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Das Palästina Portal

Täglich neu - Nachrichten, Texte aus dem besetzen Palästina die in den deutschen Medien fehlen.

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Texte von Arn Strohmeyer

Plädoyer Ungleichheit der Menschen
Deutschland eine Bananenrepublik?
Situation derPalaestinenser unter zionistischer Besatzung
Ist Banksy ein Antisemit?
Streit um die Kasseler Documenta
Israel ein Apartheidstaat wie Südafrika?
Streit um die Kasseler Documenta
Rezension - Abraham Melzer-  Ich bin (k)ein Antisemit!
Afghanische Sanndalentraeger besiegten USA
Gemeinsame Werte mit einem Apartheidstaat?
Der Welt droht ein neuer Kalter Krieg
Die Antideutschen
Chefs des Springer-Konzerns Mathias Döpfner
„Apeirogon“ des irischen Autors Colum McCann
Lapid - Imagpflege, neue Einsichten?
„1984“ - israelische Cyber-Software“
BDS -  Hoffnung der Palästinenser“
Das Ende einer Illusion
Kampf gegen Windmühlenflügel
Die grüne Kanzlerkandidatin
Palästina in israelischen Schulbüchern
Die Nakba soll zu Ende gebracht werden
Westliche Propaganda - Aufteilung der Welt in Gut+ Böse
Die Jerusalemer Erklärung - Antwort auf die IHRA
Werder Bremen übernimmt die IHRA-Definition
Joseph Melzer - Ich habe neun Leben gelebt.
Holocaustgedenktag 2021
Inhalt der BDS-Resolution nicht erwähnen
Bücher - Positionen zum israelbezogenen Antisemitismus
Kariere von Sawsan Chebli
Martialisches Erinnern
Das zynische Angebot
Omri Boehms - liberaler und humaner Zionismus!
Omri Bohm - Israel - eine Utopie
Darstellung des Zionismus  für Israels Politik Problem
Zionismus untergräbt Werte des Judentums
Gaza ist Überall!
Israel und das Apartheid-Südafrika
Fall Achille Mbembe kein Einzelfall
Eine deutsche Debatte im Jahr 2020
Achille Mbembe - Eigentor von Felix Klein
Was trägt Israel  zum Judenhass bei?
Antideutsche - Antisemitismus und Nahostkonflikt
Nirit Sommerfeld - Stimme des anderen Israel
Symbol für den Freiheitskampf
Krieg gegen das palästinensische Volk
Treueschwüre für einen Besatzerstaat
Zur Kriegsgefahr im Nahen Osten
Der  ideologische Blick auf Israels Geschichte
Kein Friedensstern über Bethlehem
G. Hanloser - Abgesang auf die Antideutschen
Bundesregierung will Hisbollah verbieten
Jürgen Todenhöfer - Die große Heuchelei
Spiegel - zu Israel-kritischer Positionen kein Wort
Gegenwärtige Hexenjagd auf „Antisemiten“
Hungert sie aus!
Das Beispiel Dr. Dr. Marcus Ermler
Hans-Jürgen Abromeit sagt die Wahrheit
Israel zieht belastende Dokumente aus dem Verkehr
Definiert Israels Regierung was Antisemitismus ist
Der Kushner-Plan -Totgeburt
Israels Politik -  zynisch, autoritär und reaktionär
Bremen verweigert Kritik an Israel
Wahlen ohne Opposition und Alternative…
Man unterscheidet zwischen "guten" und "bösen" Juden
BDS-Aktivisten auf „Krawall“ reduziert
Israel Siedlungen auf dem Mond?
Die Mauer als Symbol des Scheiterns
Wider den Mainstream
Triumph des moralischen Nihilismus
Mythos - Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern
Frieden auf Erden“ –  nicht in Palästina
Zensur der evangelischen Kirche
Lehrer nach Yad Vashem
Evangelische Kirche und Israels Unrechtspolitik
Hysterie bis zur Paranoia
Klassischer Fall von Geschichtsfälschung
Bremer Innensenator Mäurer hat Recht
Die „Israelisierung der Welt“
Trumps "Deal" Verrat an Palästina
Wikipedia ist der Manipulation überführt
Klassischer Fall von Geschichtsfälschung
Juden und Muslime in Auschwitz
Israels Sanktionen - Iran
Zum Tod von Felicia Langer
„WerteInitiative“  - Schlag gegen Bettina Marx
Stopp gegen Antisemitismus-Hysterie
Palästina - Realität wird zum Tabu
Tom Segevs Ben Gurion-Biographie
Deutschland, Israel + der Antisemitismus:
Präsident Abbas‘ missverständliche Rede
Unterstützung Arbeit Antisemitismus-Beauftragten
Die inszenierte Hysterie
Entstehung Israels als Heldenepos
70 Jahre Israel – 70 Jahre Siedlerkolonialismus
Skandalöse Geschichtsklitterung
Heiko Maas  in Israel
Was für ein Staat!
Heiko Maas - Kniefall nach Israel
Meinungsfreiheit für Palästinenser in Bremen
Rolf Verleger - Hundert Jahre Heimat_Land
Israel hat den Frieden nie gewollt.
Weihnachten 2017
Gefängnisstrafen und Sippenhaft
Nimmt der Antisemitismus zu?
Stramm hinter Trump
Hermann Kuhn demonstriert  Nichtwissen
Deutsche Kampfflieger über Israel
„Sie weichen den wirklichen Problemen aus“
Rezension - Abraham Melzer: Die Antisemiten-Macher
Rezension - Abraham Melzer: Mit Feuer und Blut
Die kopernikanische Wende
Martin Schulz Kotau vor der Israel-Lobby
„1984“ auf israelisch
Rückfall in die Vormoderne
Michael Wolffsohn hat sich disqualifiziert
Rezension - M. Peled - Der Sohn des Generals
Analysen des antizionistischen Isaac Deutscher
Film - Der Hass auf Juden in Europa
14. Dokumenta - Ahlam Shibli
Michael Lüders Buch „Die den Sturm ernten“
Jenseits aller Wirklichkeit
„Im Gefängnis, weil  Palästinenser“
Das Lehrbeispiel BDS
DIG Aufruf gegen Kritiker
Broder - BDS + die Endlösung
Zwischen „Lügen- “ und „Lückenpresse“
Frieden auf Erden... nicht im Heiligen Land
Ist Deutschland eine Bananenrepublik?
Hat Jakob Augstein der Mut verlassen?
Israel-Berichterstattung - doppelte Standards
Propaganda-Lügen gegen den Frieden
Antisemitismus – „Missverständnis der Geschichte“?
Wann ist Kritik an Israels antisemitisch
Die Lobby schlägt zu
Geheimsache Heron TP
Claude Lanzmann -  Palästina-Konflikt
Die Israel-Lobby und die HAWK
Ein Humanist?
„Die Hamas ist an allem schuld“
Ein Krieger und Verächter des Völkerrechts
Proteste und Demonstrationen nicht Antisemitisch
Der Streit um Israels „Existenzrecht“
„Journalismus“ á la Benjamin Weinthal
„Methodisch betriebener Wahnsinn“
