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Zu Grabe getragen mit Schokolade in der Hand
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von Gideon Levy

 


 Tareq, 11 Jahre alt mit seinen         Eltern, in seinen Händen das         Foto von seinen getöteten Brüdern
       Jamil, 13 und Ahmed, 6

Die Videoaufnahme zeigt alles: Hier die drei Kinder auf ihren Rädern - drei schwarze Punkte auf einer ansteigenden Straße, zwei rechts, eng zusammen, der Dritte links, in der Mitte lassen sie ein weißes Auto durch. Eine Frau ruft ihnen etwas zu - unverständlich -, vielleicht warnt sie ja die Kinder vor dem Panzer. Das Auto verschwindet den Hügel runter, und dann taucht plötzlich dieser (israelische) Panzer im Bild auf - aus der linken Ecke. Zuerst wird das Maschinengewehr des Panzers sichtbar, dann der untere Teil des Geschützes, schließlich der ganze Panzer, wie er den drei kleinen Kindern auf ihren Rädern hinterherfährt - sie sind nur ein paar dutzend Meter voraus. Der Film stoppt für eine Sekunde, damit man (als Zuschauer) die Details besser erkennen kann. Dann wird der Bildschirm plötzlich schwarz. Man hört Gewehrfeuer, dann bumm! Viel Lärm. Staub u. Rauch überall - u. das wars. Der anonyme Kameramann hat aufgehört zu filmen.

Die Fahrräder liegen jetzt im Hof. Man hat eine dicke Wolldecke darüber gebreitet - so, als wolle man sie vor der Nachtkühle schützen. Es sind drei Räder. Das große Schwarze gehörte Jamil, das mittlere rote gehört Tareq u. das kleine purpurfarbene war das von Ahmed. Der Sattel des kleinen Rads ist völlig verbogen, am großen Rad ist das Gummi der Lenkergriffe abgerissen, beim mittleren klafft ein Loch im Sattelbezug. Nur leicht beschädigt, würde man sagen. An den Lenkern von zwei derder hängt das Foto desjenigen Kindes, dem es gehört hat, mit schwarzen Trauerbändern versehen. Es sind die Fotos von Jamil u. Ahmed - beide tot. Tareq liegt verletzt im Krankenhaus, sein Körper ist von Schrapnells aufgerissen. An diesem schwarzen Freitag war er mit den beiden andern zum Lebensmittelladen runtergeradelt. An seinem Rad hängt kein Bild.

Der Vater der (drei) Jungen sitzt im Haus. Ein großer Mann mit einem Schnauzbart. Acht Jahre lang - vor Ausbruch der ersten Initifada - war er Busfahrer beim israelischen Busunternehmen Egged gewesen. Er droht immer wieder, in Tränen auszubrechen. Vor ihm auf dem Tisch steht ein Strohkorb mit einem Stapel farbiger Andenkenkarten, die die Fotos der beiden Söhne zeigen: ein Geschenk, das jeder Trauernde mitnimmt. Nirgendwo auf den Karten ist der Name einer Organisation zu entdecken. Der trauernde Vater ließ es nicht zu, dass irgendwer - sei es Hamas oder Volksfront oder Islamischer Dschihad oder die Brigaden (Al-Aqsa-Brigaden) - seinen beiden unschuldigen Kindern seinen Stempel aufdrückt - zwei unschuldige Kinder für sich vereinnahmt, die lediglich auf ihren Rädern zum nahen Lebensmittelladen runterradelten, um ein paar Süßigkeiten zu kaufen, während einer Unterbrechung der Ausgangssperre - bis die Soldaten im Panzer sie aus nächster Nähe abgeschossen haben; zwei von ihnen wurden getötet, das dritte Kind wurde verletzt. Man hat Ahmed zusammen mit dem Schokoriegel beerdigt, den er sich gekauft hatte. Er hielt ihn noch fest in seiner Hand.

