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Abdallah Frangi - Der Gesandte
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Offener Brief - Bürgermeister Jens Böhrnsen
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Bethlehem 2008
Volk ohne Hoffnung
Brief Präsidium J. G. Bremen
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TRANSLATE

 

„Wir wollen die ganze Region befreien“

 Wie Israel das „Heilige Land“ eroberte / Das neue Buch des Zambon-Verlages: „Palästina. Ethnische Säuberung und Widerstand“

 Arn Strohmeyer

 

de1301045773b.jpg„Oft wurde uns gesagt, dass wir wegen der Leiden, die die Juden in Europa seitens der Nationalsozialisten ertragen mussten, Sympathie für Israel empfinden müssten. Ich sehe in einer solchen Empfehlung keinen Grund dafür, die Leiden anderer zu perpetuieren. Das, was Israel heute anrichtet, kann nicht mit Nachsicht behandelt werden. Die Schrecken der Verfolgung heraufzubeschwören, um die Gegenwart zu rechtfertigen, ist nichts als pure Scheinheiligkeit!“

 

Ein mutiges Wort, das gut in die gegenwärtige Debatte in Deutschland über das Thema „Darf man Israel kritisieren?“ und Antisemitismus passt. Denn die Freunde Israels, die die Politik dieses Staates trotz ständigen Bruchs des Völkerrechts und der Menschenrechte, trotz permanenter Kolonisierung und Landraub, Gewaltausübung, Blutvergießen, Verhaftungen und ununterbrochener Kontrollen rechtfertigen und verteidigen, benutzen den Antisemitismus-Vorwurf ohnehin nur als Schutzschild, um eben diese Politik des permanenten Unrechts zu kaschieren und ihre Gegner zu diffamieren. Sie erweisen Israel und „den“ Juden damit einen denkbar schlechten Dienst. An einer Debatte über wirklichen und nicht herbeigeredeten Antisemitismus würde man sich gern beteiligen und auch solidarisch hinter den Angegriffenen und Bedrohten stehen. Eine Selbstverständlichkeit, wenn man die Katastrophen der deutschen Geschichte ernst nimmt.

 

Die oben zitierte Zeilen sind aber kein aktueller Beitrag zu dieser unseligen Debatte, sondern eine Feststellung des britischen Philosophen Bertrand Russell aus dem Jahr 1970! Er fügt gleich noch einige Sätze hinzu, die auch 41 Jahre nach ihrer Niederschrift noch genauso wahr sind wie damals: „Die Tragödie des palästinensischen Volkes besteht in der Tatsache, dass ihr Land von einer ausländischen Macht an ein anderes Volk ‚übergeben‘ wurde, das darauf einen neuen Staat errichten sollte. Dabei kam heraus, dass hunderttausende unschuldige Personen für immer Obdachlose wurden. Nach jeder Auseinandersetzung ist ihre Zahl angewachsen. Wann wird die Welt das Spektakel dieser hemmungslosen Grausamkeit tolerieren? Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Flüchtlinge das Recht auf ihr Vaterland haben, aus dem man sie verjagt hat. Die Verweigerung dieses Rechts ist die Grundlage des andauernden Konflikts.“ Man erinnere sich an die Bilder des vergangenen Wochenendes, als Palästinenser ( die Kinder und Enkel der Vertriebenen) versuchten, an verschiedenen Stellen gewaltlos die israelische Grenze zu überschreiten, um genau dieses Recht einzufordern. Zwölf Tote und über 200 Verletzte blieben auf der Strecke.

 

Entnommen sind die Zitate des großen britischen Philosophen dem Buch „Palästina. Ethnische Säuberung und Widerstand“, das der jüdische (aber antizionistische) Zambon-Verlag in Frankfurt/ Main gerade herausgebracht hat. Der Zeitpunkt war offenbar gut gewählt, widmet sich das aus dem Italienischen übersetzte Buch doch ausführlich der palästinensischen Katastrophe (der Nakba), die sich gerade zum 53. Mal jährte. Die Texte stammen von acht italienischen Autoren - alle exzellente Kenner der Materie. Unter ihnen ist auch der charismatische Kämpfer für die Selbstbestimmung der Palästinenser Vittorio Arrigoni, der vor wenigen Wochen unter so mysteriösen Umständen in Gaza ums Leben gekommen ist.

