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"Auf Mythen und geschichtlichen Unwahrheiten kann man keinen Frieden aufbauen"

Kritik oder Delegitimation?

Arn Strohmeyer (Bremen)
 

Das Israelbild der "neuen" israelischen Historiker und seine Auswirkung auf die Politik

 Vortrag am Landesinstitut für Schulen (LIS) Bremen am 1. März 2012

 
 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das Thema meines Vortrages sind die sogenannten „neuen“ israelischen Historiker und ihr Israel-Bild. Ich möchte meinen Ausführungen ein persönliches Wort vorausschicken, das mir unbedingt notwendig erscheint. Was Sie hier zu hören bekommen, ist für deutsche Ohren harter Tobak. Ich brauche hier - nach unserer Geschichte mit dem Nationalsozialismus - nicht darauf hinzuweisen, wie sensibel unser Verhältnis zu Juden und zu Israel ist. Israelische Historiker, und nur um die geht es hier, brauchen diese Rücksichten nicht zu nehmen, vielleicht andere, aber das ist dann nicht unser Problem. Ihre Kritik an der offiziellen zionistischen Darstellung der jüdischen und israelischen Geschichte und an der Politik des Staates Israel ist oftmals so radikal, dass sie uns als blanker Antisemitismus vorkommt. Man kann ihre Kritik aber auch so verstehen, dass man umgekehrt fragen muss: Ist unser Israel-Bild richtig, entspricht es den Realitäten? Müssen wir es auf diese Kriterien hin vielleicht überprüfen? Ist jede Israel-Kritik wirklich gleich Antisemitismus? Wegen der Brisanz des Themas möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich mich in diesem Vortrag ausschließlich auf das Material israelischer Historiker und Sozialwissenschaftler sowie einiger jüdischer Autoren in der Diaspora beziehe. Ich will sagen: andere Quellen als israelische und jüdische habe ich nicht benutzt.

 

Wenn wir in der Bundesrepublik oder in anderen westlichen Staaten von Israel sprechen, haben wir - infolge der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust ein bestimmtes Wunschbild von diesem Staat vor Augen. Ich möchte dieses Wunschbild mit einem Zitat eines jungen israelischen Historikers bestimmen. Daniel Cil Brecher definiert es so. „Zu wichtigen Elementen der ‚westlichen Identität‘ Israels [gehören]: die Idee des Kampfes um Freiheit und Selbstbestimmung der Schwachen und Verfolgten, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen; und die Vorstellung vom Holocaust als Symbol jüdischer Geschichte, einer Geschichte, aus deren Griff der Staat Israel die Juden zu befreien vorgibt. Es sind diese Mythen, die das Selbstbild Israels und das Bild des Nahostkonflikts im Westen nachhaltig geprägt haben. Nicht die koloniale Besitzergreifung Palästinas durch Großbritannien und die Zionistische Bewegung bilden hier den historischen Kontext, sondern der europäische Geschichtsraum, in dem die Juden das Joch einer kolonialen Unterdrückung selbst abzuwerfen suchen.“[i]

 

Drei Begriffe sind hier wichtig, die im Folgenden eine Rolle spielen werden: Zionismus, Mythen und Kolonialismus. Diese Begriffe nehmen in unserem Israelbild einen eher untergeordneten Platz ein. Ilan Pappe, einer der prominentesten Historiker dieser Gruppe, definiert den Zionismus als eine Bewegung, die eine Symbiose aus deutsch-romantischem Nationalismus und Kolonialismus darstellt.[ii] Wenn er von Nationalismus spricht, nennt er zwei deutsche Namen: Herder und Fichte und den französischen Rassentheoretiker Gobineau. Pappe unterstellt dem Zionismus anfänglich durchaus noble und edle Motive: Die Führung der Bewegung suchte erstens nach einer sicheren Zuflucht für die durch den anwachsenden Antisemitismus in Europa gefährdete jüdische Gemeinschaft. Der zweite Impuls war der Wunsch, das Judentum in einer säkularen Form - eben nationalistisch - neu zu definieren, so wie es andere Völker und ethnische Gruppen im 19. Jahrhundert auch taten.

 

Pappe konstatiert nun, dass das zionistische Projekt in dem Augenblick, in dem diese beiden durchaus positiven Impulse sich auf das Territorium Palästinas richteten, ein kolonialistisches wurde. Von diesem Zeitpunkt an ging es - so Pappe - nur noch um Kolonialisierung und Enteignung. Die Formel, unter der der Zionismus antrat, lautete: „Damit das zionistische Projekt in Palästina Erfolg hat, muss die Bewegung so viel palästinensisches Land wie möglich übernehmen und sicherstellen, dass so wenige Palästinenser wie möglich darauf zurückblieben.“[iii] Er setzt deshalb Zionismus mit einer Ideologie gleich, die ethnische Säuberung, Besatzung und sogar Massaker unterstützt.[iv]

 

Warum sind Mythen so wichtig? Der zionistische Staat Israel lebt von solchen künstlich erzeugten Mythen. So ging der Zionistenführer und erste Ministerpräsident Israels David Ben Gurion so weit zu behaupten, dass starker Glaube an den Mythos ihn in Wahrheit verwandle oder zumindest so gut wie eine Wahrheit. Sein enger Berater Jitzhar verstieg sich sogar zu der Behauptung: „Ein Mythos ist nicht weniger wahr als Geschichte, er ist jedoch eine zusätzliche Wahrheit, eine andere Wahrheit, eine Wahrheit, die neben der Wahrheit besteht; eine nicht objektive menschliche Wahrheit, und doch eine Wahrheit, die zur historischen Wahrheit wird.“ Solche Aussagen sind insofern „wahr“, als Menschen durchaus bei der gewaltsamen Durchsetzung von Zielen von Mythen motiviert sein können und sich dabei auf Mythen stützen - und eben dadurch historische Tatsachen schaffen.[v]
 

 
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Die „neuen“ Historiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Mythen des Zionismus zu entmythologisieren. Bei den „neuen“ Historikern“ oder der „neuen“ Geschichtsschreibung handelt es sich um eine lose Verbindung von Individuen in Israel, die ab dem Ende der achtziger Jahre das Mainstream-Narrativ der zionistischen Geschichtsschreibung einer kritischen Betrachtung unterzogen. Die ideologischen Positionen und Ansätze, von denen aus das geschah, waren sehr unterschiedlich. Ihr Verdienst war es aber zweifellos, dass sie die wichtigsten Kapitel der palästinensischen Geschichtserzählung - vor allem die über das entscheidende Jahr 1948 - mit einbezogen haben, was vorher im akademischen Diskurs Israels undenkbar war. Sie haben, um das Ergebnis vorwegzunehmen, die zionistischen Mythen gründlich entmythologisiert und zu Grabe getragen.

 

Mythen sollen den Staat Israel rechtfertigen und legitimieren. Das beginnt mit dem mythischen Uranfang des jüdischen Volkes. Er liegt danach im Empfang der zehn Gebote am Sinai durch das Volk, das aus Ägypten ausgezogen war und dem Gott im Bund mit Abraham das Land versprochen hatte. In der Genesis heißt es: „Ich werde Dir und Deinen Nachkommen das Land geben, das ganze Land Kanaan, zum ewigen Besitz, und ich werde ihnen Gott sein.“[vi]

 

Dieses Volk - so das zionistische Narrativ weiter - besiedelte das Land, wo Milch und Honig fließt und errichtete dort das mächtige jüdische Königreich Davids und Salomos. Nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft von Assyrern, Babyloniern, Persern, Griechen und Römern in Palästina erhoben sich Juden 70 n.u.Z. gegen die römische Herrschaft über das Land. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, die Römer zerstörten den zweiten Tempel und vertrieben die Juden aus ihrer Heimat. Sie ließen sich überall in der damals bekannten Welt nieder. Dieses Exil dauerte fast 2000 Jahre. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ergab sich unter dem in Europa entstehenden Nationalismus die Gelegenheit, sich auf die völkische und nationale Identität der Juden zu besinnen und die Rückkehr in die „alte Heimat“ ins Auge zu fassen.

