Die Fahrräder
liegen jetzt im Hof. Man hat eine
dicke Wolldecke darüber gebreitet - so, als wolle man sie
vor der
Nachtkühle schützen. Es sind
drei Räder.
Das große Schwarze gehörte Jamil, das
mittlere
rote gehört Tareq u. das kleine
purpurfarbene war das von Ahmed.
Der
Sattel des kleinen
Rads ist völlig verbogen, am großen Rad ist das Gummi
der
Lenkergriffe abgerissen, beim
mittleren
klafft ein
Loch im Sattelbezug.
Nur leicht beschädigt, würde man sagen. An den Lenkern von
zwei der
Räder
hängt das Foto desjenigen Kindes,
dem es gehört hat,
mit
schwarzen Trauerbändern
versehen. Es sind
die Fotos von Jamil u. Ahmed - beide tot. Tareq liegt
verletzt im Krankenhaus, sein
Körper ist von Schrapnells aufgerissen. An diesem schwarzen
Freitag war er
mit den beiden andern
zum
Lebensmittelladen
runtergeradelt. An seinem
Rad hängt kein
Bild.
Der
Vater der
(drei) Jungen sitzt im Haus. Ein
großer Mann mit
einem
Schnauzbart. Acht Jahre lang - vor Ausbruch
der
ersten Initifada
- war er Busfahrer beim israelischen Busunternehmen Egged
gewesen. Er droht immer wieder,
in
Tränen auszubrechen.
Vor ihm auf dem Tisch steht ein
Strohkorb mit
einem
Stapel farbiger Andenkenkarten, die die Fotos
der
beiden Söhne zeigen: ein
Geschenk, das jeder
Trauernde mitnimmt.
Nirgendwo auf den Karten ist
der
Name einer
Organisation zu
entdecken. Der
trauernde Vater ließ es nicht
zu,
dass irgendwer - sei es Hamas oder
Volksfront oder
Islamischer Dschihad oder
die Brigaden (Al-Aqsa-Brigaden) - seinen
beiden unschuldigen Kindern
seinen
Stempel aufdrückt - zwei unschuldige Kinder
für sich vereinnahmt,
die lediglich auf ihren Rädern
zum
nahen Lebensmittelladen
runterradelten, um ein
paar Süßigkeiten
zu kaufen, während einer
Unterbrechung der
Ausgangssperre - bis die Soldaten im Panzer sie aus nächster
Nähe abgeschossen haben; zwei von ihnen wurden getötet, das
dritte Kind
wurde verletzt. Man hat Ahmed
zusammen
mit
dem Schokoriegel beerdigt, den er sich gekauft hatte. Er
hielt ihn noch fest
in
seiner
Hand.
Das Haus der
Familie liegt im Norden Dschenins
inmitten
von Obstgärten.
Der Bezirk heißt Al Basatin.
Relativ gepflegte Häuser
in
einer
heruntergekommenen Gegend.
Der
trauernde Vater Yusef Abu Aziz, ist
in
Rafiah geboren. Seine
Familie hatte 1948 aus Sidni-�Ali fliehen müssen - das liegt
an der
Küste bei Herzliya. Hamda, seine
Frau, stammt aus Dschenin.
Er ist ihretwegen hierhergezogen. Ihr Blick ist jetzt
gesenkt, und als eines
der
Kinder
das Videogerät anstellt, um uns noch einmal
den schrecklichen Film über das Sterben ihrer Kinder
zu
zeigen, rennt sie
in
ihr Zimmer, schließt ab u. kommt auch später nicht mehr
raus. Seit er von �Egged� weg ist, hat Abu Aziz als
Lastkraftfahrer für UNRWA (Hilfsorganisation
der
UN) gearbeitet. Die Familie hatte sieben Kinder.
Der
Älteste, Ra�ad, 22, studiert
in
Ägypten Medizin
- an der
Universität von Kairo. Als seine
Brüder
starben, hat man ihn nach Hause geholt.
Der
getötete sechsjährige Ahmed war das jüngste Kind
- ein
Nachzügler - die Eltern hatten ihn erst relativ spät
bekommen. Zwei weitere Söhne sind
als Bauarbeiter
in Ramallah tätig, ein
weiterer hatte einen
Stand auf dem Dscheniner
Markt, die übrigen gehen noch
zur
Schule - nur der
kleine
Ahmed ging
noch in
den Vorschul-Kindergarten.