Dank an Benjamin Weinthal
Albert Einstein muß als Zeuge herhalten
Wenn Weinthal wieder einmal zuschlägt ...
Rezension von  Kurt O. Wyss
Noch mehr Israel-Kritiker geschafft
Interview mit Abdallah Frangi
Benjamin Weinthal verhindert Vortrag Arn Strohmeyer
„Lügenpresse“ oder kritikloser Philosemitismus?
Ein Weihnachtswunsch
Abraham Melzers Buch „Israel vor Gericht“
Rezension - Petra Wild: Die Krise des Zionismus
Gipfel der Absurdität
Daniel Killy diffamierte seinen früheren Arbeitgeber
Rezension - Die Hölle von Gaza - Spiewak
Rote Karte für Israel!
Der Antisemitismus-Vorwurf als Rufmord
Ist Israel ein verrückter Staat?
„Oslo war ein Kapitulationsabkommen“
Rezension - Ilan Pappe -  „Die Idee Israel"
Wenn eine Jüdin den Zionismus kritisiert...
Leseprobe 3 - Antisemitismus – Philosemitismus
Leseprobe 2 - Antisemitismus – Philosemitismus
Leseprobe 1 - Antisemitismus – Philosemitismus
Inhalt - Antisemitismus – Philosemitismus
Buch - Antisemitismus – Philosemitismus
Kontrolle über Israels Atomwaffen?
Rezension - Sven Severin: Shalom ist nicht Frieden.
Werte der USA und Europas Doppelmoral
Antwort auf Uri Avnerys Artikel Die wirkliche Nakba
Rezension - Israel – Im permanenten Kriegszustand
Zwischen Doppelmoral und Lebenslügen
Die Herren über Leben und Tod
Dauerbrenner Antisemitismus
Weglassen, vertuschen und manipulieren
Napoleoni - Die Rückkehr des Kalifats.
Presseboykott gegen  Nakba-Ausstellung Bremen?
Der Streit um die historische Wahrheit
Am besten das Völkerrecht abschaffen.
Anschläge Paris - Stunde der Heuchler
Die Legenden von den vertriebenen Juden
Linkspartei und die Verletzer der Völkerrechte
Für Israel Frieden unmöglich.
Zionismus vor seinem historischen Ende?
Antisemitismus-Gefahr als politische Waffe
Eine genau kalkulierte Kampagne
„Ein Massaker schlimmsten Ausmaßes!“
Dieter Graumann und die westlichen Werte
Willkommener Anlass
Die EU als zahnloser Papiertiger
Antisemiten überall
Uri Avnery relativiert die Nakba
H. Baumgarten - Kampf um Palästina
Ein bedeutender Schritt zur Versöhnung
Bremer Evangelische Kirche -  Frieden Nah Ost
„Warum provoziert Ihr Israel immer so?“
Interview mit  Reuven Moskowitz
Israels große Propagandainszenierung
Unkritische Unterstützung Israels.
Tumulte in der Knesset
Rezension - Israel kontrovers
Ariel Sharons brutale Gewaltpolitik
Neuerscheinung Ilan Pappes Buch?
Ilan Pappe - „Eethnische Säuberung Palästinas
Schweigen der Christen im Nahen Osten
Feldmans Film „The Lab“
Mythos - Vertreibung der Juden
Rezension - Viktoria Waltz -  „Monopoly“
Shlomo Sand - Ich steige aus.
Palästinenser Testpersonen für Rüstungsindustrie
Israel steht unter Verdacht
Rezension - Buch Ekkehart Drost
3. Israelkongress in Berlin
Die Angst vor der Wahrheit
Was kommt nach dem Zionismus?
Führt Obama Israels Krieg?
Haben nur Palästinenser „Blut an den Händen“?
Ein Bantustan-Staat für die Palästinenser?
Zionismus + arabischer Antisemitismus
Ethnische Säuberungen
Juden unerwünscht?
Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen!“
Nachruf auf Stéphane Hessel
Streit um Augsteins „Antisemitismus“ geht weiter
Zerstört Israel sich selbst?
Broders taktischer Rückzieher
Solidarität mit Jakob Augstein!
Sollen Patriot-Raketen Israel schützen?
Von der Macht der Denunzianten
Rezension Rudolph Bauer - Wer rettet Israel
Netanjau in Berlin zum völlig falschen Zeitpunkt
Mit der UNO auf Kriegsfuß
Generalangriff auf die Mythen des Zionismus
Gaza - Schweigen die Waffen?
"Sicht der Armee  kein ethisches Problem“
Erwiderung auf Charlotte Knobloch
Atmosphäre der Angst
Keine Chance für die Vernunft?
These vom Mord an Arafat
„Hier wird Israel pauschal diffamiert“
D. Barenboim:„Nur ein Psychiater kann  helfen!“
In Nibelungentreue an Israels Seite?
Merkels abenteuerlicher Kriegskurs
Der Dichter, Israel und die Denkverbote
Genug der Heuchelei! - Günther Grass
Auf Mythen keinen Frieden aufbauen
Brief an Ralph Giordano
Ilan Pappe -  Wissenschaft als Herrschaftsdienst
Nazi-Analogien in Israel
Interview mit Abdallah Frangi
Abdallah Frangi - Der Gesandte
Israeltag 2011 - Bremer Schulen
Ein Akt historischer Gerechtigkeit
Israel-Propaganda an deutschen Schulen ?
„Boykott ist eine absolute Notwendigkeit“
Rezension - Finkelstein „Israels Invasion in Gaza“
Die Partei „Die Linke“ + das Existenzrechts Israels
„Wir wollen die ganze Region befreien“
Ergänzung - Brief Bürgermeister Jens Böhrnsen
Offener Brief - Bürgermeister Jens Böhrnsen
Helmut Schmidt + R. von Weizsäcker Antisemiten?
Sind Boykottaktionen antisemitisch?
Boykott gegen Früchte aus Israel
Stéphane Hessel - Empört Euch!
Todenhöfer - Warum tötest Du, Zaid?
Arabische Aufstände düpieren den Westen + Israel
Verzweifeln an Israel
In der Falle der Stammesideologie
Wer glaubt an Friedensbotschaften
Kotau vor Merkels Nahost-Politik
Wie man Antisemiten produziert
Im Gleichschritt mit Israel?
Was ist Antisemitismus
Gibt es  "neuen" Antisemitismus? - Klug Brian
Was sind "jüdische Gene"? - Thilo Sarrazin
Zionistischer Angriff auf Wikipedia
Moshe Zimmermann: Angst vor Frieden
Verwirrung der Begriffe?
Offener Brief  Weser-Kurier-Artikel - 16. 06. 2010
Iris Hefets gewann Prozess gegen Lala Süsskind
Mordaktion nach Piratenmanier
Israel will keinen Frieden
Solidarität mit Iris Hefets!
Sieg der Spermien und Gebärmütter
Hajo Meyer - Radikale Kritik am Zionismus
Interview mit Norman G. Finkelstein
Gespräch mit Yehuda Shaul
Interview mit Yahav Zohar
Broder - Aufklärung + Untergang
„Israel streut der Welt Sand in die Augen“
„Hitler besiegen“
Interview mit Moshe Zuckermann
Bethlehem 2008
Volk ohne Hoffnung
Brief Präsidium J. G. Bremen
Interview Felicia Langer

