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Ein ganzes Volk einsperren
von John Pilger
New Statesman / ZNet 22.06.2007
Israel ist dabei, jede Idee eines Staates Palästina zu zerstören und es
wird ihm erlaubt, eine ganze Nation einzusperren. Das wird deutlich
durch die letzten Angriffen auf den Gazastreifen, dessen Leiden schon zu
einer Metapher für eine Tragödie geworden ist, die Völkern des Nahen
Ostens und drüber hinaus auferlegt wird. Diese vom britischen Kanal 4
berichteten Angriffe wären auf Schlüsselfiguren militanter Hamas und auf
die Hamas Infrastruktur gezielt gewesen. Die BBC beschreibt einen
„Zusammenstoß“ zwischen denselben Militanten und einem israelischen
F-16-Kampfflugzeug.
Schauen wir uns diesen Zusammenstoß etwas näher an! Der Wagen der
Militanten war von einer Rakete aus einem Kampfflugzeug in Stücke
zerrissen worden. Wer sind diese Militanten. Meiner Erfahrung nach sind
alle Menschen in ihrem Widerstand militant gegen ihre Gefängniswärter
und Peiniger. Was die „Hamas-Infrastruktur“ betrifft, so war es das
Hauptbüro der Partei, die letztes Jahr die demokratischen Wahlen in
Palästina gewonnen hat. Wenn man dies so berichten würde, gäbe es einen
falschen Eindruck. Man könnte meinen, dass die Leute im Wagen und alle
anderen Opfer der letzten Jahre, die Babys und die älteren Leute, die
mit Kampfflugzeugen „zusammengestoßen“ sind, Opfer einer großen
Ungerechtigkeit sind. Es würde auf die Wahrheit hinweisen.
„Einige sagen“ – so der Kanal-4-Reporter – dass „Hamas den Angriff
herausgefordert habe“. Vielleicht dachte er an die Qassam-Raketen, die
gegen Israel aus dem Gefängnis Gaza abgefeuert wurden und niemanden
getötet haben. Nach dem Völkerrecht hat ein besetztes Volk das Recht,
auch mit Waffen gegen die Besatzer vorzugehen. Über dieses Recht wurde
noch nie berichtet. Der Berichterstatter von Kanal 4 berichtet von einem
unendlichen Krieg, als ob die Gegner gleichartig / gleichwertig seien.
Da herrscht kein Krieg. Da gibt es einen Widerstand unter den ärmsten,
verwundbarsten Menschen der Erde, die einer andauernden, illegalen
Besatzung durch die viertgrößte Militärmacht ausgesetzt sind. Deren
Waffen reichen von Massenzerstörungswaffen wie Clusterbomben bis zu
thermonuklearen Erfindungen, die von der Supermacht bezahlt werden.
Allein in den letzten sechs Jahren – so schrieb der Historiker Ilan
Pappe, hat die israelische Armee mehr als 4.000 Palästinenser getötet,
die Hälfte seien Kinder gewesen.
Schauen wir uns an, wie diese Macht arbeitet. Nach Dokumenten von der
United Press International haben die Israelis die Hamas einst heimlich
finanziert als „gezielten Versuch, eine starke säkulare PLO durch eine
religiöse Alternative zu teilen und zu schwächen – in den Worten eines
früheren CIA-Angestellten.
Heute
haben Israel und die USA diesen Trick umgedreht und Hamas’ Rivalen, die
Fatah, offen mit Bestechungsgeldern von Millionen Dollars gestärkt. Vor
kurzem erlaubte Israel heimlich 500 Fatahkämpfern von Ägypten aus nach
Gaza zu gelangen, nachdem sie in Ägypten von einem anderen
amerikanischen Klientel, der Kairoer Diktatur, trainiert worden waren.