 

Jüdische Siedler kamen etwa ab 1880 nach Palästina - zumeist aus Russland. Sie und alle anderen Zuwanderer kamen zurück nach Zion, nach dem sie sich in der Diaspora so lange gesehnt hatten. Der Boden dieses Landes, das den Juden schon immer gehört hatte, wartete nur darauf, von den Heimkehrern „erlöst“ zu werden. Sie würden die „Wüste wieder zum Blühen bringen“. Dass dort seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden, Menschen lebten und das Land keineswegs nur aus Wüste bestand, sondern bebaut wurde, interessierte die Neuankömmlinge nicht. Sie betrachteten die Einheimischen als „geschichtslose Wilde“, die dort gestrandet waren. Diese Menschen zählten nicht, das Land war eigentlich „leer“ - in dem Sinn, dass dort eine kulturelle Wüste und Ödnis herrschten.

 

Soweit das zionistische Geschichtsnarrativ, das seinen Höhepunkt in der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 findet. Diese Narrativ, das sich auch in der Unabhängigkeitserklärung findet, ist in der Sicht der „neuen“ Historiker in fast allen seinen Elementen reiner Mythos. Die Zionisten wussten das auch. Aber sie waren der Meinung, dass es nicht wichtig sei, ob diese Geschichte auf einem wahren Bericht historischer Begebenheiten beruhe. Wichtig sei nur, dass die Juden daran glaubten. So hat der Zionistenführer und erste Ministerpräsident Israels David Ben Gurion, gesagt, dass ein starker Glaube den Mythos in Wahrheit verwandle oder zumindest so gut wie eine Wahrheit.[vii] Wichtig sind die Mythen aber, weil sie den Anspruch auf das Land begründen, denn völkerrechtlich bestand natürlich nach 2000 Jahren kein Anspruch darauf. Es gibt ein Bonmot von Ilan Pappe, das besagt: Der Zionismus ist eigentlich säkular, ja sogar atheistisch, aber die Zionisten glauben daran, dass Gott ihnen das Land gegeben hat.

 

Diesen Mythen traten zuerst israelische Archäologen entgegen, auf die sich dann die „neuen“ Historiker beriefen. So konstatierten Zeev Herzog, Israel Finkelstein und Neil A. Silbermann , dass es um, 1000 v.u.Z. keine historische Einheit namens Israel gab, weil sich kaum bedeutende Unterscheidungen zwischen kanaanitischen und israelischen Fundorten machen lassen. Außerdem konnten die Archäologen nicht eine einzige Spur des im Alten Testament erwähnten Tempels von König Salomo und der anderen dort erwähnten prachtvollen Bauten dieses Königs finden. Nicht einmal nennenswerte Beweise einer Besiedlung um 1000 v.u.Z. kamen zutage. Jerusalem muss um diese Zeit ein kleines, relativ armes, unbefestigtes Dorf gewesen sein.[viii]

 

Der Historiker Shlomo Sand von der Universität Tel Aviv ist unter Berufung auf diese Archäologen zu dem Ergebnis gekommen, dass es kein jüdisches Königreich in der besagten Zeit gegeben hat. Wenn es überhaupt etwas gab, war es bestenfalls ein kleines Stammeskönigtum. Sand schreibt: „Es waren spätere Autoren, die ein geeintes und mächtiges Königreich erfanden und verherrlichten, das wie selbstverständlich auf die Gnade und den Segen eines einzigen Gottes gegründet war.“[ix]

 

Sand stellt aber auch einen zweiten wichtigen Baustein der zionistischen Ideologie mit seinen Forschungen in Frage: die Vertreibung der Juden durch die Römer nach der Zerstörung des Tempels 70 n.u.Z. und damit das jüdische „Exil“. Das „Exil“ wurde ja vom jüdischen Nationalismus als Schlachtruf gebraucht, mit dem es seinen Anspruch auf das historische Palästina begründete.[x] Sand führt gegen dieses Argument an, dass auch vor dem Jahr 70 v.u.Z. schon große jüdische Siedlungen überall im Mittelmeerraum und darüber hinaus bestanden - die größten in Babylonien, Alexandria und Rom. Und diese Juden - das ist überliefert - hätten sich keineswegs im „Exil“ gefühlt. Sand nennt „Vertreibung“ und „Exil“ schlichtweg „Erfindungen“ zionistischer Ideologen.[xi]

 

Was die Verbannung der Juden aus ihrer Heimat betrifft, stellt Sand fest: Die Vertreibung von Völkern war keine Vorgehensweise der Römer. Sie hätten das schon aus dem Grund nicht getan, weil die Bauern in dem von ihnen eroberten Gebieten die landwirtschaftlichen Erträge erwirtschafteten und Steuern aufbrachten. Die Römer seien zwar gnadenlos mit Aufständischen umgegangen, hätten aber nie unterworfene Völker vertrieben. Zudem ließe sich eine solche Vertreibung weder durch römische Zeugnisse noch durch Funde belegen.[xii] Dass 70 n.u.Z. keine Vertreibung von Juden im großen Stil gegeben habe, belege auch die Tatsache, dass es im Jahr 132 n.u.Z. einen neuen großen Aufstand gegen die Römer gegeben habe, der auch niedergeschlagen worden sei. Es hätten also genug Menschen da sein müssen, um ihn auszuführen.

 

Auch nach diesem Aufstand sei niemand in die Verbannung geschickt worden. Es ließe sich nachweisen, dass die Bevölkerungszahl nach dieser Rebellion sogar schnell wieder angestiegen sei.[xiii] Sand erklärt die Entstehung des Mythos von der Vertreibung durch das feindselige Zusammenwirken von Judentum und Christentum, nachdem das Christentum im vierten Jahrhundert Staatsreligion geworden war. Er schreibt: „Der Zusammenhang von Entwurzelung und Sünde, von Zerstörung und Exil wurde zu einem integralen Bestandteil verschiedener Erklärungsansätze für die Anwesenheit des Judentums in allen Teilen der Welt.“[xiv]

 

Der britisch-jüdische Historiker John Rose hat einen anderen zionistischen Mythos widerlegt - nämlich den, dass das jüdische Exil ausschließlich aus Leiden und Verfolgung bestanden hätte. Er führt im Einzelnen ganze Epochen im islamischen und europäischen Raum auf, in denen die Juden völlig gleichberechtigt und sogar hoch geachtet waren.[xv]

 

Um den Anspruch auf Palästina zu begründen, führt die zionistische Ideologie den gemeinsamen Ursprung des jüdischen Volkes an. Es sollte aus dem Samen der Stammväter Abraham, Isaac und Jacobs hervorgegangen sein, was auch rassisch zu verstehen ist. Das jüdische Volk sollte also nach dieser Auffassung eine festgefügte religiöse und biologische Einheit bilden. Shlomo Sand fragt: Wie war es dann aber möglich, dass aus dem kleinen Königreich Judäa, aus dem bestenfalls nur einige zehntausend Migranten abgewandert sein könnten, Hunderttausende oder sogar Millionen von jüdischen Bewohnern anderer Länder hervorgegangen sind? Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Die Juden kannten damals sehr wohl die Konversion und Bekehrung. Schon im Alten Testament finden sich dafür Belege.

 

Sand nennt viele Beispiele für Bekehrung und Konversion. Die jüdische Mission weitete sich bis weit in den heute arabischen und asiatischen Raum hinaus aus. Die Herrscher des Königreiches Adiabene im heutigen Kurdistan und Armenien traten zum Judentum über. In Rom missionierten die Juden so erfolgreich, dass sie Probleme bekamen. Konvertiten galten schon in der dritten Generation als vollwertige Juden. Im Süden der arabischen Halbinsel (dem heutigen Jemen) entstand das jüdische Königreich der Himjaren. Das mächtige Berberreich in Nordafrika regierte die zum Judentum übergetretene mächtige Königin Kalina. Im nördlichen Kaukasus und in den Steppen entlang der Wolga, von Kiew bis zur Halbinsel Krim entstand im 6. Jahrhundert das Königreich der Chasaren, das sich zum rabbinischen Judentum bekehrte und bis zum 13. Jahrhundert bestand. Die Konversion erfolgte wohl aus machtpolitischen Gründen, weil das Chasarenreich zwischen dem orthodoxen Byzanz und dem Kalifat in Bagdad unabhängig bleiben wollte.[xvi]

 

Aber auch nach dem Zerfall des Chasaren-Reiches führte das nicht zum Zerfall des Judentums dort - vor allem in den slawischen Gebieten. Viele jüdische Chasaren flohen zu Beginn des 13. Jahrhunderts vor dem Mongolensturm der „Goldenen Horde“ unter ihrem Anführer Dschingis Khan nach Westen und kamen in die Ukraine, nach Polen und Litauen.