Das Haus
der Familie liegt im Norden Dschenins inmitten von Obstgärten. Der Bezirk heißt Al Basatin. Relativ gepflegte Häuser in einer heruntergekommenen Gegend. Der trauernde Vater Yusef Abu Aziz, ist in Rafiah geboren. Seine Familie hatte 1948 aus Sidni-�Ali fliehen müssen - das liegt an der Küste bei Herzliya. Hamda, seine Frau, stammt aus Dschenin. Er ist ihretwegen hierhergezogen. Ihr Blick ist jetzt gesenkt, und als eines der Kinder das Videogerät anstellt, um uns noch einmal den schrecklichen Film über das Sterben ihrer Kinder zu zeigen, rennt sie in ihr Zimmer, schließt ab u. kommt auch später nicht mehr raus. Seit er von �Egged� weg ist, hat Abu Aziz als Lastkraftfahrer für UNRWA (Hilfsorganisation der UN) gearbeitet. Die Familie hatte sieben Kinder. Der Älteste, Ra�ad, 22, studiert in Ägypten Medizin - an der Universität von Kairo. Als seine Brüder starben, hat man ihn nach Hause geholt. Der getötete sechsjährige Ahmed war das jüngste Kind - ein Nachzügler - die Eltern hatten ihn erst relativ spät bekommen. Zwei weitere Söhne sind als Bauarbeiter in Ramallah tätig, ein weiterer hatte einen Stand auf dem Dscheniner Markt, die übrigen gehen noch zur Schule - nur der kleine Ahmed ging noch in den Vorschul-Kindergarten.

Am Freitag, dem 12. Juni - erst zwei Wochen ist das jetzt her -, stand die Familie wie immer gegen 7 Uhr auf. Alle K
inder blieben im Haus. Es bestand ja Ausgangssperre. Abu Aziz, der Vater, hielt während der Ausgangssperren die Haustüre stets verschlossen, um sicherzugehen, dass die Kinder nicht rausliefen. Gegen 11 Uhr 30 klopfte jemand an die Tür. Es war Abu Azizs kleiner Neffe Wahel. Er war mit seinem Rad aus dem Ostteil der Stadt hergefahren, um Nachricht zu bringen, die Ausgangssperre sei für einige Stunden aufgehoben. Der skeptische Vater rannte zum Fenster des Nebenraums im zweiten Stock: Tatsächlich, die Straße war voller Menschen, u. es fuhren auch wieder Autos. Also sagte Yusef zu den Kindern, die Ausgangssperre sei erstmal aufgehoben. Ahmed wollte einen Shekel haben für Süßigkeiten. Der Lebensmittelladen ist ungefähr 200 Meter vom Haus entfernt. Auch Jamil, 13, u. Tareq, 11, wollten jetzt etwas haben. Jeder bekam einen Shekel. Die Jungen nahmen ihre Fahrräder. Kauft ein - kommt dann aber gleich zurück!� wies sie der besorgte Vater noch an. Dann setzte er sich wieder vor den Fernseher: Es war ja Fußballweltmeisterschaft, u. Brasilien spielte gerade gegen England. Ein paar Minuten später - Spielstand: 2 : 1 für Brasilien - hörte der Vater von der Straße her eine laute Explosion. Gleich darauf hörte man Rufe: Ein Krankenwagen! Holt einen Krankenwagen! Yusef rannte zum Telefon, rief das �Rote Kreuz� an. Auf die Idee, seine Kinder könnten betroffen sein, kam er allerdings nicht; statt dessen setzte er sich wieder vor den Fernseher, um das Spielende nicht zu verpassen. Inzwischen weiß er nur noch, dass Brasilien gespielt hat - gegen wen, das hat er vergessen. Einige Minuten später: jemand kommt an die Tür, sagt, seine Kinder seien verletzt, sie wären schon auf dem Weg in die Klinik. Keine Rede von Toten. Inzwischen herrscht draußen wieder Ausgangssperre. Man kann nirgends hin. Abu Aziz ruft einen befreundeten Ambulanzfahrer von UNRWA an, er solle sofort kommen, ihn abholen u. in die Klinik fahren - ein kurzer Weg, nur ein paar Minuten Fahrtzeit. Als Abu Aziz in der Klinik ankommt, ist Ahmed bereits tot - sein kleiner Körper zerfetzt. Jamil wird gerade operiert - auch sein Körper aufgerissen. Nur seinen Sohn Tareq trifft der Vater noch lebend an. Einige Minuten später stirbt Jamil nämlich auf dem Operationstisch. Auch Tareq muss operiert werden. Um 3 Uhr nachmittags wird die Ausgangssperre erneut aufgehoben. Abu Aziz ist nun in der Lage, die Leichname seiner beiden Söhne nach Hause zu bringen. Die Mutter u. andere Angehörige können sich von den Jungen verabschieden. Beide werden noch am selben Abend auf dem Friedhof von Dschenin beerdigt - zusammen in einem Grab.

