Ein Interview mit Haider Eid :
Schleichender Genozid
Nach mehr als einem Monat als Israels Angriffe auf den Gazastreifen
endeten, bleibt das Leben der 1,5 Millionen Palästinenser weiter ein
täglicher Kampf. Israel hält weiterhin die todbringende Belagerung
aufrecht, die verhindert, dass lebensnotwendige Dinge in den
Gazastreifen kommen. Der größte Teil der Bevölkerung lebt in
bitterer Armut.
Ein klein wenig Hoffnung kam auf, als auf internationaler Ebene ein
Engagement der Solidarität begann: von Kanada und den USA, von
Europa und Südafrika. Es wurden Stimmen laut, die Israel für seine
Verletzungen des Völkerrechts und der palästinensischen
Menschenrechte verantwortlich machen. Am 21. März wird bei einer
Antikriegs-demonstration in Washington D.C. der Hauptslogan “
Gerechtigkeit für Palästina“ sein. Sie wird für den 6. Jahrestag der
US-Invasion in den Irak organisiert.
Haidar Eid (HE), ein Professor für Englisch, politischer Kommentator
und seit langem Aktivist, lebt in Gaza-Stadt. Er hat
Augenzeugenberichte gesammelt und eine Analyse des Gazakrieges
geliefert.
Nach den Medien ist der Teil des Krieges mit Schießen und
Bombardieren zu Ende. Doch Israel setzt die Luftangriffe auf Ziele
im Gazastreifen alle paar Tage fort. Und zusätzlich zu den
Bombardements bleibt Israels Belagerung weiter bestehen und sorgt
dafür, dass alle möglichen Arten wichtiger Waren nicht in den
Gazastreifen gelangen. Können Sie die augenblickliche Lage
beschreiben?
HE: Der mutige israelische Historiker Ilan Pape hat über die
hermetische, nun seit drei Jahren andauernde Belagerung des
Gazastreifens gesprochen. Vor dem Krieg nannte Pappe diese
Belagerung „schleichenden Völkermord“ - und er hatte damit
vollkommen Recht.
Schon vor dem Krieg starben 350 unheilbare Kranke, weil Israel sich
weigerte, sie wegen medizinischer Behandlung aus dem Gazastreifen
ausreisen zu lassen. Israel verweigerte ihnen Passierscheine, um in
ägyptischen oder jordanischen Krankenhäusern behandelt zu werden.
Ich spreche von Leuten mit Nierenversagen, Herzproblemen und Krebs.
Der Krieg verwandelte den schleichenden Völkermord in einen
wirklichen Genozid – ich weiß nicht, wie man das sonst nennen soll.
Während des Krieges wurden mehr als 1430 Menschen getötet.
Wir dachten, dass das Ende des Krieges auch das Ende der
mittelalterlichen Belagerung des Gazastreifens mit sich bringt. Aber
leider ist dies seit dem Ende des Gazamassakers nicht geschehen –
ich kann dies wirklich nicht Kriegsende nennen, weil er in anderer
Weise fort gesetzt wird.
Israel war es nicht gelungen, seine drei Kriegsziele zu erreichen,
die es zu Beginn des Krieges nannte: die Hamasregierung zu stürzen,
dem Abschießen von Qassams ein Ende zu setzen und ein neues
Sicherheitsabkommen in Gaza zu erreichen.
Da
ihnen dies misslungen ist, versuchten sie politisch zu erreichen,
was ihnen militärisch mit Hilfe der USA nicht gelungen ist, nicht
einmal mit der Obama-Regierung zusammen mit der EU und der Hilfe
einiger arabischer Staaten.
Deshalb wurden alle Vorschläge für den Wiederaufbau des
Gazastreifens bei der vor kurzem stattgefundenen internationalen
Geber-Konferenz in Sharm-El Sheik an so viele Bedingungen geknüpft.
Diese Bedingungen machen einen Aufbau unmöglich.
Als Außenministerin Hillary Clinton Tel Aviv und Ramallah besuchte,
sprach sie (nur) über Bedingungen. Die 1. Bedingung für die Hamas
und die Widerstandsgruppen im allgemeinen sei, dass sie den Staat
Israel anerkennen. Die 2. Bedingung sei die Anerkennung aller von
der PLO und Israel unterzeichneten Abkommen, was letztlich auch
Anerkennung des Staates Israel bedeutet.
Aber im Zusammenhang damit gibt es einige große Fragen, die die USA
und die Mainstream-Medien zu umgehen versuchen. Besonders: Welches
Israel sollen die Palästinenser denn anerkennen?