 

 


Hysterie bis zur Paranoia?
Anmerkungen zu der fatalen Antisemitismus-Vorwurf-Ideologie in Deutschland und deren Ursachen

Arn Strohmeyer

 

Der deutsch-jüdische Comedian Oliver Polack scherzte bei einem Auftritt in New York, er sei am Abend zuvor aus Deutschland gekommen, mit dem Flugzeug diesmal, was für ihn ein bisschen ungewohnt gewesen sei. Er konstatierte: „In Deutschland reise ich normalerweise mit dem Zug – eine alte jüdische Familientradition.“ Nach einer Pause, die die Wirkung seines Vortrages noch verstärken sollte, fuhr er fort: „Die Abfahrtzeiten kann man sich nicht aussuchen, aber die Tickets sind kostenlos. Das Problem: Alle Züge fahren nach Polen.“

Für den deutsch-jüdischen Journalisten Daniel Killy sind die deutschen Printmedien (aber auch ARD und ZDF) grundsätzlich „antiisraelisch“ eingestellt, was dasselbe ist wie „antizionistisch“, was wiederum ein Synonym für „Deutschlands feschen Zeitgeist-Antisemitismus“ ist. Selbst die FAZ und die Süddeutsche sind in Killys Sichtweise neben den öffentlich-rechtlichen Anstalten „ein sicherer Hafen für anti-israelische Autoren“. Es gebe zwar – so doziert Killy weiter – dort keinen antiisraelischen Redaktionskodex, aber alle bösartigen Attacken auf Israel würden durch einen Wall des „Pluralismus“ geschützt. Wann immer jemand (wie etwa er selbst) diese Methode offenlege, werfe man ihm reflexartig einen „Angriff auf die Pressefreiheit“ vor. (Dieser Vorwurf Killys bedeutet ja, dass die Pressefreiheit in Deutschland Antisemiten schützt.) Die Sprache der deutschen Medien sei „vergiftet“, weil sie einseitig propalästinensisch berichteten, so der ehemalige Boulevard-Journalist, der früher bei BILD gearbeitet hat.

Killy fasst seine Position so zusammen: „Pessimistisch ausgedrückt: Die Bestie des deutschen Antisemitismus ist nicht zur Strecke gebracht – sie wurde nur betäubt. Sollte dieses staatlich verordnete Sedativum seine Wirkung verlieren, wäre sie wieder quicklebendig. Positiv formuliert heißt das: Deutschland tut alles, um sicherzustellen, dass dieses Anästhetikum stets in ausreichender Menge vorhanden ist.“

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und jetzige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München Charlotte Knobloch hält die Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland für gescheitert, Die 85jährige sagte kürzlich in einem Vortrag, sie sehe im Kampf gegen den Antisemitismus nur noch Rückschläge, keine Fortschritte mehr. Knobloch verwies auf die fast 1500 antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr in Deutschland, die Schändung jüdischer Friedhöfe, Angriffe auf Synagogen und jüdische Gemeindehäuser sowie Hasstiraden in sozialen Netzwerken. Die Situation sei so schlimm wie noch nie.