Das Thema der Chasaren war und ist in Israel ein völliges Tabu. Warum das so ist, erklärt Shlomo Sand so: „Die tief sitzende Angst vor einer Beschädigung der zionistischen Legitimation, die dem jüdischen Volk absprechen würde, ein direkter Nachfahre der ‚Söhne Israels‘ zu sein, verband sich mit der Befürchtung, dass dieser Legitimationsverlust zur Anfechtung der Existenz des Staates Israel führen könnte. Diese Tendenz verbannte die Chasaren endgültig aus dem israelischen Gedächtnis und trug so dazu bei, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Zusammenhang zwischen den plötzlich herkunftslosen Chasaren und dem ‚Volk Israel‘, das nach zwei Jahrtausenden der Wanderschaft wieder in seine ursprüngliche Heimat zurückgefunden hatte, nahezu unkenntlich wurde.“[xvii]

 

Der jüdisch-zionistische Schriftsteller Arthur Koestler hatte schon 1976 ein Buch über die Chasaren mit dem Titel „Der dreizehnte Stamm“ veröffentlicht. Es wurde international viel beachtet durfte in Israel aber nicht erscheinen. Sand übernimmt die These Koestlers, dass die große Mehrheit der osteuropäischen Juden chasarischen Ursprungs ist. Koestler schreibt: Es ist eine Tatsache, „dass die große Mehrheit der überlebenden Juden aus Osteuropa stammt und daher wohl chasarischen Ursprungs ist.“

 

Sand legt dar, warum dieses Faktum für Zionisten ein so schwerer Brocken ist: „Die Eroberung der ‚Stadt Davids‘ [Jerusalem im Sechs-Tage-Krieg 1967] musste mehr denn je als Tat der Nachfahren des davidischen Reiches gelten als der Sieg der Nachfahren grausamer Steppenreiter von den Ufern der Wolga und des Don oder von irgendwelchen Hinterwäldlern aus den südarabischen Wüsten oder von den Küsten Nordafrikas.“[xviii] Warum die zionistische Geschichtsschreibung kein Interesse hat, die Forschung über die Chasaren zu intensivieren, beschreibt Sand ironisch so: „Niemand möchte die Steine hochheben, unter denen die giftigen Spinnen herumkrabbeln, die dem Selbstbild der ‚Ethnie‘ und seinen territorialen Forderungen schaden könnten.“[xix]

 

Sand folgerte also: Das Judentum war keine verfluchte Rasse, die aus ihrer Heimat vertrieben wurde und im Exil, das voller Leiden und Verfolgung war (die es natürlich auch gab), auf die Rückkehr in das gelobte Heimatland wartete. So gesehen besaßen die Juden keinen gemeinsamen ethnischen Ausgangspunkt, sondern deren viele in Asien, Afrika und Europa. Sand definiert es so: „Das Judentum war schon immer eine bedeutende, sich aus verschiedenen Strömungen zusammen setzende religiöse Kultur, aber keine wandernde und fremde Nation.“ Der Gedanke eines jüdischen Volkes und einer jüdischen Nation wurde erst im 19. Jahrhundert, im Zeitalter des Nationalismus, ‚erfunden“, wobei man, um den Beweis einer kontinuierlichen Existenz von Urzeiten an zu erbringen, auf den biblischen Mythos zurückgreifen musste, eben auf David und Salomon und ihr mächtiges Königreich. [xx]

 

Ich mache jetzt einen Sprung und komme zum Jahr 1948, dem neben 1967 (dem Ende des Sechs-Tage-Krieges) sicher wichtigsten Datum der israelischen Geschichte. Am 15. Mai diesen Jahres rief der Zionistenführer Ben Gurion den Staat Israel aus, der zuvor durch einen Beschluss der UNO (Resolution 181) legitimiert worden war, gleichzeitig sollte aber auch ein palästinensischer Staat entstehen. Zum besseren Verständnis soll hier der UNO-Beschluss kurz aufgeführt werden. Die Abstimmung fand am 29. November 1947 in der Generalversammlung in New York statt. Sie entschied mit 33 gegen 13 Stimmen bei zehn Enthaltungen für die Teilung Palästinas. Im einzelnen sah der Teilungsplan vor, dass die Zionisten, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt nur 5,6 Prozent des palästinensischen Bodens besaßen und nur etwa ein Drittel der Bevölkerung stellten (1 364 330 Araber und 608 500 Juden) 56,47 Prozent des palästinensischen Landes bekommen würden, wobei darin die fruchtbaren Teile der Küstenebene enthalten waren, hier besonders die Ebene von Esdraelon und das Tal von Jezreel. Für die Palästinenser - also zwei Drittel der Bevölkerung - blieben also nur 42,8 Prozent des Landes. In dem Staatsgebiet, das die Vereinten Nationen den Zionisten zusagten, besaßen sie nur elf Prozent des Bodens und waren in jedem Distrikt in der Minderheit. Den Rest von 0,7 Prozent des Landes waren einer internationalen Zone von Jerusalem und Bethlehem vorbehalten.[xxi] Der palästinensische Staat wurde nie realisiert, weil Israel sich mit allen Mitteln gegen seine Entstehung gewehrt hat.

 

Der israelische Politologe und Publizist Simcha Flapan, der als Vorläufer der „neuen“ Historiker gilt, hat in seinem Buch „Die Geburt Israels“ dargestellt, wie die zionistische Führung die Vorgänge des Jahres 1948 mythologisiert hat. Flapan beschreibt als Ziel seines Buches, die „propagandistischen Denkstrukturen aufzulösen, die so lange verhindert haben, dass in meinem Land die Kräfte des Friedens an Boden gewinnen konnten. Die Aufgabe, die den Intellektuellen und den Freunden beider Völker zufällt, besteht nicht darin ad-hoc-Lösungen anzubieten, sondern die Ursachen des Nahost-Konfliktes in das Licht einer aufklärenden Analyse zu tauchen, in der Hoffnung, dass man es auf diese Weise schafft, die Verzerrungen und Lügen, die mittlerweile zu sakrosankten Mythen geronnen sind, aus der Welt zu schaffen.“[xxii]

 

Flapan zählt sieben Mythen über das Jahr 1948 auf, die er dann in seinem Buch zu widerlegen versucht. Diese Mythen sind: Erster Mythos: Das Einverständnis der zionistischen Bewegung mit der UN-Teilungsresolution vom 29. November 1947 stellte einen entscheidenden Kompromiss dar, mit dem die palästinensischen Juden ihre Vorstellung von einem sich über ganz Palästina erstreckenden Staat aufgaben und den Anspruch der Palästinenser auf einen eigenen Staat anerkannten. Israel war zu diesem Opfer bereit, weil es die Voraussetzung dafür war, dass die Resolution in friedlicher Zusammenarbeit mit den Palästinensern verwirklicht werden konnte.

 

Zweiter Mythos: Die arabischen Palästinenser lehnten eine Teilung Palästinas kategorisch ab und folgten dem Aufruf des Muftis von Jerusalem, dem jüdischen Staat den totalen Krieg zu erklären; dies zwang die Juden, sich auf eine militärische Lösung einzulassen.

Dritter Mythos: Die Flucht der Palästinenser aus dem Land, sowohl vor als auch nach der israelischen Staatsgründung, setzte ein als Reaktion auf einen Aufruf der arabischen Führung, das Land vorübergehend zu verlassen, um dann mit den siegreichen arabischen Armeen zurückzukehren. Sie traten die Flucht an trotz der Bemühungen der jüdischen Führung, sie zum Bleiben zu veranlassen.“

 

Vierter Mythos: Alle arabischen Staaten hatten sich in ihrer Entschlossenheit, den gerade ins Leben gerufenen Jüdischen Staat zu vernichten, vereint und taten sich am 15. Mai 1948 zusammen, um in Palästina einzumarschieren und dessen jüdische Bewohner hinauszuwerfen. Fünfter Mythos: Der arabische Einmarsch in Palästina am 15. Mai - unter Verstoß gegen die UN-Teilungsresolution - machte den Krieg von 1948 unausweichlich. Sechster Mythos: Der winzige junge israelische Staat stand dem Angriff der arabischen Streitkräfte gegenüber wie David dem Riesen Goliath: ein zahlenmäßig weit unterlegenes, schlecht bewaffnetes Volk, das Gefahr lief, von einer übermächtigen Militärmaschinerie zerquetscht zu werden. Siebter Mythos: Israel hat seine Hand immer zum Friedensschluss ausgestreckt, aber da kein arabischer Führer je das Existenzrecht Israels anerkannt hat, gab es nie jemanden, mit dem man Friedensgespräche hätte führen können. [xxiii]

