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Bücher von Arn Strohmeyer

 

 

 

Sieg der Spermien und Gebärmütter
 Leon de Winters gruseliger Roman über den Nahen Osten „Das Recht auf Rückkehr“ (Diogenes-Verlag Zürich, 2010)

 Arn Strohmeyer

 Leon de Winter ist ein sehr bekannter und viel gelesener Autor, aber auch solche Vertreter der schreibenden Zunft können schlichte, äußerst simple politische Weltbilder vertreten. Dafür ist der in den Niederlanden und Kalifornien lebende Schriftsteller, der aus einer jüdischen Familie stammt, die dem Holocaust in einem Versteck auf einem Bauernhof entging, ein gutes Beispiel. de Winter hat sich immer wieder in unzähligen Artikeln und Interviews zum Nahost-Konflikt zu Wort gemeldet. Seine Sicht der Dinge lässt sich – grob skizziert – etwa so beschreiben: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, der einzige Staat zugleich in der Region, der westliche Werte und „Moral“ vertritt. Ringsherum leben Barbaren, die einer Religion anhängen, die nur ein Gebot kennt: Judenhass. Diesen Hass gab es von Anfang an, seit die ersten Juden in Palästina einwanderten, und es gibt ihn unverändert noch heute, eher sogar in gesteigerter Form.

 

Israel, das den Arabern immer wieder vergeblich Friedensangebote unterbreitete, befindet sich – so de Winter – in einem permanenten Abwehr- und Verteidigungskrieg gegen diesen, natürlich völlig unbegründeten Hass: „Die Bedrohung ist konstant, der Untergang lauert hinter jeder Ecke.“ Westliche, vor allem europäische Medien schüren zudem unaufhörlich die Legende, dass Israel die Palästinenser unterdrücke, und ergreifen für diese Partei – weil sie glauben, auf diese Weise ihre Schuldgefühle wegen des Völkermords an den Juden vermindern zu können.

 

Dabei, meint der Autor, ging es den Palästinensern unter der israelischen Besatzung bis zu den beiden Intifadas ausgesprochen gut: Ökonomisch hätten sie einen höheren Lebensstandard gehabt als die meisten Araber in deren Staaten. Mit den Freiheitsrechten sei es ebenso gewesen: Die Palästinenser hätten nach den Verträgen von Oslo auch unter der fortdauernden israelischen Besatzung alle Chancen gehabt, eine eigene Demokratie aufzubauen. Stattdessen habe der „Räuberhauptmann“ Arafat einen „Banditenstaat“ errichtet. de Winters Fazit: „Die Besetzung des Westjordanlandes und Gazas war gar keine harte Besatzung.“ Insofern hat das gewalttätige palästinensische Verhalten auch gar nichts mit einem Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung zu tun, denn die anderen Araber sind ja noch viel unfreier. Nein, die palästinensische Gewalt hat allein etwas „mit der Kultur, der Religion und den arabischen Verhältnissen zu tun: mit Scham. Scham, verursacht von einem Gefühl der Erniedrigung durch ein, notabene, in islamischen Augen zweitrangisge Volk, die Juden.“

 

Die Palästinenser führen – so de Winter weiter – auch keinen Befreiungskampf für ihre Selbstbestimmung, sondern „einen Aufstand gegen eine demokratische Gesellschaft, für die Israel von der Welt beneidet, aber auch gehasst wird.“ Kein Wunder also, dass die Palästinenser unter der israelischen Besatzung auch gar nicht leiden, weil zum Beispiel die im Westen so oft kritisierten Soldaten an den Checkpoints nur „gelangweilte und Todesangst empfindende israelische Lausbuben“ sind. Die Schikanen an diesen Grenzposten sind „unbedeutende Maßnahmen, verglichen mit der Art, wie sich Araber gegenseitig oder die arabischen Obrigkeiten ihre Untertanen behandeln“

 

Leon de Winter macht auch den neuen Hauptfeind Israels aus: die Hamas. Diese „Terrororganisation“ verfolgt nur ein Ziel: den Judenstaat zu vernichten. Aber Israel schlug an der Jahreswende 2008/2009 zurück – und zwar mit einem Bruchteil der Gewalt, die die Hamas gegen Israel anwenden würde, wenn sie denn die Möglichkeit dazu hätte. Wörtlich schreibt de Winter über den Gaza-Krieg: „Nun gab Israel den Bewohnern von Gaza das, was diese sich angeblich mehr als alles wünschen: eine Gelegenheit, heldenhaft Widerstand zu leisten und Juden zu töten. Doch statt ihre tiefe Befriedigung über die Chance zu äußern, schrieen die Palästinenser auf, sie würden mit unverhältnismäßiger Härte behandelt und den Juden müsse das Schießen auf Frauen und Kinder verboten werden. Dieselben Leute, die Gewalt und Krieg forderten, zeigten nun den Medien, wie brutal sie von den Juden angefasst wurden.“ (Anmerkung des Verfassers: Ist eine Steigerung des Zynismus angesichts dessen, was im Gaza-Streifen geschah, überhaupt möglich?)