Ohne den gefährlichen Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft verharmlosen zu wollen, marschiert die SA wirklich schon wieder auf Deutschlands Straßen? Müssen Juden wirklich auf gepackten Koffern sitzen, weil sie Verfolgungen befürchten müssen? Nebenbei gefragt: Warum kommen Zehntausende junge jüdische Israelis inzwischen nach Deutschland, vornehmlich nach Berlin, weil sie die Situation in ihrem Land unerträglich finden? Es gibt auch ganz andere Stimmen, die die Situation der Juden in Deutschland sehr viel nüchterner beschreiben.

So hält der israelische Sozialwissenschaftler und Historiker Moshe Zuckermann die antisemitischen Ausfälle, die es ja zweifellos gibt und gegeben hat, für eher „moderat“. Er sieht keine reale antisemitische Bedrohung für in Deutschland lebende Juden: „Ist es wirklich ein Weltuntergang, wenn man im heutigen Deutschland antisemitischen Vorfällen ausgesetzt ist? Im Gegensatz zum historischen Antisemitismus, zum nazistischen allemal, sind heutige Ausfälle für Juden nicht existenzbedrohend, man wird gesellschaftlich nicht durch Antisemitismus geächtet, ist keiner eklatanten Diskriminierung, auch keinerlei performativen Verfolgung ausgesetzt, man sieht sich nicht genötigt, ins Exil zu gehen, schon gar nicht ist man in seinem Leben bedroht. Heutige deutsche Antisemiten vergreifen sich nicht an Juden. Auch die psychischen Blessuren, die der Antisemitismus bei Betroffenen hinterlassen mag, überschreiten nicht das Ausmaß dessen, was andere Minoritäten in Deutschland zu erleiden haben.“

Ganz ähnlich sieht das vermeintliche Problem der Nestor der deutschen Antisemitismus-Forschung Wolfgang Benz. Er kann keinen Anstieg des Antisemitismus in Deutschland erkennen, macht aber eine Unterscheidung zwischen der sozialen und politischen Realität, die die Wissenschaft empirisch registriert, und emotionalen Befindlichkeiten, in denen es durchaus so erscheinen könne, als gebe es einen solchen Anstieg. Auch das Hochkommen eines „neuen“ Antisemitismus kann Benz nicht feststellen: „Nein, es gibt keinen neuen Antisemitismus. Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft. Der wird nicht schlimmer, aber es ist schlimm genug, dass es ihn überhaupt gibt.“

Auch die von jüdischen Kreisen in Deutschland immer wieder beschworene Gefahr, dass die muslimischen Flüchtlinge einen neuen Judenhass ins Land brächten, sieht Benz nicht. Er hält dem entgegen: „Die Zuwanderer sind nicht gekommen, um Antisemitismus zu forcieren, aber es ist so schrecklich einfach, von unserem selbstgemachten deutschen Antisemitismus abzulenken, indem man mit dem Finger auf andere zeigt.“ Womit Benz auf die von ihm früher schon oft angeführte strukturelle Parallele zwischen traditionellem Antisemitismus und Islamophobie anspielt.

Wo sind also die Gründe zu suchen für die übertrieben aufgeregten Reaktionen der Politik, der Medien, der Öffentlichkeit, der Israel-Solidarisierer und der meisten hier lebenden Juden selbst, auf jeden noch so unschönen, aber letzten Endes doch harmlosen (weil lediglich verbalen) Vorfall gleich die Antisemitismus-Keule zu schwingen und laute Klagen anzustimmen, als stände eine neue Judenverfolgung unmittelbar bevor? Reaktionen, die zudem in krassem Widerspruch zu der Resonanz auf andere fremdenfeindliche und oft auch gewaltsame Übergriffe stehen, denen andere Minderheiten in Deutschland ausgesetzt sind – etwa muslimische Flüchtlinge, Afrikaner und Vietnamesen. Dass die Sensibilität gegenüber Juden auf Grund der monströsen NS-Verbrechen an diesen Menschen und in Folge der daraus resultierenden Schuldgefühle höher ist als gegenüber anderen Ethnien, versteht sich von selbst, erklärt aber nicht den Sachverhalt, warum die deutsche Reaktion so überaus hysterisch und politisch-ideologisch so einseitig ausfällt. Damit hängt eng das Tabu zusammen, die völkerrechts- und menschenrechtswidrige israelische Politik gegenüber den Palästinensern offen, klar und deutlich beim Namen zu nennen und unter Berufung auf das internationale Recht kritisieren zu können. Man kommt also nicht umhin, das deutsche Verhältnis zu Israel in die Betrachtung miteinzubeziehen, denn in der höchst umstrittenen Beurteilung der israelischen Okkupationspolitik feiert der Antisemitismus-Vorwurf seine abstoßendsten und widerlichsten Urstände.

Es gehört in Deutschland einerseits zur „Staatsräson“ (Kanzlerin Angela Merkel), sich mit Israel zu solidarisieren und für seine Existenz und Sicherheit einzutreten – das ist sozusagen die „milde“ Form der staatsoffiziellen Identifizierung mit dem zionistischen Staat. Es gibt aber sehr viel radikalere Individuen und Kreise, die sich mit Israel total identifizieren und auch seine Ideologie rückhaltlos vertreten und verteidigen: Diese Bewegung reicht von vielen Medien, den jüdischen Gemeinden, dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) bis zu Gruppen wie den „Antideutschen“ und anderen zionistischen Sekten.