 

Flapan spricht in seiner Entmythologisierung dieser Mythen erstens von einem rein taktischen Zugeständnis Israels, das keineswegs ernst gemeint war, wenn die Zionisten sagten, dass sie die Teilung Palästinas und einen palästinensischen Staat anerkennen wollten und ihren Anspruch auf das ganze Land aufgegeben hätten. Nach den Vorstellungen der meisten Zionisten blieb ihr Ziel ein Großisrael, dazu sollten neben Israel auch Transjordanien (das heutige Jordanien), die Golanhöhen, der Südlibanon und weite Teile der Sinai-Halbinsel gehören. Ben Gurion hat immer wieder betont, dass ein kleiner jüdischer Staat nur ein Zwischenschritt sein könne, um sich von dort aus dann immer weiter auszudehnen und die ganze Region zu beherrschen. Er bekannte: „... dass wir nach dem Aufbau einer großen Armee im Anschluss an die Errichtung des Staates die Teilung aufheben und uns über ganz Palästina ausdehnen können.“[xxiv]

 

Alle zionistischen Fraktionen waren sich darin einig, dass die im UNO-Teilungsbeschluss festgelegten Grenzen keinen endgültigen Charakter hatten. Deshalb enthielt auch die israelische Unabhängigkeitserklärung von 1948 keine Aussagen über die Grenzen des neuen Staates.  Von den Palästinensern als Verhandlungspartnern war gar keine Rede mehr. Die Bildung eines Palästinenser-Staates wollte Israel unter keinen Bedingungen zulassen, die Überlegungen gingen eher in die Richtung, sie zu „verdrängen“[xxv], d.h. zu vertreiben. Obwohl man mit Jordanien ein Geheimabkommen geschlossen hatte, in dem König Abdallah versicherte, Israel nicht angreifen zu wollen und Israel Jordanien das Westjordanland zugestand, hatten die Zionisten weiter Jordanien im Visier: Ben Gurion bekannte: „Das Ja zur Teilung verpflichtet uns nicht zum Verzicht auf Transjordanien. Man kann von niemanden verlangen, dass er auf seine Visionen verzichtet. Wir werden einen jüdischen Staat in den heute festgelegten Grenzen akzeptieren, aber die Grenzen der zionistischen Vision sind Sache des jüdischen Volkes und kein äußerer Faktor wird sie beschränken können.“[xxvi]

 

Der zweite Mythos besagt, dass die Palästinenser die Teilung abgelehnt hätten. Das stimmt, aber sie hatten sehr gute Gründe, dies zu tun, weil die UNO-Entscheidung nicht nur höchst bedenklich und kritikwürdig war, sondern auch gegen das Völkerrecht verstieß. Das oberste Prinzip des Völkerrechts ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Palästinenser hatte man aber gar nicht gefragt, sondern einfach über sie verfügt und ihnen das Land weggenommen.[xxvii] Sie empfanden den Beschluss mit Recht als höchst ungerecht, weil ihnen als der Zwei-Drittel-Mehrheit der Bevölkerung nur 42 Prozent des Landes und der jüdischen Minderheit 56 Prozent zugesprochen worden waren.

 

Der Israeli Pappe ergreift eindeutig Partei für die Palästinenser, wenn er Bilanz zieht: „Als die Resolution 181 im November 1947 angenommen wurde, sahen [die Palästinenser] ihren schlimmsten Albtraum wahr werden: Neun Monate nachdem die Briten ihren Entschluss verkündet hatten, das Land zu verlassen, waren die Palästinenser auf Gedeih und Verderb einer internationalen Organisation ausgeliefert, die offenbar bereit war, alle internationalen Vermittlungsregeln außer Acht zu lassen, die ihre eigene Charta vorsah, und eine Lösung zu beschließen, die in den Augen der Palästinenser sowohl rechtswidrig als auch unmoralisch war.[xxviii]

 

Die Behauptung, dass die Palästinenser Krieg wollten, ist unsinnig, denn sie hatten gar keinen Staat und keine Armee. Der Mufti von Jerusalem Hadschi Amin al-Husseini hatte eine Truppe unter seinem Befehl, die aber militärisch völlig bedeutungslos war. Viele palästinensische Führer, so schreibt der Israeli Simcha Flapan, waren bereit, einen Modus vivendi mit den Zionisten zu finden: „Es ist jedoch gleichermaßen klar, dass sie von einem Krieg um jeden Preis gegen die Juden nichts wissen wollten und dass sie allmählich verstanden, dass die Teilung  unvermeidlich und unumstößlich war. Die Beweise dafür sind so überwältigend, dass sich die Frage stellt, wie der Mythos von einem heiligen Krieg der Palästinenser gegen die Juden überhaupt entstehen und sich so lange halten konnte. Ein Grund dafür dürfte neben der in dieser Hinsicht äußerst wirksamen zionistischen Propaganda darin liegen, dass die Araber nach ihrer Niederlage von 1948/49 nur ungern zugaben, dass sie zuvor bereit gewesen waren, sich unter gewissen Voraussetzungen mit der Tatsache der Teilung abzufinden.“[xxix]

 

Es gibt mehrere Aussagen von Ben Gurion, die das belegen. Am 14. März 1948 schrieb er etwa an Moshe Sharett: „Es steht jetzt ohne den geringsten Zweifel fest, dass, wenn wir es einzig und allein mit den Palästinensern zu tun hätten, alles in Ordnung wäre. Sie, die überwältigende Mehrheit von ihnen, wollen nicht gegen uns kämpfen, und in ihrer Gesamtheit sind sie auch nicht in der Lage, es mit uns aufzunehmen, selbst beim jetzigen Stand unserer Organisation und Ausrüstung.“[xxx] Auf der palästinensischen Seite gab es die Bereitschaft zur Verständigung, die zionistische Seite verfolgte aber weiter ihre Vision, ihr ideologisches Ziel zu erreichen, den homogenen jüdischen Staat mit möglichste wenigen Palästinensern.

 

Der dritte Mythos betrifft die Behauptung, dass die Palästinenser freiwillig - auf Geheiß ihrer Führer - das Land verlassen hätten, was klar durch die Abfolge der Ereignisse widerlegt wird. Ilan Pappe zog aus dem UNO-Teilungsbeschlusses die Schlussfolgerung: „Wenn in einer höchst angespannten ethnischen Realität eine Ideologie der Exklusivität vertreten wird, kann das nur zu einem einzigen Ergebnis führen: zu ethnischen Säuberungen.“[xxxi] Genau das trat nun ein.

 

Was nun folgte, war nicht ein Krieg gegen die Araber, bei dem es „tragischerweise, aber unvermeidbar“ zur Vertreibung von Teilen der palästinensischen Bevölkerung gekommen ist, wie die offizielle zionistische Version bis heute lautet. Nicht nur Ilan Pappe behauptet, dass es in Wirklichkeit umgekehrt war: Hauptziel war die ethnische Säuberung ganz Palästinas, um den neuen Staat der Zionisten schaffen zu können. Pappe definiert den Begriff ethnische Säuberung so: „Sie ist ein Bestreben, ein ethnisch gemischtes Land zu homogenisieren, indem man eine bestimmte Menschengruppe vertreibt, zu Flüchtlingen macht und die Häuser zerstört, aus denen sie vertrieben wurden.“ Die entscheidende Frage ist, ob dem Vorgehen der Zionisten ein Plan zu Grunde lag, auf dessen Grundlage die ethnische Säuberung durchgeführt wurde.[xxxii]

 

Pappe bejaht diese Frage. Am 10. März 1948 autorisierte die Beratergruppe von Ben Gurion den Plan D (Dalet), anschließend billigte das Hagana-Kommando ihn, dann ging er in Form von militärischen Befehlen an die Truppen vor Ort. In der von der Geheimdienstabteilung der Hagana erarbeiteten Blaupause des Plans Dalet heißt es: „Die Operationen lassen sich folgendermaßen durchführen: entweder durch Zerstörung von Dörfern (indem man sie in Brand setzt, sprengt und die Trümmer vermint) und insbesondere von Wohngebieten, die auf die Dauer schwer zu kontrollieren sind, oder durch Durchsuchungs- und Kontrolloperationen nach folgenden Richtlinien: Umstellen und Durchkämmen der Dörfer. Im Fall von Widerstand sind die bewaffneten Kräfte auszuschalten und die Einwohner über die Landesgrenzen zu vertreiben.“[xxxiii] Ben Gurion schrieb in sein Tagebuch: „Es ist jetzt notwendig, energisch und brutal zu reagieren. Wir müssen Zeitpunkt, Ort und die, die wir angreifen, sorgfältig auswählen. Wenn wir eine Familie beschuldigen, müssen wir erbarmungslos gegen sie vorgehen, Frauen und Kinder eingeschlossen. Sonst ist es keine effektive Reaktion. Während der Operation ist es nicht nötig, zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden.“[xxxiv]