 

Sein Beitrag über die Situation im Gazastreifen ist denn auch einer der eindrucksvollsten des Buches, ohne die Beiträge der anderen Autoren im geringsten schmälern zu wollen. Als Augenzeuge vor Ort schildert er die ganze Brutalität der Abriegelung dieses durch die Flüchtlinge völlig übervölkerten Landstrichs und ihre Folgen, die dann im Krieg von 2008/2009 gipfelten. Wie die Menschen exemplarisch für das „Verbrechen“ bestraft wurden, „sich eine Regierung mit Hilfe von freien und demokratischen Wahlen selbst ausgesucht zu haben und dem besser bewaffneten Unterdrücker nicht unterliegen zu wollen.“ Die Strafe für dieses „Verbrechen“ bestand dann in dem Krieg von 2008/2009, in dem Israel - auch nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International - „Kriegsrecht gebrochen hat“, und Waffen einsetzte, „die für den Gebrauch auf den Schlachtfeldern geeignet sind, hier aber gegen die zivile Bevölkerung eingesetzt wurden, die im Gazastreifen ohne Fluchtmöglichkeit in der Falle sitzt.“ Und die Daten vom Amnesty International, die Arrigoni zitiert, belegen, dass die Angriffe auf Gaza an Umfang und Stärke „beispiellos“ waren.

 

Der letzte Absatz von Vittorio Arrigonis Text klingen fast wie sein Vermächtnis. Daher sei er hier zitiert: „Unter dem Rost des Verfalls und den Trümmern glänzt Gaza für sich wie ein Juwel und gleichzeitig für die Welt wie eine Schande. Wer, wie ich, das Schicksal der Gaza-Bewohner so nahe miterlebt hat, dass er fast auch zum Mitbürger geworden ist und folglich Gefangener ohne Fluchtmöglichkeit, für den ist Gaza ein Symbol für den dauernden Widerstand gegen eine übermächtige Unterdrückung. Die Steinschleuder des kleinen David am Gürtel von Ahmed gegen einen Goliath, der Hebräisch spricht, und sich bevorzugt mit DIME-Bomben und dem weißen Phosphor aus dem fernen amerikanischen Land, seit neuestem mit schwarzen Präsidenten, ausdrückt. Ein Symbol des Lampfes für die Menschheit, die sich nicht schweigend beugen will und eine Schmach für die, welche sich mit der Auslöschung eines ganzen Volkes schon abgefunden haben. Denn Gaza ist noch nicht zu einem dichten Gräberfeld am Mittelmeer verkommen, sondern es ist voller Menschen mit unbeugsamen Geist und undurchdringlichen Gesichtern, die in eine unbekannte Zukunft blicken. Restiamo umani - lasst uns Menschen bleiben!“

 

Wer sich ohne Tabus und ideologischen Scheuklappen vor den Augen über die wahre Geschichte des Palästina-Konfliktes informieren will, sollte zu diesem Buch greifen. Italiener können - trotz ihrer auch faschistischen Vergangenheit - offensichtlich sehr viel unbefangener an das Thema herangehen als die Deutschen. In Deutschland hat jedenfalls - von wenigen Ausnahmen abgesehen - noch kein Autor dieses heiße Eisen in einer solchen Ausführlichkeit und Detailbesessenheit angepackt. Und die oft grausamen und furchtbaren Fotos zeigen deutlich, was sich im Nahen Osten wirklich abspielt und was unsere Medien uns vorenthalten.

 

Der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schwelende Konflikt, als die ersten Zionisten ins Land kamen und ihren Anspruch darauf anmeldeten, ist ja ein gutes Beispiel dafür, dass man politische Probleme der Gegenwart ohne die Kenntnis ihres historischen Zustandekommens gar nicht verstehen kann. Nach der Lektüre dieses Buches sieht man Israel und den Nahen Osten anders - eben so, wie er wirklich ist: Dass hier eine von außen kommende Macht ohne Rücksicht auf die dort lebenden Bewohner die Herrschaft für sich beansprucht - gemäß der Aussage des ersten israelischen Regierungschefs David Ben Gurion, der schon 1937 schrieb: „[Ein] jüdischer Staat in einem Teil [Palästinas] ist nicht das Ziel, sondern der Ausgangspunkt (...) Ein Gebiet in unserem Besitz wäre nicht nur an und für sich wichtig. Es macht uns stärker, und was uns stärker macht, ist dazu bestimmt, die Eroberung des ganzen Landes zu erleichtern. Einen kleinen Staat zu gründen liefert uns einen Hebel für unseren historischen Versuch, die gesamte Region zu befreien.“

 

Palästina. Ethnische Säuberung und Widerstand. Autoren: Arrigoni, Vittorio; Canarutto, Paola; Dametti, Margherita; Forti, Giorgio; Giannangeli, Ugo; Lastaria, Federico; Tafeche, Dirar, Zambon, Guiseppe, Zambon-Verlag Frankfurt/ Main 2011, ISBN 9783889751560, 35 Euro


					

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