Es ist das israelische Ziel, die gewählte palästinensische Regierung zu
unterminieren und einen Bürgerkrieg zu entfachen. Es war ihnen (bis Mai)
noch nicht gelungen. Die Palästinenser bildeten eine nationale
Einheitsregierung von Hamas und Fatah. Die letzten Angriffe sind darauf
aus, diese zu zerstören. (Was ja dann auch im Juni gelingt! ER)
Mit
Gaza im Chaos und der eingemauerten Westbank plant Israel eine
„Hobbesianische Vision einer anarchistischen Gesellschaft: abgestumpft,
gewalttätig, ohnmächtig, zerstört, von verzweifelten Milizen-Banden,
religiösen Ideologen und Extremisten regiert, aufgeteilt in ethnischen
und religiösen Tribalismus und Kollaborateure. Sehen wir uns nur an, was
heute im Irak los ist! Am 19.Mai erhielt „Der Guardian“ einen Brief von
Omar Jabary al Sarafeh, einem Einwohner Ramallahs: „Land, Wasser und
Luft sind unter ständiger Kontrolle eines raffinierten militärischen
Überwachungssystems, das Gaza wie eine „Truman Show“ werden lässt“
schrieb er. „In diesem Film hat jeder Gaza-Schauspieler seine Rolle zu
spielen und die (israelische) Armee benimmt sich wie ein Direktor … Der
Gazastreifen muss als das gesehen werden, was es ist … ein israelisches
Laboratorium, das von der internationalen Gemeinschaft unterstützt wird
und in dem an Menschen wie an Versuchskaninchen die schlimmsten und
perversesten Praktiken wirtschaftlicher Erstickung und Aushungerung
getestet werden.“
Der
bemerkenswerte israelische Journalist Gideon Levy hat die Aushungerung
von Gaza mit mehr als 1,4 Millionen Einwohnern und den Tausenden von
Verwundeten, körperlich Behinderten und von den Schallschockbomben
traumatisierten, die keine Behandlung bekommen können, beschrieben …
menschliche Schatten schleichen durch die Ruinen … sie wissen nur eines,
dass die israelische Armee wieder zurückkommen wird und dies für sie
wochenlang noch mehr Gefangenschaft in ihren Wohnungen bedeutet, und
noch mehr Tod und Zerstörung in monströsen Proportionen.
Jedes
Mal, wenn ich in Gaza gewesen war, habe ich die Melancholie gespürt, als
ob ich unbefugt in einen geheimen Ort des Trauerns gekommen wäre.
Rauchschwaden von Holzfeuern hängen über den Stränden des selben
Mittelmeers, das freie Völker kennen, aber nicht hier. Entlang den
Stränden, die Touristen als malerisch ansehen, schleppen sich mühsam die
Eingekerkerten von Gaza herum, schattenhafte Figuren gehen am Wasserrand
entlang, auch durch Abwässer. Das Wasser und der Strom sind wieder
abgestellt, nachdem die Generatoren bombardiert worden waren. Von Kugeln
durchlöcherte Mauern erinnern an die Toten, z.B. an die Familie von 18
Mitgliedern, Männer, Frauen und Kinder, die mit einer US-israelischen
500kg-Bombe „zusammengestoßen“ sind, als sie auf ihren Wohnblock fallen
gelassen wurde, während sie schliefen. Vermutlich waren sie alle
Militante.
Mehr
als 40% der Bevölkerung von Gaza sind Kinder unter 15 Jahren. Nachdem
Dr. Dereck Summerfield vier Jahre lang für ein britisches Medizinjournal
recherchierte, berichtete er, dass 2/3 der 621 getöteten Kinder an
Checkpoints, auf der Straße, auf dem Weg zur Schule, in ihren Wohnungen
durch kleinkalibrige Waffen getötet wurden: mehr als die Hälfte wurde in
den Kopf, ins Genick oder die Brust geschossen – es waren Wunden von
Scharfschützen. …
Ich
traf Dr. Khaled Dahlan, einen Psychiater, der einem von mehreren
Kindergesundheitsprojekten der Gemeinde in Gaza vorsteht. Er erzählte
mir von seiner letzten Untersuchung. „Allein die Statistik ist für mich
unerträglich,“ sagte er, „99,4 % der von uns erfassten Kinder leiden an
Traumata. Wenn man sich die Untersuchung näher ansieht, sieht man warum:
99,2% der untersuchten Gruppe erlebten ein Bombardement des Hauses;
97,5% waren Tränengas ausgesetzt, 96,6% waren Zeugen von Schießereien;
95,8% waren Zeugen von Bombardements und Beerdigungen; fast ein Viertel
sah, wie Verwandte verletzt oder getötet wurden.