Da gehört es zum Programm, auf jedes Vorgehen Israels (und sei es auch noch so brutal und menschenverachtend) mit Verständnis und Rechtfertigung zu reagieren und den Kritiker sofort gnadenlos und inquisitorisch des Antisemitismus zu bezichtigen, wobei Diffamierung, Verleumdung, Beleidigung, Einschüchterung und Rufmord die üblichen Mittel sind. Es geht bei diesem ruchlosen Vorgehen der Israel-Solidarisierer gar nicht mehr um wirklichen Antisemitismus (also um einen unverbesserlichen Hass auf Juden und die Überzeugung, dass Juden, genetisch minderwertig, böse und eine universelle Bedrohung sind, so eine herkömmliche Definition), sondern um den Nahost-Konflikt beziehungsweise den israelisch-palästinensischen Konflikt, der aber nicht etwa politisch, ökonomisch oder sonst wie analysiert wird, sondern lediglich die „Plattform für das gesteigerte Toben von Meinungen, Zuschreibungen, Schmähungen und selbstgefälligen Parteinahmen darstellt.“ (Moshe Zuckermann)

Dem ganzen ruchlosen Vorgehen liegt natürlich eine moralische Erpressung mit der Ansage an die Israel-Kritiker zu Grunde: Wenn Du das Tabu brichst, und zu Israels Verbrechen an den Palästinensern nicht schweigst, sondern sie öffentlich kritisierst, dann diffamieren wir Dich als Antisemit, was heißt, wir stellen Dich assoziativ auf eine Stufe mit den übelsten NS-Schergen. Dass dieser so gut wie täglich gebrauchte Vorwurf den Holocaust in schlimmster Weise banalisiert und bagatellisiert, das heißt, auch das Andenken der Opfer dieses Mega-Verbrechens beschmutzt, ergibt sich daraus ganz von selbst. Der permanent vorgebrachte Antisemitismus-Vorwurf hat natürlich die Funktion, jede öffentliche Debatte über Israels Politik zu verhindern.

Der Antisemitismus ist zu einem Kampfbegriff geworden. Man sorgt dafür, dass die vermeintlichen „Antisemiten“ (vornehmlich aus dem linken, universalistisch-menschrechtlich gesinnten Lager) in den Medien und der Öffentlichkeit möglichst gar nicht erst zu Wort kommen, dass ihnen für Veranstaltungen Räume versagt werden, dass sie auch persönlich kaltgestellt und in ihrer Existenz getroffen, sie schlicht ausgeschaltet werden. Auch kritische, „linke“ Juden werden vom Antisemitismus-Vorwurf nicht verschont, was an Infamie nicht mehr zu übertreffen ist. Dass die Israel-Solidarisierer damit die Debattenkultur in Deutschland vergiften, ja mit der Gefährdung der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit die höchsten Werte der Demokratie in Frage stellen, schert sie nicht, jedes Mittel ist Recht.

Nun kann man über die offizielle Beziehung der Deutschen zu Israel ganz allgemein sagen, dass ihr ein ideales Wunschbild von diesem Staat zu Grunde liegt, das mit dem realen Besatzungs- und Apartheidstaat Israel wenig oder nichts zu tun hat. Das offizielle Deutschland ist nach der furchtbaren Erfahrung mit dem Nationalsozialismus zum Philosemitismus konvertiert und glaubt, dass man Sühne für das Mega-Verbrechen an den europäischen Juden nur dadurch erlangen kann, indem man Israels brutales Vorgehen gegen die Palästinenser beschweigen und Israel in jeder Hinsicht unterstützen muss. Dass man damit gegen den westlichen Wertekanon, der sonst bei jeder Gelegenheit angeführt wird, in schlimmer Weise verstößt, dass die deutsche Politik mit dieser Art von „Wiedergutmachung“ und der engen Zusammenarbeit mit Israel auf vielen Gebieten (Politik, Wirtschaft, Kultur und auch des Militärs) zum Partner, ja zum Komplizen eines kolonialistischen Unterdrückerstaates wird, macht das Dilemma der deutsch-israelischen Beziehungen aus. Sie sind daher unaufrichtig bis zur Verlogenheit. Diese deutsch-israelische Konstellation ist nur möglich, weil die aus der deutschen Schuld geborene Sicht auf Israel die Wahrnehmung der Realität so beeinträchtigt, dass nicht zwischen Judentum, Zionismus und Israel und damit auch zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israels Politik unterschieden werden darf. An diesem Tabu darf unter keinen Umständen gerüttelt werden.

Wenn die deutsche Politik und die radikalen Israel-Solidarisierer die israelische Staatsideologe – den Zionismus – bedingungslos anerkennen, dann akzeptieren sie auch eine sehr bedenkliche psychologische Befindlichkeit dieses staatlichen Kollektivs: dass seine Politik – psychologisch gesehen, und es gibt keine Politik ohne Psychologie – weitgehend auf einer paranoiden Basis beruht. Diese Vorstellung mag beim deutschen Leser sofort abwehrende Empörung und sogar den Antisemitismus-Vorwurf auslösen, was aber völlig abwegig ist, denn unter israelischen Intellektuellen ist dieser Sachverhalt ein oft diskutiertes und damit weit verbreitetes Thema.

Um ein Beispiel zu nennen: In den 90er Jahren veröffentlichte der israelische Psychoanalytiker Ofer Grosbard ein Buch zu dieser psychischen Befindlichkeit seiner Landsleute: „Israel auf der Couch. Zu Psychologie des Nahost-Konflikts“ (in Deutschland 2002 erschienen). In diesem Werk, zu dem der renommierte israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk das Vorwort geschrieben hat, verwendet der Verfasser 45mal den Begriff Paranoia in Bezug auf die psychische Situation der Israelis und deren Auswirkung auf die Politik dieses Staates.