Am Freitag, dem 12. Juni - erst zwei Wochen ist das jetzt
her -, stand die Familie wie immer gegen 7 Uhr auf. Alle Kinder
blieben im Haus. Es bestand ja Ausgangssperre. Abu Aziz,
der
Vater, hielt während
der
Ausgangssperren die Haustüre stets verschlossen, um sicherzugehen,
dass die Kinder
nicht rausliefen. Gegen 11 Uhr 30 klopfte jemand an die Tür.
Es war Abu Azizs kleiner
Neffe Wahel. Er war
mit
seinem
Rad aus dem Ostteil
der
Stadt hergefahren, um Nachricht
zu
bringen,
die Ausgangssperre sei für einige
Stunden aufgehoben.
Der
skeptische Vater rannte
zum
Fenster des Nebenraums im zweiten Stock: Tatsächlich, die
Straße war voller Menschen, u. es fuhren auch wieder
Autos. Also sagte Yusef
zu
den Kindern,
die Ausgangssperre sei erstmal aufgehoben. Ahmed wollte einen
Shekel haben für Süßigkeiten.
Der
Lebensmittelladen
ist ungefähr 200 Meter vom Haus entfernt. Auch Jamil, 13, u.
Tareq, 11, wollten jetzt etwas haben. Jeder
bekam einen
Shekel. Die Jungen nahmen ihre Fahrräder.
Kauft ein
- kommt dann aber gleich
zurück!�
wies sie der
besorgte Vater noch an. Dann setzte er sich wieder
vor den Fernseher: Es war ja Fußballweltmeisterschaft, u.
Brasilien spielte gerade gegen England. Ein
paar Minuten
später - Spielstand: 2 : 1 für Brasilien - hörte
der
Vater von der
Straße her eine
laute Explosion. Gleich darauf hörte man Rufe: Ein
Krankenwagen! Holt einen
Krankenwagen! Yusef rannte
zum
Telefon, rief das �Rote Kreuz� an. Auf die Idee, seine
Kinder
könnten betroffen sein,
kam er allerdings
nicht; statt dessen setzte er sich wieder
vor den Fernseher, um das Spielende nicht
zu
verpassen. Inzwischen
weiß er nur noch, dass Brasilien gespielt hat - gegen wen,
das hat er vergessen. Einige
Minuten
später: jemand kommt an die Tür, sagt, seine
Kinder
seien verletzt, sie wären schon auf dem Weg
in
die Klinik.
Keine
Rede von Toten.
Inzwischen herrscht draußen wieder
Ausgangssperre. Man kann nirgends hin.
Abu Aziz ruft einen
befreundeten Ambulanzfahrer von UNRWA an, er solle sofort
kommen, ihn abholen u.
in
die Klinik
fahren - ein
kurzer Weg, nur ein
paar Minuten
Fahrtzeit. Als Abu Aziz
in
der
Klinik
ankommt, ist Ahmed bereits tot - sein
kleiner
Körper zerfetzt. Jamil wird gerade operiert - auch sein
Körper aufgerissen. Nur seinen
Sohn Tareq trifft
der
Vater noch lebend an. Einige
Minuten
später stirbt Jamil nämlich auf dem Operationstisch. Auch
Tareq muss operiert werden. Um 3 Uhr nachmittags
wird die Ausgangssperre erneut aufgehoben. Abu Aziz ist nun
in
der
Lage, die Leichname seiner
beiden Söhne nach Hause
zu
bringen.
Die Mutter u. andere
Angehörige können sich von den Jungen verabschieden. Beide
werden noch am selben Abend auf dem Friedhof von Dschenin
beerdigt - zusammen
in
einem
Grab.
Kinderstation
im Krankenhaus von Dschenin.
Tareq, 11, liegt
in einem
Doppelzimmer. Er ist im Bett, sein
magerer, narbenübersäter Körper hängt an
Infusionsschläuchen.
Als wir kamen -
zusammen
mit
seinem
ältesten Bruder
Raad - saß gerade niemand an seinem
Bett. Tareq hat ein
Loch in
seinem
Bauch, ein
Loch in
der
Lunge, ein
Loch in
einer
seiner
Nieren, ein
großes Loch in
seinem
linken
u. ein
kleineres
in
seinem
rechten Bein.
Er hat auch eine
Wunde am Knie; außerdem mußte man ihm die Milz entfernen.