 

Aber schon ab Dezember 1947 - also einen Monat nach dem UNO-Teilungsbeschluss - gingen die zionistischen Militäroperationen über Vergeltungsschläge und Strafaktionen hinaus zu Säuberungsaktionen über, die zunächst innerhalb des den Zionisten von der UNO zugestandenen Staatsgebietes stattfanden. Und dies alles in dem vollen Wissen, dass die Palästinenser sich moderat und ruhig verhielten und für die Zionisten keine Gefahr darstellten. Das gestand sogar Ben Gurion ein. Er glaubte ja, dass die Mehrheit der Palästinenser die Teilung akzeptiere und nicht zu den Waffen greifen wolle.[xxxv]

 

Flapan beschreibt die Stimmung unter den Palästinensern 1947/48 so: „Untereinander zutiefst zerstrittene Parteien, die kein gemeinsames Programm hatten, und eine Volksmasse, die keinerlei Druck auf ihre politischen Vertreter ausübte und nicht bereit war, sich in den heiligen Krieg zu stürzen.“[xxxvi] Ganz anders war die Stimmung im zionistischen Lager. Man empfand die Situation als äußerst günstig, „vollendete Tatsachen“ zu schaffen. Denn die Schwäche und Passivität der Palästinenser waren der zionistischen Führung natürlich bekannt.

 

Was nun begann, war ein grausamer und brutaler Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung, die sich so gut wie nicht wehren konnte. Da die Briten nach dem Aufstand 1936-1939 das Entstehen einer politischen Struktur unter den Palästinensern verhindert und ihre Führer vertrieben hatten, verfügten sie über keinerlei militärische Streitmacht. Die „Arabische Befreiungsarmee“, die aus syrischen Freiwilligen bestand, hatte im Januar 1948 gerade einmal 1500 Soldaten unter Waffen, im Mai desselben Jahres waren es knapp 4000 Soldaten. Die Truppe war militärisch völlig bedeutungslos.

 

Das Ziel der Zionisten war nicht - das muss hier gesagt werden - , einen Völkermord an den Palästinensern zu begehen, sondern Angst, Schrecken und Panik unter ihnen zu verbreiten, um sie so aus dem Land zu vertreiben. Dabei spielte aber Rücksicht auf menschliches Leben keine Rolle. Mordechai Maklef etwa, der Operationschef der Carmeli-Brigade, gab seiner Truppe den Befehl: „Tötet jeden Araber, den ihr trefft, setzt alles Brennbare in Brand und sprengt die Türen auf!“[xxxvii] Er wurde später Stabschef der israelischen Armee.

 

Dörfer wurden mit Artilleriebeschuss oder aus der Luft angegriffen, anschließend drangen die Soldaten in sie ein, besetzten sie und zwangen die Menschen zur Flucht. Dann wurden die Häuser gesprengt und die Trümmer anschließend vermint, um die Rückkehr der Menschen unmöglich zu machen. Oft ließ man die Häuser auch unbeschädigt, damit jüdische Siedler sie direkt übernehmen konnten. Erschießungen, auch Massaker waren an der Tagesordnung, vor allem von Männern im wehrfähigen Alter. Das Massaker von Deir Yassin erlangte traurige Berühmtheit. Truppen der Terrorgruppen Irgun und Stern besetzten das Dorf - ihre Anführer waren Menachim Begin und Jitzhak Shamir. Über die Zahl der Toten gibt es verschiedene Angaben, je nachdem ob die Dorfbewohner, die sich gewehrt haben, mitgezählt werden oder nicht. Pappe nennt 93 Opfer, schränkt aber ein, dass Dutzende weitere getötet wurden. Andere Quellen sprachen von bis zu 250 Toten.

 

Die Wirkung dieses und anderer Massaker auf die Bevölkerung anderer palästinensischer Dörfer war ungeheuer. Die Menschen wurden von Panik ergriffen und flüchteten mit dem Schrei „Deir Yassin!“ Es gab viele Deir Yassins. Ohne großen Widerstand konnten die zionistischen Truppen dann weitere arabische Siedlungen einnehmen. Kalkulierte Massaker gehörten ganz offensichtlich zur Vertreibungspolitik der Zionisten.

 

Die Bilanz der ethnischen Säuberung war furchtbar: 531 Dörfer und elf Städte wurden zerstört und entvölkert, etwa 800 000 Menschen hatten die jüdischen Truppen vertrieben - die Hälfte des palästinensischen Volkes. Es gab Tausende Tote. Pappe bezeichnet diese ethnische Säuberung als nach heutigem Völkerrecht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“[xxxviii]. Und er fragt: Wie war das möglich drei Jahre nach dem Holocaust?[xxxix]

 

Zum vierten, fünften, sechsten und siebten Mythos. Darin geht es um die Behauptung, dass die arabischen Armeen, die am 16. Mai in Palästina einmarschierten unter Verstoß der Teilungsresolution den jungen Staat Israel vernichten wollten. Israel habe immer die Hand zum Frieden ausgestreckt, die Araber hätten sie aber immer ausgeschlagen.

 

Der Krieg in Palästina begann nicht mit der Invasion der arabischen Armeen am 15. Mai 1948 - also dem Tag der Ausrufung des Staates Israel - , sondern unmittelbar nach dem Teilungsbeschluss der UNO am 27. November 1947, denn schon im Dezember griffen die Zionisten palästinensische Städte und Dörfer an. Diese Überfälle wurden zunächst als Vergeltungsschläge auf palästinensische Unruhen hin dargestellt, nahmen aber schon kurze Zeit später eindeutig den Charakter einer ethnischen Säuberung an.

 

Die jüdischen Truppen begannen ihr Angriffe auf palästinensische Städte und Dörfer also schon lange vor dem Mai 1948. Anfang Januar marschierte die „Arabische Befreiungsarmee“ ein, mit deren wenigen Kämpfern die jüdischen Truppen aber keine Probleme hatten. Am 10. März war der Plan D beschlossen worden. Bis Ende März konnten die jüdischen Verbände fast alle wichtigen palästinensischen Städte erobern. Bis zum 15. Mai waren schon unzählige Dörfer zerstört und etwa 250 000 Palästinenser vertrieben worden. Die zionistischen Truppen hatten in dieser Zeit auch schon Gebiete besetzt, die von der UNO eigentlich für den palästinensischen Staat vorgesehen waren. Erst in dieser Situation beschlossen die Araber, eine Armee nach Palästina zu schicken.

 

Die Äußerungen zionistischer Politiker, dass man sich keineswegs von den Arabern bedroht fühlte und die militärische Stärke ihrer Armeen nicht hoch einschätzte, sind Legion. So schrieb Ben Gurion in dieser Zeit an Moshe Sharett: „Wenn wir die Waffen, die wir bereits gekauft haben, rechtzeitig erhalten, und vielleicht einige, die die UN uns versprochen haben, können wir uns nicht nur verteidigen, sondern auch den Syrern im eigenen Land tödliche Schläge versetzen - und ganz Palästina einnehmen. Daran hege ich keinerlei Zweifel. Wir können es mit den gesamten arabischen Truppen aufnehmen. Das ist kein Wunderglaube, sondern kühle, nüchterne Berechnung aufgrund praktischer Untersuchungen.“[xl]

 

Wie euphorisch die Zionisten ihre Siegeschancen einschätzten, macht ein Eintrag Ben Gurions in sein Tagebuch deutlich. Er schrieb diese Sätze am 25. Mai 1948, also wenige Tage nach dem Einmarsch der arabischen Armeen: „Wir werden einen christlichen Staat im Libanon schaffen, dessen Südgrenze der Litani sein wird. Wir werden Transjordanien brechen, Amman bombardieren und seine Armee vernichten. Und wenn Ägypten immer noch weiter kämpft - dann bombardieren wir Port Said, Alexandria und Kairo. Das wird die Vergeltung für das, was sie (die Ägypter, Aramäer und Assyrer) unseren Vorfahren in biblischer Zeit angetan haben.“[xli]

 

Schon 1947 hatte der Chef des nationalen Hagana-Oberkommandos, Israel Galili, erklärt, die Hagana-Führung sei überzeugt, dass sie jeden Angriff der Araber zurückschlagen könne.[xlii] Diese Sätze klingen nicht so, als hätten die Zionisten Angst vor den Arabern gehabt. Und Israel bekam die Waffen, von denen Ben Gurion gesprochen hatte. Die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Frankreich lieferten allerneueste Militärtechnik: Flugzeuge, Artilleriegeschütze, Mörser, Panzer, Funkgeräte und anderes Material. Außerdem kam personelle Verstärkung aus Europa. Das militärische Kräfteverhältnis schlug deutlich zugunsten Israels aus. Die Araber waren dagegen schlecht ausgerüstet, besaßen veraltete Waffen und schon bald hatten sie Probleme mit dem Nachschub, vor allem fehlte es an Munition.

