
die sich traditionell kleideten und somit auch in der
Öffentlichkeit als solche sichtbar waren. Es gab
Gemeindespaltungen in liberalere und konservativere Zweige, die
die Reaktionen der jüdischen Mitbürger auf die immer wieder
aufkeimenden Diskussionen um ihre Andersartigkeit und ihre
angebliche Gefährlichkeit wiederspiegeln. Dennoch hat wohl kaum
jemand wirklich daran geglaubt, dass passieren könnte, was viel
später passiert ist – auch nicht die Juden, die sich durchaus an
der öffentlichen Diskussion beteiligten und mit ihren defensiven
bis agressiven Argumentationen teils glücklich teils unglücklich
die Debatte weiter nährten. So fehlte ihnen als Betroffene oft
der Überblick über die Gesamtsituation und sie argumentierten
aus ihrem eigenen jeweiligen Erfahrungsbereich heraus. Dabei
wurde Vergehen eingeräumt oder geleugnet, idealisiert und
gewarnt bis hin zum Hochlob auf die eigene Abkehr vom Glauben.
Alles in allem eine unwürdige und schließlich unglaubwürdige
Debatte, die der Gesellschaft auf jeden Fall geschadet - weil
gespalten - hat. Der Fehler lag aber im System, nicht etwa bei
den Juden: die Thematisierung des Jüdischseins als Problematik,
als etwas, das dem Deutschsein widerspräche – also das Abwägen
von religiöser und nationaler Kategorie. Darin lag der schwere
Kategorienfehler, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun wieder
passiert.
Parallelgesellschaften gibt es
viele: Jugendliche, Chinesen, Türken, die High-Society-Ghettos
in Berlin uvm. Diskutiert wird aber nun über den Islam, weil es
Terroristen gibt, die ihre Taten mit dem Islam begründen. Statt
sie für ihren Frevel zu verurteilen und gemeinsam gegen
ungünstige Entwicklungen vorzugehen, die von der asymmetrischen
Weltpolitik genährt werden, gehen wir nun verbal in Talkshows,
Zeitungen, Bundestagsdebatten und schließlich auch noch auf
Parteitagen einseitig auf die Muslime los und homogenisieren
aktiv die sehr heterogene Gruppe. Die vergiftete Stimmung wird
in Kauf genommen, das ungünstige Wechselspiel unbewusst
vorangetrieben. Denn wer würde sich von einer solchen
„Leitkultur“ nicht zurückziehen, wenn er noch ein bisschen Stolz
im Leibe hat? Und wer verliert nicht den Mut angesichts der
Glaubwürdigkeitskrise des Dialogs und seiner Protagonisten?
Hoffentlich geht uns allen dabei nicht die Erkenntnis verloren,
dass wir doch eigentlich ein gemeinsames Anliegen haben.
Ein Problem öffentlicher Diskurse,
mit dessen Lösung wir beginnen können, wäre die Frage: Wie kann
man Missstände benennen, ohne damit in die Generalisierungsfalle
zu tappen? Denn weder die jüdische Kultur zeichnet sich durch
Einfluss und Geld, noch die islamische durch Unterdrückung und
Bin Laden noch die „christlich-abendländische“ durch
Kinderpornos und Heimatschutzgesetze aus, wie uns eine
krisenorientierte Berichterstattung dies immer schnell glauben
machen kann. Politik und Medien tragen hier eine besondere
Verantwortung – aber auch die Wissenschaft, wie das Beispiel von
Treitschkes belegt.
sschiffer(at)arcor.de
Medienpädagogik
3.12.2004
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- Sabine Schiffers Webbibliografie -
2004
- "Aufklärung oder Panikmache? Beitrag zur Debatte - Der Mord an
Theo van Gogh und die Gefahr von Kollektivwahrnehmungen",
18.11.2004, www.islamische-zeitung.de
-
"Böse sind immer die
Anderen",
November 2004
-
"High Noon - Die USA und ihr
WildWest-Mythos",
Oktober 2004
- "Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder,
Suggestionen. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen."
Inaugural-Dissertation in der Philosophischen Fakultät II
(Sprach- und Literaturwissenschaften) der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 2004
-
"Wahlkampfthema Türkei",
Frühjahr 2004
2003
-
"Was ist real in der Berichterstattung?
Über (rassistische) Traditionen in der Faktennennung",
08.07.03
-
"Wer hat Ahmed Shah Massud ermordet?",
08.07.03
-
"Möllemann: Opfer eines deutschen Tabus",
13.06.2003
-
"Humanistan all over the world - der
Kriegsvorbereitungsdiskurs und die Moral",
Februar 2003
2002
-
"Antisemitismus. Zur Bestimmung eines
diffusen Begriffs",
ca. Dezember 2002
-
"Der Indianer als Fanatiker. Erneuter
Anschlag in Texas ließ die Hoffnung auf eine friedliche Lösung
des WildWest-Konflikts sinken. Essay / Ein fiktiver
Zeitungsbericht",
Mai 2002
-
"Der Indianer als Terrorist. Essay",
April 2002
Quelle
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