|
Der Nahe
Osten hat tatsächlich eine völlige Neuordnung nötig!
Einige Gedanken zu einer aktuellen
Auseinandersetzung
Fritz Edlinger
Die Debatte um den
zeitgenössischen Islam ist absolut legitim und auch aktiv zu fördern. Dass diese
notwendige Auseinandersetzung seit geraumer Zeit aber auch von pressure-groups
und Lobbys für eine weltweite Kampagne zur Propagierung und Durchsetzung eigener
politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Interessen missbraucht wird, ist
leider eine unübersehbare Tatsache. Diese Tendenz ist besonders seit den
Terroranschlägen des 11. September festzustellen, nach dem US-Präsident George
W. Bush zum „Kreuzzug“ gegen den islamischen Terrorismus aufrief. Dass die USA
zuvor und danach nicht davon Abstand nahmen, eben diesen militanten Islamismus
zu fördern und für ihre eigenen machtpolitischen Interessen (Stichwort:
Afghanistan) zu nutzen, wird dabei nur allzu gerne übergangen. Ebenso die
Tatsache, dass die USA – welche den „Kampf für Demokratie“ im Nahen und Fernen
Osten propagieren – jede Menge an autoritären und diktatorischen Regimen in der
islamischen Welt unterstützen, manche zweifellos sogar am Leben erhalten.
Während man also bei den Menschenrechtsverletzungen der eigenen Freunde gnädig
die Augen verschließt, benutzt man diese bei nicht-befreundeten Regimen zum
Vorwand zu massiven Kampagnen, welche von der Unterstützung
staatsterroristischer Übergriffe (z.B. dem jüngsten israelischen Angriff auf den
Libanon) bis hin zum aktiven und gewaltsamen Sturz von als „Schurkenstaaten“
etikettierten Regimen reichen. Dass man dabei, wie auch das Beispiel des Irak
zeigt, mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird (die Unterstützung der
irakischen Diktatur durch viele Jahre hindurch ist nun mal eine unbestreitbare
historische Tatsache!), wird dabei geflissentlich übergangen. Um es auf den
Punkt zu bringen: Die neokonservative Führung der USA sind die Letzten, welche
die Welt über Menschenrechte und Demokratie belehren sollten. Und jene Staaten
und Mächte, welche ihre eigenen Interessen im Schutze des Bush’schen
Neoimperialismus durchzusetzen versuchen, haben absolut kein Recht auf
uneingeschränkte solidarische Unterstützung durch den Rest der freien Welt,
selbst dann nicht, wenn sie zum Teil selbst da und dort Opfer von
terroristischen Anschlägen werden.
Die US-amerikanische
Nahostpolitik ist also gekennzeichnet von Doppelstandards, sie ist von
machtpolitischen und seit einiger Zeit auch von christlich-fundamentalistischen
Motiven geprägt. Dass sie bei dieser abenteuerlichen Politik nicht nur von ihren
nah- und fernöstlichen Klienten sondern auch von manchen europäischen und
anderen westlichen Staaten unterstützt werden, ist unverständlich und
abzulehnen. Es ist meiner Überzeugung höchst an der Zeit, dass sich jene
Staaten, für welche Menschenrechte unteilbar sind und für alle Menschen und
Machtgruppen zu gelten haben, ihrer Grundsätze besinnen und aktiv für deren
internationale Durchsetzung eintreten. Dass dies unter anderem auch auf einen
Konflikt mit den USA, zumindest unter der derzeitigen neokonservativen Führung,
hinauslaufen wird, soll und darf kein Argument sein, die eigenen Grundsätze zu
verraten.
„Bedingungslose“
Solidarität mit Israel ist Unterstützung für Gewalt
In den letzten Jahren
haben sich vor allem im deutschsprachigen Raum Gruppen gebildet, welche unter
dem Slogan der „bedingungslosen Solidarität mit Israel“ de facto die seit 40
Jahren andauernde israelische Besatzungs- und Vertreibungspolitik unterstützen.