 

„Die Araber wussten, dass sie den jüdischen Staat nicht besiegen konnten. (...) Über viele Kanäle standen sie mit den Zionisten in Kontakt, um den Krieg doch noch zu vermeiden.“[xliii]

Sie begannen sich mit den neuen Realitäten - der Teilung Palästinas - zu arrangieren. Wie wenig sie davon überzeugt waren, den Krieg gegen Israel gewinnen zu können, belegen zwei Tatsachen: Erstens schickten sie weniger als die Hälfte ihrer Streitkräfte nach Palästina und ernannten zweitens ausgerechnet den jordanischen König Abdallah - den Verbündeten Israels - zu ihren Oberkommandierenden. Israel und Abdallah verfolgten dasselbe Ziel: Mit allen Mitteln die Bildung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Flapan sieht deshalb die Invasion der arabischen Armeen gar nicht in erster Linie gegen Israel gerichtet, sondern gegen König Abdallah und seine Absicht, Teile Palästinas zu annektieren und ein großsyrisches Reich zu errichten. Sie wollten außerdem aber auch die inzwischen von Israel gewaltsam eingenommenen Gebiete zurückerobern, die dem palästinensischen Staat zugesprochen worden waren.

 

Die Palästinenser verhielten sich eher passiv. Sie waren nicht bereit zu kämpfen. Der israelische Geheimdienstmann Ezra Danin meldete: „Die Dorfbewohner lassen keinen Kampfeswillen erkennen“.[xliv] Bei der Sitzung von Ben Gurions Beratergruppe Mitte Februar 1948 bestätigten alle Anwesenden ausnahmslos, „dass das ländlich Palästina keinerlei Kampf- oder Angriffswillen zeigte und wehrlos war.“ Ben Gurion zog daraus die Schlussfolgerung, dass es am besten sei, „die ländlichen Gebiete weiter (...) durch eine Serie von Offensiven zu terrorisieren, damit die gemeldete passive Stimmung anhält.“[xlv] Israel war militärisch so stark, dass es einen Krieg an zwei Fronten führen konnte: gegen die arabischen Armeen und gegen die Palästinenser, gegen die sich ja die ethnische Säuberung richtete. Angesichts dieses asymmetrischen Kräfteverhältnisses spricht Ilan Pappe sogar von einem „Scheinkrieg“. Er sieht es als blanken Zynismus an, wenn Israel behaupte, es habe einen Kampf ums Überleben geführt.[xlvi]

 

Israel hatte den Krieg gegen die Araber bald gewonnen und Ben Gurion bekannte selbst, was die Ursache dieses Erfolges war: „Sehen wir doch der Wahrheit ins Auge: Wir haben nicht gesiegt, weil wir Wunder vollbracht haben, sondern weil das arabische Militär verrottet ist.“[xlvii] Die Behauptung, dass das kleine Israel sich heldenhaft gegen eine arabische Übermacht behauptet habe, entpuppt sich ebenso als Mythos wie die Behauptung, dass die Palästinenser auf Anordnung ihrer Führer ihre Heimat verlassen hätten. Damit ist auch das israelische Argument, das bis heute gebraucht wird, hinfällig, dass der jüdische Staat nicht einmal eine Teilverantwortung für die Tragödie der Palästinenser trage, ganz zu schweigen von der Anerkennung ihres Rechtes auf Rückkehr.

 

Dennoch hatte sich - aus israelischer Sicht - das Setzen der Zionisten auf die kriegerische Karte gelohnt. Israel hatte auf ganzer Linie gesiegt. Es hatte die Schaffung eines palästinensischen Staates erfolgreich verhindert und seinen eigenen Staat ins Leben gerufen. Durch die Vertreibung von über 800 000 Palästinensern und die Zerstörung von Hunderten von Städten, Stadtvierteln und Dörfern schufen die Zionisten Raum für jüdische Siedler. Anstatt der von der UNO zugesagten 56 Prozent für ihr Staatsgebiet besaßen sie nun nach dem Waffenstillstand von 1949 durch Eroberungen 72 Prozent Palästinas, das Westjordanland kam zu Jordanien und der Gazastreifen zu Ägypten - sie machten die restlichen 22 Prozent aus.

 

Israel hatte aber dadurch, dass es ganz auf die Kraft seiner Waffen gesetzt und einen Friedensvertrag mit den Arabern abgelehnt hatte, eine wichtige Entscheidung für seine Zukunft gefällt: gegen den friedlichen Ausgleich mit seinen arabischen Nachbarn und damit gegen eine Integration des jüdischen Staates in den Nahen Osten. Von damals an bis heute setzt Israel bei seiner Sicherheit allein auf militärische Stärke und auf die Überlegenheit über seine Nachbarn, aber es hat keine Friedenspolitik, ist nicht bereit Kompromisse einzugehen oder Konzessionen zu machen. Der israelische Anthropologe Jeff Halper schreibt: „Israel strebt die Herrschaft und Vormachtstellung an, die aber nur unilateral erreicht werden können; Verhandlungen erweisen sich damit als überflüssig und irrelevant.“[xlviii]

 

Der „neue“ israelische Historiker Benny Morris, der heute dem politisch rechten Lager zuzuordnen ist, schreibt in seinem Buch „Righteous victims“: „Warum also sich anstrengen für einen Frieden, der mit bedeutenden territorialen Konzessionen einhergeht?“ Das ist genau die Linie, die Ben Gurion vorgegeben hatte und die bis heute gilt: „Israel wird keine Gespräche führen über einen Frieden, der mit irgendwelchen territorialen Zugeständnissen verbunden ist.“ Morris bezichtigt Ben Gurion sogar der Lüge: „Jahrzehntelang belog Ben Gurion, und ebenso taten dies nachfolgende Regierungen, die israelische Öffentlichkeit über die Friedensbemühungen nach 1948 und über das arabische Interesse an einem Übereinkommen. Die arabischen Führungspersönlichkeiten (möglichweise mit der Ausnahme von Abdullah) wurden insgesamt als eine Ansammlung von störrischen Kriegstreibern dargestellt, die auf Teufel komm raus Israels Zerstörung im Sinn haben. Die Öffnung der israelischen Archive in der jüngsten Zeit bildet ein sehr viel komplexeres Bild der Lage.“[xlix]

 

Pappe resümiert: Israel verfolgt bis heute die politischen Ziele, die es auch im Krieg von 1948 zu realisieren versucht hat: möglichst viel palästinensisches Land in Besitz zu nehmen und einen homogenen jüdischen Staat ohne Palästinenser zu schaffen. Er schreibt: „Die Ideologie, die es ermöglicht hat, 1948 die Hälfte der heimischen Bevölkerung zu vertreiben, ist nach wie vor lebendig und betreibt weiter die unerbittliche, zuweilen unmerkliche Säuberung des Landes von den Palästinensern, die heute dort leben.“[l]

 

1948/49 wäre nach dem Urteil der neuen Historiker die Anerkennung Israels durch die Araber also möglich gewesen, wenn der junge Staat bei der Rückkehr der Flüchtlinge und bei der Festlegung von territorialen Grenzen kompromissbreit gewesen wäre. Eine solche Entwicklung wäre zum Vorteil Israels gewesen, auch wenn der Zionismus so nicht hätte weiter existieren können. Aber Israel wäre dann ein ganz normaler Staat in der Levante geworden und hätte mit dem dann entstandenen palästinensischen Staat in guter Nachbarschaft zusammen leben können. Das hätte bedeutet, dass Israel Land entsprechend dem UNO-Teilungsbeschluss hätte abgeben und Einwanderung von Juden hätte einschränken müssen. Das wäre der Preis für den Frieden gewesen. Aber Israels Politiker entschieden anders.