Tareqs Stimme ist schwach. Wir fragen ihn, was passiert ist:
Das Auto des Doktors ist vor dem Panzer davongefahren, und
der
Panzer hat auf das Auto geschossen, und wir haben Fahrrad
gefahren, und die Granate ist explodiert und hat mich und meine
zwei Brüder
runtergeworfen. Den Rest weiß ich nicht mehr. Zehn Tage nach
den Ereignissen weiß Tareq immer noch nicht, dass seine
beiden Brüder
tot sind.
Sein
Vater u. seine
Brüder
haben uns eingeschärft,
ja nichts zu
verraten. Raad streichelt Tareqs
Hand.
Während der
letzten drei Jahre haben sich die Brüder
kaum gesehen. Ra�ad studiert ja
in
Kairo. Jamil liebte Fußball, Bücher, Computer. Er wollte
Medizin
studieren wie sein
großer Bruder.
Raad sagt, Jamil sei
intelligenter
gewesen als er. Ahmed ging
noch in
den Kindergarten.
Tareq ist grade mal
mit
der
5. Klasse fertig.
|
Letzten Freitag wurde Dr. Samer Al-Ahmed aus
der Klinik
entlassen. Jetzt liegt er im Bett seines
geräumigen Hauses, einige
Freunde sind
bei ihm - sie haben eine
Unterbrechung
der
Ausgangssperre dazu
genutzt, ihn
zu
besuchen. Es war genau eine
Woche zuvor
- an jenem schwarzen Freitag. Dr. Ahmed war wie alle
andern
in
Eile gewesen. Er hatte gehört, die Ausgangssperre
sei aufgehoben u. wollte rasch
zum
Markt, ein
paar Lebensmittel
besorgen. Auf dem Rückweg nach Haus wurde er von
zwei (israelischen) Militärjeeps angehalten - im
Dscheniner
Flüchtlingslager.
Zusammen
mit
zweihundert
andern
wurde ihm befohlen, das Lager nicht
zu
verlassen. Nach etwa einer
halben Stunde gaben ihm die israelischen Soldaten
schließlich doch die Erlaubnis weiterzufahren.
Ahmed wähnte sich sicher auf seinem
Weg nach Hause:
Der
(israelische) Hauptmann hatte mir ja gesagt, ich
könnte heimfahren. Dann sah er plötzlich, wie ein
Panzer hinter
ihm hergerattert kam - einige
hundert
Meter hinter
ihm. Vorsichtshalber (um aus
der
Schusslinie
zu
kommen) bog er an
der
nächsten Ecke rechts ab.
In
diesem Moment wurde vom Panzer aus auf sein
Auto geschossen. Ahmed sah sich aus dem Bauch
bluten. Er hielt neben einem
Haus an, warf sich aus dem Auto auf die Straße,
schrie um Hilfe.
Der
Panzer kam immer näher. Dann ohrenbetäubender
Lärm. An mehr kann er sich nicht mehr erinnern.
Er hatte die Rad fahrenden Kinder
gesehen, bevor
der
Panzer schoss, hinterher
waren sie verschwunden. Er sagt,
der
Panze hätte zwei Granaten
in
Richtung
der Kinder
abgefeuert. Ein
Blick auf seinen
Opel Astra Kombi genügt, um
zu
wissen, dass er nur durch ein
Wunder
überlebt hat.
Der
Fahrersitz ist übersät
mit
Einschüssen
- überall Blut. |

Tareq zeigt uns seine Narben, die er bei dem Panzerbeschuss
bekommen und schwer verletzt überlebt hat.
|
Noch am Tag des Ereignisses verlautbart
der
israelische Armeesprecher: Eine
Einheit
der
Israelischen Armee führte
in
Dschenin-Stadt
Haus-zu-Haus-
Durchsuchungen durch - auf
der
Suche nach Munitionswerkstätten - dabei stieß sie auf eine
Gruppe Palästinenser,
die die Ausgangssperre missachteten u. sich ihnen näherten.
Zur
Abschreckung feuerte die Einheit
zwei Panzergranaten ab. Drei Palästinenser
wurden durch die Granaten getötet, zehn weitere verletzt.
Erste Untersuchungen haben ergeben, dass die Soldaten
irrtümlich handelten.
Die Untersuchung des Vorfalls durch die israelischen
Streitkräfte dauert an. Und
der
Armeesprecher diese Woche:
Der
Vorfall wird noch immer untersucht. Verteidigungsminister
Benjamin
Ben-Eliezer brachte eine
Entschuldigung heraus. Kein
Mitglied
der
Israelischen Armee hat die betroffene Familie besucht. Sie
haben es ja nicht mal für nötig befunden, sich das Video anzusehen.