Sie verbreiten auch in Europa die von Israel seit seiner Gründung im Jahr 1948
aufgebaute Fiktion von der existentiellen Bedrohung des jüdischen Staates durch
seine arabisch/muslimischen Nachbarn. Dass die Geschichte bis zum jüngsten
israelischen Überfall auf den Libanon nachdrücklich den Beweis liefert, dass im
Gegensatz zu dieser Propaganda es Israel ist, welches eine existentielle
Bedrohung für das palästinensische (und auch libanesische) Volk darstellt, wird
unter den Teppich gekehrt. Die Propaganda von der existentiellen Bedrohung
Israels stellt – neben der bedauerlichen propagandistischen Ausnützung der
Naziverbrechen - ein absolut notwendiges Konstrukt zur Verbreitung und
Durchsetzung der israelischen Aggressionspolitik dar. Angesichts der massiven
politischen, finanziellen und militärischen Unterstützung Israels durch die USA
liegt natürlich auch der Zusammenhang mit der US-amerikanischen Nahostpolitik
auf der Hand. Wer also zur „bedingungslosen Solidarität“ mit Israel aufruft, der
macht sich mitschuldig an den Verbrechen Israels am palästinensischen und
zuletzt auch am libanesischen Volk. Und er/sie muss sich zu Recht den Vorwurf
machen lassen, auch die rücksichtslose und aggressive US-Nahostpolitik zu
unterstützen.
Zur Vermeidung von mehr
oder minder bewussten Missverständnissen möchte ich an dieser Stelle klar und
deutlich festhalten, dass meine voran stehende Kritik sehr wohl mit einer klaren
und unmissverständlichen Verurteilung der Nazi-Verbrechen sowie mit der
Anerkennung der Existenz des Staates Israel vereinbar ist. Leider bewirkt die
israelische Propaganda eine bewusste Vermengung von Aspekten, die an sich direkt
nichts miteinander zu tun haben. Auch die dummen und völlig überflüssigen
Stellungnahmen und Ankündigungen von so genannten Holocaust-Leugnern im Westen
vor allem aber im Orient machen eine seriöse und verantwortungsbewusste
Auseinandersetzung mit der Politik Israels und der USA fast unmöglich. In diesem
Zusammenhang ist sicherlich einiges an Kritik/Selbstkritik angebracht.
Kritik/Selbstkritik
ist legitim, aber….
Insofern ist es also durchaus richtig und wichtig, auch auf die Versäumnisse
und Defizite innerhalb der arabisch-islamischen Gesellschaften hinzuweisen und
als notwendig erkannte Reformschritte einzufordern. In den tagespolitisch
motivierten Auseinandersetzungen wird leider oft darauf verzichtet, die
zahlreichen innerarabisch-islamischen Debatten wiederzugeben. Sicherlich wird
manches auch aus falsch verstandener Rücksichtsnahme und Solidarität unter den
Teppich gekehrt, der von bestimmten „Islamexperten“ vermittelte Eindruck, dass
es keine ernstzunehmende Reformbemühungen gäbe, ist aber falsch. Es gibt diese
sowohl in religiös-theologischen Kreisen als auch in säkular-wissenschaftlichen.
In diesem Zusammenhang sei auch auf die inzwischen vier „Arab Human Development
Reports“ der UNDP verwiesen, welche überwiegend von arabischen Experten
ausgearbeitet worden sind. Es ist interessant und irgendwie symptomatisch, dass
eine breite internationale Auseinandersetzung über diese höchst interessanten
Berichte zum Teil durch eine Koalition der USA und mancher nahöstlicher
Regierungen erschwert worden ist. Eines ist nämlich klar und sollte auch jenen,
welche die vermeintliche Reformunwilligkeit der Araber/Muslime anprangern,
bewusst sein: Eine spürbare Veränderung der undemokratischen,
fortschrittsfeindlichen, teilweise sogar menschenrechtswidrigen Strukturen im
Nahen und Fernen Osten erfordert einen langwierigen und schmerzhaften Prozess.
Und dabei werden viele Tabus, z.B. die historische Verantwortung der westlichen
Staaten für die Situation im Orient, die bis heute andauernden mehr oder minder
gewaltsamen Interventionen des Westens, die notorische Unterstützung von
diktatorischen Regimen durch den Westen etc. ebenfalls zur Sprache kommen und
nicht nur die wirklichen oder vermeintlichen religiösen und kulturellen internen
Hemmnisse. Ich halte also eine kritische/selbstkritische Auseinandersetzung mit
den herrschenden politischen, wirtschaftlichen und religiösen Zuständen im Nahen
und Fernen Osten für absolut notwendig. Diese muss sowohl von den Betroffenen
selbst als auch von Außenstehenden geführt werden und es sollten keine Tabus
bestehen. Diese höchst notwendige gesellschaftliche Auseinandersetzung sollte
eine Entwicklung in Gang zu setzen, welche Freiheit, Selbstbestimmung, Achtung
der Menschenrechte, Emanzipation der Frauen, gerechte wirtschaftliche und
soziale Entwicklung und Demokratie zum Ziel hat.
Fritz Edlinger/31.1.2007 |