 

Es gibt weitere Mythen, die von den „neuen“ Historiker ausführlich untersucht und widerlegt worden sind. Ich kann hier nur andeuten, um welche Themenbereiche es sich dabei handelt. Israel behauptet bis heute, dass es sich gegen eine feindliche arabische Außenwelt und Terrorismus verteidigen müsse und deshalb gegen seinen Willen in Kriege hineingezogen worden sei. Der israelische Militäranalytiker Zeev Maoz, der in der israelischen Armee gedient, drei Kriege mitgemacht und heute hohe Stellungen in strategischen Denkfabriken in Israel und den USA innehat, hat 2009 ein Buch mit dem Titel „Defending the Holy Land. A critical Analysis of Israels Security and Foreign Policy“. In diesem 700 Seiten umfassenden Werk versucht er den Nachweis zu erbringen, dass Israel nie das Opfer arabischer Aggression war. Für ihn sind sämtliche Kriege Israels - mit Ausnahme des Krieges von 1948 - Angriffskriege gewesen. Woraufhin ihm, sein Kollege Motti Golani sofort heftig widersprach, denn er hält auch den Krieg von 1948 für einen „war of choice“, also einen von Israel begonnenen Krieg.

 

Ein weiterer Mythos ist die Behauptung, dass die arabischen Staaten 1948 und in der Zeit danach Hunderttausende von Juden vertrieben hätten. Der israelische Historiker Tom Segev weist in seinem Buch „Die ersten Israelis“ nach, dass Israel diese Menschen selbst ins Land geholt hat, indem es Agenten in diese Staaten schickte, die die Juden dort zur Auswanderung überreden sollten. Es wurde an die Regierungen der betroffenen Staaten auch viel Geld gezahlt, um diese Menschen ziehen zu lassen, die Israel brauchte, weil es Land erobert hatte, aber zu wenig Siedler hatte, um es zu bewirtschaften.

 

Tom Segev hat in seinem Buch „Die siebte Million“ das sehr heikle Kapitel des Verhältnisses Israels zu den Holocaust-Überlebenden untersucht. Israel leitet seine Identität ja aus dem Holocaust ab und versteht sich ja als „Staat der Überlebenden“. Segev belegt, dass die zionistische Führung in Palästina während des Dritten Reiches enge Beziehungen zur NS-Führung unterhielt, dass sie dem Schicksal der Juden in Europa ziemlich gleichgültig gegenüberstand, weil für sie der Aufbau des jüdischen Staates dort absolut vorrangig war. Man wollte auch keineswegs alle bedrohten Juden als Einwanderer haben, sondern nur die, die etwas zum Aufbau des Staates beitragen konnten, d.h. die gesunden, kräftigen und beruflich qualifizierten. Dieselben Kriterien galten auch nach dem Krieg. Die Zionisten wollten nur diejenigen Überlebenden aufnehmen, die den Erfordernissen des Landes entsprachen. Man sprach sogar von „unerwünschten Menschenmaterial“, dem man die Einwanderung verweigerte.

 

Die „neuen“ Historiker wollen und wollten nicht nur den Zionismus und seine Geschichtsschreibung entmythologisieren, sie wollten natürlich auch Einfluss auf Israels Politik nehmen und diese in Richtung einer gerechten Lösung des Nahostkonflikts lenken. Simcha Flapan hat das deutlich ausgesprochen und auch Ilan Pappe weist immer wieder darauf hin, wie eng die Ergebnisse historiographischer Forschungen und die mögliche Schaffung einer anderen Politik miteinander zusammenhängen. Er hofft, „dass ein solches historisches Wissen den Zusammenhang zwischen der Gewalt, die in diesem Land tobt und den historischen Wurzeln und dem ideologischen Hintergrund des Zionismus, wie er sich über die Jahre entwickelt hat, herstellen kann.“[li]

 

Er nennt ein Beispiel: die Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge. Die Lösung dieser Frage sei eng mit der Verantwortung für die Vertreibung verbunden. Oder präziser: Die Forderung nach einem Rückkehrrecht dieser Menschen basiere auf einer bestimmten Interpretation der Vergangenheit. Man müsse also das palästinensische Geschichtsnarrativ mit dem Friedensprozess direkt in Verbindung bringen. Er schreibt: Der Kampf gegen die falschen und erfundenen Mythologien wird erst dann vorbei sein, „wenn die Übel der ethnischen Säuberung durch die Rückkehr der Flüchtlinge von 1948 in ihre Heimat Israel korrigiert werden und wenn ein Staat, der auf Gleichheit in jedem menschlichen und bürgerlichen Aspekt des Lebens aufbaut, geschaffen worden ist.“[lii]

 

Es verwundert nicht, dass Pappe gemessen an dieser Hoffnung kürzlich in einem Interview auf die Frage, was denn die „neuen“ Historiker mit ihrer aufklärerischen Arbeit bisher in Israel politisch bewirkt hätten, offen antwortete: „Nichts, absolut gar nichts!“[liii]

 

Ich muss zum Schluss auch noch auf Moshe Zuckermann zu sprechen kommen, der Geschichte und Philosophie an der Universität von Tel Aviv lehrt. Er ist ein Sohn von Holocaustüberlebenden und hat auch längere Zeit in Deutschland gelebt. Zuckermann hat sich in einigen Büchern kritisch mit dem Umgang der Israelis und Deutschen mit dem Holocaust beschäftigt. In seinem letzten Buch setzt er sich mit Antisemitismus-Vorwurf auseinander. Der Titel dieses Buches gibt schon die Richtung an, in der seine Argumentation verläuft: „‚Antisemitismus!‘ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“.

 

Zuckermann nennt zunächst „objektive Gründe für eine berechtigte, ja notwendige Israel-Kritik. Denn man mag gewisse Aspekte der zionistischen Geschichte noch so raffiniert wegdiskutieren oder in Klammer setzen wollen - niemand (außer total verblendeten Ideologen) kann in Abrede stellen, dass Israel seit 1967 ein brutales, von Menschen- und Völkerrechtsübertretungen befrachtetes, oft in tödliche Praktiken und massive Gewalteruptionen ausartendes Okkupationsregime unterhält, welches von allen israelischen Regierungen in der Zeit seines Bestehens massiv gefördert und permanent gefestigt worden ist und mittlerweile als nahezu unbezähmbar erscheint. Wer dies nicht registriert, bevor er anfängt, sich über antisemitische/antizionistische Auslassungen zu echauffieren, muss sich fragen, wie er sich seine eigene offenkundige Blindheit/Ignoranz/Verdrängung erklärt; was es mit den Regungen, die ihn offenbar umtreiben, auf sich haben mag, und wie diese wohl mit seinen eigenen (deutschen) Befindlichkeiten zusammenhängen.“[liv]

 

Zimmermann stellt auch fest, dass die Notwendigkeit, nach dem Holocaust einen Staat für die Juden zu errichten, mit der Katastrophe des palästinensischen Volkes bezahlt wurde. Zuckermann schreibt: „Wer dies bewusst ignoriert oder vorbewusst verkennt, mag sich mit dem guten Gefühl herumtragen, seiner (schuldbeladenen) Verantwortung ‚den Juden‘ gegenüber Genüge zu tun, darf indes nicht beanspruchen, die Logik des blutigen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern angemessen begriffen, geschweige denn beurteilt zu haben.[lv]

 

Die Araber sind, schreibt Zuckermann, als Resultat des politischen Territorialkonflikts natürlicherweise antizionistisch eingestellt. Eine solche Kritik würde aber, wenn sie aus Europa kommt, in Israel von vornherein als tendenziell „antisemitisch“ eingestuft. Zuckermann schreibt: „Antizionismus und Antisemitismus gerinnen somit vielen Israelis und nicht-israelischen Juden zu einem Einheitsbrei, den sie nun instrumentalisieren, um die in der Sache berechtigte Kritik an Israels Politik abzuwehren, wobei der Vorwurf des Antisemitismus zumeist wenig mit dem realen Antisemitismus zu tun hat.“[lvi]

 

Wenn man also Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israel nicht voneinander unterscheidet, tappe man in die Falle des Antisemitismus-Vorwurfs, der aber längst schon zur ideologischen Waffe verkommen sei, mit der jede Kritik an Israels Politik entschärft werden solle. Zuckermann dreht die Argumentation sogar um: „Mit dem Antisemitismus argumentierende Israelapologeten verkennen dabei vollends, dass sie einer Politik das Wort reden, die deshalb als antizionistisch zu werten ist, weil sie den geschichtlichen Fortbestand des zionistischen Staates, mithin des gesamten zionistischen Projekts, im innersten in Frage stellt.“[lvii] D. h., wer eine realitätsbezogene Kritik an Israel zu verhindern versucht und sie als „antisemitisch“ diffamiert, schadet Israel, weil dessen Politik gegenüber den Palästinensern eine Gefahr für den Fortbestand dieses Staates ist.