Das jüdische Trauma, das bis zur Paranoia gehen kann, ist angesichts der Geschichte dieses Volkes mit all ihren Verfolgungen und Katastrophen ja auch durchaus verständlich, auch wenn man hinzufügen muss, dass es in der jüdischen Geschichte auch lange Perioden der Ruhe und des friedlichen Zusammenlebens mit Nicht-Juden gegeben hat (das Gegenteil zu behaupten ist ein zionistischer Mythos). Die Angst ist aber dennoch in der Seele jedes Juden tief verwurzelt. Grosbard schildert alle Facetten dieser Angst, und wie eng sie mit der Paranoia verschwistert ist – dem Gefühl der ständigen Bedrohung, auch wenn diese gar nicht real vorhanden ist. Der in Israel allgegenwärtige Satz „Die ganze Welt ist gegen uns!“ ist der Beleg für den Fortbestand dieses paranoiden Seelenzustandes. Der israelische Psychoanalytiker legt dar, dass die Bedrohungsangst im Fall Israel in erster Linie ein Phänomen des seelischen Innen und nicht des Außen ist. Weil die Vergangenheit immer präsent ist, fällt es so schwer, die gefühlte Bedrohung im Innen und die reale Bedrohung von außen auseinanderzuhalten. Der Paranoide fühlt sich immer bedroht.

Grosbard schildert ausführlich die fatalen Folgen, die eine solche seelische Disposition für den Einzelnen wie auch die Gesellschaft und die Politik des Staates hat. Die Juden haben sich früh in ihrer Geschichte von den anderen Völkern abgesondert, weil sie glaubten, dass sie vom allmächtigen Gott ganz besonders und bevorzugt geliebt würden und deshalb auserwählt seien. Grosbard schreibt: „Das jüdische Volk hat sich über Jahre hinweg durch seine Unterschiedlichkeit und Eigenheiten selbst von den Nachbarländern abgesondert. Die Isolation birgt in sich selbst gleichzeitig Gefühle des Verfolgtseins und der Überlegenheit. Da ich so großartig und wichtig bin, haben die anderen einen Grund mich zu beneiden, zu verfolgen und zu hassen. Aus der Psychopathologie wissen wir, dass Paranoia sich häufig mit Größenwahn verbindet.“

Der Paranoide schwankt also zwischen Unsicherheit und Angst einerseits und Selbstgerechtigkeit, dem Gefühl der Einzigartigkeit, Überheblichkeit und Arroganz auf der anderen Seite. Eine solche Haltung verstellt aber den Blick auf die reale Außenwelt, weil sie immer die schlimmen Erinnerungen der Vergangenheit in die äußere Wirklichkeit hineinprojiziert. Aus diesem Grund kann der Paranoide dem „Anderen“ in seiner Realität nie wirklich begegnen, ohne das Gefühl der Bedrohung auf ihn zu übertragen, was auch heißt, er kann die Schuld für das eigene Tun nie bei sich selbst suchen, sondern immer nur beim „Anderen“, was aber wiederum jede Übernahme von Verantwortung ausschließt.

Der Paranoide ist deshalb dem „Anderen“ gegenüber auch zu keiner Empathie fähig, worin Grosbard den Grund für die offenbar unlösbare Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern sieht. Erst wenn Israel bereit wäre, die Leiden, die es den Palästinensern zugefügt hat, anzuerkennen und zu einer Politik der Entschuldigung und Versöhnung fähig und bereit wäre, könne es seine Paranoia überwinden. Die Alternative ist nur die Fortsetzung von Gewalt und Krieg. Grosbard schreibt: „Solange wir die Existenzberechtigung der Palästinenser leugnen und die legitimen Rechte der Araber nicht anerkennen, werden wir keinen Frieden haben. Solange wir nicht verstehen, dass wir aus ihrer Sicht wie aus einer anderen Welt gekommen sind, ihr Land besetzt und sie aus ihren Häusern vertrieben haben, solange wird es keine Versöhnung geben.“

Auf den Tatbestand einer paranoiden Befindlichkeit des israelischen Kollektivs haben neben Ofer Grosbard auch schon andere israelische Intellektuelle in ihren Schriften immer wieder hingewiesen – so zum Beispiel Abraham Burg, Ruchama Marton, Shlomo Sand und Moshe Zuckermann, um nur einige zu nennen. Abraham Burg, der frühere Sprecher des israelischen Parlaments (der Knesset) und Ex-Vorsitzende der zionistischen Weltorganisation nennt die Paranoia ein „klassisches jüdisches Erbe“, das vor allem in Folge des Holocaust alle Manifestationen des Alltags in Israel durchdringt: die Medien, das öffentliche Leben, Literatur, Musik, Kunst, Erziehung und Bildungswesen. Selbst den völkerrechtswidrigen Bau der Siedlungen im Westjordanland führt er auf den „paranoiden Glauben der Rechten in Israel zurück, der demographischen Bedrohung durch die Araber ließe sich nur durch Macht und Siedlungen begegnen. Darin offenbarten sich klaustrophobe Anwandlungen des jüdischen Gettodenkens, die sich durch ein Ausbrechen in ein größeres Siedlungsgebiet Erleichterung zu verschaffen suchten.“