Er
sagte, wenn Kinder ab drei Jahren mit solch einer Situation konfrontiert
sind, träumen sie zunächst davon, Ärzte und Krankenschwestern zu werden,
dann geht dies in eine apokalyptische Vision für sich selbst über, sie
träumen dann, dass sie die nächste Generation von Selbstmordattentätern
werden. Diese Erfahrung machen sie ausnahmslos nach israelischen
Angriffen. Für einige Jungen sind nicht mehr Fußballer die Helden,
sondern eine Mischung von palästinensischen „Märtyrern“ und sogar dem
Feind, „weil israelische Soldaten die stärksten sind und weil sie
Kampfhubschrauber haben.“
Kurz
bevor Edward Said starb, klagte er verbittert die ausländischen
Journalisten wegen ihrer destruktiven Rolle an, wenn sie von
palästinensischer Gewalt ohne ihren Hintergrund schreiben, dass diese
Gewalt die Antwort eines verzweifelten und entsetzlich unterdrückten und
leidenden Volkes sei“. Genau wie die Invasion des Irak ein „Krieg der
Medien“ war, so kann dasselbe auch von dem grotesk einseitigen Konflikt
in Palästina gesagt werden. Wie die Pionierarbeit der
Glasgow-Universitätsmediengruppe zeigt, wird den Fernsehzuschauern
selten erzählt, dass die Palästinenser die Opfer einer illegalen
militärischen Besatzung sind; dass der Terminus „besetzte Gebiete“
selten erklärt wird . Nur 9% der interviewten jungen Leute in
Großbritannien wissen, dass die Israelis die Besatzungsmacht und die
illegalen Siedler jüdisch sind – viele glauben, es seien Palästinenser.
Die selektive Anwendung der Sprache durch Medienreporter ist wichtig, um
die Verwirrung und Ignoranz aufrecht zu erhalten. Wörter wie
„Terrorismus“, „Mord“ und „brutales, kaltblütiges Morden“ beschreibt nur
den Tod der Israelis, fast nie den von Palästinensern.
Da
gibt es rühmliche Ausnahmen. Der gekidnappte BBC-Reporter Alan Johnston
ist einer von ihnen. Doch in der Unmenge von Berichten über seine
Entführung kommen die Tausenden von Palästinenser, die von Israelis
entführt wurden und die ihre Familien jahrelang nicht sehen, nicht vor.
Für sie gibt es keine Appelle. Der ausländische Journalistenverband (FPA)
in Jerusalem dokumentierte das Beschießen und die Einschüchterungen
seiner Mitglieder durch israelische Soldaten. Im Zeitraum von acht
Monaten wurden viele Journalisten, einschließlich des CNN-Bürochefs in
Jerusalem, durch Israelis verletzt, einige sogar schwer. Der FPA
beschwerte sich über jeden einzelnen Fall – es gab keine befriedigenden
Antworten von Seiten des Militärs.
Eine
Zensur durch Weglassen wird von einem großen Teil der Journalisten
praktiziert, wenn es sich um Israel handelt, besonders in den USA. Hamas
wird als eine „terroristische Gruppe“ bezeichnet, die „geschworen habe,
Israel zu zerstören“ und „die sich weigert, Israel anzuerkennen und
gegen das es kämpfen, aber mit dem es nicht reden wolle..=E2 Dies
unterdrückt die Wahrheit, nämlich, dass Israel um die Zerstörung
Palästinas bemüht ist. Außerdem wurde der Vorschlag der Hamas, einen
zehn Jahre langen Waffenstillstand zu halten, von Israel ignoriert.
Ignoriert wurde auch der hoffnungsvolle ideologische Wechsel innerhalb
der Hamas selbst, die Israels Herrschaft/Existenz akzeptiert. „Die
Hamas-Charta sei nicht der Koran“ sagte ein hochrangiger Hamasanhänger,
Mohammed Ghazal. „Historisch gesehen, glauben wir, dass ganz Palästina
den Palästinensern gehört; aber wir reden jetzt über die Realität, über
politische Lösungen … wenn Israel dahin käme, mit der Hamas reden zu
können, dann – so denke ich – wird es kein Problem geben , mit Israel
über Lösungen des Konfliktes zu reden.“
Als
ich den Gazastreifen das letzte Mal sah und auf den israelischen
Checkpoint und den Stacheldrahtzaun zufuhr, wurde ich mit einem
Schauspiel palästinensischer Flaggen begrüßt, die innerhalb eines
ummauerten Grundstückes flatterten. Kinder waren dafür verantwortlich,
wurde mir gesagt. Sie machten aus zusammengebundenen Stöcken
Fahnenstangen. Ein oder zwei Kinder wollten auf die Mauer klettern und
still zwischen sich die Fahne halten. Sie tun dies, wenn Ausländer in
der Nähe sind, und sie hoffen, dass diese der Welt draußen von ihnen
erzählen.
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