 

Zuckermann kritisiert aber auch Tendenzen in Deutschland, sich diesen Antisemitismus-Begriff zu eigen zu machen. Er schreibt: „Dass er [der Antisemitismus-Vorwurf] zum ideologischen Modeschmuck von deutschen ‚Linken‘ verkommen konnte, bezeugt nicht nur das Elend der Linken in Deutschland, nicht nur die Misere der Bekämpfung des realen Antisemitismus in diesem Land, sondern auch die horrend-perfide ideologische Verdinglichung von ‚Shoah‘, ‚Juden‘, ‚Israel‘ und ‚Zionismus‘. Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst regressiver Bewältigung der Vergangenheit.“[lviii]

 

 Hinweise

 


 

[i] Cil Brecher S. 13.

[ii] Pappe 2011 S.13.

[iii] Ebd. S. 145.

[iv] Ebd. S. 139.

[v] Rose, John S. 23.

[vi] Genesis 17,8.

[vii] Rose ebd. S.23.

[viii] Finkelstein/ Silbermann S.39.

[ix] Sand S. 187f.

[x] Rose .S. 47.

[xi] Sand S.201f, 284f.

[xii] Ebd.

[xiii] Ebd. S. 204.

[xiv] Ebd. S.206.

[xv] Rose S.71f.

[xvi] Sand S. 321f.

[xvii] Ebd. 348f.

[xviii] Ebd. S. 357.

[xix] Ebd. S. 363f.

[xx] Ebd. S. 363.

[xxi] Siehe UNO-Resolution 181, November 1947.

[xxii] Flapan S. 8.

[xxiii] Ebd. S. 5f.

[xxiv] Ben Gurion, David: Memoiren, Tel Aviv 1974, Bd. 4,5, S.35, zit.n. Flapan S. 34

[xxv] Flapan S. 30.

[xxvi] Ben Gurion: Kriegstagebücher, 27.9. 1948, S. 726; zit.n. Flapan S. 79.

[xxvii] Pappe 2007 S. 60f.

[xxviii] Ebd. S. 60.

[xxix] Flapan S. 289.

[xxx] DDD (Political and Diplomatic Documents of CZA and ISA), Decemer 1947 - May 1948, Jersualem 1979; zit.n. Flapan S. 108.

[xxxi] Pappe 2007 S. 62.

[xxxii] Ebd. S. 21f, 118f.

[xxxiii] Khalidi, Walid: Plan Dalet: Master-Plan for the Conquest of Palestine“, Journal of Palestine Srudies 18/69 (Herbst 1988, S. 4-20), zit.n. Pappe 2011 S. 120f.

[xxxiv] Ben Gurion: Diary 31.1.1948, zit.n. Pappe 2007 S. 105.

[xxxv] Pol. and Dipl. Doc 274, S. 260; zit.n. Pappe 2007 S. 94.

[xxxvi] Flapan S. 116.

[xxxvii] Hagana Archives 69/72, 22:4 1948; zit.n. Pappe2007 S. 136.

[xxxviii] Pappe 2007 S. 11.

[xxxix] Ebd. S. 227.

[xl] Ben Gurion: Briefe 23.2.-1.03.1948; zit.n. Pappe 2007 S.76.

[xli] ders.: Diary 24.5. 1948, zit. n. Pappe 2007 S.198.

[xlii] Tsur, Tsev: From Partition S. 61, zit.n. Flapan S. 287.

[xliii] Flapan S. 181f, 192f, 199f, 289f.

[xliv] Zit.n. Pappe s. 2007 S. 116.

[xlv] Ben Gurion Diary 19.2.1948; zit. n. Pappe 2007 S. 117.

[xlvi] Pappe ebd. S. 177.

[xlvii] Ben Gurion Kriegstagebücher 11.11.1948, S. 852f; zit.n. Flapan S. 358.

[xlviii] Halper, Jeff: Das Problem mit Israel (Aufsatz), 16.11.2006, S. 11.

[xlix] Morris. Benny: Righteous Victims 1999, S. 288; zit.n. Halper ebd. S. 4

[l] Pappe 2007, S. 336.

[li] Pappe 2011 S. 157.

[lii] Ebd. S. 132.

[liii] Interview mit Ilan Pappe, online-Zeitung Schattenblick, 15.12.2011.

[liv] „Antisemit!“, S. 108.

[lv] Zuckermann, Moshe: Israelkritik ist kein Antisemitismus, Friedens.Journal, 2/2011, S. 9.

[lvi] Ebd.

[lvii] Ebd. S.10.

[lviii] „Antisemit!“, S. 181f.

 

 

 

Literatur-Verzeichnis Vortrag LIS:   (Es sind hier ausschließlich die Namen von israelischen oder jüdischen Autoren angegeben, die zum Umkreis der „neuen“ Historiker gehören.)

 

Zu Israel und Zionismus allgemein:
Chomsky, Noam: Offene Wunde Nahost. Israel, die Palästinenser und die Nahostpolitik, Hamburg 2003
Diner, Dan: „Keine Zukunft auf den Gräbern der Palästinenser“. Eine historische Bilanz der Palästina-Frage, Hamburg 1982
Meyer, Hajo G.: Judentum, Zionismus, Antizionismus. Versuch einer Begriffsbestimmung, Berlin 2009
Pappe, Ilan: Wissenschaft als Herrschaftsdienst. Der Kampf um die akademische Freiheit in Israel, Hamburg 2011
Prior, Michael: Zionismus and the State of Israel, London 1999
Zuckermann, Moshe: Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, Bonn 2009

 

Mythen des Zionismus und ihre Widerlegung:
Flapan, Simcha: Die Geburt Israels. Mythos und Realität, München 2006
Rose, John: Mythen des Zionismus. Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden, Zürich 2006
Sand, Shlomo: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Berlin 2010
Segev, Tom: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates, München 2008

 

Das Jahr 1948 - Unabhängigkeit Israels, Krieg und Vertreibung der Palästinenser:
Morris, Benny: The Birth of the Palestinian Refugee Problem 1947 - 1949, Cambridge 1987
Pappe, Ilan: Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt 2007

 

Zum Holocaust:
Burg, Abraham: Hitler besiegen. Warum Israel sich vom Holocaust lösen muss, Frankfurt/Main 2009
Novick, Peter: Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord, München 2012
Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust uns Israels Politik der Erinnerung, Reinbek 1995
Zertal, Idith: Nation und Tod. Der Holocaust in der israelischen Öffentlichkeit, Göttingen 2011
Zuckermann, Moshe: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands, Göttingen 2004

 

Israels Kriege:
Maoz, Zeev: Defending the Holy Land. A Critical Analysis of Israels Security and Foreign Policy, University of Michigan 2009

 

Heutige Situation:
Halper, Jeff: Ein Israeli in Palästina. Widerstand gegen Vertreibung und Enteignung. Israel vom Kolonialismus erlösen, Berlin 2010
Hessel, Stéphane: Empört Euch!, Berlin 2011
Kimmerling, Baruch: Politizid. Ariel Sharons Krieg gegen das palästinensische Volk, Kreuzlingen/ München 2003
Verleger, Rolf: Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht, Köln 2008
Zertal, Idith/ Eldar, Akiva: Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung seit 1967, München 2007
Zimmermann, Moshe: Die Angst vor dem Frieden, München 2007

 

Antisemitismus:
Zuckermann, Moshe: „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010

 

Deutsche und Israel:
Cil Brecher, Daniel: Der David - Der Westen und sein Traum von Israel, Köln 2011

 

Archäologen und Zionismus:
Finkelstein, Israel/ Silbermann, Neil.: David und Salomon. Archäologen entschlüsseln einen Mythos, München 2006
dieselben: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, München 2003

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