Die Intensität der israelischen Paranoia beschreibt Burg so: „Für uns ist jedes Töten Mord, jeder Mord ein Pogrom, jeder Terroranschlag ein antisemitischer Akt und jeder neue Feind ein Hitler. Hinter jeder Gefahr lauert ein neuer Holocaust. Wir und viele unserer Führer, die uns aufstacheln, sind überzeugt, dass nahezu jeder uns vernichten will. Da wir uns so von Schatten bedroht fühlen, die uns im Morgengrauen angreifen wollen, sind wir zu einer Nation von Angreifern geworden. In dieser Dunkelheit fühlen wir uns wohl, weil wir uns daran gewöhnt haben.“

So verständlich das Phänomen der Paranoia bei Juden ganz allgemein oder speziell beim israelischen Kollektiv als Folge der Geschichte dieses Volkes ist, besteht das Kritikwürdige darin, dass die Zionisten diese seelische Befindlichkeit keineswegs als unangenehm empfinden und sie auch nicht mit Aufklärung therapeutisch zu lindern suchen, sondern sie fördern diese psychische Disposition sogar, instrumentalisieren sie mit allen Mitteln und nutzen sie propagandistisch für ihre politischen und militärischen Zwecke, ja sie haben sie  zu einem Teil der zionistischen Staatsideologie gemacht. Dabei muss das wirkliche authentische Erinnern der Opfer des Holocaust weitgehend aus dem Blick geraten, der Holocaust ist Rechtfertigung für die Entstehung und Existenz des Staates geworden. Er gibt dem Staat Israel auch die Rechtfertigung, dass ihm „alles erlaubt ist!“, dass er sich also an Völkerrecht und Menschenrechte nicht halten muss, weil er einer eigenen zionistischen Gesetzlichkeit folgt. Die Fetischisierung dieses Mega-Verbrechens geht so weit, dass der Israeli Moshe Zuckermann dem zionistischen Staat inzwischen „Verrat an den Holocaust-Opfern“ vorwirft.

Aber gegen diese Fetischisierung einer paranoiden Ideologie regt sich seit langem Widerstand in Israel. Schon 1988 hat der israelische Philosoph und Publizist Yehuda Elkana einen Essay mit dem Titel „Die Notwendigkeit zu vergessen“ veröffentlicht. Elkana wurde als Junge von zehn Jahren nach Auschwitz verschleppt und überlebte das Vernichtungslager. Auch er macht die paranoide Angst der Israelis zum Ausgangpunkt seiner Überlegungen und sieht in ihr die Ursache für die Lähmung der israelischen Demokratie, das Verharren im Status quo sowie die Unfähigkeit der israelischen Politik, Frieden mit den Nachbarn – vor allem mit den Palästinensern – zu schließen. Er plädiert für Vergessen, aber nicht in dem Sinn, dass die Nation ihre Vergangenheit verdrängen oder vergessen soll, sondern dafür, dass Israel den Holocaust – und damit seine Paranoia – aus der Mitte der nationalen Erfahrung nehmen soll.

Ganz ähnlich argumentiert Abraham Burg: „Ständig wollen wir wegen der Shoa eine noch schlagkräftigere Armee, mehr Mittel von den Steuerzahlern anderer Länder und eine automatische Vergebung aller unserer Exzesse. Wir wollen über Kritik und Aufmerksamkeit erhaben sein, und das alles wegen zwölf Jahren Hitler, die das Antlitz Europas und unseres bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. So kann es nicht weitergehen. Dieser innere Widerspruch wird sein Gefäß, den Staat und die Gesellschaft, die ihn enthält, sprengen. Wir nähern uns mit schnellen Schritten einem Scheideweg, an dem wir entscheiden müssen, wer wir sind und welche Richtung wir einschlagen. Gehen wir in die Vergangenheit, an der wir uns immer orientiert haben, oder entscheiden wir uns zum ersten Mal seit Generationen für die Zukunft? Entscheiden wir uns für eine bessere Welt, deren Basis Hoffnung, nicht ein Trauma, Vertrauen in die Menschheit, nicht misstrauischer Isolationismus und Paranoia sind?“

Nach diesen Israel betreffenden Ausführungen muss man zur Haltung der deutschen Politik gegenüber Israel und besonders dem ruchlosen Treiben der Antisemitismus-Jäger zurückkehren. Die ganze politische Existenz der letztgenannten besteht darin, aus der totalen Identifizierung mit Israel heraus Kritiker der israelischen Politik als „Antisemiten“ aufzuspüren und zu entlarven“. Man muss fragen, was wissen diese Leute überhaupt von dem realen Israel? Und: Folgt aus ihrer völligen Identifizierung mit dem zionistischen Staat und seiner Ideologie nicht, dass sie sich damit auch die israelische Paranoia zu eigen machen, ja selbst paranoid sind? Dass ihre permanente Diffamierung der Kritiker der israelischen Politik nichts mit dem Blick auf die israelische Realität zu tun hat, sondern aus paranoiden Ängsten stammt, die sie aus dem Land ihrer Identifizierung übernommen haben?

Über die Art und Weise, wie diese Leute die deutsche Vergangenheit aufarbeiten, merkt der Israeli Moshe Zuckermann an: „In ihrer Torhütermentalität wird alles angeprangert und verfolgt, oft auch pauschal denunziert, was nach ‚Antisemitismus‘ riecht, oder genauer, was sich unter dem neuen Begriff von Antisemitismus, den sich diese Öffentlichkeit zurechtgebastelt hat, subsumieren lässt, wobei sich Aufklärungselan und paranoides Pathos solcherart wechselseitig durchwirken, dass politische Emanzipationspraxis zur befindlichkeitsgeschwängerten Lust am publiken Verfolgungswahn verkommt. Man gefällt sich als ‚hauptamtliche Antisemiten-Jäger‘ (gut deutsch der Verbeamtung von Emanzipation frönend), beruft sich dabei auf Adornos neuen kategorischen Imperativ, wobei sich freilich der alte Frankfurter Denker im Grabe umdrehen dürfte, wenn er erführe, von welchem Ungeist diese Vereinnahmung beseelt ist, und geht alles brutal denunziatorisch an, was sich nicht den Vorgaben des manipulativen Antisemitismus-Diskurses unwidersprochen fügt. Auch Juden sind vor der Definitionsallmacht dieser vermeintlichen Sachwalter ihrer Belange nicht gefeit.“