1.
Israel ist das einzige Mitglied, das keine anerkannten Grenzen hat.
Soll die Apartheidmauer die Grenze des Staates Israel sein? Oder die
Grenze vor dem 6-Tage-Krieg 1967? Die Anerkennung Israels in der
jetzigen Situation würde Israel die weitere Expansion erlauben.
2.
Israel ist auch das einzige Land der Erde, das keine Verfassung hat.
Es hat ein Grundgesetz. Das erste dieser Gesetze definiert Israel
als einen Staat für alle Juden in aller Welt. Das wäre ein
theokratischer Staat und kein Staat für alle seine Bürger. Da stellt
sich die Frage: was geschieht dann mit den 1,2 Millionen
Palästinensern, die als Bürger dieses Staates angesehen werden, die
aber keine Juden sind?
Und auch folgende Frage: was geschieht mit den mehr als 6 Millionen
palästinensischen Flüchtlingen, die in der Diaspora leben? Nicht ein
einziges Abkommen zwischen der PLO und Israel - mit den USA als
Vermittler - erwähnt das Recht der Rückkehr, obwohl die
UN-Resolution 194 zur Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge in
ihre Heimat, in ihre Dörfer, und Städte aufruft, aus denen sie
vertrieben wurden. Die Resolution 194 ruft auch zur Kompensation für
die Ungerechtigkeiten auf, die die Flüchtlinge erlitten haben.
Aber all dies sind Dinge, von denen Israel will, dass die
Palästinenser sie aufgeben, bevor die Gespräche beginnen. Wie
Marx sagte: die Geschichte wiederholt sich selbst, erst als Tragödie
und dann als Farce. Nun haben wir die Geberkonferenz erlebt und
einen Besuch von Hillary Clinton. Sie sagte kein einziges Wort der
Sympathie für den Kampf der Palästinenser. Das ist eine Tragödie und
eine Farce.
Die Palästinenser müssen einen hohen Preis zahlen. Es ist die
Fortsetzung eines genozidalen Krieges, der von Israel gegen Gaza
ausgefochten und von der internationalen Gemeinschaft unterstützt
wird. Und bei den Reden über einen angeblichen Wiederaufbau geht
es nur darum, Israels Agenda durchzuführen.
DIE USA und Israel rufen die Hamas auf, ‚auf Gewalt zu verzichten’,
aber sie erkennen die unglaubliche Heuchelei dieser ihrer Forderung
nicht an: Israel wendet nämlich ständig unglaubliche Gewalt gegen
die Palästinenser an, und die USA liefert die Waffen, die Israel
genau dies zu tun erlauben.
.
HE: ABSOLUT. Welche Art von Waffen hat die Widerstandbewegung im
Gazastreifen? Primitive selbstgemachte Raketen und einige
Gradraketen, die durch die Tunnel zwischen dem Gazastreifen und
Ägypten geschmuggelt wurden. Aber jetzt können die Tunnel nicht
benutzt werden. Israel hat sie wiederholt bombardiert.
Wir sprechen über die viert stärkste Militärmacht der Welt mit 250
Atomköpfen, F-16-Bombern und Kampfhelikoptern gegen eine weitgehend
wehrlose Bevölkerung. Wir sprechen nicht über zwei ebenbürtige
Kriegsparteien.
Nach dem Völkerrecht besetzt Israel illegal die Westbank und den
Gazastreifen. Israel verbietet illegal, mehr als 6 Millionen
Palästinensern die Rückkehr in ihre Häuser und Städte.
Was wir fordern – auch ich als Teil der palästinensischen zivilen
Gesellschaft, als Akademiker, als Aktivist – ist nur die Erfüllung
der UN- Resolutionen und die des Sicherheitsrates und des
Völkerrechts. Nach dem Völkerrecht wird uns ein Staat garantiert und
das Rückkehrrecht.
Beim Unterzeichnen der Oslo-Abkommen 1993 machte die offizielle
PLO-Führung ein Abkommen, das unsere Rechte und das Völkerrecht
verletzt ( indem es diese wesentlichen nationalen Rechte
wegverhandelte). Es ist nun für Israel und die USA zur Gewohnheit
geworden, die Palästinenser als die schwächere Partei anzusehen, die
immer mehr Konzessionen machen soll.
Einer der größten Fehler, den die palästinensische Führung gemacht
hat, war, dass sie angenommen hatte, die USA sei ein fairer Makler.
