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Bis vor einem Monat kannten nur diejenigen
Khader Adnan, die ihm einmal begegnet sind. Jetzt kennt ganz
Palästina und die ganze Welt ihn, seinen Namen und seine
Sache.
Vor dem 17. Dezember, als er zum 8. Mal in
seiner Wohnung in Arrabeh (bei Jenin) verhaftet wurde, war
er einer von Tausenden von Palästinensern in den besetzten
Gebieten, die Administrativhaft (Verwaltungshaft) erlebt
haben.
Administrativhaft erlaubt Israel
palästinensische Gefangene ohne Anklage, möglicherweise
unbegrenzt festzuhalten. Es gibt keine genauen Angaben,
warum der einzelne festgehalten wird, und die Länge seiner
Verhaftung hat keine rechtlichen Grenzen.
Im Wesentlichen ist die Verwaltungshaft
De-Humanisierung; ihre Auswirkungen bedeuten
Gleichschaltung der palästinensischen Bevölkerung: jedem
Mann, jeder Frau und Familie seine/ ihre Einzigartigkeit und
persönliche Identität zu nehmen. Jede Person, die in
Administrativhaft kommt, ist dieselbe, wie diejenige, die
vorher drin war und nachher kommen wird. …
„Das Wesentliche der totalitären Regierung
und vielleicht die Natur jeder Bürokratie ist, aus Männern
Funktionäre und kleine Rädchen in der Verwaltungsmaschine zu
machen und sie so zu de-humanisieren.“
Hanna Arendt schrieb diese Worte, nachdem sie
die Gerichtsverhandlung des Naziführers Adolf Eichmann in
Jerusalem beobachtet hatte. Was bei diesem Satz so
bemerkenswert ist, ist seine Doppeldeutigkeit . Arends Worte
bemerken, dass der Unterdrücker und der Unterdrückte zu
Agenten oder Rädchen in einem Regimes des Totalitärismus
werden. Bei diesem Verständnis gibt es in einem
Unterdrückungssystem keinen Platz für Individuen.
Aber Khaders unerträglich langer Hungerstreik
hat diesen Prozess beendet und wehte den Bürokratienebel
beiseite, der Menschen in Mechanismen verwandelt und ihnen
erlaubt, im monochromen Gefüge verwalteter Tyrannei zu
verschwinden.
Er sagte zu seinem Anwalt: „Ich bin ein Mann,
der seine Freiheit verteidigt. Wenn ich sterbe, dann wird es
mein Schicksal sein.“
Khader hat Wirtschaftswissenschaften studiert
und ist Vater von zwei Mädchen und Ehemann von Randa, die
mit dem 3. Kind schwanger ist. Und er ist Mitglied vom
Islamischen Jihad. Er ist ein politischer Aktivist und
Bäcker in einem Pittaladen in Qabatiya, nahe bei Jenin.
Wir kennen den inneren Prozess nicht, den
Khader durchmachte, bis er zu der Entscheidung kam, in
Hungerstreik zu treten, der sein Leben beenden könnte. Er
begann mit dem Streik, kurz nachdem er verhaftet wurde. Und
es scheint ziemlich sicher, dass er weder überrascht , noch
einmal verhaftet zu werden, noch unvorbereitet war, eine
andere und bedeutungsvolle Antwort zu geben.
Aus dem Gefängnis-Krankenhaus schrieb Khader
am 56. Tag seines Hungerstreiks einen Brief und stellt
fest: „Die israelische Besatzung verhält sich gegenüber
unserm Volk immer extremer, besonders aber gegen Gefangene.
Ich wurde vom Verhörenden ohne Grund gedemütigt, geschlagen
und gequält. Deshalb schwor ich bei Gott, ich würde die
Politik der Administrativhaft, der ich und Hunderte anderer
meiner gefangenen Kameraden zum Opfer fielen, bekämpfen.
Doch wissen wir, dass als Khader am 17.
Dezember in Verwaltungshaft kam, er sich entschied, die
Routine dieser Haft zu unterbrechen. Es ist ein System,
dessen Banalität seine Macht definiert.
Seine Reaktion, in Hungerstreik zu treten,
markiert eine radikale Abwendung vom gehorsamen Absitzen
seiner Haft, wie es der ständige Strom palästinensischer
Gefangener vor ihm getan hat. Nachdem Khader sein Essen
zurückgewiesen hat, fuhren die Soldaten fort, ihn zu
schlagen, rissen ihm Haare aus seinem Bart aus, schmierten
ihm Dreck von einem Soldatenstiefel ins Gesicht, zwangen ihn
in schmerzvolle Körperstellungen und degradierten verbal
die weiblichen Mitglieder seiner Familie.
Selbst als Khader sich seinem 62. Tag des
Hungerstreiks näherte, blieb der geschwächte Mann mit beiden
Füßen und einer Hand an sein Krankenhausbett gefesselt – es
war eine seltsame und symbolische Anerkennung dafür, wie
bedrohend und mächtig sein Handeln tatsächlich ist.
Die Macht von Khaders Menschlichkeit und
seiner Kühnheit angesichts der Grausamkeit wird mit keiner
gerechten Antwort begegnet. Es gibt keine gerechte Antwort,
die ein Herr einem Sklaven geben kann – denn Gerechtigkeit
würde das Ende der Herr/Sklaven-Beziehung bedeuten. Und
während Khaders Streik nicht zum Ende von Israels Tyrannei
über die Palästinenser führen wird und führen kann, ist es
sicherlich eine tief sitzende Ablehnung ihrer Macht, die den
Palästinensern ihre Menschlichkeit nimmt.
Khader hat das Gesicht eines Palästinensers
gezeigt. Er hat seinen Namen in die Herzen und ins
Gedächtnis all derer gegraben, die diesen Kampf bewusst
miterlebt haben. Und mit seiner ruhigen, qualvollen
Entscheidung zeigt er der Welt den Mann, den Israel mit
seiner brutalen
Waffe der „Administrativhaft“ ermorden
wollte. Das ist eine großartige Heldentat und dafür sind
wir Khader Adnan zutiefst dankbar.
Charlotte Silver ist Journalistin und zur
Zeit Herausgeberin des „Palestine Monitor“, Ramallah. Sie
kann über
charlottesilver@gmail.com
erreicht werden.
http://www.counterpunch.org/2012/02/17/khader-adnans-hungerstrike/
(dt. Ellen Rohlfs) |