Wenn aber Israel für diese Antisemiten-Jäger keine Realität, sondern nur eine Projektionsfläche für ihre eigenen psychischen Befindlichkeiten ist, dann muss man aus diesem Tatbestand noch weitere Schlussfolgerungen ziehen. Moshe Zuckermann formuliert sie so: Wenn die deutsche Solidarität und Identifizierung mit Israel sich auf die abstrakte Idee Israel bezieht [das ist der Sinn und die Bedeutung der „Projektionsfläche“A. Str.], dann müssen diese Israel-Solidarisierer und -Identifizierer sich auch auf das Israel beziehen, das eine völkerrechts- und menschenrechtswidrige, eine brutale Gewaltpolitik gegenüber den Palästinensern betreibt, was aber heißt, diese Solidarität muss dann ihrem Wesen nach objektlos, eine egoistische Nabelschau sein, die sich „in formalen Abstraktionen einerseits und unreflektiert selbstbezogenem Emotionsgewühl anderseits“ bewegt.

Was die „Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit“ samt der aus ihr abgeleiteten „Verantwortung“ angeht, stellt sich Zuckermann zufolge noch eine andere Frage: „Sollte sich etwa die abstrakte Solidarität mit einem völkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld der Deutschen erweisen? Man misst diese Möglichkeit normalerweise der deutschen Solidarität mit den Palästinensern bei. Muss man nicht annehmen, dass sie sich gravierender, wenngleich auch glänzend kaschiert, in der überbordenden Solidarität mit dem Judenstaat niedergeschlagen hat?“ Denn wenn auch die Israelis schlimme Verbrechen begehen (was keine Gleichsetzung mit der Dimension des Holocaust bedeutet), dann würde das in den Augen der Israel-Solidarisierer ja auch die Deutschen von ihrer Schuld entlasten, so Zuckermanns Gedankengang.

Und wenn Deutsche sich sogar anmaßen, Juden und erst recht jüdische Israelis wegen ihrer Israel-Kritik als Antisemiten zu bezichtigen, dann sei das nicht nur „ein zur Perversion verkommenes deutsches Befindlichkeitsproblem“, sondern das Residuum eines latenten antisemitischen Ressentiments: „Nur Antisemiten können Juden als Antisemitem besudeln, um sich selbst von der Erbärmlichkeit ihres deutschen, allzu deutschen Antideutschseins zu erlösen.“ Der Israeli und Jude Moshe Zuckermann spricht hier nicht zuletzt auch von sich selbst, denn er steht in Deutschland mit im Zentrum der Diffamierung und Denunziation der Antisemiten-Jäger. Ihm werden inzwischen Räume für seine Vorträge verweigert, und Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen, an denen er teilnimmt, werden als „antisemitisch“ denunziert. Dass ein jüdischer Israeli seinen eigenen Staat aus tiefer Sorge wegen dessen inhumaner Politik, die in den Abgrund zu führen droht, kritisiert, diese Idee ist für diese deutschen Israel-Versteher schon reiner Antisemitismus.

Aber Zuckermanns Schlussfolgerung ist klar und deutlich: „Wer als Deutscher Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet und jüdische, mithin israelische Israelkritiker des Antisemitismus zeiht, hat ein Problem mit dem Juden als solchem, das er nicht anders als durch Besudelung des Juden in den Griff zu kriegen weiß. Er ist von einem unbewussten antisemitischen Ressentiment angetrieben.“ Und. „Generell: Wer als Deutscher, dem Juden seit Auschwitz tabu sind, gerade Juden des Antisemitismus bezichtigt, ist selbst ein Antisemit. Nicht immer latent.“

So werden die Antisemiten-Jäger von einem kritischen jüdischen israelischen Intellektuellen selbst des Versuchs der Schuldentlastung und des Antisemitismus überführt. Was für eine fatale Ironie der deutschen Gegenwart! Aber diese Ironie ist nicht lustig, das Problem ist zu ernst, um Spaß dabei zu haben. Es geht einmal um die richtige, das heißt der Realität entsprechende Sicht auf den zionistischen Staat Israel und nicht zuletzt auch um die offenbar in weiten deutschen Kreisen immer noch nicht geleistete rationale Aufarbeitung der monströsen Verbrechen der NS-Zeit. Anders kann man sich nicht erklären, wie eine Erscheinung wie die ruchlose „Antisemiten“-Jagd in Deutschland überhaupt möglich ist. Wenn kluge und sensible israelische Intellektuelle ihrem Staat den Spiegel vorhalten und auf das gefährliche Symptom der dort herrschenden Paranoia und seine Folgen hinweisen, dann warnen sie auch die Deutschen, diesen Weg einzuschlagen, der Israel nur Unheil bringt und in Deutschland keinen wirklichen Beitrag zur Bekämpfung der Seuche des  Antisemitismus darstellt.

 

Literatur:

Burg, Abraham: Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss, Frankfurt/ Main 2008

Grosbard, Ofer: Israel auf der Couch. Zur Psychologie des Nahost-Konflikts, Düsseldorf 2001

Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Problem der Erinnerung, Reinbek 1995

Zuckermann, Moshe: „Antisemit!“. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010

Ders.: Der allgegenwärtige Antisemit oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit, Frankfurt/ Main 2018

 

 

 

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