Aber die USA war in der Tat wegen der pro-Israel-Lobby in den USA
völlig voreingenommen. Ich denke, man kann den US-Imperialismus und
den Zionismus im Nahen Osten nicht von einander trennen.
Die USA griff den Irak an, besetzte ihn und beging an der irakischen
Zivilbevölkerung einen Genozid. Sie tötete mehr als 1,5 Millionen
Irakis wegen des Öls und um seine Interessen in dieser Region zu
verfolgen und um den Staat Israel zu schützen.
Die Amerikaner sind im Irak elendiglich gescheitert, so wie Israel
im Libanon 2006 gescheitert ist. Und dann versuchten sie, die im
Nahen Osten als Zielscheibe aus, die ihnen als die Schwächsten
erschienen, nämlich die Bevölkerung des Gazastreifens. Zum Glück
scheiterten sie auch hier. Israel versuchte 22 Tage lang vergeblich,
den Widerstand auf seine Knie zu zwingen.
Deshalb versucht man jetzt politisch, was militärisch nicht gelang.
DIE BEDINGUNGEN, die mit der Wiederaufbauhilfe beim Sharm
el-Sheik-Gipfel und dem Besuch von Hillary Clinton verbunden sind,
zielen dahin, den Wiederaufbau zu politisieren, indem das Geld und
die Unterstützung über die palästinensische Behörde und PA-Präsident
Mahmoud Abbas gehen soll. Nachdem sich Abbas mit Clinton getroffen
hatte, warnte er den Iran, sich nicht in palästinensische
Angelegenheiten zu mischen. Können Sie etwas dazu sagen, was hier
vor sich geht?
….
HE: Israel und die USA bemühen sich darum, den Iran und seine
Schiitenführung als den neuen Feind der Palästinenser und der
Araber, besonders der sunnitischen Araber hinzustellen. In andern
Worten: sie treiben eine Identitätspolitik und versuchen nach dem
Prinzip von ‚teile und herrsche’ vorzugehen, genau wie die
Amerikaner es im Irak getan haben. Diese Methode hatte im Libanon
keinen Erfolg; aber Abbas arbeitet noch immer mit den USA und
Israel zusammen, um dies im Gazastreifen durchzuführen.
Der Iran unterstützt nicht nur die Hamas. Der Iran hat seitdem der -
von der USA unterstützte- Schah 1979 gestürzt worden war, den
palästinensischen Widerstand unterstützt, indem es ihm eine
Botschaft in Teheran zugestand.
Der Iran leistet dem palästinensischen Widerstand etwas
militärischen Beistand, so wie der Iran dem Widerstand im Libanon
half. Es ist für uns wichtig zu verstehen, dass wenn die
Palästinenser ihren Widerstand fortsetzen, sie die Unterstützung der
Muslime, der Araber und der freiheitsliebenden Völker in aller Welt
brauchen.
Die Unterstützung von Seiten des Irans ist nicht an Bedingungen
geknüpft, wie von Seiten der USA, der EU und anderen. Wir haben ein
gemeinsames Projekt und gemeinsame Ziele: den amerikanischen
Imperialismus im Nahen Osten zu bekämpfen und Palästina zu befreien.
Deshalb zielen die USA und ihre Verbündeten, einschließlich mehrerer
arabischer Regime, auf den Iran als Feind der Araber und Muslime in
der arabischen Welt.
Um
auf die Bedingungen zurückzukommen, die an die Wiederaufbauhilfe
geknüpft sind – ich denke nicht, dass irgendein Palästinenser mit
einer Spur von Würde diese akzeptieren würde. Warum sollten wir
Hilfe akzeptieren, die sich auf die Idee gründet, dass das , was im
Gazastreifen geschah, eine Naturkatastrophe war, im Gegensatz zu
einer von Menschen verursachten Katastrophe, die vom Staat Israel
ausgelöst wurde, um den palästinensischen Widerstand zu brechen und
die palästinensische Gesellschaft zu vernichten.
Die Bevölkerung des Gazastreifens ist gestraft worden, weil sie bei
einer demokratischen Wahl 2006 eine Partei, die Hamas, wählte, die
die Oslo-Abkommen nicht unterstützte und die das Rückkehrrecht der
palästinensischen Flüchtlinge fordert.
Obgleich ich die Hamas ideologisch nicht unterstütze, war es eine
demokratische Wahl des palästinensischen Volkes. Und die meisten,
die Hamas in die Regierung wählten, sind keine Hamasunterstützer,
sondern wollten eine Organisation wählen, die weder korrupt ist,
noch die Oslo-Abkommen unterstützt.
