|
Keine Absolution
von Yossi Sarid
Wenn Yitzhak Rabins Familie Ariel Sharon vergab und ihn als den
betrachtet, der den Weg für den ermordeten Ministerpräsidenten
vorbereitet hat – so ist dies ihr Recht. Es gibt keine treueren
Wächter für das Erbe einer Person, als die eigenen
Familienangehörigen. Doch kann ich ihre Gefühle nicht teilen. Wenn
also Sharon am 10. Jahrestag der Ermordung Rabins eingeladen wird,
um eine Rede zu halten, werde ich meine Vorbehalte wissen lassen.
In dieser Zeit des Vergebens und Erbarmens zwischen Yom Kiuppur und
dem 4.November werden wir sehr nachdrücklich dazu aufgerufen und
gefragt: Warum sollte man Sharon nicht vergeben für das, was er
getan hat? Vielleicht sollte man sich sogar bei ihm entschuldigen.
Er macht jetzt die Arbeit für dich ......
Man weiß überhaupt nicht, wohin Sharon nach dem Abzug (aus dem
Gazastreifen) gehen wird, aber man weiß mit ziemlicher Sicherheit,
woher er kommt und was er hinterlassen wird. Er ist unser
Ministerpräsident, der mehr als jede andere Person in Israel durch
seine verschiedenen Positionen, die er mit oder Uniform inne hatte,
die Fundamente für eine Kultur der Lüge, Untreue, Korruption und
Täuschung gelegt hat.
Sharon ebnete sich den Weg durchs Leben, indem er seine Vorgesetzten
von David Ben Gurion bis Menachim Begin - und durch sie die ganze
Öffentlichkeit - in die Irre führte. Schon vor einem halben
Jahrhundert sagte Ben-Gurion über ihn: „Wenn er sich doch nur von
seiner Neigung, nicht die Wahrheit zu sagen, lösen könnte und von
seiner Geschwätzigkeit, dann könnte er ein militärisches Vorbild
sein.“ später beklagte sich Begin darüber, dass er zeitweilig von
Sharons Aktionen auf dem Schlachtfeld erst nach ihrer Ausführung
erfahren hat. Der Libanonkrieg rollte wie ein Schneeball
zufriedenstellend dahin, bis Sharon gezwungen war, nach dem Massaker
in Sabra und Chatila zurückzutreten. In ähnlicher Weise hatte er es
fertig gebracht, seine Siedlungen unter jedem Baum ( der besetzten
Gebieten) zu errichten – mit ausgeklügelten Tricks.
Sharon hat die gewählten Institutionen nie wirklich als die höchste
Gewalt angesehen und systematisch die Existenz einer Demokratie
geleugnet. Wann immer er ein Problem mit der Politik der Regierung
oder der Legislative hatte, rief er seine loyalen Freunde, besonders
die Siedlerführer, zusammen, um vor kurzem vereinbarte
Entscheidungen und Instruktionen hartnäckig zu ignorieren, um
Armeekontrollpunkte zu umgehen und Hügelkuppen einzunehmen. Sharon
brachte die Korruption auf eine neue Ebene. Es gab sie zwar schon
immer und hat viele feine Mitarbeiter zerstört, aber sie bedrohte
nie die besten Kräfte. Während seiner Regierungszeit hat sie sich in
besonders keckem individuellen und familiären Kolorit gezeigt. Die
Öffentlichkeit sieht es und macht es nach.
Und das Aufhetzen: keiner hat die Gabe, so aufzuhetzen und
irrezuführen wie Sharon. Sein Erscheinen auf dem Balkon auf dem
Zionsplatz wird ihm zur ewigen Schande gereichen. Es ist zu dumm,
dass der Balkon an jenem verfluchten Abend nicht unter ihm
zusammenbrach. Nach den Oslo-Abkommen klagte er die Linke an, sie
arbeite mit dem Feind zusammen, um ihn auch noch nach Tel Aviv zu
führen. Weniger als zwei Monate vor dem Mord an Rabin, als die
Morddrohungen gegen den Ministerpräsidenten zunahmen, hat er die
Gefahr bei Seite geschoben und verharmlost: „Vielleicht ist es die
Paranoia eines Führers, dessen Kräfte nachlassen. Man sollte nicht
vergleichen; doch erinnert sich noch jemand an die mörderischen
Verleumdungen Stalins, mit deren Hilfe er die „große Säuberung“
durchführte. Er fegte die alte Führung und Spitze der Roten Armee
hinweg, er liquidierte jüdische Wissenschaftler. Es begann dann mit
neuen „Berichten“ oder „Einschätzungen“ über angenommene Absichten,
den Tyrannen zu ermorden --- Wohin wollen die Linken uns führen mit
den neuen Drohungen, die sie verbreiten?“ ( In Maariv, 13.September
1995)
Am 5. Juni 1995 – fünf Monate vor der Ermordung - schrieb Sharon in
Hayarden: „Die Regierung überlässt die Siedler schon den bewaffneten
palästinensischen Gangs. In der Vergangenheit haben sie schon Juden
an Ausländer übergeben ... Informanten zu sein und Juden zu
vertreiben, das ist die geistige Grundlage der Linken .. Mitglieder
von Peace Now und ihre Anhänger sind näher an den PLO-Mördern als an
euch, dem Volk von Judäa, Samaria und Gaza ... erinnert euch an die
Zeit, als Mitglieder des linken Untergrunds, die Hagana, Mitglieder
des rechten Untergrunds während des Mandats an die Briten
auslieferten, vergesst die Altalena* nicht!.“
Ecce Homo. Das offene Notebook will noch nicht geschlossen werden,
und die Hand, die dies bezeugend notiert, schreibt weiter. Der Abzug
aus dem Gazastreifen darf und kann nicht gelöscht oder vergessen
werden - allerdings löste er die Siedlungen 35 Jahre zu spät auf ,
und dies wird seinem historischen Guthaben hinzugezählt. Aber wer
ist mächtig genug, das Lügen, die Korruption, Abtrünnigkeit und
Hetze auszureißen, die sich in unserm Leben breit gemacht haben und
es infiziert hat?
Eine gute und richtige Tat schreibt eine schlechte, betrügerische
Biographie nicht um; der Rückzug wird die Tausenden vergeblicher
Opfer nicht aus den Gräbern zum Leben erwecken, das in unnötigen von
Sharon dirigierten Schlachten verloren ging. Diese Sünden Sharons
dürfen nicht vergeben werden, aus ethischen und moralischen
Gründen...
Im vergangenen Jahr machte ich mir angesichts so vieler Feinde bei
einigen Gelegenheiten sogar Sorgen um ihn. Ich hatte sogar Mitleid.
Aber keinen Augenblick habe ich ihm vergeben. Wenn Yitzhak Rabin ein
Erbe hat, dann ist es das ganze Gegenteil vom Sharonerbe. Ich
fürchte nur, dass Sharons Erbe gegenüber der Immunisierung in
unserem Inventar unverwüstlicher ist und selbst ein
„Notfall-Rückzug“ die Seuche nicht verhindern kann. Die Haltung
gegenüber Sharon wird darum nicht durch Aufrechnung der
Vergangenheit diktiert, sondern vielmehr durch Furcht vor der
Zukunft. Und die Zukunft hat schon begonnen.
* Altalena: Schiff mit geschmuggelten Waffen und Munition für
israelische Untergrundgruppe Irgun wurde auf Befehl Ben Gurions im
Juni 1948 an der Küste Tel Avivs in Brand geschossen, weil sich
Begin weigerte, die Waffen der Hagana auszuliefern.
(dt. Ellen Rohlfs)
|