 

Ausgleich und Frieden im Nahen Osten? Hoffen auf die Vermittlung eines Barack Obama? Für de Winter ist das alles Unsinn, naives humanistisches Gefasel. Obama mag es gut meinen, aber er sieht die brutalen Fakten in der internationalen Politik nicht. Nachgeben und Sanftheit führen nur zu mehr Aggression. Frieden kann es nur geben, wenn die bösen Araber sich politisch ändern, so demokratisch, liberal und  moralisch wie die Israelis werden, die, eben weil sie so moralisch sind, sich zurückhalten und nie die Gewalt einsetzen, über die sie verfügen. de Winter appelliert an die Welt, Israel in seinem „Kampf gegen das Böse“ beizustehen.

 

Leon de Winter ist ein Meister der politischen Einseitigkeit und der Geschichtsklitterung. Sein nahöstliches Legenden- und Klischee-Szenario hat der niederländische Autor nun in Romanform gegossen. Erste Kritiker sprachen von „israelischer Kampfprosa“ und einem „Manifest der Anti-Aufklärung“. Gleich wenn man de Winters Buch aufschlägt, weist eine Landkarte darauf hin, was den Leser erwartet: eine völlig veränderte Lage im Nahen Osten im Jahr 2024. Israel besteht nur noch aus Tel Aviv und einem bisschen Hinterland – einem Sandkasten aus Wüste. Den Rest des einstigen Staates haben die Palästinenser erobert und „islamisiert“.

 

Nur noch zwei Millionen Israelis leben hinter hohen High-Tech-Grenzanlagen. An den wenigen Durchgängen durch die Mauer müssen die Passanten Wattestäbchen mit Speichel in kleine Schleusen mit DNA-Scannern stecken, die sofort durch einen Chromosonen-Test erkennen, ob es sich um einen Juden handelt oder nicht. Über Tel Aviv kreisen Hubschrauber mit Erkennungsgeräten an Bord, die Alarm schlagen, wenn sich Palästinenser in die jüdische Gemeinschaft eingeschlichen haben. Auf der „anderen Seite“ herrscht ein düsteres Bild: nur tief verschleierte Frauen und Männer mit langen Bärten. Das Leben ist trostlos dort: „keine Arbeit, keine Zukunft, keine Hybridautos“. Für Israelis ist es gefährlich dorthin zu gehen. Man muss damit rechnen, dass diese fanatisierten Moslems einem den „Kopf abreißen“ und „auf Stangen spießen“. Die Araber sind nur darauf aus, die Juden „auszurotten“. So sagen es wenigstens de Winters Protagonisten in dem Roman.

 

Niemand glaubt bei diesen Zuständen noch an einen Frieden, deshalb gibt es auch keine Verhandlungen mehr. Die Israelis haben im Jahr 2024 ein ganz anderes Problem: Auf unerklärliche Weise verschwinden ständig jüdische Kinder – und man geht nicht falsch in der Annahme, dass es die Palästinenser sind, die sie entführen. Im Roman erfährt man das aber erst auf den letzten Seiten. Und so betreibt de Winters Held Abraham Mannheim, genannt „Bram“, der eigentlich Historiker für die Geschichte des Nahen Osten ist, mit einem Freund eine „Bank“ genannte Agentur zur Ermittlung verschwundener Kinder.

 

Wie es der Lauf der Handlung will, wird auch Brams eigener vierjähriger Sohn Ben entführt. Der Vater, der inzwischen Professor an der Universität von Princeton (USA) ist, wird fast verrückt wegen dieses Verlustes, seine Ehe scheitert, er reist ruhe- und kopflos durch die Welt, um das geliebte Kind wieder zu finden. Er begeht sogar einen Mord an einem Päderasten, den er für den Entführer und Mörder seines Sohnes hält. Nach Jahren findet er mit Hilfe seiner Agentur und des israelischen Inland-Geheimdienstes Schabak eine Spur des verlorenen Sohnes. Nicht der umgebrachte Päderast war der Übeltäter, sondern – man hatte es lange vermutet – ein islamischer Fundamentalist. Dieser Dossaji Israilow ist ein genialer und nobelpreisverdächtiger Naturwissenschaftler, der aus Kasachstan stammt und eine internationale Karriere gemacht hat, sich dann aber immer mehr den religiösen Fanatikern anschloss. In Afghanistan wurde er in den achtziger Jahren Leibarzt des Muhadschedin-Führers Mullah Omar, der heute die Taliban befehligt. Natürlich, auch die Taliban dürfen nicht fehlen!