Seit der Oslo-‚Friedensprozess’ 1993 begann - bis heute - haben wir
keinen unabhängigen palästinensischen Staat gesehen. Im Gegenteil:
Israel vermehrte die Anzahl der Siedler auf der Westbank von 190
000 auf mehr als eine halbe Million und hat durch den Bau der
Apartheidmauer mehr als 25% des Landes der Westbank enteignet,
Groß-Jerusalem erweitert und bestehende jüdische Siedlungen auf der
Westbank vergrößert.
Israel hat deshalb die Errichtung eines unabhängigen
palästinensischen Staates auf 22% des historischen Palästina
unmöglich gemacht. Ich denke, das ist auch ganz gewöhnlichen
Palästinensern klar, weshalb sie den Wiederstand unterstützen und
nicht nur die Hamas als Organisation, sondern alle
Wiederstandorganisationen wie die Volksfront für die Befreiung
Palästinas, die Volkswiderstands-Komitees, den islamischen Jihad
usw.
….
Ich glaube, dass wir uns auf eine 3. Intifada zu bewegen, die
weithin vom allgemeinen Widerstand des palästinensischen Volkes
abhängt und sehr wichtig von der globalen Boykott-, Divestment- und
Sanktionen-Bewegung (BDS).
Um
nur ein paar der inspirierenden Beispiele von BDS-Aktivismus rund um
die Welt zu nennen : es gibt mehr als 28 Universitätsgelände, die
von Studenten in Großbritannien besetzt sind, einige in den USA und
die Entscheidung des Hampshire-College, das Divestment von Israel
praktiziert; dann gibt es mehrere Südafrikanische
Solidaritätsgruppen.
Wir wünschten uns sehr, eine internationale BDS-Kampagne nach der
Apartheid-Bewegung, die letzten Endes 1994 zum Ende der Herrschaft
der Weißen in Südafrika geführt hat und 1990 zur Befreiung von
Nelson Mandela.
ES
SCHEINT wirkliche Begeisterung für den Aufbau einer solchen Bewegung
zu geben, um die israelische Besatzung herauszufordern und eine
bedeutsame Solidarität mit der palästinensischen Sache zu
entwickeln. Aber manche Leute fragen sich noch, ob eine BDS-Kampagne
ein ‚konstruktives Engagement’ unterbrechen würde, was so wesentlich
für eine Lösung des Konfliktes wäre. Wie denken Sie über dieses
Argument?
HE: DIE FRAGE des Dialoges zwischen Israel und den Palästinensern
kann auf die Art und Weise geregelt werden wie seit 1993: zwischen
Israel und der PA gab es ( viele) Verhandlungen und das Ergebnis
war ein Massaker im Gazastreifen.
Prinzipiell macht es für mich keinen Sinn, mit einer weit
überlegeneren Besatzungsmacht einen ‚Dialog’ zu haben, ohne Mittel
und Wege in Betracht zu ziehen, auf denen Widerstand die notwendigen
Vorbedingungen schafft, um irgend etwas mit dem Dialog zu
erreichen. ….
Wegen des großen Abstands zwischen dem palästinensischen Opfers
und dem israelischen Besatzer brauchen wir die Intervention der
internationalen Gemeinschaft, wobei ich nicht an offizielle
Körperschaften denke, sondern an zivile Vereine, Kirchen, Moscheen,
Klubs, Studentengruppen, Gewerkschaften etc
Das waren die Kräfte, die die Anti-Apartheid-Bewegung gegen
Südafrika in den 80er und frühen 90er-Jahren voranbrachten…Dasselbe
könnte auch in Palästina geschehen. Wegen des Ungleichgewichts der
Mächte, benötigen wir die Intervention der internationalen
Gemeinschaft; denn die Palästinenser werden nicht in der Lage sein,
allein gegen die Israelis zu kämpfen, weil keiner gegen solch eine
überwältigende Übermacht allein kämpfen kann. …
Leider hat die politische Führung – weder auf der Rechten noch auf
der Linken, weder die Hamas noch die Fatah oder die populäre
Volksfront für die Befreiung Palästinas – kein
internationalistisches Bewusstsein.
Das einzige, worauf wir uns verlassen können, ist die Kraft des
Volkes.
(dt. und stark gekürzt: Ellen Rohlfs)
Eric Ruder, http://counterpunch.org/ruder03132009.html
13./15. März 2009
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