K
inderstation im Krankenhaus von Dschenin. Tareq, 11, liegt in einem Doppelzimmer. Er ist im Bett, sein magerer, narbenübersäter Körper hängt an Infusionsschläuchen. Als wir kamen - zusammen mit seinem ältesten Bruder Raad - saß gerade niemand an seinem Bett. Tareq hat ein Loch in seinem Bauch, ein Loch in der Lunge, ein Loch in einer seiner Nieren, ein großes Loch in seinem linken u. ein kleineres in seinem rechten Bein. Er hat auch eine Wunde am Knie; außerdem mußte man ihm die Milz entfernen. Tareqs Stimme ist schwach. Wir fragen ihn, was passiert ist: Das Auto des Doktors ist vor dem Panzer davongefahren, und der Panzer hat auf das Auto geschossen, und wir haben Fahrrad gefahren, und die Granate ist explodiert und hat mich und meine zwei Brüder runtergeworfen. Den Rest weiß ich nicht mehr. Zehn Tage nach den Ereignissen weiß Tareq immer noch nicht, dass seine beiden Brüder tot sind. Sein Vater u. seine Brüder haben uns eingeschärft, ja nichts zu verraten. Raad streichelt Tareqs Hand. Während der letzten drei Jahre haben sich die Brüder kaum gesehen. Ra�ad studiert ja in Kairo. Jamil liebte Fußball, Bücher, Computer. Er wollte Medizin studieren wie sein großer Bruder. Raad sagt, Jamil sei intelligenter gewesen als er. Ahmed ging noch in den Kindergarten. Tareq ist grade mal mit der
5. Klasse fertig.

Letzten Freitag wurde Dr. Samer Al-Ahmed aus der Klinik entlassen. Jetzt liegt er im Bett seines geräumigen Hauses, einige Freunde sind bei ihm - sie haben eine Unterbrechung der Ausgangssperre dazu genutzt, ihn zu besuchen. Es war genau eine Woche zuvor - an jenem schwarzen Freitag. Dr. Ahmed war wie alle andern in Eile gewesen. Er hatte gehört, die Ausgangssperre sei aufgehoben u. wollte rasch zum Markt, ein paar Lebensmittel besorgen. Auf dem Rückweg nach Haus wurde er von zwei (israelischen) Militärjeeps angehalten - im Dscheniner Flüchtlingslager. Zusammen mit zweihundert andern wurde ihm befohlen, das Lager nicht zu verlassen. Nach etwa einer halben Stunde gaben ihm die israelischen Soldaten schließlich doch die Erlaubnis weiterzufahren. Ahmed wähnte sich sicher auf seinem Weg nach Hause: Der (israelische) Hauptmann hatte mir ja gesagt, ich könnte heimfahren. Dann sah er plötzlich, wie ein Panzer hinter ihm hergerattert kam - einige hundert Meter hinter ihm. Vorsichtshalber (um aus der Schusslinie zu kommen) bog er an der nächsten Ecke rechts ab. In diesem Moment wurde vom Panzer aus auf sein Auto geschossen. Ahmed sah sich aus dem Bauch bluten. Er hielt neben einem Haus an, warf sich aus dem Auto auf die Straße, schrie um Hilfe. Der Panzer kam immer näher. Dann ohrenbetäubender Lärm. An mehr kann er sich nicht mehr erinnern. Er hatte die Rad fahrenden Kinder gesehen, bevor der Panzer schoss, hinterher waren sie verschwunden. Er sagt, der Panze hätte zwei Granaten in Richtung der Kinder abgefeuert. Ein Blick auf seinen Opel Astra Kombi genügt, um zu wissen, dass er nur durch ein Wunder überlebt hat. Der Fahrersitz ist übersät mit Einschüssen - überall Blut.

Tareq zeigt uns seine Narben, die er bei dem Panzerbeschuss  bekommen und schwer verletzt überlebt hat.


Noch am Tag des Ereignisses verlautbart
der israelische Armeesprecher: Eine Einheit der Israelischen Armee führte in Dschenin-Stadt Haus-zu-Haus- Durchsuchungen durch - auf der Suche nach Munitionswerkstätten - dabei stieß sie auf eine Gruppe Palästinenser, die die Ausgangssperre missachteten u. sich ihnen näherten. Zur Abschreckung feuerte die Einheit zwei Panzergranaten ab. Drei Palästinenser wurden durch die Granaten getötet, zehn weitere verletzt. Erste Untersuchungen haben ergeben, dass die Soldaten irrtümlich handelten. Die Untersuchung des Vorfalls durch die israelischen Streitkräfte dauert an. Und der Armeesprecher diese Woche: Der Vorfall wird noch immer untersucht. Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer brachte eine Entschuldigung heraus. Kein Mitglied der Israelischen Armee hat die betroffene Familie besucht. Sie haben es ja nicht mal für nötig befunden, sich das Video anzusehen.

 

Übersetzt von: Andrea Noll

 


Kenneth Lewan
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