 

Dieser Mann hatte Brams Sohn entführt, in einem Waisenhaus in Kasachstan untergebracht, in dem vornehmlich geraubte jüdische Kinder einer Gehirnwäsche für die Sache Allahs unterzogen werden, um sie dann – Gipfel der muslimischen Infamie! – als Selbstmordattentäter gegen Israel einzusetzen. Denn nur Juden können ja die DNA-Sperren überwinden. Vorbild sind Israilow dabei die Mamelucken und Janitscharen, auch geraubte Kinder, die man einst zu fanatisierten Moslems und Mördern erzog.

 

Brams Sohn Ben – inzwischen ein junger Mann geworden – arbeitet in einem türkischen Lebensmittelladen in Amsterdam, als stille Selbstmörderreserve sozusagen, die jederzeit zu ihrer Märtyrer-Mission abberufen werden kann. Der Vater entdeckt ihn dort, beide erkennen sich. Aber in diesem Augenblick greift schon der Mossad in einer vorher abgesprochenen Aktion zu, kidnappt den Sohn und bringt ihn nach Israel zum Verhör. Der Vater ist dennoch glücklich über den Ablauf der Ereignisse, denn nun kann er hoffen, dass Ben doch noch von dem ihm aufgezwungenen Glauben lässt und zu ihm zurückkehrt...

 

Mit diesem Ausgang will de Winter den Titel seines Romans rechtfertigen: das „Recht auf Rückkehr“ in die jüdische Gemeinschaf nach Israel, das jedem Juden zusteht und habe er sich auch unter noch so teuflischen Einflüssen von seinen Ursprüngen entfernt. Der Autor braucht 550 lange Seiten, um das zu erklären. Aber auf dem Weg dahin gibt er seinen handelnden Personen viele Gelegenheiten, ihren Hass auf Araber im allgemeinen und auf Palästinenser im besonderen freien Lauf zu lassen, denn radikale Muslime sind sie für ihn alle.

 

Brams Vater, ein Nobelpreisträger für Biochemie, ist ein unverbesserlicher Hardliner: Frieden? „Unsinn“, sagt er zu seinem Sohn. „Man schließt keinen Frieden mit seinen Feinden. Man zerschmettert sie. Das macht man mit seinen Feinden. Wo holst Du den hirnverbrannten Gedanken her, man könne mit Arabern Frieden schließen? Frieden mit Arabern ist nichts als eine Galgenfrist.“ Und als der Sohn nachfragt, was man denn politisch tun solle, ist die Antwort des Nobelpreisträgers: „Zehn Busse mit Arabern in die Schlucht schieben.“ Und er bedauert zutiefst, dass die Israelis sie 1948 nicht endgültig vertrieben hätten. „Diese Leute werden uns noch eines Tages die Köpfe abhacken“, ist er überzeugt.

 

Und warum hatten die Palästinenser Israel besiegt und es auf einen schmalen Wüstenstreifen hinter Tel Aviv zusammen gedrängt? de Winter hat auch dafür eine Antwort: „Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt. Die mächtigen Waffen der Juden waren machtlos gegen die palästinensischen Spermien, die sich fruchtbarer Eizellen bemächtigten. Auch die Eizellen kleiner Jüdinnen konnten Muslime hervorbringen – hin und wieder verschwand ein Mädchen im Meer...“

 

Leon de Winter verteidigt sein Buch. Es soll ein Text sein, in dem es um Verlust, Trauer, Abschied und Hoffnung geht. Wirklich? Aber diese eigentlich universellen ur-menschlichen Gefühle gibt es offensichtlich nur auf der einen Seite der Mauer. Die Menschen auf anderen Seite dehumanisiert er mit seinen hasserfüllten Klischees. Alle Moslems sind für ihn offenbar nur abgefeimte Entführer, Terroristen und Mörder, die die Juden „ausrotten“ wollen. Das Wort fällt mehrere Male. Wenn man de Winter wohl gesonnen ist, könnte man die Gründe für solche Hasstiraden in der ewigen Angst der Juden vor Bedrohung sehen, die durch den Holocaust noch gesteigert und zur Paranoia wurde.

 

Aber hat ein weltweit geachteter Autor wie de Winter nicht die Pflicht und die Verantwortung, die aus der Psychologie her bekannte Übertragung Araber (Palästinenser) = Nazis = Mörder zu erkennen und der Versuchung, dieses Klischee weiter zu verbreiten und zu popularisieren, im Namen einer besseren Zukunft der Juden im Nahen Osten und anderswo zu widerstehen? Leon de Winter hat das in seinem Roman nicht getan. Für ihn besteht die Welt nur aus den Guten diesseits und den Bösen jenseits der Mauer. Annäherung, Ausgleich und Versöhnung kann es nicht geben. Sein gruseliger Roman kann so nur neuen Hass säen. Man stelle sich vor, ein Nicht-Jude hätte ein solches oder ähnliches Buch über Juden geschrieben, der empörte Aufschrei wäre weltweit zu Recht zu hören. Warum gilt ein solcher intellektueller und humaner Maßstab umgekehrt nicht auch für Leon den Winter?

 

 

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